Lichter auf dem Meer von Miquel Reina

August 28, 2019




Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "Luces el en mar"/ 2018) Penguin Verlag, Übersetzer/in: Anja Rüdiger (aus dem Spanischen), ★★★(☆)☆ 3,5 Sterne
"Harold und Mary Grapes verbindet eine große Liebe, doch der Tod ihres Sohnes hat sie den Glauben an das Schöne im Leben verlieren lassen. Nur ihr kleines, auf einem Felsen hoch über dem Meer gelegenes Holzhaus bereitet ihnen noch Freude, aber nun sollen sie es verlassen. In der Nacht vor dem gefürchteten Umzug ins Altersheim schlägt das Schicksal plötzlich noch einmal zu: Ein heftiges Unwetter fegt das Haus ins Meer und schickt das tief schlafende Ehepaar auf eine außergewöhnliche Reise. Eine Reise, die sie bis hoch in den Norden führt, wo die Toten sich in Polarlichter verwandeln und ein Zuhause nicht aus vier Wänden besteht, sondern aus geliebten Menschen. Einer Reise, von der Harold und Mary plötzlich gar nicht mehr wollen, dass sie endet …"
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"'Wenn wir Antworten haben wollen, müssen wir danach suchen' , meinte Harold und hielt ihr die Hand hin." S. 59

Mit "Lichter auf dem Meer" hat es Miquel Reina definitiv geschafft, mich bezüglich einiger Aspekte in den Bann zu ziehen. Allein die Idee der Geschichte, dass das Ehepaar Grape mit dem eigenen Haus auf dem offene Meer treibt und sich verschiedenen, gefährlichen Situationen stellen muss, sorgt für ein ganz besonderes Gefühl beim Lesen.
So wie Reina die Situation und das Haus beschreibt, kann man es sich wunderbar bildlich vorstellen. Alle Einzelheiten, die den Grapes dabei wichtig sind, die symbolisch für etwas stehen, werden stets gelungen in den Vordergrund gerückt. Leider hatte ich dennoch an vielen Stellen das Gefühl, dass einige Dinge unnötig in die Länge gezogen wurden. Das lag größtenteils an Beschreibungen, die sehr detailliert waren und sich zum Beispiel, ganz zu Beginn des Abenteuers, auf handwerkliche Maßnahmen beziehen. An anderen Stellen ging es thematisch nicht um Handwerkliches, aber auch da schien mir vieles zu oft wiederholt worden zu sein, ohne, dass es wirklich relevant gewesen ist. Es gab aber durchaus auch schöne Wiederholungen, welche die Aussage des Romans gut unterstützt haben und die hier tatsächlich einen besonderen Wert für die Geschichte dargestellen. So greift die Geschichte zum Beispiel gut auf, dass wir uns viel zu oft von materiellen Besitztümern und Habseligkeiten beherrschen lassen und uns die Voranschreitung einer solch materialistischen Gesellschaft nicht glücklicher macht als andere Menschengruppen, die "primitiver" leben.

"'Das ganze Leben ist eine Reise' , erklärte Aga. 'Wir reisen von einem Ort zum anderen, weil es das ist, was einen Fisch von einem Stein unterscheidet, die Bewegung von der Starre, das Licht von der Dunkelheit, das Leben vom Tod." S. 275

Grundsätzlich finde ich die Geschichte und die Ausarbeitung der Handlung recht geglückt. Was dabei ganz besonders zum Vorschein kommt, ist die Bitte an den Leser, offen gegenüber unrealistischen Zufällen und Gegebenheiten zu sein. Die Figuren selbst verweisen zwar darauf, dass sie selbst an vielen Dingen zweifeln die ihnen zustoßen, aber hinter allem schwingt auch die Überlegung, dass man sich einfach auf das Geschriebene einlassen soll. 
Mir gefielen die emotionalen Aspekte, die Kämpfe, die das Ehepaar untereinander, aber auch jeder für sich selbst auszutragen hat. Besonders zum Ende hin wird es meiner Meinung nach, von der Qualität der Kernaussage des Romans und auch der eigentlichen Äußerungen der Figuren, noch einmal deutlich gefühlvoller und anspruchsvoller. Hier entfaltet sich eine, auch für den Leser, wichtige Lektion, die er mitnehmen kann, falls ähnliche Situationen in seinem Leben zu verarbeiten sind. Das ist gezielt bezogen auf den Verlust eines geliebten Menschen, hier eben auf den im Klappentext erwähnten Verlust des Sohnes der Grapes und der damit verbundenen Trauer. 
Auch wenn der Roman den Leser daher gezielt mit Ängsten, dem Verlust und der Trauer konfrontiert, ist der Roman voller Zuversicht und motivierenden Aussagen. 
Was mich jedoch sehr oft unzufrieden zurückgelassen hat, war die recht einfache Dialogführung, welche wie gesagt, zum Ende hin noch einmal besser wurde. An vielen Stellen jedoch klang vieles sehr stereotypisch, nach Unterhaltungen, die man schon hunderte von Malen gelesen hatte und die dadurch ihre Wirkung verlieren, weil sie wie bekannte Floskeln á la "Wie geht´s?" "Gut und dir?" oder "Du musst an dich glauben" wirken. Das ist etwas, was ich sehr schade finde, weil der Roman selbst und die Idee sehr viel Potential haben und in vielen Bereichen auch angemessen umgesetzt wurden.


Nach dem Lesen bleibt mir vor allem das Bild des schwimmenden Hauses in Erinnerung und die damit verbundene, für mich, sehr spezielle und interessante Idee des Romans. Die Grapes schließt man sehr schnell in sein Herz und auch das Abenteuer selbst bleibt präsent. Mir gefielen die meisten Umsetzungen und auch symbolischen Spielereien, die dem Roman etwas Besonderes entlocken. Zum Ende hin wird es natürlich noch einmal besonders gefühlvoll. Leider sind mir gewisse zu lang wirkende Passagen nicht ganz stimmig erschienen und auch die Dialoge fand ich in vielen Teilen einfach stilistisch zu schwach. Vieles wirkte dadurch, trotz der neuen, eigenständigen Idee des Romans, wie ein schon sehr oft gehörtes Gespräch, das seinen Glanz verloren hat, was der Geschichte nicht gerecht wird.



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Kleine Geburtstagsneuzugänge mit großer Wirkung

August 26, 2019




Der 23. August kam, ließ mich wieder ein Jahr älter werden und ging dann mit einer großen buchigen Überraschung, für die meine Schwester und mein Schwager gesorgt haben.

