Unnatural Creatures von Neil Gaiman

Dezember 14, 2018




(Original: Unnatural Creatures/ 2016) Harper Collins , Übersetzer/in: -, ★★★★☆ 4 Sterne
In sechzehn Geschichten, ausgewählt vom Autor Neil Gaiman, treffen wir auf die erstaunlichsten Kreaturen der Mythologie. Mit dabei unter anderem Erzählungen von: Maria Dahvana Headley, E. Nesbit, Larry Niven, Anthony Boucher und natürlich auch Neil Gaiman selbst.

MEINE MEINUNG / FAZIT  

"I loved my monsters. Where there is a monster, the wise American poet Ogden Nash told us, there is a miracle." Introduction by Neil Gaiman

Zugegeben, die enthaltenen Geschichten sind nicht alle (eigentlich nur eine) von Neil Gaiman verfasst, sondern zusammengetragen. Insgesamt sechzehn verschiedene Autoren geben sich hier die Ehre von verschiedenen fantastischen Kreaturen zu schreiben, seien es Einhörner, Greife, Werwölfe oder Vögel, die ganz spezielle Kräfte besitzen.
Dennoch wird man das Gefühl nicht ganz los, dass dieser Erzählband ein klein wenig die Handschrift von Gaiman trägt, denn die Geschichten ähneln seinen eigenen schon sehr. Das trifft vor allem auf die mystisch, gruselige Atmosphäre und die manchmal sehr ironisch witzigen Einschübe zu. Aber auch die Erzählungen und Ideen selbst hätten meist genauso gut von ihm stammen können. Langweilig wird es demnach ganz sicherlich nicht.
Ich persönlich fand dabei einige Erzählungen etwas stärker, als andere, aber im Großen und Ganzen fühlt man sich zumindest mit allen gut unterhalten.
Diejenigen die mir im Kopf geblieben sind, haben aber nicht nur einen Unterhaltungsfaktor, sondern beschäftigen sich zudem mit dem Hochmut der Menschen (und Götter) und den daraus resultierenden Problemen. Also auch hier lassen sich thematisierte Charakterschwächen und gesellschaftskritische Denkanstöße finden.

"Now, Pridmore was a very careful person, though cross; but even the most careful persons make mistakes sometimes, and she must have taken the wrong omnibus or this story could never happened, and where should we all have been then?“ S.164

Ich mochte zudem die einleitenden Texte zu jeder Geschichte und auch das Vorwort von Neil Gaiman. Wer ihn ebenso durch Bücher wie "Neverwhere", "The Ocean at The End of the Lane" oder seinen Essayband "The View from the Cheap Seats" kennen und lieben gelernt hat, wird hiermit auch seine Freude haben, denn er lässt uns wieder einige Einblicke gewähren, die aufzeigen was ihm besonders an den Erzählungen der jeweiligen Autoren gefallen hat, wie sie ihn inspiriert und wie sie auch seine eigenen Geschichten geprägt haben. Natürlich etwas gezielter in Hinblick auch auf die ganzen Ideen zu übernatürlichen Wesen, fiktiven Städten oder absurden Handlungssträngen.
Grundsätzlich ist "Unnatural Creatures" aber ein Buch, das ich sehr gerne mit einigen längeren Pausen gelesen habe, da sich die Erzählungen meist auf eine kleinere Seitenzahl beschränken. Daher eignet es sich  sehr gut als Nachtlektüre für die gesamten dunklen Jahreszeiten.
Wer zudem auch gerne zu Büchern greift, die Illustrationen enthalten wird hier auch auf seine Kosten kommen. Jede Geschichte wird einleitend von einer Illustration von Briony Morrow-Cribbs begleitet und es lassen sich immer mal wieder-hier und da- einige kleine Details finden, die das Buch auch optisch ansprechend erscheinen lassen.

“I learned a lot from him as a writer. He once wrote that writers should treasure their spellingmistakes, and when I typed Coraline instead of Caroline, I did. Is a horse an unnatural creature?" Neil Gaiman über Larry Niven, S. 199


Wunderbar vielfältige Erzählungen über die fantastischsten, außergewöhnlichsten, merkwürdigsten und unterhaltsamsten Kreaturen von sechzehn verschiedenen Autoren, die sich aber gut ergänzen und auch thematisch einen roten Faden erkennen lassen. Für Fans von Neil Gaiman sorgen die persönlichen Einschübe über Inspirationen und das Vorwort dafür, dass man es nicht als Nachteil ansieht, dass er hier mit nur einer Geschichte vertreten ist.





