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LITTLE WORDS




"Growing up, I took so many cues from books. [...]
They were my teachers and my advisers."

Neil Gaiman / "The Ocean at the End of the Lane"

BELIEBTE BEITRÄGE




NEUE   BEITRÄGE

Januar & Februar: Aller Anfang ist schwer

Neues Jahr, neues Glück? Irgendwie wollte 2021 nicht so richtig gut starten, oder? Auch lesetechnisch ging es bei mir eher holprig zu. Daher habe ich mich kurzerhand dazu entschlossen, den Lesemonat Januar nicht separat zu veröffentlichen. Gefühlt hat es für mich aber letztlich keinen großen Unterschied gemacht, denn auch der Februar ist nur so an mir vorbeigezogen.

In den beiden Monaten wurde viel Musik gehört (derzeit habe ich viele Lieder von Dermot Kennedy kennen und lieben gelernt), ich habe neue Gesichtsmasken ausprobiert (im Home-Office sieht ja keiner, wenn die Haut davon eher noch schlimmer aussieht...), gearbeitet, Spaziergänge gemacht und tatsächlich, auch aufgrund der Arbeit bei Legimi, langsam wirklich Gefallen an E-Books und E-Readern gefunden. Insgesamt habe ich im Januar und Februar 13 Bücher gelesen und 1 angefangen. Welche das waren und wie sie mir gefallen haben erfahrt ihr natürlich im folgenden Beitrag:

Wie immer gelangt ihr durch Anklicken des Buchtitels, falls vorhanden, auf die jeweilige Rezensionsseite.