Neben einigen Büchergutscheinen, die ich geschenkt bekommen habe, um meine eigene Wunschliste abarbeiten zu können, wurde ich noch mit drei Büchern überrascht, die von meiner Familie selbst ausgesucht wurden. Ich wiederhole mich meist, aber ich finde es immer so schön, wenn ich Bücher geschenkt bekomme mit denen ich gar nicht rechne. Meine Schwester kennt mich einfach so gut, dass sie zudem bei der Auswahl der Lektüre bisher nie falsch lag. Dadurch entdecke ich gleichzeitig Bücher, die ich sonst weniger im Blickfeld hatte.
  • So zum Beispiel auch Christina Henrys "Lost Boy". Es handelt sich hierbei um eine abgewandelte Geschichte rund um Peter Pan. Der Klappentext erinnert mich stark an "The Song of the Achilles", was ich sehr mochte. Ich bin daher zuversichtlich, dass mir dieses Buch auch gefallen wird. Mir ist zudem später bewusst geworden, warum mit der Name der Autorin zu bekannt vorkam. Ihr anderes Retelling "The Mermaid" hatte ich auch auf meine Wunschliste gesetzt. Und beim Stöbern entdeckte ich dann noch weitere Bücher, die sich zu dieser Reihe gesellen unter anderem auch eine separate Reihe rund um Alice´s Adventures in Wonderland. Na da kann mir der Lesestoff nun wirklich erst mal nicht mehr ausgehen...
  • Das zweite Buch, das ich auspacken durfte war "Das Labyrinth des Fauns" von Cornelia Funke und Guillermo del Toro. Ich habe so lange überlegt, ob ich es mir kaufen soll oder nicht, habe mich aber vorerst davon abgehalten, weil ich den Film noch gar nicht kenne (ich weiß, das muss ich unbedingt nachholen). Umso mehr freue ich mich nun, dass das Buch auf diesem Weg bei mir eingezogen ist. Es wird, glaube ich, auch nicht lange ungelesen bleiben. Die Aufmachung und die Illustrationen, die ich so beim Durchblättern entdeckt habe sind einfach wahnsinnig geglückt!
  • Bei "Norse Mythology" von Neil Gaiman habe ich dann BUCHSTÄBLICH. GEWEINT.  Es lag nicht nur daran, dass es ein Buch meines Lieblingsautors ist und ich es noch nicht besaß, sondern es war eine SIGNIERTE EDITION. Leute, SIGNIERT! Bei mir sind quasi alle Sicherungen durchgebrannt. Dabei habe ich nicht wirklich aufgrund dieser einen Unterschrift geweint, sondern darum, weil meine Schwester und mein Schwager sich die Mühe gemacht haben dieses Buch irgendwie aufzutreiben. Ich weiß nicht, ob sie wissen, was mir diese Geste bedeutet hat, aber ich hoffe sie tun es! Sie haben damit einer kleinen buchverrückten Frau (mit 28. Jahren kann man das ja mittlerweile von sich sagen) eine wirklich, wirklich große Freude gemacht. Jetzt muss ich nur überlegen, wie ich mich dafür revanchieren kann...

Kennt ihr eines der Bücher? Habt ihr vielleicht schon Christina Henrys Retelling gelesen und könnt sie empfehlen / eher nicht empfehlen?



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Ein Leben und eine Nacht von Anne Griffin

August 24, 2019



Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "When all is said"/ 2019) Rowohlt - Kindler Verlag, Übersetzer/in: Martin Ruben Becker, ★★★(☆)☆ 3,5 Sterne
"In einer irischen Kleinstadt sitzt Maurice Hannigan, 84 Jahre alt, an einer Hotelbar und blickt auf sein Leben zurück. Dies ist keine gewöhnliche Nacht. Fünf Mal wird er im Lauf des Abends sein Glas erheben, um auf die Menschen anzustoßen, die ihm am meisten bedeutet haben.
Der Mann, der seinen Gefühlen kaum Ausdruck verleihen konnte, erzählt in dieser Nacht von Momenten der Freude und des Zweifels, von verpassten Chancen und der Tragödie seines Lebens, die er vor allen verborgen hielt...
Ein Roman über Liebe und Verlust. Traurig und tröstend zugleich hallt die Stimme seines Helden noch lange nach."
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"Dieses 'hätt ich doch bloß' bedrängte mich am Tag und raubte mir den Schlaf des Nachts. Raubte mir auch den Atem und verfolgte mich bis in meine Träume hinein." S. 109

Dieses Buch letztlich zu bewerten, war für mich schwieriger als gedacht. Die Schwierigkeit lag darin, das Gefühl, dass ich das Buch eigentlich gerne gelesen habe und meine doch kritische Meinung bezüglich des Endes in Einklang zu bringen.
Aber fangen wir einmal vorne an. Wie wir schon aus der Inhaltsangabe entnehmen, lernen wir den Protagonisten Maurice kennen, den Erzähler der Geschichte, seiner Geschichte. An diesem Abend möchte er auf sein Leben zurückblicken und sich anhand von fünf Trinksprüchen, an fünf Personen seines Lebens erinnern, ebenso wie an die damit verbundenen (teilweise schwerwiegenden) Ereignisse.
Immer im Fokus: eine alte Goldmünze, die das Schicksal des Erzählers in vielen Fällen scheinbar gelenkt hat. Die Verknüpfung der Geschichten mit der Goldmünze fand ich tatsächlich geglückt. Man erfährt Schritt für Schritt mehr über sie und ihre Auswirkung auf die Zukunft, ohne, dass es jedoch absurd oder überladen wirkt.
Der Leser wird in einer Nacht durch ein ganzes Leben geführt. Ein Leben voller Aufgaben, Leid, Trauer, Schmerz, aber auch Liebe, Freude, Glück und der Frage nach den Fehlern, die man im eigenen Leben begangen und eventuell vermeiden hätte können. Somit wird man automatisch mit der Frage konfrontiert, ob man dem Protagonisten in seinen Handlungen, Überlegungen und Ansichten zustimmt oder nicht. Würde man wie er handeln? Würde man alles anders machen? Oder ist es schlichtweg unmöglich sich ein Urteil zu fällen, da jeder der genannten Personen seine eigenen Laster mit sich trägt?

"Es ist etwas Schreckliches, Zeuge davon zu werden, wie die eigene Mutter weint. Man kann nichts mehr heilen, nichts flicken, kein Pflaster darauf kleben. Es ist qualvoll. Ich wollte mir den Schmerz herausreißen." S. 77

Während der Rückblicke konnte ich im Großen und Ganzen immer eine Verbindung zwischen Maurice und den genannten Figuren herauslesen. Mir fehlte es daher nicht an Emotionen, zumal viele Reaktionen, zum Beispiel auf Verluste eines geliebten Menschen, recht realistisch dargestellt werden und man merkt, dass sich der Protagonist anhand dessen auch versucht ein wenig selbst zu analysieren. Wie hätte er ein besseres Elternteil oder besserer Ehemann sein können, wenn ihm vielleicht die Vorbilder gefehlt haben? Man fühlt daher mit ihm mit, kritisiert ihn aber auch genauso oft für gewisse Dinge, was er selbst aber auch beabsichtigen möchte. Leider fand ich, so gut es sicher gemeint war und es auch ab und an durch Sadie, Maurices Ehefrau angemerkt wurde, dass einige Ausdrücke in Bezug auf Noreen, Sadies Schwester, unglücklich gewählt waren. Hier hätte ich mir eine kritische Behandlung des Themas gewünscht, wenn es schon an den Leser herangetragen wird.
Für mich war es spannend zu sehen, dass ich das Geschriebene schnell gelesen habe, was heißen soll, dass man sich nicht lange mit dem Text selbst befasst. Man hat den Eindruck, als könnte man es schnell "weg lesen". Allerdings haben es manche Aussagen und Situationen doch in sich. Es geht um schwere Familienkrisen, Streitereien, Lügen, Vorwürfe, an denen manche zerbrechen und auch um Überlegungen des Suizids. Das sollte man durchaus wissen, wenn man zu dem Buch greift. Auch wenn es anfangs und auch zwischendurch locker wirkt, sind die Inhalt für manche wahrscheinlich nicht so leicht zu ertragen und zu lesen.
Was mich auch zu dem Zwiespalt bringt, mit dem ich dem Buch gegenüberstehe. Einige Lösungen und Überlegungen hinsichtlich der Figuren fand ich etwas zu "freudig" dafür, was es wirklich bedeutet. Es werden positive Dinge mit Handlungen assoziiert, die, wenn man wirklich darüber nachdenkt, nicht nur für die ausführende Person problematisch sind, sondern auch für diejenigen, die ebenfalls dadurch in ihrem Leben eine erneute, wahrscheinlich negative, Entwicklung verbinden. So sehr ich eigentlich schätze, dass sich das Buch mit den schwierigen Seiten des Lebens befasst und Fragen hinsichtlich der jungen Fehltritte im Leben, wie auch der Schwierigkeiten im Alter - überwiegend Einsamkeit - aufwirft, konnte ich mich mit einigen Umsetzungen und den damit verbundenen, ausgelösten Gefühlen und Gedanken, nicht immer anfreunden.


