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LITTLE WORDS




"Growing up, I took so many cues from books. [...]
They were my teachers and my advisers."

Neil Gaiman / "The Ocean at the End of the Lane"

EMPFOHLENE BEITRÄGE




NEUE   BEITRÄGE

"Mrs. Dalloway" von Virginia Woolf

Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "Mrs Dalloway"/ 1925) Manesse Verlag - Manesse Bibliothek - Mehr Klassikerinnen (2022), Übersetzer/in: Melanie Walz (aus dem Englischen), ★★★★☆ 4 Sterne
"Es ist ein besonderer Tag im Leben der zweiundfünfzigjährigen Clarissa Dalloway: Die Gattin eines Parlamentsabgeordneten will am Abend eine ihrer berühmten Upper-class-Partys geben. Der Tag vergeht mit Vorbereitungen, zufälligen Begegnungen mit Jugendfreunden, Konversation, nostalgischen Betrachtungen, Sinneseindrücken beim Flanieren ... Ein besonderer Tag soll es – aus ganz anderen Gründen freilich – auch für Septimus Smith werden. Auch ihn, den Kriegsheimkehrer, beschäftigt die Gegenwärtigkeit des Vergangenen in jedem einzelnen Augenblick."
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"Irgendjemand hatte ihn mitgebracht, und Clarissa hatte seinen Namen nicht verstanden. Sie stellte jedermann als Wickham vor. Zuletzt sagte er: 'Ich heiße Dalloway!' - das war sein erster Eindruck von Richard -, ein blonder junger Mann, eher linkisch, der auf einem Liegestuhl saß und mit den Worten herausplatzte: 'Ich heiße Dalloway!' "  S.109

Viele großen Romane tragen den Namen einer Frau als Titel. Und eigentlich geht man davon aus, dass diese dann auch den zentralen Mittelpunkt der Geschichte einnimmt. Clarissa Dalloway hingegen ist ein Verbindungsstück zwischen allen Protagonist*innen, denen wir begegnen. Und an diesem Tag der Erzählung sind es einige. 
 
Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich anfangs etwas verwirrt war. Darüber, dass die Übergänge in die wechselnde Erzählperspektive sehr lose sind. Gerade waren wir noch bei Mrs. Dalloway, schon sind wir bei Septimus Smith oder Peter Walsh, einem alten Freund von Clarissa, welcher die Beziehung zu ihr und sein Leben ebenfalls noch einmal Revue passieren lässt.
Man muss sich als Leser*in manchmal selbst kleine Anhaltspunkte suchen, um zu erkennen, wann genau wir welchem Innenleben, den Gefühlen und Gedanken der Figuren, folgen und wie diese zueinander stehen.
Das mag einige Aspekte des Romans etwas chaotisch wirken lassen, besaß aber (wie ich finde) letztlich doch einen ganz eigenen Reiz.

"Auch die Liebe war zerstörerisch. Alles Schöne, alles Wahre ging verloren." S.225f.
 
Das Tempo und damit der Ablauf des Tages ist recht zügig, wenn auch gar nicht so viel geschieht. Lässt man sich jedoch von den Figuren und dessen Schicksalen einfach treiben, bietet der (erzählte) Tag viele wichtige Botschaften und interessante Beobachtungen. Dies verlangt eventuell eine Stimmung mit etwas Geduld, da man sonst viele Aspekte. Äußerungen und Abläufe oder sogar die Erzählung für etwas nichtig halten könnte, aber es lohnt sich. 

Der Roman befasst sich mit Themen, die heute weiterhin unfassbar aktuell sind. Die Rolle der Frau in einer Ehe, die Wünsche, Träume und auch Hoffnungen, die damit verbunden sind. Die Ignoranz der Gesellschaft gegenüber depressiven Mitmenschen - ganz zu schweigen davon, wenn es sich um sogenannte "weiche" Männer handelt. Und natürlich um das gesamte soziale Getue, mit dem sich die Upper Class abzugrenzen versucht. Was bleibt ist jedoch eine Fassade, hinter die es in jedem der aufgeführten Schicksale zu blicken gilt.