  • "The Midnight Library" von Matt Haig: Ganz schöner Start für das neue Jahr, aber doch irgendwie für mich persönlich nichts super Besonderes / Außergewöhnliches. Matt Haig hat durchaus gute Ideen und vermittelt die richtigen Botschaften, aber leider fehlte mir hier außer der speziellen Bibliothek, doch das Spezielle. Ich hatte das Gefühl, dass ich solche Art von Romanen schon sehr oft gelesen habe und es nichts Originelles war. Dennoch denke ich, dass viele, die auf der Suche nach einer Geschichte fürs Herz sind, hiermit ihre Freude haben werden. 
  • "The Porpoise" von Mark Haddon: Den Roman von Haddon fand ich in gewissen Kapiteln richtig stark und dann wieder sehr verwirrend und nicht ganz rund. Es kann sein, dass mir hier viele Zusammenhänge zur mythischen Sage nicht vertraut waren und ich daher einige offene Fragen hatte, jedoch wollte es sich für mich am Ende nicht ganz stimmig anfühlen. Wer sich auf die Geschichte einlassen möchte, sollte beachten, dass man dabei recht konzentriert mitlesen muss und es nichts zum "Weglesen" ist - und das auch zusätzlich zu den auch ernsten Inhalten.
  • "Eight Detectives" von Alex Pavesi: Acht Kriminalgeschichten verpackt in einem großen Roman. Definitv eines meiner Highlights. Sicherlich für alle interessant, die sowieso gerne Whodunits oder Mystery Murder Geschichten lesen! 
  • "Kindheit" (Kopenhagen Trilogie #1) von Tove Ditlevsen: Hierzu wird noch ein separater Beitrag folgen, aber so viel vorweg: Ich bin bisher sehr angetan von der Reihe. Auch wenn ich einige Aspekte des Schreibstils noch hinterfrage, verstehe ich absolut, warum die meisten direkt so geschwärmt haben. Denn grundsätzlich reißt die Erzählart eine*n schon mit. Es klingt leicht und dann wieder abgeklärt, als würde die Härte des Lebens einem das Schöne der nachdenklichen und träumerischen Gedanken einen Strich durch die Rechnung machen wollen. Als würde die Erzählerin einem sagen: Versuch erst gar nicht, dich in Sicherheit zu wiegen, jemand wird kommen und dir jegliche Wärme rauben. Und doch bleibt man mit einem liebevollen Empfinden für die Protagonistin und Erzählerin zurück und hofft, dass sie den Glauben an das Gute nicht verlieren wird. Daher: Ich bin sehr gespannt auf die nächsten beiden Bände. 
  • "Dracula´s Child" von J. S. Barnes: Dracula Teil 2 á la Bram Stoker gefällig? Dann seid ihr hier genau richtig. Barnes greift das Geschehen des Klassikers auf uns spinnt es ein wenig weiter, jedoch in üblicher Manier. Zeitungsartikel, Tagebucheinträge und niedergeschriebene Tonaufnahmen inklusive. Ich habe es wirklich gemocht, gerade weil es versucht so nah am Original zu bleiben. Leider ist der Showdown etwas klein geraten, aber das konnte ich dem Roman tatsächlich verzeihen. 
  • "Pretty as a Picture" von Elizabeth Little: Der zweite Whodunit im Januar hat mir ebenfalls gefallen, allerdings hat er mich nicht so überzeugen können, wie "Eight Detectives". Das Setting, die Idee und auch einige Dynamiken fand ich durchaus geglückt, die Auflösung jedoch wirkte nicht völlig ausgereift. Ich hatte das Gefühl, dass hier noch etwas viel Größeres möglich gewesen wäre. Etwas schade, aber dennoch ein ganz netter Roman für Zwischendurch. 
  • "1984" & "Farm der Tiere" von George Orwell: Gute Klassiker neu aufzulegen ist schon eine sinnvolle Idee, einfach um zu versuchen ein jüngeres Publikum anzusprechen. Mit den neuen Covern ist das vielen Verlagen sicherlich gelungen. Und auch der Manesse Verlag hat ganze Arbeit bei der Gestaltung geleistet. Obwohl ich beide Romane mochte, haben mich einige Entscheidungen seitens des Verlags in Hinblick auf die Neuübersetzung enttäuscht zurückgelassen. Dennoch würde ich die Romane jedem empfehlen. Es steckt so vieles darin, dass uns ein Warnsignal für die Zukunft sein kann. 
  • "Grief is the Thing with Feathers" & "The Death of Francis Bacon" von Max Porter: "Lanny" hat mich damals richtig in den Bann gezogen, also dachte ich, wird es mal Zeit, seinen Erstling und dann auch gleichzeitig sein neuestes Buch zu lesen. "Grief is the Thing with Feathers" hat mich ebenfalls überzeugen können. Es ist absurd, originell und so clever gemacht! Genau mein Geschmack. Trauer trifft auf Kreativität sozusagen.
    Umso mehr hat mich dann die Tatsache verwundert, dass mir "The Death of Francis Bacon" beim ersten Durchgang gar nicht gefallen hat. Irgendwie war es mir dann doch zu absurd beziehungsweise zu unzusammenhängend. Ich wusste nicht so recht, was wo gerade passiert und wo wir uns überhaupt befinden. Ich glaube das hängt auch damit zusammen, dass ich diese Gemälde des Künstlers nicht kannte und nicht vor Augen hatte. Hier hätte es sicherlich geholfen, dass man die Bilder vor jedem Kapitel abgebildet hätte. Ich werde noch einmal versuchen, mich da etwas reinzulesen und umzusehen und dann noch einmal damit starten. Mal sehen, ob sich etwas an meinem ersten Eindruck ändern wird. 
  • "The Honey and the Sting" von E. C. Fremantle: Seit einigen Jahren schon sind historische Romane mit einem leicht gruseligen Ton beliebt (in Richtung Laura Purcell). Da ich Purcells Romane bisher mochte, greife ich daher auch öfter mal zu solchen wie "The Honey and the Sting". Aber wie schon bei "The Binding" fehlte mir hier wieder etwas, das mich wirklich überzeugt. Ich habe das Gefühl, die Idee der Geschichte ist da und ebenso ein großes Potential und letztlich versiegt alles in einem mittelmäßigen Ende (hier war es eher nicht das Ende, sondern der langgezogene Mittelteil). Ich fand diesen Roman durchaus an einigen Stellen gut, spannend und auch ideenreich, doch fehlte mir dieser besagte Funke, von dem immer alle reden, der entfacht werden muss, um eine Geschichte wirklich zu lieben. 
  • "Dinosaurier auf anderen Planeten" von Danielle McLaughlin: Elf Kurzgeschichten, die es in sich haben. Weniger phantastisch als zu Beginn gedacht, aber dennoch sind einige Erzählungen dabei, die ich wirklich gemocht habe.
  • "Caraval" (Caraval #1) von Stephanie Garber: Hach, was soll ich sagen. Es ist ein Jugendbuch mit vielen sehr typischen Elementen, aber irgendwie hat es mich total gepackt. Ich bin nur so durch die Seiten geflogen und hatte dabei einfach Spaß beim Lesen (langes in die Nacht lesen inklusive). Auch wenn man hier nicht wirklich literarisch und sprachlich gefördert wird, hat die Idee was. Dass man einen Geheimnis Zirkus aufzusuchen kann und an einem gefährlichen Spiel /Aufführung teilnimmt, um einen Herzenswunsch erfüllt zu bekommen lässt natürlich viele eigene Überlegungen des Ausgangs zu. Ich werde mir wohl auch den zweiten Band bestellen und sehen, ob mich die Fortsetzung auch unterhalten kann. 
  • "Die nicht sterben" von Dana Grigorcea: Mein aktuelles Buch im Februar. Ich hoffe, ich kann es morgen Beenden und dann zeitnah die Rezension passend zum Erscheinungstermin am 01. März veröffentlichen. Stay tuned...