November: Kurzgeschichten und zurück nach Hogwarts

November 30, 2018




Ich könnte diesen Beitrag wieder damit beginnen, dass die Zeit viel zu schnell vergeht, dass ich mich darüber wundere, dass morgen schon Dezember ist und scheinbar alle (außer mir natürlich) schon die meisten Weihnachtsgeschenke besorgt haben. Und da ich das nun quasi getan habe, schreibe ich nun lieber ein wenig über die Bücher, die ich im November gelesen habe.
Überraschenderweise sind es gar nicht so wenige. Das lag vielleicht auch daran, dass ich mich wieder den Abenteuern in Hogwarts hingegeben habe und ich die Bücher immer schneller auslese als mir lieb ist.
Diesen Monat ging es aber auch mal wieder ins Kino zu "Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald". Und ich weiß gar nicht, was ich davon halten soll. Ich finde der Film hat ganz nette und lustige Stellen, aber im Großen und Ganzen bin ich doch enttäuscht. 
Für mich sind die Harry Potter Filme so einzigartig und besonders und "Fantastic Beasts" reiht sich da zurzeit einfach absolut nicht ein. Ich mag es nicht, dass dort vor allem so viele Logik- und Zeitfehler vorkommen, dass sich alles irgendwie in tausend Strängen verliert (und man mit Cliffhangern versucht das noch weiter auszudehnen) und dass es den klassischen Anschein macht, als wollte man nur auf irgendeine Weise mehr Geld mit der nun ausgefeilten "Wizarding World" machen. Aber nun ja...

Wie immer gelangt ihr durch Anklicken des Buchtitels, falls vorhanden, auf die jeweilige Rezensionsseite.  

  • "Nortons philosophische Memoiren" von Hakan Nesser: Ein kleines Büchlein, das mir Anfang des Monats sehr gefallen hat. Anfangs unterhaltsam, wird es zunehmend emotionaler, aber auch keine erdrückende Weise. Man kann sich nur zu gut vorstellen, was für ein gutes Team Hakan Nesser und sein Hund gewesen sind. 
  • "Der Verräter" von Paul Beatty: Immer noch bin ich mir nicht ganz sicher, wie ich letztlich zu dem Buch stehe. Einiges sehe ich kritisch, verstehe aber wohl die Intention hinter Beattys Herangehensweise. Genug Gesprächsstoff bietet der Roman aber auf jeden Fall. Sei es aufgrund der Wortwahl, der kritischen Äußerung zu gesellschaftlichen Strukturen oder auch den "sozialen Experimenten", die der Protagonist durch seinen Vater erleiden muss. 
  • Für das "Börsenblatt" durfte ich eine Empfehlung für ein Special zum Thema "Romance/ Liebesromane" geben. Meine Wahl fiel dabei auf "Im Kern eine Liebesgeschichte" von Elizabeth McKenzie. Vielschichtig und sicherlich geeignet für alle, die es etwas außergewöhnlicher mögen. Die Protagonistin hat nämlich eine Liebe für die Eichhörnchen, die in ihrer Gegend umherwirbeln und ist sich sicher, dass sie mit ihr reden. Eine gelungene Auflockerung für die doch recht ernsteren Themen, die im Roman aufgegriffen werden. Zum Beispiel die Last, die wir zusätzlich tragen, wenn wir uns von problematischen Verhaltensweisen der Familie einnehmen lassen und es nicht schaffen uns davon zu distanzieren oder auch die moralischen Fragen danach, wo die Menschlichkeit aufhört, wenn wir die Wissenschaft nur als etwas sehen, das Ergebnisse bringen muss. 
  • "Harry Potter and the Philosopher´s Stone" und "Harry Potter and the Chamber of Secrets" von J.K. Rowling: Es scheint bei vielen so ein Phänomen zu sein, dass man die Bücher und die Filme zur Herbst- und Winterzeit immer wieder lesen möchte. Auch mich packt immer dieses Reread-Fieber. Daher habe ich mir meine Gryffindor House Editionen geschnappt und angefangen zu lesen. Lohnt sich immer!
  • "Das Gegenteil von Einsamkeit" von Marina Keegan: Keegans tragisches Schicksal sorgte dafür, dass ihre Kurzgeschichten vielen auf Anhieb viel präsenter waren. Das Buch ist mir spontan in die Hände gefallen und ich habe immer mal wieder rein gelesen. Ich persönlich fand zum jetzigen Zeitpunkt ihre Essays doch interessanter zu lesen, als ihre Kurzgeschichten. Dennoch bin ich der Meinung, dass die Stories auch etwas ganz Besonderes an sich haben. Sie erinnerten mich teilweise an die Erzählungen von Alice Munroe. Der Fokus wird stark auf das Innenleben und die emotionalen Entwicklungen der Protagonisten gelegt. Die Handlungen selbst rücken dabei eher in den Hintergrund. Allerdings fehlte mir persönlich immer so ein letztes Fünkchen, das mich vollkommen von den Geschichten überzeugen hätte können. Vielleicht muss ich die Erzählungen aber noch einmal zu einem anderen Zeitpunkt lesen.
  • "Ill Will" von Michael Stewart: Hach, da die Rezension letztens erst online ging, halte ich mich hier etwas zurück. Aber wirklich überzeugt war ich von dem Roman nicht. Vieles schien mir nicht zu dem Klassiker "Wuthering Heights" zu passen, woran dieses Buch hier angelegt ist. 
  • "A Spool of Blue Thread" von Anne Tyler ist meine derzeitige Lektüre, die ich aber schon beinahe ausgelesen habe. Anfangs war ich etwas unbeeindruckt und dachte, es wäre eine zu langweilige Darstellung einer Familiengeschichte. Aber nach dem zweiten und dritten Kapitel habe ich mich immer mehr von der Familie und den Schilderungen einnehmen lassen. Vielleicht wird hierzu auch noch eine separate Rezension folgen.