Hat durchaus gute Überlegungen hinsichtlich der Fehler, die man sich im eigenen Leben vergeben wollen würde und dem Versuch, mit ihnen abzuschließen. Die Verbindung zwischen der zu Beginn genannten Goldmünze und der Familiengeschichte des Protagonisten fand ich geglückt, da alles stimmig schien und auch die Rückblicke selbst haben emotionale Kapitel vorzuweisen. Auch die angesprochenen Themen rund um das Altwerden an sich und die damit oftmals eintretende Einsamkeit finden hier gute Ansätze. Leider konnte mich das Buch durch gewisse Lenkungen hinsichtlich des Endes nicht überzeugen. Da sind mir doch zu wichtige Themen, mit zu einfachen, scheinbar glücklichen Lösungen ausgegeben worden. Zwar soll dies den Leser am Ende noch einmal besonders in gefühlvolle Emotionslagen versetzen, ich hingegen blieb mit der Frage zurück, ob diese Sichtweise nicht viel zu problematisch ist. So gerne ich Maurice an dem Bartisch auch zugehört (und seinen Schmerz, wie auch seine Freuden mitgefühlt) habe, konnte ich nicht allen Umsetzungen der Geschichte etwas abgewinnen.



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Die Abgründe des Menschen: Meine Anfänge mit Joyce Carol Oates

August 21, 2019

Bücher-Joye Carol Oates Bücher-Joye Carol Oates
Bücher-Joye Carol Oates
Bücher-Joye Carol Oates

Joyce Carol Oates hat eine lange schriftstellerische Karriere und zahlreiche Auszeichnungen nachzuweisen. Für den Pulitzer-Preis wurde sie bereits mehrfach nominiert, kürzlich, 2019 wurde sie zudem mit dem Jerusalem-Preis ausgezeichnet. Zählt man all ihre Texte zusammen, die nach ihrem Erstling 1962 erschienen sind (auch die, die sie unter ihrem Pseudonym veröffentlicht hat), kommt man auf über siebzig Romane, Erzählbände, Novellen, Theaterstücke und Gedichte.
Es überrascht mich tatsächlich, dass ich so lange gebraucht habe, um überhaupt nur ein Buch von ihr zu lesen. Ständig schwebte mir ihr Name im Kopf herum und ständig schob ich ein "Ja, irgendwann lese ich etwas von ihr." nach (Hier sei angemerkt, dass ich "Big Mouth, Ugly Girl" als Schullektüre gelesen habe, mich aber absolut nicht mehr daran erinnern kann, was eine wirklich traurige Feststellung ist und es sich für mich  wie - nicht gelesen- anfühlt).

Anfang dieses Jahres habe ich es dann glücklicherweise geschafft zu "Carthage" zu greifen. Je mehr Zeit verging und ich über den Roman nachdachte, stieg wieder das Bedürfnis auf, weitere Texte von Oates zu lesen. Kurz darauf verschlang ich regelrecht ihre beiden Erzählbände "The Cornmaiden and other nightmares"  und  "Give Me Your Heart - Tales of Mystery & Suspense".


"For that was the power of the night, where the thistledown gray cat stalked his prey, that you could dream what was real- and it was real, because you dreamt it." ("The Cornmaiden and other nightmares" , S.175)

"Carthage" ist eine eher ruhige Erzählung, die mit der Dynamik einer Familie spielt. Wer vertraut wem? Wem glaubt man eher? Welche Beziehungen leiden unter gewissen Handlungen? Der Leser wird zwar mit dem Verschwinden einer Person konfrontiert, aber der Roman setzt den Fokus nicht auf das Verbrechen selbst, sondern eben auf die psychologischen Aspekte und offenbart, wie schon in der Überschrift des Beitrags zu sehen, die Abgründe, die in jedem von uns stecken können. 
Auch wenn man zunächst vielleicht eher mit spannenden Wenden und unvorhersehbaren Lösungen der Geschichte rechnet (die nicht gänzlich eintreten), wird man dennoch in den Bann der Erzählung gezogen, weil Oates es schafft, auch bei alltäglichen Situationen und Überlegungen zu Gefühlslagen, eine ganz besondere Spannung zu erzeugen. 

Diese im ersten Roman auftretende Spannung hat sich für mich in dem Erzählband "The Cornmaiden and other nightmares" noch um ein vielfaches gesteigert. Und hier bemerkt man ganz deutlich, wie geschickt die Autorin mit der dunklen Seite des Menschen spielt. Denn sie lässt die größten Albträume, Monster und schrecklichen Zukunftsvisionen nicht als uns etwas Unbekanntes erscheinen, es sind keine Monster im herkömmlichen Sinne, die das Grauen hervorrufen, sondern der Spiegel, der dem Menschen vorgehalten wird. Er selbst ist es, wovor er am meisten Angtst hat und wohl haben sollte.
Und diese Kombination aus der Angst vor Monstern aus Horrorfilmen und der eigentlichen Gefahr, die aus den unbändigen Emotionen des Menschen heraustritt, findet sich auch in dem Erzählband "Give Me Your Heart" wieder. Auch wenn mir einige Geschichten eher, als andere zugesagt haben, könnte man diese beiden Erzählbände gut zusammenführen. Zu ihnen passt der Satz, der auf einem der Bücher prangt: "In [these] razor-sharp stories, Joyce Carol Oates shows that the most deadly mysteries often begin at home."
Die gleichnamige Erzählung über "The Cornmaiden" war wirklich intensiv. Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet, dass mich die Geschichte doch so gebannt zurücklassen wird. Die Erzählperspektive, das heißt auch die enormen Gefühlsbeschreibungen der Figuren wechseln sich rasant ab, überschlagen sich aber so, dass man sich in beiden gefangen fühlt.
Zudem fand ich es interessant zu sehen, dass eine kurze Erzählung so wirkte, als sei sie die Voridee zu "Carthage" gewesen. Dadurch hat man als Leser das Gefühl, dass man an der weiteren Entwicklung der Geschichten, die Prozesse mitverfolgen kann.

"Your heart pounds, in terror of being snatched from your chest!" (Give Me Your Heart, S.13)

Für mich war es wirklich beeindruckend zu realisieren, dass mich die Geschichten von Oates so fesseln, weil sie sich anfühlen und auch so lesen, als seien es eben diese Horrorgeschichten mit Monstern vor denen wir uns so fürchten, die Nachts unter unseren Betten lauern oder darauf warten uns in einem Wald zu überfallen. Es baut sich Stück für Stück eine Angst vor der Offenbarung der Wahrheit auf, die in allen Geschichten präsent ist, dass sie zum eigentlichen Grundgerüst wird. Gehalten und aufgebaut wird sie durch die Menschen, die sie zunächst verheimlichen, verbergen wollen und es bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr ertragen können Jede Erzählung hat ihr eigenen psychologischen Schwerpunkte, lebt aber von der Verbindung oder der eben nicht existenten Verbindung zur Familie oder Liebe.
Es sind Geschichten und Situationen, die, wenn man sie wohl anders beschreiben würde, ganz banal und alltäglich wirken würden. Man liest von ihnen in Zeitungen, hört davon im Radio oder Fernsehen und vergisst sie wieder. Diese Geschichten, die Oates verschriftlicht, vergisst man jedoch nicht so schnell, obwohl sie das "normale", wenn auch grausame Leben offenbaren, denn sie sind voller gebrochener Herzen, aufwühlender Emotionen und oftmals auch getrieben vom Wahn.