Wie liefen eure ersten Monate in 2021? Gab es Highlights oder Flops (nicht nur auf Bücher bezogen)?


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Dinosaurier auf anderen Planeten von Danielle McLaughlin

Februar 24, 2021

Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "Dinosaurs On Other Planets"/ 2015), Luchterhand Verlag (2021), Übersetzer/in: Silvia Morawetz (aus dem Englischen), ★★★(★)☆ 3,5 Sterne
"Eine junge Frau lernt ihren Mann ganz neu kennen, als sie zum ersten Mal seine Heimat an der nordirischen Küste besuchen; eine Mutter will verstehen, warum ihr kleiner Sohn so besessen ist von Tierknochen und der Apokalypse … In diesen Geschichten ist die Welt ebenso schön wie fremd. Männer und Frauen, Alt und Jung bewegen sich durchs Leben, wie ein Tourist ein fernes Land erkundet: aufmerksam, mit einer Mischung aus Staunen und Misstrauen. Sie leben in ständiger Gefahr, missverstanden, verletzt oder abgelehnt zu werden, und wollen doch nur begreifen, wer sie sind, in welcher Welt sie leben."
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"Der Glückspilz Bob, der Schmerz so wenig kannte, dass er ihn hübsch verpackt bei eBay bestellen musste, um ihn sich hernach in lackierten Rahmen an die Wand zu hängen." S.42
Kurzgeschichten sind so eine Sache für sich. Einige können so gar nichts damit anfangen, andere wiederum lieben sie. Ich gehöre eher zur zweiten Kategorie. Daher bin ich wohl auch grundsätzlich mit einer hohen Erwartung an diesen Erzählband gestartet.

Ich muss sagen, dass mir die elf Geschichten insgesamt gut gefallen haben, auch wenn es komisch wirkt, dies in Bezug zu den teils unschönen Inhalten zu sagen. Jede Erzählung spielt mit dem Gefühl der Protagonist*innen, dass etwas, ein Geheimnis, ein tief verborgener Wunsch, eine Veränderung, die sie herbeisehnen, nicht offengelegt wird und nicht nach Außen gelangt. So spüren wir jedes Mal aufs Neue, einen in sich doch eher unbefriedigten Ausgang der Situationen. 
Dies kann auf der einen Seite natürlich frustrierend sein (und das ist es teilweise auch), aber manchmal schafft es McLaughlin genau deshalb die Intensität des Geschehens und der Emotionen herauszustellen. Was wünschen sich die Figuren am sehnlichsten? Was würden sie am liebsten in die Welt hinausschreien, um nicht das Gefühl des inneren Drucks zu spüren, der sie förmlich zerreißt? 
 
Ebenso enthalten einige Sätze eine solche Macht, dass man noch länger damit beschäftig ist. Dies war bei mir zum Beispiel bei dem ersten Zitat dieser Besprechung der Fall. Menschen, die sich Bilder an die Wand hängen, die Schreckliches zeigen (Krieg, Trümmer, vernichtete Gegenden), was sie allerdings nie erlebt haben und es nur als passendes Dekoelement für Zuhause erachten. Gleichzeitig war diese Aussage so tief mit dem Charakter verbunden, der dies geäußert hat, dass man die Projizierung des eigenen Schmerzes der Figur förmlich in jeder kleinen Anspielung auf Alltägliches spüren und packen konnte.
"'Der Ärger weiß, wie er die Leute findet´ sagte Kavanagh.'" S.90

Für mich ist der Erzählband demnach sicherlich nichts zum einfach schnell Weglesen oder zu dem man sofort einen Zugang findet, der einem alles erklärt. Vieles liegt dazwischen verborgen, schlummert ein wenig und kommt dann plötzlich mit einer ganz eigenen Kraft zurück. Man muss daher auch in der Stimmung sein und Lust darauf haben, sich intensiver mit den Geschichten auseinanderzusetzen, andererseits könnten es sicherlich viele als "banal" oder sogar langweilig ansehen. 

Die elf Geschichten sind insgesamt alle relativ ruhig. Es gibt Ereignisse, die es in sich haben, diese werden aber immer hinter einem Schleier erzählt, der den schlimmsten Aufprall verhindern soll.
Gleichzeitig war ich an vielen Stellen etwas abgeneigt, da (für mich persönlich) zu stark auf Beschreibungen gesetzt wurde, die irgendwie nicht in die Erzählung passen wollten. Ebenso waren auch die vielen Grausamkeiten gegenüber den Tieren absolut nichts für mich - auch wenn diese oftmals stark kritisiert werden und die düstere, makabre Stimmung inszenieren sollen.
Ebenso tat ich mich sehr schwer mit der oft auftretenden Gewalt gegenüber Kindern. Es werden Dinge geschildert, die natürlich aufzeigen, dass die Situation aufgeheizt ist und die Eltern oder umstehenden Personen am Limit sind. Jedoch fehlte mir bei der Tat selbst, bei der eine "Hand ausgerutscht ist", eine viel stärkere Kritik daran. Natürlich kann man dies zwischen den Zeilen irgendwie herauslesen, aber da dies bei vielen Geschichten erwähnt wird, erweckt es den falschen Eindruck der "Normalität".