"Sind wir nicht alle Gefangene? Sie hatte ein wunderbares Theaterstück über einen Mann gelesen, der an der Wand seiner Zeit kratzte, und ihr war, als ob das die Wahrheit über das Leben sei - dass man an der Wand kratzte." S.138
 

Ein Klassiker, der es sicherlich verdient geworden ist. Die Schwere der Themen und die gleichzeitige Leichtigkeit der Erzählungen machen aus "Mrs. Dalloway" eine lesenswerte Lektüre. Man muss jedoch in der Stimmung für einen Roman sein, der die Leser*innen wie eine Feder durch die Stadt treiben lässt, die Perspektiven wechselt und so bei den Übergängen für einige Verwirrrungen sorgen kann. Grundsätzlich ist das Tempo schnell, doch die Handlung ist nicht der zentrale Punkt. Der Fokus liegt auf den psychischen und gesellschaftlichen Aspekten der Figuren. Für mich wahnsinnig interessant, da ich mir auch vorstellen kann, dass jede*r Leser*in bei einem anderen Schicksal hängen bleibt und diesen im Herzen und in den Gedanken tragen wird.


 

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Recent reads: 3 Japanische Bestseller

Mai 15, 2022

"'Sell books that sell - that´s the rule.'

A curious phrase indeed. A curious phrase that had a bizarre ring to it." - The Cat Who Saved Books, p.139


Japanische Literatur hat in den letzten Jahren deutlich an Beliebtheit und Bekanntheit dazugewonnen. Nach Haruki Murakami sind nun auch Namen wie Toshikazu Kawaguchi, Hiro Arikawa oder Durian Sukegawa in den Buchhandlungen und im digitalen literarischen (deutschen) Umfeld ein Begriff. 

Letzten August habe ich mich bereits an die "Before the Coffee Gets Cold" - Erzählungen ran gewagt und war sehr angetan. Die Geschichten bestechen durch eine zurückhaltende Eleganz, lassen aber dennoch viel Raum für Gefühle.
Es wurde also an der Zeit, dass ich mich an die nächsten japanischen Texte wage. Aus diesem Grund, habe ich mir drei Bücher ausgesucht, die als "japanische Bestseller" gelten. Konnten sie mich ebenfalls so überzeugen? Gibt es Elemente, die "typisch" zu sein scheinen oder einem Trend folgen?


DAS WAR IN DEN BÜCHERN ÄHNLICH

Gestartet bin ich mit "How Do You Live" von Genzaburo Yoshino. Vielleicht nicht ganz verwunderlich, da das Buch nun mit einem Vorwort von Neil Gaiman ergänzt wurde. Ich war tatsächlich etwas verwundert, dass die Geschichte einen so starken Fokus auf den "Coming-of-Age"-Aspekt legt und dennoch so erfolgreich geworden ist. Der Text greift durchaus auch elementare und wichtige Dinge wie die Entstehung der Planeten, Sternenkonstellationen, also auch angerissen die Geschichte mit Kopernikus sowie auch Napoleons Werdegang oder moralische Fragen auf, aber dies ist alles auf eine sehr spezielle Weise ausgelegt.
Einerseits hat man als Leser*in das Gefühl, dass der Text durchaus für ein jüngeres Publikum gedacht ist, andererseits wird versucht, durch die Einschübe der Tagebucheinträge des Onkels, die Ebene der "erwachsenen Literatur" mit einzuschließen. Das hat an der einen oder anderen Stelle gut für mich funktioniert, leider hat aber zum Ende hin mein Interesse an diesem Stil etwas abgenommen, wodurch es mir mit der Zeit etwas ermüdend und langweiliger erschien. 

Als ich dann zu "Lonely Castle in The Mirror" von Mizuki Tsujimura und "The Cat Who Saved Books" von Sosuke Natsukawa vorgedrungen bin, war ich umso überraschter, dass auch diese beiden Bestseller, die nun auch den europäischen Büchermarkt für sich einnehmen konnten, ebenfalls an ein eher junges Publikum gerichtet sind und versuchen, den Fragen á la "wie lebe ich richtig?" / "was ist moralisch wichtig?" auf die Spur zu kommen.
Diese beiden Bücher werden zudem noch von dem Aspekt der Trauerbewältigung unterstützt. Die Geschichten vermischen somit das eigene Hadern mit einer schwierigen Situation und die Überlegungen danach, wie man sich dennoch in der Welt zurrechtfinden kann ohne andere dabei vor den Kopf zu stoßen.