Was waren eure Lieblingslektüren im November?  Lest ihr in den kalten Monaten auch öfters Bücher, die ihr schon einmal gelesen habt? Und habt ihr Fantastic Beats: The Crimes of Grindelwald bereits gesehen? Wie hat er euch gefallen?



Ill Will von Michael Stewart

November 25, 2018



(Original: Ill Will - The Untold Story of Heathcliff / 2018) Harper Collins , Übersetzer/in: -, ★★(☆)☆☆ 2,5 Sterne
Heathcliff hat Wuthering Heights verlassen und reist durch die Gegend von Liverpool, auf der Suche nach seiner Vergangenheit. Auf dem Weg rettet er ein Mädchen namens Emily, welche ihn von da an auf seinem Weg begleitet. Gemeinsam ziehen sie von Friedhof zu Friedhof und versuchen von Emilys angeblicher Gabe, mit den Toten sprechen zu können, zu leben. Die beiden lügen, betrügen und versuchen so den Weg durch Nordengland unbeschadet zu überstehen...

MEINE MEINUNG / FAZIT  

"I remember that young boy at chapel, Cathy, you were friendly with him. Died of consumption a few years since. I always liked his name. It was good and whole and clean.
       'My name, sir, is William Lee.'
I´d stole the name of a dead child. A boy we laiked with before and after sermon.'" S.26

Wuthering Heights ist zwar kein Klassiker, der zu meinen wirklichen Lieblingen zählt, aber die Idee eines Romans, der über die uns unbekannten drei Jahre erzählt, in denen Heathcliff sich von dem Anwesen zurückzog, schien mir doch durchaus interessant und verlockend.
Lieder ließ mich der Roman "Ill Will" dann aber eher unbeeindruckt zurück. Doch fangen wir vielleicht erst einmal mit den positiveren Dingen an.
Zunächst sollte noch erwähnt sein, dass man "Wuthering Heights" doch gelesen haben sollte. Viele Motive und Äußerungen sind sonst nicht zu verstehen.
Nun, das was mir gefallen hat war, dass es einen starken Bezug zum Klassiker aufweist. Der Protagonist Heathcliff, den wir hier unter verschiedenen Namen kennenlernen, weil er sich bei seinen Mitmenschen nicht zu erkennen geben darf, adressiert seine Erlebnisse dieser drei Jahre (von 1780 -1783) an Cathy, seine große Liebe, die wir ebenfalls aus Emily Brontes Roman kennen. Unverkennbar sind hier die vielen Bezüge zu seiner scheinbaren Abhängigkeit zu ihr, das dringende Bedürfnis ihr zu zeigen, dass er ihr ebenbürtig ist und sie einen Fehler macht, ihn nicht zu lieben. Immer wieder greift der Roman also auf die emotionale Ebene aus "Wuthering Heights" zurück. 
Ebenfalls gefiel mir die Thematik, die sich mit Reichtum versus Armut befasst, die aufzeigt, welche schwierigen Verhältnisse in den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten, zu dieser Zeit, herrschten. Und ebenso gab es einige ganz gelungene Passagen, in denen sich Heathcliff und Emily, das Mädchen auf das er trifft, über das Leben unterhalten. Deren Zusammenspiel hat die Handlung vorangetrieben und sorgte durchaus für einige gute Überlegungen.