Die Atmosphäre hingegen mochte ich oftmals sehr. Wir bewegen uns durch ländliche Gebiete Irlands, die wirken, als könnten sie auch einer Zwischenwelt entsprungen sein. Leise und doch laut. Sicher und dann wieder gefährlich.

"'Auf anderen Planeten könnte es also noch Dinosaurier geben?'
         'Nein', sagte Colman genau im selben Moment, als Pavel 'Höchstwahrscheinlich'
         sagte."
S.236
  
 
Elf Geschichten mit starken Inhalten. Mich hat jede Geschichte in Beschlag genommen, auch wenn sich einige Lieblinge herauskristallisiert haben. In den Erzählungen geht es um Themen des Alltags, des Lebens, der Familie und sich selbst. Nicht einfach zu verkraften, aber mit vielen guten und wichtigen Überlegungen. Dennoch fand ich einige Elemente unnötig eingebaut und die Beschreibungen des Umgangs mit Tieren wie auch der zu wenig kritisierten Gewalt gegen Kinder nicht immer angemessen.


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The Honey and the Sting von E. C. Fremantle

Februar 22, 2021

(Original: "The Honey and the Sting"/ 2020) Michael Joseph (Penguin Randomhouse Imprint), Übersetzer/in: -, ★★★(☆)☆ 3,5 Sterne
Drei Schwestern. Drei Geheimnisse. Drei Wege tief zu fallen...
England, 1628. Ein Kind erwartend, flieht die junge Hester vor dem mächtigen George Villiers, um ihren Sohn anschließend alleine großzuziehen. Sie hofft, nie wieder von diesem Mann hören oder ihn sehen zu müssen.
Melis´ Fähigkeiten erlauben ihr, Dinge zu sehen, die anderen verborgen bleiben. Andere würden sie vielleicht sogar als Hexe bezeichnen, wäre da nicht ihre fürsorgliche und beschützende Schwester.
Die Schönheit der jungen Hope lenkt immer mehr Aufmerksamkeit auf die Familie und sie kann sich einigen Avancieren nicht entziehen.

Als Villiers schließlich sein Recht einfordert und seinen Sohn mitnehmen will, stehen ihm die Schwestern beinahe ausweglos gegenüber. Ohne Freunde und ohne seine Gnade.
Doch die Frauen haben ein gemeinsames Geheimnis. Wird es ihr Verderben oder ihre Rettung bedeuten? Denn in den richtigen Händen ist ein Geheimnis die tödlichste Waffe von allen.
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"I want to call it coincidence but I have occasionally wondered whether time can fold in on itself and allow some people, if they are sensitive enough, a glimpse of the future."  S.26
"The Honey and the Sting" ist für mich wieder ein klarer Fall von: Nicht wirklich schlecht, aber auch nicht überragend gut. Es wurde einfach an vielen Stellen nicht das volle Potential genutzt.  

Wir folgen drei Schwestern, die jede auf ihre Art besondere Geheimnisse und Fähigkeiten in sich trägt. Die eine ist einfühlsam und beschützend, die andere verschlossen, nachdenklich und hat einen Hang zu Bienen und die dritte ist noch recht jung und lernt erst, was es bedeutet, Menschen vertrauen zu können. 
Grundsätzlich ist die Idee ganz gut und der Roman startet relativ vielversprechend. Trotz anfänglicher Momente, in denen ich dachte "nicht schon wieder so ein Anfang", denn der einflussreiche und regierende George Villiers hat eine der Schwestern missbraucht und ich hatte schon die Befürchtung, dass das Ganze in eine unschöne und romantisierende Richtung driftet, ging es in einem ganz guten Tempo voran. Der Mittlere Teil jedoch stagnierte dann allerdings und hat das Gefühl verstärkt, dass man sich im Kreis dreht. 