Nach diesen drei Büchern bin ich mir mehr als sicher, dass ich bald wieder zu einem ihrer Romane oder Kurzgeschichten greifen werde. Nur welches es aus den über siebzig sein wird, das wird sich noch herausstellen...

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After Alice von Gregory Maguire

August 16, 2019





(Original: "After Alice"/ 2015) Headline, Übersetzer/in: -, ★★★(☆)☆ 3,5 Sterne
Als Alice in den Kaninchenbau hinuntergestürzt ist, fand sie sich im Wunderland wieder, das genauso voller inkonsequenter Regeln und schroffer Egos war, wie die Welt, die sie hinter sich gelassen hat. Doch wie hat das Viktorianische Oxford auf Alices Verschwinden reagiert?
In der neuerzählten Geschichte rund um die Kraft der Imagination und der verborgenen Unterwelten, erschafft Maguire ein Märchen mit anderem Blickwinkel. Ada, ein Mädchen, das im Originaltext nur kurz zu Beginn erwähnt wird, übernimmt hier die Hauptrolle und stürzt "After Alice" in den Kaninchenbau und macht sich auf die Suche nach ihr.
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"Lydia pointed to some imprecise horizon. 'You know your Alice. She plays hide-and-seek but sometimes forgets to ask someone to look for her.' S. 19

Maguire hat mich mit seiner Idee sofort neugierig gemacht. Noch einmal in das Wunderland gehen, aber nicht mit Alice, sondern mit ihrer Freundin Ada. Sie wird im Original nur flüchtig genannt, bekommt hier aber eine doch recht wichtige Stellung zugeschrieben.
Mir gefiel die Idee, dass sie einerseits ganz anders als, die uns bekannte und mutige Heldin, Alice ist und dennoch letztlich als starker Charakter auftritt. Besonders in Hinblick auf ihre. von der zurückgelassenen Gesellschaft angesehenen, vermeintlich körperlichen Einschränkungen werden hier aufgegriffen und in einen positiven Kontext gesetzt.
Was die Handlung betrifft, so muss man natürlich sagen, dass sich vieles aus dem Original wiederholt, was ich persönlich aber sehr gemocht habe und was auch der Vorteil der Geschichte ist. Wir begegnen der Grinsekatze, der bösen Königin oder aber auch dem Kaninchen, das immer in Eile ist. Alles Charaktere, die wir schon lieben gelernt haben und von denen man sehr gerne wieder liest. Dennoch sind alle Begegnungen natürlich abgewandelt, da sie auf Ada, die Alice nun im Wunderland sucht, treffen und sich auch immer irgendwie auf Alices Vorbesuch beziehen. Einerseits fand ich dies geglückt, andererseits schwächte dies das Orginal teilweise etwas ab, da man das Gefühl bekam, dass Alice nicht mehr so einen Sonderstatus hat, wie bei Carroll. Andererseits ist genau dies wiederum eine schöne Botschaft, da Ada trotz ihrer Ängste auch zu einer kleinen Heldin wird und sie durch ihr Verhalten ebenso die "Berechtigung" hat in die kuriose Welt einzutauchen.

"But what is character? How solid? We cut our hair, we shave our beards, we lose a limb. We remain ourselves. In dreams, however, we swap identities licentiously. We sabotage the structures of our character without a thought." S. 47

Was ich an der Geschichte zunehmend gar nicht attraktiv fand, waren die teilweise sehr trägen Kapitel rund um Alices Schwester Lydia, die ebenfalls nach ihr sucht - aber natürlich in der für sie "realen" Welt. Auch wenn hier sehr viele interessante Ansätze aufgegriffen werden und Personen wie Darwin, gewisse Überlegungen in eine neue Richtung lenken, ebenso wie versucht wird die Verknüpfung zur Mythologie auf neuer Ebene zu eröffnen, so bleiben diese Kapitel doch irgendwie ohne Funken. Man hört meist immer wieder daselbe von den Figuren und irgendwie bleiben sie stets uninteressant.
Der Versuch den Jungen Siam mit in die Geschichte zu bringen, der aus der Sklavenschaft gerettet wurde, hat zwar auch gute Ansätze, verliert sich aber leider irgendwie, da nicht immer ersichtlich ist, wie man dies in den Gesamtzusammenhang und in Bezug zur Originalgeschichte bringen soll. Das heißt, dass der Versuch, die Geschichte von Alice mit Ada fortzuführen, die Überlegungen zu Darwins Theorien, den mythologischen Geschichten und noch der Kritik an der Sklaverei, zwar einerseits durchaus irgendwie zusammenpasst, darauf hat Maguire schon geachtet, aber es wirkt einfach etwas zu überfüllt.

"'Goodbye', whispered Ada. She imagined, if she did manage to escape, that the ones she would miss were the White Queen and the White Knight. Generally adults were a failure, but these two managed failure well." S. 229


Die Kapitel rund um Ada und ihren Versuch Alice zu finden, habe ich sehr gerne gelesen. Man begegnet den liebgewonnenen Charakteren des Originals, aber aus einem anderen Blickwinkel. Da die Protagonistin nicht wie Alice ist, entdecken wir also neue Seiten an den Figuren und der Welt des Wunderlands, ebenso wie einer neuen Überlegung zum Ausgang der Geschichte. Was mich leider eher uninteressiert zurückgelassen hat, waren die Kapitel, in denen Alices Schwester Lydia und Ms Armstrong nach den beiden Mädchen suchen. Zwar bekommt man hier den Einblick in die Gesellschaft und die viktorianischen Moralvorstellungen, allerdings hat dort der Pfiff gefehlt, damit es mit dem Rest zusammenpasst.




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Tagebuch eines Buchhändlers von Shaun Bythell

August 13, 2019




Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "The Diary of a Bookseller"/ 2014) btb Verlag, Übersetzer/in: Eric Selland, ★★★★☆ 4 Sterne
"Wigtown, Schottland. The Bookshop, die größte Second-Hand-Buchhandlung des Landes, ist ein Paradies für Buchliebhaber. Die Bücherregale reichen bis zur Decke, die Regalböden hängen durch ob ihrer verführerischen Last. Es gibt alles, was das Herz begehrt. Was Sie als Kunde nicht sehen, sind die Probleme im Hintergrund, mit denen sich der Besitzer Shaun Bythell herumschlagen muss. In seinem »Tagebuch eines Buchhändlers« finden Sie alles: exzentrische Kunden, unhöfliche Angestellte und eine ständig leere Kasse, aber auch den Nervenkitzel eines unerwarteten antiquarischen Fundes und den Charme der Küstenkleinstadt Wigtown. Tauchen Sie ein in die Welt des Buchhandels und lassen Sie sich verzaubern!"
Video (Youtube): Vorstellung des "The Bookshop" in Wigtown
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"[Ein Kunde] wollte wissen, wie viel es kostet, und da ich mich gerade in großzügiger Laune befand, erwiderte ich: 'Sie können es für 2,50 Pfund haben.' Daraufhin ging er, wobei er vor sich hin murmelte: 'Das krieg ich auf Amazon billiger.' " S. 122 

"Höhepunkt des Tages war der Verkauf eines Buches mit dem Titel Donald McLeods Gloomy Memories aus dem Jahr 1892, das der Kunde bereits seit sechs Jahren gesucht hat." S. 381