DAS HAT DIE BÜCHER UNTERSCHIEDEN

Unterschiede kann man, trotz allen Ähnlichkeiten, viele finden. Auch wenn man natürlich bedenken muss, dass hier die Übersetzungen ins Englische einiges ausmachen, muss ich gestehen, dass mir "The Cat Who Saved Books" & "Lonely Castle in the Mirror" vom Ton und Stil her um einiges besser gefallen haben. Sie hatten etwas Zeitloses, überzeugen aber mit dem Drang, dass man weiterlesen möchte und es etwas spannender ist. 

Natsukawas kurze Erzählung führt uns in die unendlichen Reihen von Bücherregalen. Und zwischen diesen müssen wir navigieren, Entscheidungen fällen und uns gleichzeitig retten. Der Aspekt einer "Quest" steht hier ziemlich stark im Vordergrund, was für Leser*innen einen schönen Reiz ausmacht. Im Gegensatz zu Yoshinos Tageserlebnissen/Tagebucheinträgen-Mischung, plätschern die Gedanken nicht nur so vor sich hin, sondern es gilt auch eine Aufgabe zu lösen und hinter die Intention des Szenarios zu kommen. Für mich war dies ein wirklich gelungenes Abenteuer, was als Erzählung auch verdient einen Klassiker-Status erhalten könnte.
Die Frage nach dem Hintergrund der Situation ist auch Ausgangspunkt in Tsujimuras Roman, wenn auch auf etwas andere Art und Weise. Kurzzeitig tritt der Aspekt ein wenig zurück, um dann am Ende in einem spannenden Showdown zu münden. Für mich war diese Geschichte sicherlich ein kleines Highlight, das trotz der Adressierung an ein jüngeres Publikum, auch wunderbar für Erwachsene ist, da man hier auch vielleicht aus Sicht eines Elternteils Einblicke in die Schwierigkeiten von Schüler*innen zurückblicken und den eigenen Kindern neue Perspektiven aufzeigen kann. 

Der wohl markanteste Unterschied zwischen Yoshinos Roman und "Lonely Castle in the Mirror" und "The Cat Who Saved Books" ist jedoch, dass die beiden letzteren einen wirklich schönen Fantasy-Anteil haben, der zum Träumen einlädt.


"The Chronicles of Narnia, which sat in the bookcase downstairs, crept into her  mind. How could a portal into a different world not be appealing?" - Lonely Castle in the Mirror, p. 26

 

DIE JAPANISCHE KULTUR KENNENLERNEN

Wenn man zu Büchern aus anderen Teilen der Welt greift, hofft man (zumindest in den meisten Fällen), auch etwas Neues aus der Kultur zu erfahren. In allen drei Büchern war dies sicherlich der Fall. Ich habe einiges zur japanischen Trauerkultur erfahren, zum Schulsystem, zur gewünschten Lebensweise und zu eigentlich ganz beiläufigen Dingen, die mich aber sehr interessiert haben. 
Zum Beispiel wird in "Lonely Castle in the Mirror" oft auf die Namen und Namensgebung verwiesen. Fügt man bestimmte Endungen zu einem Namen hinzu, wird man entweder als "Freund" angeredet oder in einer höflich distanzierten Form. Ebenso erfährt man einiges zu den Silben, die den Namen bilden und wie schwierig es sein kann, diese dann in Schriftform zu lernen. Ich persönlich finde solche Informationen neben der eigentlichen Handlung unfassbar spannend und lesenswert, sodass ich mich sehr gefreut habe, hier ein wenig "unterrichtet" worden zu sein. 

FAZIT / SIND JAPANISCHE BÜCHER ETWAS FÜR MICH?