Ich fand es zudem schade, dass die tragende Idee der Geheimnisse grundsätzlich viel zu kurz kam. Vieles der angedeuteten Dinge war bereits bekannt oder wurde einmal ganz kurz erwähnt und war dann "vom Tisch". Zwar gibt es zum Ende hin noch einmal einen ganz guten Twist, aber ich hatte mir da viel mehr "düstere" Anspielungen gewünscht, die die Leser*innen richtig in den Bann ziehen würden.
"The bees know it - honey and sting. Sweetness and sharpness. That is what you need."  S.186
Vielleicht war dies aber auch schlichtweg der Idee der Vermarktung geschuldet. Die drei ersten Sätze der Inhaltsangabe machten für mich so viel her, dass ich dann letztlich etwas unbeeindruckt war. 
Meine allgemeine Bewertung stieg dann allerdings erneut, als ich beim Nachwort der Autorin ankam. Sie erwähnt, dass die Geschichte teilweise auf (zwar sehr vagen, aber) wahren Begebenheiten und Persönlichkeiten beruht. Gleichzeitig wollte sie die Figuren der Frauen in den Vordergrund stellen und ihnen eine Stimme geben, da sie diese in der Zeit um 1628 nicht haben durften / konnten. 
Hat man dies im Hinterkopf und tilgt sozusagen etwas die Voraussetzung, dass die Geschichte extrem spannungsgeladen sein muss, erreicht der Roman doch eine schöne Botschaft, die zwar nicht spektakulär, aber doch gut und durchaus wichtig ist. 

Mir gefiel die Dynamik der Figuren und auch viele aufeinander aufbauende Elemente. Letztlich bin ich mir jedoch etwas unsicher, ob ich die sehr subtilen Anspielungen bei gewissen Charakteren gut fand oder ob ich auch hier ein wenig enttäuscht bin, dass da nicht noch mehr herausgeholt worden ist. Denn, obwohl an vielen gekratzt wird, was die Schwester Melis und die Bienen betrifft und man einiges selbst interpretieren soll, fehlte mir so ein letztes Fünkchen, damit ich es geliebt hätte.


Die Konstellation und Dynamik der Figuren und insbesondere der Schwestern hat mir gut gefallen. Der Roman hat seine kleinen geheimnisvollen Momente, schöpft die angepriesenen Geheimnisse aber leider nicht vollends aus. Auch wenn die Geschichte in einigen Handlungssträngen wirklich gut ist, fehlte mir noch das i-Tüpfelchen hinsichtlich der "düsteren" Elemente, die für große Augen sorgen. Ist einem dies jedoch nicht wichtig, so erhält man eine durchaus schöne Geschichte über die Macht der Familie, die allerdings in der Mitte etwas an Spannung und Tempo einbüßt.


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George Orwell: Neu übersetzt im Manesse Verlag

Februar 15, 2021

Werbung ~ Rezensionsexemplare // "Farm der Tiere" ★★★ 5 Sterne  // "1984" ★★★☆ 4 Sterne

 

"Das Leben eines Tieres besteht aus Elend und Sklaverei: Das ist die nackte Wahrheit" - Farm der Tiere, S.10

 

Die Bücher von George Orwell sind wohl die am meisten neu aufgelegten Titel dieses Jahr. Viele Verlage haben sich an eine Neuübersetzung sowie eine Neugestaltung herangewagt. Auch der Manesse Verlag hat vor dieser Aufgabe nicht Halt gemacht. In recht knalligem und frischem Look sind seit Februar die Neuausgaben von "Farm der Tiere" und "1984" erhältlich. 

Die Inhalte

"Farm der Tiere": Die Revolution frisst ihre Küken! «Kein Tier soll seinesgleichen je tyrannisieren. Schwach oder stark, schlau oder schlicht, wir sind alle Brüder. Kein Tier soll je ein anderes töten. Alle Tiere sind gleich.» So Old Major, der preisgekrönte Middle-White-Eber. Doch allen guten Absichten zum Trotz kommt alles anders. Auf der Farm, wo die Tiere in Gleichheit und wechselseitigem Respekt zusammenleben wollten, herrscht bald Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrückung. Denn «manche Tiere sind gleicher als andere.» –

"1984": Winston Smith ist Mitarbeiter im Ministerium der Wahrheit. Der Held von «1984» macht zwei entscheidende Fehler: Er verliebt sich in seine Kollegin Julia, und er vertraut sich seinem Vorgesetzten an. Das ist im Weltreich Ozeanien eine Todsünde.
Totalitärer Überwachungsstaat, Entmündigung des Individuums, lückenlose Observation und Manipulation, Gehirnwäsche und Geschichtsfälschung - selten hat eine bei Erscheinen noch völlig absurd anmutende Dystopie die Zukunft der Menschheit so exakt und visionär vorhergesagt wie dieser Bestseller aus dem Jahre 1948. (Quelle: Manesse Verlag)


Nachwort & editorische Notiz

Die Romane nehmen stark Bezug auf die damalige politische Situation. Viele Erklärungen und Erläuterungen dazu findet man im Nachwort des jeweiligen Romans. Daher möchte ich die Geschichten gleichzeitig losgelöst davon betrachten und herausstellen, was wir in der und für die heutige(n) Zeit daraus mitnehmen können. 