Auf dem Buchcover sehen wir eine regnerische Szenerie vor einem Buchladen. Einem Buchladen, der gut besucht ist, der durchaus gefüllt scheint, der aber auch schon einige Spinnweben aufweisen kann. Vor dem Buchladen sehen wir, stehend zwischen zwei aus Stein gemeißelten Büchersäulen, den vermeintlichen Besitzer des Ladens. 
Wir springen zum Ende der broschierten Ausgabe und blicken auf eben diesen Mann, nun als Farbfotografie erkennbar und er kommt mit einer klaren Botschaft. 
Mit einem doch nüchternen, aber nicht unfreundlichen Blick steht er auch hier vor dem Buchladen. Er trägt eine Brille, ein weißes Shirt und ein kariertes Hemd. Doch das wohl prägnanteste: Seine weiße Tasse mit der Aufschrift: "Death to the Kindle" und damit meint er es ziemlich ernst. Darf ich vorstellen: Shaun Bythell, der Besitzer, des in Schottland größten Secondhand Buchladens "The Bookshop", vielen vielleicht bereits bekannt aus Jen Campbells "The Bookshop Book" oder aus eigenen Reisen in die Stadt Wigtown.
Dies sind seine persönlichen Aufzeichnungen aus dem Alltag eines Buchhändlers.

"Wenn jemand seinen Satz mit 'Ich will nicht unhöflich erscheinen, aber...' beginnt, gehen bei mir genauso die Alarmglocken an wie bei dem Satz 'Ich bin kein Rassist, aber...' Dabei ist es doch ganz einfach: Wenn man nicht unhöflich erscheinen will, sollte man auch nicht unhöflich sein. Und wenn man kein Rassist ist, sollte man sich auch nicht wie ein Rassist benehmen." S. 326

Eines sollte man vielleicht vorweg sagen. Vorsicht! Dieses Buch sprüht nur so vor Ironie und Sarkasmus und sehr häufig hat man das Gefühl, dass er den Kunden mit den Aussagen auf den Schlips tritt (oder sogar treten möchte). Manchmal war ich mir nicht ganz sicher, ob Bythell nicht zu sehr versucht scharfe Kommentare als witzigen Gag zu verkaufen. Das hat mir nicht so gut gefallen (zusammen mit seiner Liebe für das Angeln, da ich absolut kein Freund davon bin Fische aus Spaß zu fangen und zu essen). Liest man das Buch aber komplett und beachtet die Aussagen über die Kunden wirklich genau, so merkt man, dass Bythell damit auch oftmals ironisch auf sich selbst Bezug nimmt und sich dadurch auch selbst ein wenig auf die Schippe nimmt. Vor allem wenn es darum geht zu zeigen, wie verbittert, pessimistisch oder sarkastisch er durch seine Arbeit geworden ist. Auf vielen Ebenen entdeckt man hier also durchaus viele Verweise, die beiden Seiten den Spiegel vorhält, um die eigene Verhaltensweise zu hinterfragen - dies gilt auch für die schönen Seiten des Betriebs.
Sein wohl größter Feind und Gegner ist aber (wie bereits am Anfang erwähnt) die Idee des E-Books und der Kindle. Zur visuellen Klarstellung hat er sogar eines der Kindles zerstört und sozusagen als Trophäe (mit Messingschild!) in seinen Laden gehängt. Doch auch der Großkonzern Amazon wird hier systematisch niedergemacht - wohl gemerkt, durch gute Begründungen. Was leider dennoch nicht wirklich hilft (bis jetzt), da die Kunden die Plattform als zu angenehm und einfach empfinden, als darauf zu verzichten. So sieht er sich gezwungen mit ihnen zu kooperieren.
Und doch entdeckt man aber in dem ganzen Witz und der ganzen Ironie deutlich, dass ihm doch all seine Kunden (bis auf die, die ihm selbst keinen Respekt gegenüberbringen oder eben Amazon heißen) sehr wertschätzt und auch zugibt, dass er es trotz aller Ermüdung manchmal leid tut, dass er nicht nach den Geschichten hinter den Kunden gefragt hat. Das wird vielleicht besonders bei der Figur des Mr. Deacon deutlich.

"Ich muss wirklich aufhören, Kunden und Leute, die Bücher verkaufen, so abschätzig zu beurteilen." S. 242 

"Ich vermute, man kann mir viel vorwerfen, dass ich mir keine große Mühe gebe, viel über meine Kunden zu erfahren, aber ich bin nie unhöflich zu Kellnern, Kellnerinnen, Putzleuten oder Ladenverkäufern. Außerdem hoffe ich inbrünstig, dass ich noch nie jemanden wie einen Menschen zweiter Klasse behandelt habe, sondern nur die Unhöflichkeit zurückspiegle, mit der mir manchmal begegnet wird. [...] Auch wenn ich das Erscheinungsbild meiner Kunden genau beobachte und kommentiere, so sind es immer nur Beobachtungen - keine Aburteilungen. Zumindest meistens." S. 321f.

Was man als Leser dieses Buches bekommt, ist allerdings eine ganze Menge. Man kommt nicht umhin zu sagen, dass sich natürlich sehr vieles wiederholt. Es ist nun einmal ein Tagebuch, das den Alltag eines Buchhändlers darlegt. Das bedeutet, dass viele Aufgaben auch aus monotonen Arbeitsschritten während der Woche bestehen. Wer so etwas nicht aushalten kann, weil ihm repetitive Stellen eher unnötig erscheinen, der wird hier vielleicht etwas an Lesergenügen einbüßen. Ich persönlich fand es aber durchaus gelungen, da der Alltag so nicht beschönigt wurde. Manchmal ist das Leben in einem Antiquariat eben auch etwas langweiliger.
Paradoxerweise scheint es aber eben nicht langweilig. Denn allein schon die Mitarbeiter bringen immer ordentlich Schwung in den Laden, allen voran die einzige Festangestellte (die sich Bythell finanziell leisten kann) Nicky. Durch ihre sehr freie, sehr eigene und chaotische Art, sorgt sie immer für interessante Entwicklungen. Mir gefiel vor allem, dass Bythell jeden gerne als Mitarbeiter aufnimmt, der genügend Interesse zeigt. Er gibt jedem die gleiche Chance.
Es gibt viele Kapitel, die sich mit dem Ankauf von Büchern beschäftigen und davon erzählen, welche Leute, welche Art von Büchern weggeben und aus welchen Gründen. Das hat mir persönlich sehr gut gefallen (vor allem die vielen Erwähnungen der Folio Society Bücher!). Gleichzeitig steigt die Liste der Bücher, die man lesen möchte noch einmal um ein Vielfaches, da viele Bücher namentlich erwähnt werden und auch interessante Anekdoten dazu preisgegeben werden - in diesen Ankaufsituationen, aber auch im Laden selbst.
Die Kunden sind ebenfalls Gesprächsthema Nummer eins, was irgendwie unausweichlich ist. An vielen Stellen erinnert es an Jen Campbells "Weird Things Customers say in Bookshops", da wirklich seltsame (E-Mail-) Unterhaltungen offengelegt werden, die man kaum glauben kann und auch das Literaturfestival eine relativ große Rolle spielt.
Tatsächlich hat es mich beim Lesen meist zutiefst erstaunt, verletzt und fassungslos zurückgelassen, wie sich angeblich belesene und kultivierte Menschen ihm gegenüber verhalten. Man sollte meinen, dass das Lesen einen, wie viele behaupten, empathischer, verständnisvoller und zu einem "besseren" Menschen macht. Das Gefühl hat man nach dem Lesen dieses Buches sicherlich nicht. Einige bleiben unverschämt, egal wieviel sie lesen.