"[...] [A]nd I would kill if I felt like it. But better to kill a man´s spirit, to crush it entirely, while saving his flesh for the devil.“ S.49

Leider enden hier aber auch schon meine positiven Ansichten zum Roman.
Was mir nicht gefallen hat, war einfach durchgängig so präsent, dass ich oftmals einfach nur mit fragendem Blick auf die Seiten gestarrt habe.
Die fragenden Blicke gab es aber tatsächlich auch schon zu Beginn. Heathcliff erklärt seine Situation, wie er aus Wuthering Heights geflohen ist und schildert seine Abneigungen gegenüber Hindley, Edgar und sogar dem Verhalten von Cathy. Das aber in so einem Ton, dass ich wirklich nicht wusste, was das soll. Es wird im Buch pausenlos geflucht und es fallen beinahe auf jeder Seite Schimpfwörter. Natürlich, man will Heathcliffs 'ungebildete' Seite hervorheben und geflucht wurde nun einmal auch schon damals. Aber mir schien es an diesen Stellen einfach vollkommen unpassend. Es wirkte gezwungen und tatsächlich nicht vereinbar mit dem Charakter, den wir aus dem Klassiker kennen. 
Dies bringt mich auch schon zum nächsten Punkt. Heathcliffs Charakterisierung scheint einfach etwas umgewandelt worden zu sein. Ich hatte stets den Klassiker im Hinterkopf und das Verhalten Heathcliffs schein mir oftmals ganz und gar nicht mit dem vereinbar, wie wir es aus dem Klassiker kennen. Wie er sich Emily gegenüber verhält und anschließend den Kindern aus Wuthering Heights passte für mich einfach nicht zusammen. 
Ebenso das durchbrochene Fürsorgliche für Emily durch diese wirklich brutale Seite von Heathcliff schien mir teilweise an den Haaren herbeigezogen. Ich will nicht übertreiben, aber einige Szenen wirkten einfach wie ein schlechter Horrorfilm, viel Blut, viel Gewalt und scheinbar nur da, um für Spannung und die nötigen Schockmomente zu sorgen. Leider erwirkte dies bei mir aber eher eine abwehrende Haltung gegenüber dieser Romanidee.
Was mich dann aber noch einmal mehr verärgert hat, war, dass Heathcliffs Aufarbeitung der Vergangenheit unfassbar stereotypisch abgehandelt wurde. Jemand wird gesucht, der jemanden kennt, der jemanden kennt, zu dem Heathcliff muss, um seine Geschichte zu hören. Und wie überraschend (denn wir erinnern uns, dass Heathcliff als schwarz beschrieben wird), dass sein Äußeres noch die Möglichkeit bietet rassistische Wörter einzuwerfen, weil man das ja damals so gesagt hat.
Ja, die Herkunft Heathcliffs ist ein wichtiger Punkt in "Wuthering Heights" und sicherlich wäre dies auch hier ein interessanter Ansatz gewesen, für mich wurde es aber alles andere als gut umgesetzt. 
Abschließend findet man auch noch eine Liste an Sekundärliteratur, die der Autor zu Rate gezogen hat. Nach all den Titeln hätte ich mir doch eine etwas gelungenere Darstellung der "verlorenen drei Jahre" von Heathcliff gewünscht.

“Some of us use money to pursue fame, others to buy their anonymity." S.218


Ein Roman über die, im Klassiker nicht erwähnten, drei Jahre des Protagonisten "Heathcliff" aus Wuthering Heights. Obwohl Emily und Heathcliff als Figuren einige interessante Gespräche führen, schienen mir die Figuren nicht ausgearbeitet genug, um anschließend an die Handlung des Klassikers "Wuthering Heights" anzuknüpfen. Ebenso fand ich die Sprachwahl an vielen Stellen sehr unpassend und nicht überlegt gewählt. Das ständige Fluchen und verwenden von Schimpfwörtern ließ den Roman oftmals sehr flach wirken und die Handlung selbst sorgte dann schließlich auch nicht wirklich für große Überraschungen.


Fliegen, tanzen, wirbeln, beben von Katherine Mansfield

November 18, 2018



Rezensionsexemplar - (Original: Tagebücher unter eigenem Titel zusammengefasst/ 1903-1922) Manesse Bibliothek, Übersetzer/in: Irma Wehrli (aus dem Englischen), ★★★(☆)☆ 3,5 Sterne

„Die Auswahl reicht von ersten Talentproben der zwölfjährigen Neuseeländerin Kathleen Beauchamp bis hin zur brillanten Tagebuchprosa einer gereiften Schriftstellerin. Hier in Neuübersetzung vorgelegt, faszinieren die Texte durch gedankliche Tiefe, Intimität, Empfindungsreichtum und den Zauber der poetischen Weltbetrachtung. “

MEINE MEINUNG / FAZIT  

"Dies ist ein verräterisches kleines Notizbuch, ganz im alten Stil. Wie es mich bloßstellt!" S.338