Ein negativer Aspekt, der mir aufgefallen ist: An einigen Stellen werden weiterhin (und das trotz Neuübersetzung) rassistische Begriffe verwendet ("1984"). Diese wurden, laut editorischer Notiz, übernommen, um so nah wie möglich am Original zu bleiben. Auch auf die Gefahr hin, dass es auf Unverständnis der (neuen) Leserschaft stoßen wird (auch in der Notiz angemerkt). So sehr ich die Bemühungen und die Ausgaben aus dem Manesse Verlag liebe und schätze, aber diese Entscheidung ist mir wirklich so unverständlich! Nicht nur, weil sich beim Lesen wirklich alles in einem krümmt, sondern auch, weil Orwells Romane den Nicht-Fortschritt zu einer besseren Gesellschaft thematisieren, da an fehlerhaftem, verletzendem, ausbeuterischem und diskriminierendem Umgang festgehalten wird. Gerade hier wäre doch die Nicht-Verwendung ein Zeichen dafür, dass wir Imstande sind, die Warnsignale aus solchen Romanen ernst zu nehmen und umzusetzen, statt sie weiterzutragen. So setzt es eher das Signal, dass wir nichts daraus gelernt haben und scheinbar nichts ändern wollen - und das unter dem Deckmantel des "Wahrens des Originals". Wirklich schade.

"Big Brother is watching you!" - Gesellschaftskritik pur. Plus...


George Orwell versteht es, die Gesellschaft und "das System" unter die Lupe zu nehmen, die Mechanismen der Beeinflussung und Lenkung zu sezieren. Dadurch sind die Geschichten sehr gesellschaftskritisch und wirken mit jeder Seite tatsächlich zunehmend deprimierender. Alles zieht sich immer mehr zusammen, die Freiheiten werden eingeschränkt, die Individualität geht verloren, die Arbeit steht an erster Stelle, die Wirtschaft muss florieren, das Geld muss fließen. Und jede*r soll unter ausreichend unter Kontrolle gehalten werden. Kurz gesagt: Das System hat dich im Griff. 
Aber (!) es gibt auch kleine, wirklich sehr kleine, Lichtblicke. Diese sind dann erkennbar, wenn Figuren erwähnt werden, die sich dem entgegensetzen wollen und spüren, dass dieses Handeln nicht richtig sein kann. Besonders in "Farm der Tiere" ist diese Verwunderung über den negativen Wandel noch recht stark spürbar. Die Tiere können sich vielem nicht mehr entziehen oder etwas ausrichten, aber sie zeigen eine innere Skepsis der neuen Leitung von Napoleon gegenüber. Als Leser*in hat man noch einen Hauch Hoffnung, dass sich doch noch etwas ändern kann.
Auch in "1984" findet man ganz kleine Hoffnungsschimmer, wenn auch wirklich nicht stark ausgeprägt. Hier befinden wir uns bereits in einem System, das die Bewohner*innen komplett ausspioniert und in seinen Fängen hat. Jede*r hat Angst vor Jede*m und vor allem vor dem "Verschwinden".

Es ist wirklich schwierig zu sagen, dass die Geschichten etwas Positives in sich tragen. Ich war, nachdem ich beide beendet hatte, durchaus recht mitgenommen. Besonders "1984" sorgt für ein sehr beklemmendes Gefühl und Szenario, welches man danach erst einmal durch positive Abwechslung abschütteln muss. Es werden viele Systematiken mit politischer Wirksamkeit im Detail erklärt, die einem durchaus sehr vertraut vorkommen. Stichwort: Schere zwischen Arm und Reich und keine Nachteile für die sowieso schon Reichen und Mächtigen.
Und dennoch: Sie zeigen eben auch, dass wir uns noch an einem Punkt befinden, an dem diese Dystopien nicht unsere Wirklichkeit werden müssen.  Dass wir noch die Möglichkeit haben sollten (hallo Politik) zum Beispiel die Unterschiede zwischen Arm und Reich nicht noch stärker werden zu lassen, sondern ein wirklich faires Miteinander zu schaffen.

"Farm der Tiere" vs. "1984"?

Vielleicht hat man schon durch die sehr starke Vermischung beider Romane meinerseits gemerkt, dass die Inhalte sich sehr ähneln. Und tatsächlich kam mir letztlich "Farm der Tiere" wie eine komprimierte (und noch etwas nettere) Version von "1984" vor.
Wie schon erwähnt, geht "1984" stärker ins Detail, was das System, in dem der Protagonist lebt und auch die gesamte Struktur hinter "Big Brother" betrifft. Obwohl es grundsätzlich interessant und wichtig ist, hat es sich beim Lesen manchmal zu ausufernd angefühlt. Was jedoch wiederum das Gefühl des Romans bestärkt hat, dass das System darauf ausgelegt ist, ermüdend zu sein, um nicht mehr nachdenken zu können / wollen. 