Definitiv! Ich schätze die Intention der Bücher, die ich bisher aus der japanischen Literaturwelt mitnehmen konnte sehr. Obwohl mir "How Do You Live" in einigen Teilen zu statisch wirkte, konnten mich die zwei Nachfolger "The Cat Who Saved Books" & "Lonely Castle in the Mirror" Dank des Spannungsbogens und der Kombination einer anderen, uns unbekannten Welt, sofort abholen und in den Bann ziehen. Zudem haben beide Bücher viel Gefühl, ohne kitschig zu sein, was mir ebenfalls sehr gefallen hat.
Daher werde ich nur allzu gerne weiterhin schauen, was die japanische Literatur noch zu bieten hat und sicherlich auch zu Büchern greifen, die nicht nur als "(internationale) Bestseller" bekannt sind, um auch andere Facetten kennenzulernen. 



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Neuer Platz, neue Bücher

April 26, 2022

Vielleicht haben es einige schon auf Instagram mitbekommen: Wir sind umgezogen! Das sorgte im April für ganz wenig Lesezeit, dafür aber für neuen Platz. Und natürlich habe ich mir damit auch einen kleinen Wunsch und Traum erfüllt, denn endlich durften auch größere Bücherregale her.
Was ich allerdings maßlos unterschätzt habe? Die Fülle an Büchern, die sich in der alten Wohnung einfach überall versteckt hat. Die neue Bücherwand ist somit bereits schon beinahe voll und muss nun etwas umgeräumt werden. Um eine zweite Reihe werde ich also nicht herumkommen. Dennoch bin ich froh, dass man die schönsten Bücher nun besser bestaunen kann. 

Der neue Platz war aber natürlich auch praktisch, da sich seit meinen letzten Neuzugängen im Dezember: "Books I Got For Christmas" doch wieder einiges angesammelt hat.

 

Am längsten gewartet habe ich sicherlich auf "How High We Go in the Dark" von Sequoia Nagamatsu. Da mir die US-Ausgabe besser gefallen hat, nahm ich die lange Lieferzeit in Kauf. Diese hat sich dann über mehrere Monate hingezogen, aber es hat sich gelohnt! Nun hoffe ich, dass mich die Geschichte genauso überzeugen wird. 

Gefreut habe ich mich auch über die signierte Ausgabe von V.E. Schwabs "Gallant". Diese habe ich ziemlich spontan entdeckt und bestellt. "Leider" hatte ich vergessen die UK-Ausgabe danach zu stornieren. Da sich aber beide Ausgaben äußerlich doch unterscheiden, werde ich beide behalten.

Die Bücher, die ich inhaltlich kaum erwarten kann sind sicherlich "I, Mona Lisa" von Natasha Solomons, "Our Wives Under The Sea" von Julia Armfield und "Metronome" von Tom Watson. Zum ersten muss - denke ich - nicht allzu viel sagen. Es geht um die Mona Lisa und ihre Sicht der Dinge.
Im Roman von Natasha Solomons geht es um die Ehe zweier Frauen und eine schiefgegangene Mission unter Wasser. Als Leah, Miris Frau, zurückkehrt, ist etwas anders an ihr. Egal was dort unten geschehen ist, sie hat es mit an Land und nach Hause genommen.
In "Metronome" geht es um Aina und Whitney, die gemeinsam eine Straftat begangen haben und nun im Exil auf einer einsamen Insel leben. Nach und nach beginnen jedoch zerstörte Schiffe angespült zu werden. Und als sei das noch nicht genug, erscheint plötzlich ein Schaf, dessen Absichten sie nicht erahnen können. Beide beginnen Geheimnisse zu hegen... 

Aber auch die übrigen Neuzugänge versprechen einiges. Hier die wichtigsten Infos im Überblick:

  • "Middlemarch" von George Elliot (Pseudonym von Mary Anne Evans): Vor einigen Monaten ist diese schöne Ausgabe zum 150. Jubiläum erschienen. Wird nun also wirklich mal Zeit, dass ich den Klassiker in Angriff nehme. 
  • Stories & Essays: Insgesamt drei Bücher mit Kurzgeschichten und Essays durften einziehen. Darunter "Black Swans" von Eve Babitz, "Some Trick" von Helen DeWitt und "Girlhood" von Melissa Febos.
  • Coverkauf + unterhaltsam-ernste Lektüre für Zwischendurch = "Careering" von Daisy Buchanan
  • Ein Buch über Karten und Bücher: "The Cartographers" von Peng Shepherd. Leider habe ich bis heute nicht geschafft ihr anderes Buch "The Book of M" zu kaufen und lesen, daher bin ich nun umso gespannter auf dieses Schätzchen. Zumindest hat es bisher wirklich gute Bewertungen bekommen. 
  • Mit "Booth" geht Karen Joy Fowler gefühlt neue literarische Wege. Bisher hatte ich sie bei anderen Stilen verordnet. Dieses Buch beschäftigt sich mit dem Attentat auf Abraham Lincoln und der Familie des Täters. 
  • Doppelt gemoppelt: "My Fine Fellow" & "Dangerous Alliance" von Jennike Cohen sind Romane, die sich an Jane Austen als Vorbild halten. Mal sehen, was sie zu bieten haben. 
  • Last but not least: Zwei Bücher, die ebenfalls direkt mein Interesse geweckt haben sind "The Raptures" von Jan Carson & "What A Shame" von Abigail Bergstrom.
    Bei Carson geht es um eine mysteriöse Krankheit, die während der Sommerferien plötzlich immer mehr Kinder zu befallen scheint. Klang für mich etwas nach "The Dreamers" von Karen Thompson Walker, was mir damals sehr gut gefallen hat.
    Bergstrom thematisiert die Scham der Frau in der Gesellschaft und die damit einhergehenden Betrachtungen der Schönheit und des gleichzeitigen Schmerzes der eigenen Entwicklung und Akzeptanz. Klingt vielversprechend!


Habt ihr einige der Bücher bereits gelesen - gab es darunter Tops oder Flops? Was ist sonst in letzter Zeit bei euch eingezogen, das erwähnenswert war (negativ oder positiv)?


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"Eine perfekte Familie" von Liane Moriarty

März 27, 2022

Eine perfekte Familie von Liane Moriarty-Buch
Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "Apples Never Fall"/ 2021) Diana Verlag - Penguin Randomhouse Imprint (2022), Übersetzer/in: Carola Fischer (aus dem Englischen), ★★★(★)☆ 3,5 Sterne
"Joy ist spurlos verschwunden, aber sollen sie ihre Mutter wirklich als vermisst melden? Ein Dilemma für die vier erwachsenen Kinder, denn Vater Stan ist offensichtlich mehr als verdächtig. Bisher galten die Delaneys als Vorzeigefamilie par excellence, doch nun bleibt kein Stein mehr auf dem anderen. Was verheimlicht Stan? Und wer war die Fremde, die erst Wochen zuvor in Joys Leben trat? Den Geschwistern stellt sich aber eine noch viel erschreckendere Frage: Kennen sie ihre Eltern überhaupt?"
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"Es war klar, dass das passieren würde, sagten die Leute, und jetzt war es passiert."  S.9

Moriartys Roman "Big Little Lies" war für mich als TV-Serie eine positive Überraschung. Damals habe ich mir die Buchvorlage entgehen lassen, aber ihren neuen Roman wollte ich dann doch lesen, um zu sehen, ob das Niveau ähnlich sein würde. 

Das Portrait einer Familie, die sich nach dem großen Erfolg im Tennis sehnt, war für mich durchaus spannend zu verfolgen. Nach und nach erfährt man, was dieser Druck durch die Sportart ausgelöst hat und in wieweit die Fassade anfängt zu bröckeln, wenn es um den Zusammenhalt und die Familiendynamik geht. 
Die Sportart selbst wird nicht zwingend ausführlich besprochen, dennoch bekommt man einige Randinformationen zu den Spielabläufen, zu den Regelwerken und den Tennisturnieren präsentiert, die meiner Meinung nach gut eingebaut werden. 
Gleichzeitig soll diese Verkettung aber natürlich in erster Linie dafür sorgen, dass wir uns der psychologischen Seite der Medaille zuwenden.