Tagebucheinträge sind etwas Privates, etwas das niemand außer einem selbst lesen wird. Daher muss es authentisch sein, oder etwa nicht?
Katherine Mansfields Tagebuchaufzeichnungen zeugen von einer ganz bestimmten Melancholie und Verletzlichkeit. Man spürt Unsicherheiten, ihre Sprunghaftigkeit, das „Wirbeln“ in ihrem Leben. Leichtfüßig, ja „tänzelnd“ versucht sie auch immer ihre Ängste zur Seite zu schieben. Doch als Leser spürt man, da ist etwas Verborgen, was eine große Traurigkeit in sich trägt.
Mansfield schwankt ständig, sagt in einem Moment, sie „ will nie etwas auch nur entfernt Theatralisches schreiben, und es muss ultramodern sein“ und am besten auch nicht melancholisch, kurz darauf tauchen aber genau diese Stimmungen in ihren Äußerungen auf. Sie ist eine Frau, die sich schwer an etwas binden kann, manchmal auch nicht zu ihrem eigenen Wort steht. Diesen Eindruck erhält man auch, wenn sie über Freunde, Liebhaber (ob Mann oder Frau) und Vorbilder spricht. 
Wir treffen auf viele große Namen, die Katherine Mansfield anscheinend dabei helfen sollten, ihren eigenen Weg voranzuschreiten. Sie versucht auf ihren Pfaden zu gehen, ihre Inspiration für sich nutzen zu können. Und man muss sagen, dass vieles, das sie in Prosa in ihr Tagebuch schreibt, teils wirklich tiefgründig und durchaus erwähnenswert ist. Sei es, wie sie die Stellung der Frau kritisiert, sei es wie treffend sie das Leben in Momenten beschreibt und diesen Zwiespalt in einem auf den Punkt bringt. Will ich glücklich oder erfolgreich sein?

"Ein Tag in der Hölle. Unfähig zu allem. Trank Kognak. Wollte nicht weinen - und weinte. Entsetzliche Einsamkeit. “ S.219

Und genau an dem Punkt ist mir aufgefallen, dass ich das Buch häufiger mal zur Seite legen musste, weil viele Kapitel einen selbst runterziehen können. Häufig erwähnt sie ihre Lustlosigkeit auf den Alltag, ihre Überforderung etwas Produktives zu schreiben, sie fühlt sich müde, traurig, allein. Besonders, wenn man vielleicht selbst gerade in einer beruflichen Sackgasse steckt oder gar nicht weiß, wie die Zukunft für einen aussieht, merkt man, wie schwierig man dem Geschriebenen folgen kann, ohne sich „unbeteiligt“ zu fühlen. Ja, in „Fliegen, Tanzen, Wirbeln, Beben“ bekommt man den Eindruck, dass der Text ebenso schwankend, ebenso tänzelnd ist, wie das Leben der Schriftstellerin selbst. Ich konnte Katherine Mansfield als Persönlichkeit zumindest nicht wirklich greifen und
letztlich wirken die Tagebucheinträge aber doch so, als wolle Katherine Mansfield einen Teil ihrer selbst an ein gewisses Publikum weitertragen, aber dennoch weiterhin mysteriös bleiben und die Leute durch ihre selbstgewählten Pseudonyme für ihr Umfeld in die Irre leiten. 
Vielleicht war ich zum Schluss aber auch nicht ganz so überzeugt oder angetan, weil ich stets das Gefühl hatte, dass sich Mansfield immer für ihre "Unproduktivität" entschuldigen versucht und immer sagt, sie hätte mehr schreiben müssen. Manchmal klang es schlicht so, als fordere sie vom Leser ihr zu wiedersprechen, eine Art "Fishing for compliments".  Ich mag mich täuschen, aber es wirkte sehr berechnend. 
Dennoch kann man ihr die Kunst des Schreibens nicht absprechen, denn das kann sie. Sie schreibt manchmal so banale (lustige?) Dinge, die einen nachdenklich machen wie zum Beispiel: "Auffällige Besonderheit. Schuhe, die noch nie gequietscht haben, quietschen auf einmal." Und man fragt sich: Ist das genial? Steckt da mehr dahinter oder ist es einfach eine wirklich unterhaltsame, auffällige Besonderheit?