In "Farm der Tiere" muss man als Leser*in mehr zwischen den Zeilen lesen und auch auf die kleinen Veränderungen innerhalb der Tierfarm achten. Hier mochte ich tatsächlich, dass der Roman zusätzlich mit "Ein Märchen" betitelt wird und man sich seinen Weg durch die Lügen bahnen muss. Wir befinden uns an einem Punkt, an dem das System zwar auf den Kopf gestellt werden soll, die Gier jedoch im Weg steht und zu einem erneut unfairen Leben führen wird. Es ist sozusagen die Warnung davor, dass sich die Geschichte, aufgrund falscher Absichten und exklusiv gewollter Vorteile, immer wiederholt. Einige der Tiere sind einem aber durch den Eifer und den guten Willen ans Herz gewachsen und sympathisch (zudem schwingt natürlich noch parallel die Kritik an der schlechten Tierhaltung und Ausbeutung mit, was ich immer befürworte!).
Bei "1984" fällt dieser Aspekt beinahe ausnahmslos weg. Selbst der Protagonist Winston Smith lässt manchmal Äußerungen fallen, die zeigen, dass er in gewissen Bereichen tiefer in der Maschinerie steckt, als er sich vielleicht eingestehen möchte und dagegen ankämpft. Besonders deutlich wurde das für mich bei den Beschreibungen der Frauen. Doch auch bei den Tieren spüren wir nach und nach den Druck, dem sie sich ausgesetzt fühlen. 

Wer also erst einmal "leicht" in dieses Thema einsteigen möchte, dem würde ich zu Beginn "Farm der Tiere" empfehlen. Zwar auch nicht ohne, aber mit doch mehr Augenzwinkern. "1984" ist dann wirklich für alle, die keine Schwierigkeiten damit haben, sich in ein wirklich unangenehmes, beengtes und beängstigendes, dauerhaft beobachtetes Lebensmodell zu lesen.
Insgesamt mochte ich beide Romane sehr. Natürlich wegen der Thematik und Kritik. Zudem steht so viel Wichtiges in diesen Büchern, das wir nicht ignorieren sollten. "Farm der Tiere" fand ich noch ein klein wenig besser in seiner Scharfzüngigkeit und Bissigkeit. "1984" ist jedoch perfekt, um die Schwere und das ganze Ausmaß dieser Dystopievorstellung zu spüren.

 

"Die Leute verschwanden einfach, immer nachts. Der Name wurde aus den Registern getilgt, jede Aufzeichnung über alles, was man je getan hatte, wurde gelöscht, die frühere Existenz wurde geleugnet und dann vergessen. Man wurde abgeschafft, vernichtet: vaporisiert war der übliche Begriff." - 1984, S. 29

Die Ausgaben: "Farm der Tiere" (Engl. Original: "Animal Farm - A Tale"), Manesse Verlag, Übersetzer: Ulrich Blumenbach // "1984" (Engl. Original: "Nineteen-Eightyfour"), Manesse Verlag, Übersetzer: Gisbert Haefs // Beide Ausgaben mit farbigem Lesebändchen

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Pretty as a Picture von Elizabeth Little

Februar 05, 2021

(Original: "Pretty as a Picture"/ 2020) Viking (Penguin Randomhouse Imprint), Übersetzer/in: -, ★★★(☆)☆ 3,5 Sterne
Marissa Dahl, eine schüchterne, aber erfolgreiche Cutterin in der Filmbranche, reist auf eine kleine Insel am Rande von Delaware, um mit dem legendären - und auch legendäre anspruchsvollen - Regisseur Tony Rees an einem Spielfilm zu arbeiten. Einem Spielfilm, bei dem der Inhalt nicht wirklich neu ist.

Ein Mädchen stirbt.

Marissa macht sich an die Arbeit: und macht aus Bildern Geschichten. Doch bald erkennt sie, dass nichts am Set ist, wie es scheint. Es gibt Gerüchte, um Umfälle und Skandale. Die Hälfte der Crew wurde gefeuert, die andere will selbst gehen. Und Marissa weiß auch nicht, warum ihr Vorgänger den Platz räumen musste.
Dann trifft sie auf zwei Mädchen, die nach der Wahrheit suchen. Sie wollen das reale Verbrechen lösen, worauf der Film aufbaut. Marissa wird in die Angelegenheit mit hineingezogen und steht plötzlich im Mittelpunkt.
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"Give me a movie and i´ll find a meaning, I´ll find the truth; I´ll find the story.
Sometimes, if I´m very lucky, I´ll find all three." 
S. 3
Ich liebe ja mittlerweile gute Murder Mystery oder Whodunit Geschichten und so klang auch "Pretty as a Picture" für mich nach der perfekten Lektüre. Vielleicht liegt es daran, dass ich durch die vielen Geschichten nicht mehr so leicht zu überraschen bin, aber so ganz konnte mich der Roman dann aufgrund der wenigen Überraschungen und Entwicklungen nicht ganz packen. Der Wunsch, es würde in Richtung "Eine amerikanische Nacht" von Marisha Pessl gehen, wurde daher leider nicht ganz erfüllt.