"Nachdem sie wieder weg waren, trat ein Kunde mit einem Buch an die Theke, schlug es auf, deutete auf das Preisschild von 40 Pfund und  fragte: 'Was soll das heißen? Doch sicher nicht 40 Pfund.' Ich versicherte ihm, dass es genau das heißt. Daraufhin hat er das Buch fallen lassen, und es landete auf dem Boden, wodurch eine der Ecken beschädigt wurde. Er ist dann ohne ein weiteres Wort gegangen." S.155f.

"Ich weiß nicht, wie oft Leute bereits Bücher auf die Ladentheke gelegt haben, die wir noch nicht ausgpreist hatten, und sagten: 'Das hier hat keinen Preis. Es muss umsonst sein.' Schon beim ersten Mal war das nicht witzig, und vierzehn Jahre später hat der Spruch das Schillern, das er sowieso nie besaß, gänzlich verloren." S. 63f.


Trotz aller negativen Perspektiven für die vermeintliche Zukunft eines Antiquariats und der teils unmöglichen Verhaltensweisen der Kunden den Angestellten gegenüber, hinterließ das Buch bei mir, als ich es zugeschlagen habe, trotz allem noch den Wunsch, Teil eines solchen Buchladens zu sein, was wirklich merkwürdig klingen muss. Aber ich bin unfassbar gerne an diesen Ort zurückgekehrt und habe davon gelesen, wie die Bücher eingeräumt werden, wann der Kamin zur kalten Jahreszeit angemacht wird, welche Buchtipps empfohlen werden und wo sich die Katze "Captain" so rumtreibt. Ebenso wie viele Bücher bestellt werden wollten, wer diese Bücher gekauft hat, wer seine Büchersammlung verkauft hat und aus welchem Grund und wie viele Bücher doch unauffindbar geblieben sind. Auch wenn Shaun Bythells Ton rau sein kann und an einigen Stellen, trotz witziger Intention, etwas übers Ziel hinauszuschießen scheint, merkt man, dass er den Beruf und die Literatur liebt und die Menschen auch zu schätzen weiß, die seinen Laden betreten. Man wird einige Male tatsächlich auch laut auflachen müssen, wenn die Situationen sehr skurril werden.




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The Guest Cat von Takashi Hiraide

August 11, 2019



(Original: "Neko No Kyaku"/ 2014) Orion Publishing, Übersetzer/in: Eric Selland, dt. Übersetzung: "Der Gast im Garten", ★★★(☆)☆ 3,5 Sterne
Ein Pärchen in seinen Dreißigern lebt in einem kleinen, gemieteten Landhaus in einem ruhigen Teil Tokios. Sie arbeiten als freie Schriftsteller und haben sich mittlerweile nicht mehr viel zu sagen.
Eines Tages lädt sich eine Katze in ihre Küche ein. Sie ist ein wunderschönes Geschöpf. Sie verschwindet, taucht den Tag darauf aber erneut auf, ebenso wie die folgenden Tage. Mit der Katze beginnt das Pärchen wieder gemeinsam zu interagieren. Sie gehen zusammen spazieren und reden über die Erlebnisse mit dem Tier. Doch dann geschieht etwas, das alles verändern wird...
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"It is not out of preference that I use the word fate - or should I say, Fortuna - but as the young cat´s visits became more frequent, I came to feel that there were some things only this word could express." S. 17

Bei einigen Büchern hat man eine sehr bestimmte Vorstellung, wie sich das Buch entfalten und was thematisch gesehen im Fokus stehen wird.  "The Guest Cat" war für mich so ein Buch. Allerdings wurden für mich kaum Dinge aufgegriffen, die ich erwartet hatte. 
Aus dem Klappentext ist zu entnehmen, dass wir eine Geschichte präsentiert bekommen, welche die "Gastkatze" als zentralen Aspekt einbringt, gepaart mit der recht eingeschlafenen Kommunikation der verheirateten Protagonisten. Daher bin ich irgendwie davon ausgegangen, dass die Katze als Vermittler dient, als eine Art "leiser Psychologe".
Nun, irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dieser Punkt absolut zweitrangig gewesen ist. Für mich ist das Paar anfangs, wie angedeutet, nicht sonderlich aktiv in ihrem Umgang miteinander, aber trotz der Einbindung der Katze schien mir die Beziehung nicht greifbar, irgendwie stets distanziert. Vielleicht lag das daran, dass der Erzähler (und gleichzeitiger Protagonist) als einziges zu Wort kommt und seine Frau nur durch ihn repräsentiert wird. Dadurch hat man automatisch das Gefühl, dass sie ein wenig zur Randfigur wird. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass die kurze Erzählung doch stark auf die in den 1926 bis 1989 Situation eingeht, vor allem auch politische Veränderungen und die damit eintretenden Veränderungen für die "kleinen Leute".
"First we would hear the tinkling bell, and then she would appear, so we began to call her by the nickname 'Tinkerbell'." S. 14

Auffallend wird mit der Zeit, dass die Situation des Paares immer im Zusammenhang mit dieser Showa Periode erzählt wird. Sprich, die Frage nach einer bezahlbaren Wohnung und der allgemeinen Betrachtung des Immobilienmarktes ist in beinahe jedem Kapitel Thema.
Dadurch sind die Sprüche auf dem Buchcover á la "Nicht nur für Katzenliebhaber" oder Ähnliches natürlich wahr, da hier zeitweise ganz andere Aspekte deutlich in den Vordergrund gerückt werden, aber dadurch verliert eben genau diese "Katzengeschichte" ein wenig ihren Reiz. 
Ich war mir daher bis zum Schluss ehr unschlüssig, ob ich die Geschichte wirklich genossen habe, denn einerseits mochte ich die Katzenbezüge und die metaphorischen Anspielungen, ebenso wie das tatsächlich ungewisse Ende (!), andererseits schien mir vieles ohne genügend Emotionen ineinander überzugehen. Das ist nicht auf die Beziehung zur Katze bezogen, die ist doch recht gefühlvoll beschrieben, sondern eben die Beziehung der Menschen untereinander. Es wirkt alles ein wenig gelangweilt, aber akzeptiert. Dies kann natürlich daran liegen, dass der Autor genau das erzielen wollte oder aber die Übersetzung hat hier einiges schleifen lassen (oder mir sind zu viele Verknüpfungen schlicht nicht geläufig). So oder so hat mir dann am Ende etwas gefehlt, damit ich sagen kann, dass mich die Erzählung mehr mitgerissen hat als andere.

" 'For me, Chibi is a friend with whom I share an understanding, and who just happens to have taken on the form of a cat.' " S.36


Eine kurze Erzählung über das Auftauchen einer Katze und ein eher beliebiges Paar, welches versucht die schönen Seiten des Lebens zu entdecken. Die vielen Naturbezüge, Naturanspielungen und auch die häufig erwähnte Frage nach einer geeigneten Wohnungssituation (politische Lage der damaligen Zeit), lassen die Katze manchmal etwas in den Hintergrund rücken. Dennoch gibt es oft gelungene Spielereien mit Vergleichen und Metaphern. Das Ende ist abgeschlossen und doch bleibt einiges offen für eigene Interpretationen, was mir persönlich gut gefallen hat. Obwohl ich die Art der Erzählung mochte, hatte ich das Gefühl, dass mit den Protagonisten zu wenig anfangen konnte, da sie mir zu wenig Charakter hatten. Dennoch eine schöne Erzählung, die aber vielleicht nicht allzu lange nachhallen wird.