"Zweifellos waren sie miteinander verwandt. Auch ihre Stimmen klangen ähnlich: leise, tief, rau. Menschen mit Halsschmerzen und Geheimnissen." S.12
 
Der Ton des Romans war für mich tatsächlich abwechslungsreich, wenn nicht sogar manchmal ambivalent. Es gab Kapiel, die sehr düster und ernst wurden und diesen Touch von "Big Little Lies" aufwiesen. Daneben jedoch gab es wirklich viele Stellen, Momente und auch Auflösungen, die sehr ins lustige und komische gezogen wurden. Diese Vermischung beider Teile wäre für mich eigentlich gar nicht problematisch gewesen, da sie an einigen Stellen wirklich gut passen, jedoch wurde besonders zum Ende hin die sogenannte Authentizität und realistisch-mögliche (soweit eben in einem fiktiven Roman machbar) Handlungsweise einiger Figuren etwas ins Absurde gezogen.

So sehr ich die Geschichte und die Stück für Stück analysierte Familiengeschichte gemocht habe, fiel es mir schwer, den Roman durch die Auflösung als das anfangs clevere Spiel zwischen Machtdemonstration, Familiengeheimnissen und der Herausforderung einer jeden Figur im eigenen Leben (mit oder ohne Tennis) zu sehen. Dieser eine Teil wollte sich für mich persönlich nicht ganz in das ganze Konzept einfügen.
Denn (und das muss ich wirklich sagen), das eigentliche Ende sorgte dann wieder für das Gefühl, welches man zu Beginn verspürt hat und das diese Ernsthaftigkeit in Anbetracht einiger Schicksale und Verhaltensweisen unter den Figuren stärkte. Leider blieb die Geschichte daher nicht durchgängig auf dem Niveau, das ich mir erhofft hatte. 

Die Familie als solches, mit den unterschiedlichen Charakteren der Kinder und natürlich auch der Eltern, sorgt für viel Gesprächsstoff und greift die Frage auf, wie man als Familie funktionieren kann. Wie schafft man es, die eigenen Bedürfnisse nicht auf die eignen Kinder zu projezieren?
Darüber hinaus werden immer noch wichtige Themen wie Gewalt in der Beziehung, der (unerfüllbare) Kinderwunsch und auch die Position und Selbstverwirklichung des jeweiligen Ehepartners innerhalb der Familie aufgegriffen. Alles Themen, die meiner Meinung nach größtenteils gut eingebunden wurden.
Ich bin der Familie im Großen und Ganzen gerne gefolgt, habe mich gekrümmt, wenn ich Angst hatte, dass eine*r der Mitglieder einen Fehler macht und bin größtenteils mit Interesse an der Geschichte drangeblieben, auch wenn es hier und da durchaus hätte knapper ausgeführt werden können.

"Es war alles sehr höflich und akkurat. Nur dass diese Akkuratesse ihm das Gefühl gab, er würde liebevoll mit einer dicken Daunendecke erstickt werden." S.138
 

Ein teils Mystery- teils Familienroman, der mich in gewisser Hinsicht gut abgeholt und positiv überrascht hat. Die Suche nach den Geheimnissen war meiner Meinung nach spannend, wenn auch manchmal etwas zu sehr ausgeführt. Die vielen Facetten der Familienmitglieder und das psychologische Aufdröseln der Dynamik fand ich spannend und durchaus packend. Einzig die Auflösung hat bei mir den Eindruck erweckt, als wolle sich der Roman nicht ganz auf eine Stimmung festlegen und schwingt mal auf die sehr ernste, mal auf die beinahe komödiantische Schiene. Hätte funktionieren können, hat sich aber hier vielleicht etwas verzettelt. Das danach folgende Ende hingegen fand ich wieder stark und sorgt für genau den Effekt, den ich mir von dem Buch erhofft hatte.

Buchrücken-Liane Moriarty-Eine perfekte Famiie

 

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Eine Woche, fünf Liebesromane

März 18, 2022


Liebesromane und ich: die Ausgangssituation

Die Beziehung zwischen Liebesromanen und mir ist schwierig. Nicht, weil ich grundsätzlich etwas gegen flauschige Feel-Good-Bücher habe, ganz im Gegenteil, sondern weil ich das Gefühl habe, dass ich nicht zu viele von den Geschichten lesen kann, ohne zu denken, dass sich alles wiederholt und gleich wirkt. Ich habe mich in den ganzen Jahren des Lesens weiterentwickelt, habe neue Genres und Umsetzungen von Romanen entdeckt, die mir mehr zusagen.