Aber fangen wir wie immer vorne an. Die Figuren und die Dynamik fand ich im Großen und Ganzen durchaus stimmig. Marissa ist als Protagonistin sicherlich nicht ganz uninteressant. Sie weiß manchmal nicht genau, wie sie auf Menschen reagieren soll, was ihre Mimik und Gestik zu bedeuten haben und schlängelt sich gerne von einem Missgeschick zum nächsten. Aber so richtig interessant ist sie dann auch nicht. Ich dachte irgendwann in der Mitte, dass da noch was ganz Großes aufgedeckt wird, etwas, das mit ihr zu tun hat oder ihrer Vergangenheit oder sonst etwas, doch das ist nicht passiert. Es werden zwar gewisse Fortschritte in ihrem Empfinden und ihrem Freundeskreis erwähnt, aber so richtig spannend wird es dabei nicht. Sie ist als Erzählerin ganz angenehm, weil man das Gefühl hat, das sie eben nicht die "Perfekte" ist, aber darüber hinaus fehlte mir einfach noch eine weitere Komponente, die dafür sorgt, dass sich die Handlung noch einmal auf eine andere Ebene heben lässt. 

Mir gefielen die Podcast-Inputs der beiden Mädchen, auf die Marissa währen der Zeit auf der Insel stößt. Dadurch wird man mit einigen Hinweisen zur Zukunft vertraut gemacht. Aber auch hier: Einige Kapitel hätte man streichen können, andere haben gefehlt, um dem Ganzen den nötigen Effekt zu geben.
"'He´s just trying to help.'
      'I´m sure he is.'
'Just - Listen to him, okay? For once. It sounds like something´s off about that set. Shit keeps going wrong, people keep quitting.''" 
S.114

Grundsätzlich ist es ein Roman, der hier und da mit dem Genre des Murder Mystery / Whodunit spielt, aber irgendwo abbiegt und dann zu einer relativ "bodenständigen" Erzählung wird. Das Ende war für mich daher doch etwas enttäuschend. Ich hätte mir deutlich mehr kreative Einfälle und Vertuschungen innerhalb der Crew gewünscht, um auch den, am Anfang als sehr schwierig beschriebenen Regisseur, noch mehr in den Fokus zu setzen.
Was ich jedoch sehr mochte, waren die vielen Details und Bezüge zur Machart eines Films. Man konnte hier und da neue Begriffe aufschnappen und hat durchaus diesen Stresspegel der Crew mitbekommen, den "Hollywood" auf sie hat.

Darüber hinaus denke ich jedoch, dass der Roman auch seine schönen Momente hat, wenn Marissa zum Beispiel immer auf ihr Leben und ihre eigenen Verhaltensweisen zurückblickt und man somit psychologischen Aspekte ihrer Person untersucht. Was macht sie eigentlich so "anders" so "unangepasst"? Wieso nimmt sie sich manchmal ganz anders wahr? Und besonders geglückt fand ich, dass man sich doch sehr oft selbst darin erblickt, vor allem, wenn es um die Unsicherheiten geht. Also, ja im Bereich des spannenden Aufspürens eines Verbrechens und eines packenden Murder Mysterys hinkt der Roman etwas hinterher. Aber man kann durchaus einige ganz angenehme Lesestunden damit verbringen und nimmt sicherlich die eine oder andere Sache mit.


Für mich leider kein unfassbar packender Murder Mystery-Roman, aber eine Geschichte mit Stärken, wenn es um die Darstellung der Protagonistin geht. Das Rätsel, das es zu lösen gilt ist zwar präsent, man vermisst aber ein wenig das Tempo und das "Hitzige". Die Idee, zwischen den Kapiteln einen "Teaser" in Form eines Podcast-Gesprächs einzubauen, ist ganz gut. Aber auch da fehlt der richtige Kniff, um das Ganze rund und (super) spannend zu machen. Daher: Spannung so lala, aber ein ganz guter Roman, wenn es um die psychologischen Aspekte von Marissa geht und ihre Art, eine eigene Handlungsstrategie innerhalb des Filmgeschäfts zu finden.


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