“Und selbst in meinem Gehirn, in meinem Kopf kann ich wahre Wunder denken, wirken, entwerfen - wahre Wunder; doch sobald ich sie niederschreiben will, versage ich kläglich.“ S.134


Auch wenn wir einen minimalen Eindruck ihrer Persönlichkeit wahrnehmen, wirken die Texte doch noch stark konstruiert, überarbeitet und „geformt“. Geleitet wird man durch die Aufzeichnungen aber stets mit einer sehr schwankenden Stimmung, mal heiter und glücklich, dann wieder zutiefst melancholisch und niedergeschmettert. Nicht immer leicht zu folgen und manchmal auch sehr wiederholend, aber wenn man sich vielleicht die nötigen Pausen lässt, erfährt man doch (ein klein wenig mehr) über Mansfield und ihr wahnsinnig sprunghaftes, wildes Leben, als man, durch die beliebig scheinenden Einträge, zunächst denkt.



Der Verräter von Paul Beatty

November 13, 2018



Rezensionsexemplar - (Original: "The Sellout"/ 2015) Luchterhand, Übersetzer/in: Henning Ahrens (aus dem Amerikanischen), ★★★(☆)☆ 3,5 Sterne

„Dickens, ein Vorort von Los Angeles, ist der Schandfleck der amerikanischen Westküste: verarmt, verroht, verloren. Zugleich ist es der ganze Stolz seiner schwarzen Einwohner, eine Bastion gegen die weiße Vorherrschaft. Hier zieht der Erzähler von "Der Verräter" friedlich Wassermelonen und Marihuana. Doch als sein bürgerrechtsbewegter Vater durch Polizeigewalt stirbt und die Gentrifizierung den gesamten Vorort auszuradieren droht, wird er unversehens zum Anführer einer neuen Bewegung: Mit seinem Kompagnon Hominy, alternder Leinwandheld aus "Die kleinen Strolche", führt er Sklaverei und Rassentrennung wieder ein ...“
Interview mit Paul Beatty zu seinem Buch: >>

MEINE MEINUNG / FAZIT  

"Ich habe noch nie einen Anzug getragen, und der Händler, der mir diesen verkaufte, meinte: 'Gefällt Ihnen garantiert, wie Sie darin aussehen.´ Mein Spiegelbild sieht jedoch aus wie das aller anderen schwarzen Männer mit Geschäftsanzug und Cornrows oder Dreadlocks oder Glatze oder Afrolook, deren Namen und Gesicht keiner kennt - wie eine Verbrechervisage." S.11

Dieses Buch war wohl eines der größten Herausforderungen für mich seit langer Zeit. Ein schwarzer Ich-Erzähler, der sich kontinuierlich rassistisch äußert und sich vornimmt wieder die Rassentrennung und Sklavenhaltung einzuführen.
Von vielen wird das Buch als Satire betitelt. Natürlich, das könnte man eventuell in die Geschichte mit einfließen lassen und damit einiges erklären, aber ich war anfangs etwas ratlos. Daher stürzte ich mich auch nach Beenden der Lektüre auf verschiedene Interviews des Autors und auf Rezensionen verschiedener Leser, um meinen eigenen Eindruck irgendwo einordnen zu können.
Die Geschichte fängt sofort turbulent und natürlich spitzzüngig an. Der Ich-Erzähler greift bereits hier zu einem geschickten Manöver, in dem er sagt: "Aus dem Mund eines Schwarzen klingt das sicherlich unglaublich, aber ich habe nie geklaut." Gefolgt von vielen Vorurteilen, die man gerne mit den Schwarzen in Verbindung zu bringen scheint. Das hat natürlich zur Folge, dass man sich als Leser vielleicht nicht ertappt fühlt, aber zumindest direkt darauf hingewiesen wird, dass ein bestimmtes Bild zu entstehen scheint, wenn wir wissen, dass der Protagonist schwarz ist. Kriminelle Machenschaften natürlich mit einbezogen.
Und dennoch, durchgehend gab es für mich nie eine Konstante in dem Buch, was wunderbar mit der Aussage der Geschichte zusammenpasst. Es gibt kein festes Bild einer bestimmten Menschengruppe. Ein Mensch kann in vielerlei Hinsicht richtig handeln, und im nächsten Moment fragt man sich, was die folgende, unverständliche Handlung überhaupt zu bedeuten hat. Das sollte aber nicht mit der Hautfarbe assoziiert werden.
Grundsätzlich bleibt aber der anfängliche Eindruck bestehen, dass der Roman nicht einfach für zwischendurch gedacht ist, auch wenn er als eben "komische Satire" hervorgehoben wird. Die Sätze sind meist lang und verschachtelt, sagen dabei aber so viel aus, dass man es manchmal zu schnell überliest, wenn man sich nicht ein wenig Zeit dafür nimmt. So habe ich es zumindest empfunden.