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Juli: Eine bunte Mischung, Bubla-News und ein literarischer Linktipp

August 06, 2019

Bücher-Lesemonat-Buchblog


Bücher-Lesemonat-Buchblog

Unilektüre strikes again. Durch die Abschlussarbeit lese ich derzeit eher Fachbücher, die zwar grundsätzlich sehr interessant sind, die aber meine ungelesenen Bücher in den Hintergrund rücken lassen. Im August und September wird es hier daher sicherlich erst einmal ein klein wenig ruhiger werden.
Nichtsdestotrotz ist es spannend zu sehen, dass man die in der Freizeit gelesenen Bücher auch beginnt unter den Kriterien der Arbeit zu betrachten. Da sich bei mir alles um das Thema "Vergessen" dreht und es ja etwas ist, das uns oft im Alltag begegnet (aus den unterschiedlichsten Gründen), finde ich daher gar nicht mal so wenige Verweise dazu in den Romanen, die ich nebenbei so lese. "The Somnambulist" und "Hiddensee" sind da ganz gute Beispiele. Dazu aber gleich mehr. 

Zunächst mache ich natürlich sehr gerne darauf aufmerksam, dass die Auszeichnung des Buchblog-Awards in die nächste Runde geht! Letztes Jahr durfte sich "little words" über den Gewinn in der Kategorie "Liebe & Herz" freuen, nun nominiere ich, Schritt für Schritt, fleißig meine Favoriten.
Die Kategorien von letztem Jahr fallen dieses Mal leider weg, um es kompakter zu halten. Dafür gibt es nun aber auch die Möglichkeit Verlagsblogs und Buchhandlungsblogs zu nominieren.
Alles wichtigen Details zum Ablauf und zur Nominierung findet ihr auf der offiziellen Seite des Buchblog-Awards 2019. Darüber hinaus kann, darf und soll natürlich auch wieder fleißig bei Twitter alles dazu geteilt werden. Unter dem Hashtag #bubla19 findet ihr die Unterhaltungen, Blogtipps und News dazu (oder einfach dem Twitter-Acoount @BuchblogAward folgen).

Mich würde natürlich interessieren: Wen habt ihr für den Bubla nominiert? Wer sind eure Favoriten?

Keine Blogtipps, dafür aber ganz viele Buchtipps gibt es auf Lit Cities zu finden! Letzten Monat wurde ich auf die Seite aufmerksam gemacht und nachdem ich mich dort ein wenig umgesehen habe, wollte ich diese gerne mit euch teilen. "Lit Cities" ist eine große Weltkarte, je nachdem wo ihr drauf klickt, also welches Land euch interessiert, gelangt ihr zu dem Ort und den passend dazugehörigen Literaturtipps, die in der Gegend spielen oder sich mit dem Ort auseinandersetzen. 
Dabei überzeugen nicht nur die ausgewählten Bücher, sondern auch die ganze Aufmachung der Seite. Sehr übersichtlich, aber wunderbar modern, frisch und mit einem gewissen "Spielereiz", könnte man sich stundenlang durch die Vorschläge wühlen.
Einzuges Kriterium meinerseits: Leider wird bei dem Kauf eines Buches nur auf Hugendubel oder Amazon verlinkt. Da hätte ich mir noch eine Möglichkeit für den örtlichen Buchhandel gewünscht.

Vier neue Bücher durften letzten Monat auch noch einmal einziehen, da ich alle für einen sehr kleinen Preis gebraucht ergattern konnte. Auf einen gesonderten Beitrag habe ich dieses Mal verzichtet, aber es werden bei den Büchern bestimmt noch die jeweiligen Rezensionen folgen. Die vier Neuankömmlinge sind "The Nix" von Nathan Hill, "Instructions for a Heatwave" von Maggie O´Farrell, "The Essex Serpent" von Sarah Perry & "The Mermaid and Mrs Hancock" von Imogen Hermes Gowar.

Nun aber zu den gelesenen Büchern des Monats: 
Wie immer gelangt ihr durch Anklicken des Buchtitels, falls vorhanden, auf die jeweilige Rezensionsseite. 

  • Mit dem Beitrag "The Three Little Pigs: 3 Bücher über Schweine" habe ich gleich zwei gelesene Bücher besprochen, nämlich "The Unexpected Genius of Pigs" von Matt Whyman & "Pyg" von Russell Potter. Beide haben mich gut unterhalten und mir so einiges Neues über Schweine näher gebracht!
  • "Hiddensee" von Gregory Maguire: Ein klarer Favorit des Monats. Bis auf kleinere Kritikpunkte mochte ich die Geschichte und die Idee dahinter sehr. Hier lent der Leser den Vater des "Nussknackers" näher kennen, Herrn Drosselmeier höchstpersönlich. Inklusive märchenhafter Anspielungen an die Gebrüder Grimm und eine schon fast traumähnliche Kindheit. 
  • Auch "The Somnambulist" von Essie Fox habe ich gerne gelesen, auch wenn mich hier doch einiges nicht ganz überzeugen konnte. Es ist dennoch eine Geschichte, die ihre Spuren hinterlässt und welche die Familiengeschichte der Protagonistinnen auf geschickte Art miteinander verwebt. 
  • Glücklicherweise musste ich diesen Monat nicht auf Herman Melville verzichten, denn der Mare Verlag hat zum 200. Geburtstag am 01. August zwei neue Ausgaben herausgebracht. Ich war von der Gestaltung hin und weg, umso schöner, dass mich auch der Inhalt überzeugen konnte! "Typee", Melvilles erster Roman, mit dem er den Durchbruch erlang gibt es im Großformat, "John Marr und andere Matrosen" eine Gedichtsammlung kommt im kleineren Format daher.
  • Kurz vor dem Beginn des Monats August habe ich noch "The Corn Maiden and other nightmares" von Joyce Carol Oates & "The Song of Achilles" von Madeline Miller begonnen. Die kurzen Erzählungen von Oates habe ich tatsächlich noch zu Ende gelesen (auch wenn am ersten Tag des neuen Monats), Millers Roman hingegen begleitet mich derzeit noch. Eventuell wird es dazu noch separate Besprechungen geben, je nachdem wie die Zeit es zulassen wird.

Welche Bücher haben euch im Juli begleitet und begeistert oder enttäuscht? Nominiert ihr Blog für den Bubla-Award? Kennt ihr "Lit Cities" bereits?

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Zum 200. Geburtstag: Herman Melville im Mare Verlag

August 01, 2019

Herman-Melville-Typee-Mare Verlag-200. Geburtstag




Werbung ~ Rezensionsexemplare

Am 01. August 1819 wurde Herman Melville in New York City geboren. Genau zweihundert Jahre ist es nun her. Um den Autor und seine Bücher zu feiern, veröffentlichte der Mare Verlag vor einigen Tagen daher zwei Ausgaben in neuer Gestaltung, "John Marr und andere Matrosen" & "Typee". Und ich war mehr als neugierig, zu erfahren, welche Eindrücke und Erlebnisse Herman Melville wieder in diesen Geschichten verarbeitet hat. Getreu der Frage des Verlags "Vor Moby Dick nichts gewesen?" und der Feststellung: "Weit gefehlt", heißt es auch für mich: Nach Moby Dick ist vor Moby Dick, denn wie wohl so viele Leser, habe ich zuerst mit dem bekanntesten Roman Melvilles begonnen. Nun wollte ich mich also auch an die Erstveröffentlichung des Autors wagen.

"Sie suchten bei Tom nun die Wahrheit zu finden,
  Ihn mit Becher um Becher Burgunder zu schinden.
  Da sprach Tom: 'Meine Herren, das hat keinen Sinn,
  Denn je mehr ich saufe, desto stiller bin ich.'
  Kein Schwätzer war Tom, auch nicht, wenn besoffen -
  Nie hab ich ´nen treueren Seemann getroffen."
("John Marr und andere Matrosen", S. 43f.)