Fakt ist aber auch, dass ich damals, als ich kurz vor der Entscheidung meines Studienfachs stand, gerade durch diese Art von Romanen meine Liebe zur Literatur wiedergefunden habe. Tatsächlich hatte ich zu Weihnachten zwei Bücher von Jojo Moyes geschenkt bekommen (Klassiker!) und bin nur so durch die Seiten geflogen. Bei aller berechtigter Kritik, die mittlerweile auch in Bezug auf "Ein ganzes halbes Jahr" angebracht wird, kann ich die Tatsache nicht ändern, dass mich die Bücher eben zum Lesen gebracht haben. 

Aus dieser recht paradoxen Ausgangssituation also, habe ich ein kleines Projekt gestartet und eine Woche lang nur Liebesromane gelesen. Heißt also: 1 Woche, 5 Liebesromane. Konnten mich die Bücher überzeugen? 

Vorab zunächst einmal hier die Buchauswahl

  • "Wait for it" von Jenn McKinlay
  • "The Flatshare" (dt. Übersetzung: "Love to Share - Liebe ist die halbe Miete") von Beth O´Leary
  • "The Two Lives of Lydia Bird" (dt. Übersetzung: "Zwei in einem Herzen") von Josie Silver
  • "The Honey Don´t List" von Christina Lauren
  • "The Break-Up Book Club" von Wendy Wax

Zugegeben, die Auswahl ist nicht sehr divers und zielt vorwiegend auf Liebesverhältnisse zwischen Mann und Frau ab. Da dies aber in den letzten Jahren die bekannten und klassischen Stereotypen eines solchen Romans waren (zumindest die, die breitflächig vermarktet und veröffentlicht wurden), habe ich sie gezielt als Vergleich ausgewählt.

Alles schon gelesen? 

Die Frage, die mich natürlich zu Beginn beschäftige, war: Bin ich durch mit dem Genre und den Inhalten? Oder können mich die Geschichten noch überraschen?

Nun, ehrlich gesagt muss ich der Befürchtung leider etwas zustimmen. Ich hatte in keinem der fünf Liebesromane das Gefühl, dass mich hier etwas gänzlich Neues erwartet. Zugegeben, die momentane (politische) Lage war einerseits hinderlich daran, den Kopf gänzlich freizubekommen, jedoch sollten gerade solche Romane dann in der Lage sein, die Leser*innen abzulenken.

Die Handlungsidee von "The Flatshare" und "The Two Lives of Lydia Bird" implizierte durchaus einen ungewöhnlichen Start und versprach Abwechslung, doch schnell merkte ich, dass diese Idee unter dem Schema des Liebesromans ausgebremst wurde.
Zu gerne hätte ich zum Beispiel in "The Flatshare" von noch mehr Situationen gelesen, die diese sehr spezielle Wohnsituation zuspitzen, noch mehr Details, die verdeutlichen, wie man mit einer anderen Person zusammenleben kann und sich Dinge innerhalb der Wohnung verändern, während man nie gleichzeitig an einem Ort ist. Obwohl dies zu Beginn noch aufgegriffen wird, springt die Situation für mich plötzlich viel zu schnell in das "normale Setting" um, was wiederum dafür sorgt, dass die Geschichte wirkt wie viele andere.
In "The Two Lives of Lydia Bird" gefiel mir die "Was wäre wenn...?" Situation. Ich liebe es, wenn Parallelwelten aufgezogen werden, die einen hinsichtlich der Handlung mehrgleisig fahren lassen. Doch auch hier entstand für mich der Eindruck, dass die Situation nicht ausgeschöpft wird und sie nur als Grundgerüst dient. Gute Anfangsideen? Ja. Details und Ausarbeitung? Eher weniger. Nichtsdestotrotz war ich überrascht, dass der Roman sich etwas zurücknimmt, was die rosarote Brille betrifft. Das gefiel mir tatsächlich ziemlich gut. Keine übertriebene Heiterkeit, keine "frei von Problemen"-Zone. Obwohl die Geschichte einen mit einem guten, wenn auch etwas tränenreichen Impuls zurücklässt, wird sie nicht unglaubwürdig in Bezug auf die Entwicklung des Liebeslebens ausgeschlachtet. 