"[...][A]ber Charisma hätte klar sein müssen, dass es 250 arme farbige Schüler, die eine grottenschlechte Schulbildung bekommen, nie auf eine Titelseite schaffen, ein einziges weißes Kind, dem gute Bildung vorenthalten wird, dagegen einen Shitstorm in den Medien auslöst.“ S.304

Schwierig habe ich mich tatsächlich mit der Sprach- und Wortwahl getan, für die das Buch so gelobt wird. Rassistische Wörter fallen beinahe im Minutentakt und man weiß gar nicht, ob man es nun als "künstlerisches Element" ansehen soll oder es einfach geschmacklos ist. Hier habe ich mir verschiedene Rezensionen durchgelesen, von weißen und schwarzen Lesern und auch hier scheiden sich die Geister. Die einen loben es, auch in Hinblick auf das "Satirische", die anderen sehen die Art des Romans nur als Ausrede, um die Wörter schreiben zu können.
Eines wird in dem Roman aber deutlich: Der gesamte Wahnsinn, den die Gesellschaft auszumachen scheint. Jede Nation, jede Gruppe von Menschen hat hier gewisse Vorurteile anderen gegenüber. Es scheint ein Phänomen zu sein, dem sich niemand entziehen kann. Versucht man auf der einen Seite entgegenzuwirken, artet es auf der anderen Seite wieder aus. Jeder muss immer zu allem etwas zu sagen haben, keiner hört dem anderen zu und natürlich hat jeder recht.
Unabhängig von der Thematik, gefielen mir einfach persönlich gewisse Einschübe nicht, die sich so stark auf das "Macho-Verhalten" bezogen haben. Diese ständigen Anspielungen auf sexuelle Eroberungen oder Ähnliches waren mir einfach irgendwann zu anstrengend.
Letztlich blieb bei mir aber der Eindruck bestehen, dass wir nicht einmal annähernd verstehen können, wie sich Rassismus anfühlt, egal wie ungerecht andere soziale, hierarchische Strukturen funktionieren. Und ich glaube, dass sollten wir ein wenig im Hinterkopf behalten, wenn wir immer versuchen bestimmte Äußerungen zu relativieren.

“Hier in Amerika kann >>Integration<< auch ein bloßes Alibi sein. >>Ich bin kein Rassist. Meine Partnerin beim Abschlussball, mein Cousin zweiten Grades, mein Präsident sind schwarz (oder was auch immer).<< Das Problem besteht darin, dass wir nicht wissen, ob Integration ein natürlicher oder ein unnatürlicher Zustand ist. Ist Integration, ob erzwungen oder freiwillig, soziale Entropie oder soziale Ordnung? Der Begriff wurde niemals richtig definiert.“ S.205


Durch die explizit verwendete, rassistische Wortwahl, bleibt es ein Buch, das sicherlich Gesprächsthema bleiben wird. Sieht man es als künstlerischen und satirischen Schachzug oder ist und bleibt es ein Roman, der zu weit geht? Dies ist ein Aspekt, den jeder anders sehen wird. Der thematische Aspekt hingegen ist durchaus wichtig und sollte nicht als bereits abgeschlossen gelten. Rassismus ist und wird vermutlich leider noch in den nächsten Jahren ein Thema bleiben, da sich Menschen zu schnell damit begnügen zu sagen, dass es doch schon besser geworden sei. Vieles wird teilweise ins Lächerliche gezogen und rüttelt so auf andere Art und Weise auf, für mich war es aber dennoch kein "lustiger" Roman.


5 Gründe, warum man Norton einfach lieben muss

November 08, 2018





Rezensionsexemplar ~ „Nortons philosophische Memoiren“ von Håkan Nesser (übersetzt aus dem Schwedischen von Paul Berf)

Ich bin definitiv ein Hundemensch. Solange ich zurückdenken kann, bin ich immer mit einem Plüschhund unter dem Arm unterwegs gewesen. Sie waren für mich einfach immer die perfekten Begleiter. Und auch wenn ich bis heute noch keinen echten eigenen Hund habe, weiß ich, dass man neben der Verantwortung, die man für dieses Lebewesen aufbringen muss, mit einer besonderen Freundschaft belohnt wird.
Auch Norton, ein Ridgeback, der nun seine Memoiren aufschreiben lassen hat, lässt uns einen Einblick in die besondere Beziehung zwischen Mensch und Hund bekommen. Und das mit einer großen Portion Humor und Augenzwinkern.
Der Mann, der sich den Aufzeichnungen seines Hundes angenommen hat ist dabei niemand geringeres als der bekannte Schriftsteller Håkan Nesser. Eigentlich ist er ja für seine Krimis bekannt, aber in diesem Fall ist er ja auch nur der Übermittler der Anekdoten seines Hundes...
Hier folgen nun fünf Gründe, warum man Norton einfach mögen muss und warum man ihn in sein Herz schließt, auch wenn wir nur einen kleinen Eindruck seines Lebens präsentiert bekommen:


„Ungefähr in diesem Stadium meines Lebens beschloss ich, Pazifist zu werden. Das ist eigentlich eher unüblich unter uns Philosophen, Verzeihung, ich meine, Hunden […]“


1. Er ist Hund, Philosoph, Psychologe und Pazifist: Eigentlich ist Norton aber auch noch viel mehr. Versuche sich selbst zu kategorisieren klappen aber dennoch nicht immer. Was aber überhaupt nicht zum Nachteil ausgelegt wird, denn dadurch zeigt er auf, dass man vieles sein kann, Bezeichnungen können zwar dabei helfen sich zu positionieren, aber sie sind nur die Oberfläche. Der Leser lernt nach und nach, was Norton ausmacht und wo seine Stärken und seine liebenswerten Seiten liegen.

2. Er lernt aus seinen Fehlern und den Vorurteilen: Natürlich trifft Norton auch auf andere Hunde. Anfangs hat er vieles zu kritisieren, insbesondere die äußere Erscheinung seines Cousins Melwin. Doch schnell stellt er fest, dass er sich den Fehler eingestehen musste zu schnell geurteilt zu haben. Eine ganz wunderbare Freundschaft entsteht, die dem Leser noch ein wahres Abenteuer der beiden präsentiert. Ganz selbstverständlich natürlich mit der nötigen Prise Humor.  

3. Er ist herrlich ironisch und hat Humor (ohne es selbst zu wissen): „Der Mensch ist ein Rätsel, dachte ich und schloss die Augen.“ sagt Norton an einer Stelle und auch sonst bekommt der Leser einen schönen Einblick in die teils sehr merkwürdigen Verhaltensweisen der Menschen. Gleichzeitig nimmt sich (da Nesser natürlich die Aufzeichnungen vorgenommen hat) sein Herrchen auf die Schippe, wenn davon erzählt wird, dass eigentlich Nortons Frauchen seine "Number One" sei. Aber das ist noch längst nicht alles, auch andere Tiere, wie zum Beispiel ein redegewandter Papagei kommen nicht ohne einen gelungenen Kommentar seitens des hündischen Erzählers davon. Generell sind die Unterhaltungen Nortons mit seinen Freunden und Bekannten lesenswert. Manchmal kommen dabei Sätze herausgepurzelt, die an Sherlock Holmes erinnern (sollen).

4. Er liebt das Reisen und ist weltoffen: Nicht nur bekommen wir seinen Charakter präsentiert, nein, auch seine verschiedenen Wohnorte können wir im Schnelldurchlauf erahnen. Norton interessiert sich für die verschiedenen und anderen Lebensweisen, schätzt gewisse Orte, wie zum Beispiel den Pub mit Leckereien und einem gemütlichen Hundeplatz besonders, scheut sich aber auch nicht davor zu neuen Orten aufzubrechen. Gemeinsam mit seinen Herrchen versteht sich. Erwähnte Stationen sind zum Beispiel London (Kensington Gardens), Schweden oder auch New York.

5. Er nimmt uns die Angst vor unangenehmen Begegnungen im Leben: Das Büchlein ist zwar sehr kurz, spielt mit sehr eigensinnigen und teils überdrehten humoristischen Einschüben, verweist aber auch auf ein ernstes Thema, den Abschied eines guten Freundes. Das Schöne dabei ist, dass Norton auch nach diesem Abschied anwesend ist und seinem Herrchen Tipps gibt. Es ist ein Buch, das dem Leser diese schwierigen Trennungen etwas leichter machen möchte. Und wenn ein so majestätischer, philosophischer Hund wie Norton von diesem Abschied erzählt, kommt es dem Leser nur halb so schmerzhaft vor, denn die Hoffnung auf ein Wiedersehen bleibt bestehen. Kurzum: Eine wunderbare Hommage an einen wunderbaren Hund, den ich persönlich leider nie kennenlernen durfte, dessen Memoiren mich aber glauben lassen, dass er ein wirklicher Freund gewesen ist (und natürlich bleiben wird).

Zusätzlicher Grund: Die schönen Illustrationen von Karin Hagen, die nicht nur Norton perfekt einfangen, sondern auch seine Gefährten und auch die Städte und Lieblingsorte, die ihn ausgemacht und glücklich gemacht haben.


„‘Aha?‘, sagte Melwin. ‚Man siehe und staune.‘
        „‘Das tut man, mein lieber Watson, Verzeihung, ich meine Melwin‘, sagte ich.‘