John Marr und andere Matrosen
Angefangen habe ich mit dem kürzeren Buch, oder Büchlein besser gesagt. Es beginnt mit zwei Kapiteln, die aus Prosa bestehen und die anschließend durch Gedichte fortgeführt werden. Alle beziehen sich auf die Seefahrt oder den Abschied davon. So wird zum Beispiel die Gefühlslage eines Seemanns beschrieben, der nach Jahren aufs Land zieht und sich dort nicht wirklich zu Hause fühlt / fühlen kann.
Obwohl man bereits aus Melvilles anderen Büchern zum Beispiel "Moby Dick" oder "Mardi" sein Interesse an Gedichten und eigener Dichtungen erahnen konnte, war ich doch überrascht, in diesem Buch beinahe nur auf diese Art der Texte zu treffen. Auch, wenn man vielleicht nicht das Gefühl hat, dass sie wahnsinnig metaphorisch und verschlüsselt poetisch, wie auch durchaus humorvoll sind (siehe oben), schafft es Melville damit auf eigene Art zu überzeugen. Das Thema und seine Aussagen sind greifbar. Vielleicht ist diese anfangs laienhafte wirkende Dichtkunst auch das, was überzeugt, denn man weiß, worauf Melville hinaus möchte.
Sicherlich kommt man hier mit dem Lesen recht zügig voran, aber meiner Meinung nach bleiben die Gedichte sicherlich noch eine Weile im Hinterkopf. Empfehlen würde ich es Lesern, die sich schon mit Melvilles Werk auseinandergesetzt haben, da man ein gewisses Hintergrundwissen hat und die Texte noch einmal aus einem anderen Blickwinkel sieht. Daher auch wunderbar als Einstimmung geeignet, wenn man "Typee" noch vor sich hat.

"Obwohl die Schiffskameraden John Marrs nicht alle verstorben sein konnten, waren sie dennoch in seinen Gedanken wie die Geister von Toten." ("John Marr und andere Matrosen", S. 28)

Typee
Basierend auf eigenen Erlebnissen und fiktiven Hinzufügungen seitens Melvilles, hat mich "Typee" an eine Mischung aus "Moby Dick" und "Mardi" erinnert. Der Roman ist gradliniger, wie "Moby Dick", enthält aber dennoch viele Überlegungen, die auch noch einmal in "Mardi" aufgegriffen werden. Zudem steht auch hier, nicht der Aspekt der eigentlichen Seefahrt, sondern der Aspekt des Erkundens einer Insel und einer scheinbar "wilden" Menschengruppe im Vordergrund.

"Wie oft wird der Begriff 'Wilde' falsch zugeschrieben! Kein Seefahrer oder Reisender hat bisher jemanden entdeckt, auf den diese Bezeichnung wirklich zutrifft. Sie fanden Heiden und Barbaren, die sie durch entsetzliche Grausamkeiten zu Wilden machten. Man kann behaupten, ohne Widerspruch fürchten zu müssen, dass, wann immer Polynesier Untaten begangen haben, Europäer irgendwann zuvor als Aggressoren aufgetreten sind und dass der Hang einiger Insulaner zu Grausamkeit und Blutdurst hauptsächlich dem Einfluss solcher Beispiele zuzuschreiben ist." ("Typee", S. 61f.)

Wirklich positiv überrascht war ich dann, als ich Melvilles Schilderungen und Sichtweisen gelesen habe, die so auch tatsächlich größtenteils im Original veröffentlicht wurden. Man findet starke Kritik an der scheinbar zivilisierten Welt und deren schlechten Einfluss auf das "einfache" Leben der Menschen, die noch nicht von der Gier nach Besitztümern ergriffen wurden. Es sind durchaus sehr wohl überlegte, kluge und auch fortschrittliche, selbstreflektierte Überlegungen, die Melville hier anführt.
So ernst "Typee" in vielen Aussagen daher ist und auf problematische Entwicklungen der menschlichen Gesellschaft eingeht, so ist die Geschichte aber auch oft unterhaltsam, wenn nicht sogar komisch. Der Leser kriegt hier also auch wieder die typische Prise Melville-Humor präsentiert zum Beispiel durch Kommentare wie: "[...] [N]achdem wir uns so viel Mühe gemacht hatten, [unsere Kleidung] zu trocknen, war dies ärgerlich genug, doch da konnte man nichts machen: und ich empfehle allen abenteuerlustigen jungen Männern, die in der Regenzeit von ihren Schiffen auf romantische Inseln fliehen, Regenschirme mitzubringen." (.S.93)
Was die Handlung selbst betrifft, so hat sie durchaus kleine Spannungen, die dafür sorgen, dass Leser sich mit dem Leben auf der Insel, den Ritualen der Einheimischen (was steckt hinter der Vermutung, dass es sich um Kannibalen handelt?) und deren feindlich oder freundlich gesinnten Absichten auseinandersetzt. Gibt es überhaupt eine gute und eine schlechte Seite? Es gibt viele Ansätze, die darauf ausgelegt sind, manchmal an den Geschehnissen zu zweifeln, Ängste aufleben zu lassen und sie zu verwerfen. Auch das Spiel mit Vorurteilen ist geschickt von Melville eingebaut wurden, sodass man bis zum letzten Kapitel nicht genau weiß, was nun alles vorgefallen ist und ob tatsächlich die Gefahren gelauert haben, welche die Protagonisten vermutet haben.
Ich persönlich finde "Typee" dadurch sehr gelungen. Durch den kritischen, aber unterhaltsamen Erzähler wird die Reise auf die Insel zu einem wahrlichen Erlebnis. Beachten sollte man vielleicht auch hier, dass es einige Kapitel gibt, die ein wenig von der Handlung selbst abschweifen und die Landschaft, die Leute, das Aussehen, das Essen und andere Dinge beschreiben. Aber genau das kennt man bereits aus den anderen Büchern. Melville verbindet eine Romanhandlung mit den (teilweise) persönlichen Eindrücken eines Insellebens und dies auf eine angenehme Art und Weise, denn der Protagonist stellt sich nicht über alles und vor allem nicht über die angeblichen "Wilden". Seine Bemühungen die Sprache zu erlernen, sorgen ebenfalls dafür, dass zum einen auf die vermeintliche Überlegenheit der zivilisierten Welt verwiesen wird, welche unter den gegebenen Umständen einfach nicht vorhanden ist, zum anderen ist es eine clevere Strategie, um die Handlung interessanter zu gestalten. Der Leser weiß nur das, was der Erzähler weiß und da er nicht in der Lage ist, die gänzliche Situation zu verstehen, bleibt immer eine 50 /50 Chance, dass etwas anders ist, als es zu sein scheint.

"Obwohl ich selbst während meines Aufenthalts auf der Insel fast tagtäglich das eine oder andere religiöse Ritual miterlebte, hätte ich ebenso gut eine Gruppe Freimaurer dabei beobachten können, wie sie sich geheime Zeichen geben; ich sah alles, verstand aber nichts." ("Typee", S.285)


Nach den beiden Büchern bin ich nun endgültig im Melvielle-Fieber angekommen...
In diesem Sinne: Happy Birthday Mr. Melville!



Ausgaben: "Johan Marr und andere Matrosen" (Original: "John Marr and Other Sailors" / 1888) von Herman Melville, Mare Verlag (2019), übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann, mit einem Nachwort von Alexander Pechmann

"Typee" (Original: "Typee: A Peep at Polynesian Life" / 1846) von Herman Melville, Mare Verlag (2019), übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann, mit einem Nachwort von Alexander Pechmann





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