"The Honey Don´t List" und "Wait For it" konnten für mich mit keiner originellen Story überzeugen, hatten jedoch einige unterhaltsame Elemente, die mich zum Schmunzeln gebracht haben. 


Das ist neu

Den folgenden Vergleich bringe ich an in Anlehnung an meine Eindrücke von den letzten Jahren. Wie immer sind diese absolut subjektiv. 

Etwas Neues in einem für viele beliebten und funktionierenden Genre durchzusetzen braucht Zeit. Viele Jahre über hatte ich das Gefühl, dass die Romane überwiegend davon leben, dass die Frau den Mann fürs Leben findet - plus minus einiger Hindernisse. Also Glück durch Liebe. Und die Liebe sah meistens so aus, dass sich das Mädchen oder die Frau an den Mann anpassen sollte.
Sicherlich gibt es immer noch genügend Liebesromane, die nach dem Schema verfahren, hier jedoch war es schön zu sehen, dass sich zumindest einige Fortschritte erkennbar machen.

Frauen lösen sich von alten Mustern, von Vorgaben wie sie zu sein haben und leben selbstbestimmt. Besonders "The Break-Up Book Club" schien hier die Botschaft senden zu wollen, dass eine Trennung kein Untergang ist, dass man sich von egoistischen Ehemännern und Partnern nichts bieten lassen und dass man nicht sofort zurückkehren soll, wenn sich die Chance ergeben würde.
Leider (!) wurde hier an einigen Ecken mit der Ausarbeitung gespart und zum Schluss noch eine Handlung bezüglich des Online-Datings ausgebaut, was das ganze sehr flopsig und reingequetscht wirken ließ. Wirklich schade, denn die grundsätzliche Intention einen Liebesroman über Trennungen und über die Stärke jeder einzelnen Protagonistin zu schreiben, fand ich super.

Tops & Flops oder auch: das Fazit

Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, hier ein finales Urteil über die Tops & Flops zu fällen. Mich konnte kein Roman wirklich vom Hocker reißen. Dafür gab es einfach zu viele Baustellen und Schwachstellen, bei denen ich manchmal meine Augen verdreht habe, das Ende zu absehbar oder mir die Handlungsabfolge zu abrupt war. Da mir jedoch die recht ruhige und nicht übertriebene Art von "The Two Lives of Lydia Bird" gefallen hat und hier der Aspekt der Trauerbewältigung eine große Rolle spielt, würde ich den Roman noch am ehesten als Favoriten bezeichnen. 

Die anderen Romane landeten im guten Mittelfeld, wenn man wirklich eine Geschichte sucht, die die eigene Stimmung etwas auflockert, die man nicht zu ernst nimmt, die aber hier und da eine nette und wichtige Botschaft bereithält.
Obwohl ich einige Figuren durchaus mochte, wirkten andere wie vorgefertigte Schablonen, die man nur eingesetzt hat. Mir fehlte es da durchaus an der altbekannten Bindung zu den Charakteren.
Die Stimmung jedoch war bei eigentlich allen Büchern recht angenehm. In einem befindet man sich in einem edlen Gästehaus, in einem anderen auf Tour mit einem auf Social Media gefeierten Pärchen und in den anderen größtenteils in den guten alten vier Wänden. Für Liebesromane eine absolut berechtigte Kulisse, die mal mehr, mal weniger für Überraschungen sorgt.


Würde ich noch einmal eine Woche nur Liebesromane lesen? Eher nicht. Die Geschichten bleiben für mich weiterhin gute Ablenkungen in Zeiten, in denen ich mal etwas fürs Herz brauche, aber nach fünf Liebesromanen sehne ich mich nach einer ernsteren und durchdachteren Geschichte. 

Es bleibt nur zu sagen, was man schon hätte ahnen können: Die Mischung machts.



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