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LITTLE WORDS




"Growing up, I took so many cues from books. [...]
They were my teachers and my advisers."

Neil Gaiman / "The Ocean at the End of the Lane"

BELIEBTE BEITRÄGE




NEUE   BEITRÄGE

6 Bücher mit Social-Media-Bezug

Social Media. Für viele von uns wohl Fluch und Segen zugleich. Schnell an Informationen kommen. aber auch an Fake News. In Kontakt mit Freunden bleiben, aber auch das Gefühl haben, man muss ständig erreichbar sein. Schnappschüsse posten, aber auch Druck verspüren, um das perfekte Foto zu machen. Und am Ende bleibt der Blick auf Likes, Klicks, Kommentare und Retweets. 

Bereits seit einiger Zeit gibt es immer mehr Bücher, die diese zwei Seiten des Internets und gezielter der Social-Media-Welt thematisieren. Aber was genau wird kritisiert und was vielleicht für gut befunden? Im folgenden Beitrag also 6 Bücher, die ich mit dem Thema Social Media befassen und unser Verhalten hinsichtlich neuer Medien(-nutzung) unter die Lupe nehmen.

Die Bewertung: Die Sterne-Bewertung sind Likes. Wie üblich also von 1-5 (5= richtig gut)

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"No One Is Talking About This" von Patricia Lockwood

Likes: 4      Kommentare: 7      Share/ Shadow Ban: Share

Post: Eine Frau, bekannt für ihre Social-Media-Posts, reist um die Welt und spricht zu ihren Fans, die im Internet von ihrer ganzen Erscheinung beeindruckt sind - oder wie sie es nennt: das "Portal". Sind wir in der Hölle? fragen sich die Leute des Portals. Werden wir alle so weitermachen wie bisher - bis wir sterben?
Plötzlich erreichen sie zwei Nachrichten ihrer Mutter: "Etwas ist schief gegangen" und "Wie schnell kannst du hier sein"? Plötzlich kollidiert die schöne Social-Media-Welt mit dem realen Leben.

Kommentare:
K1: So ein cleveres Konzept

K2: Das Buch in Form von Tweets zu schreiben? Super! Passt zum Inhalt

K3: Wenn man mit der Social-Media-Welt vertraut ist, versteht man gewisse Anspielungen sofort. Zum Beispiel der Hype um den Fidget Spinner. Einige Dinge, die durch die Medien gingen und gehyped wurden, kommen einem dabei im Nachhinein so absurd vor...

K4: Mir gefiel, dass sich die Scheinwelt des Internets langsam abgekapselt hat und die Protagonistin den Fokus auf "das richtige Leben" gelenkt hat. Was ist denn letztlich wirklich wichtig? Dass fremde Menschen dir online sagen, wie toll du bist oder tatsächlich, dass es dir und deiner Familie gut geht?

K5: Jemand schrieb, ihm gefiel die Twitter-Ästhetik. Stimme zu, aber dadurch wird vieles nur kurz angerissen.

K6: Wird Social Media kritisiert? Definitiv. Aber nicht überschwänglich. Die negativen Aspekte lesen sich zwischen den Zeilen, der Rest ist eher objektive Betrachtung der Hypes aus einer reflektierenden Position heraus. Die Trends im Netz werden akzeptiert und kritisch beäugt, aber nicht zwangsläufig verteufelt.

K7: Was als Social-Media-Buch beginnt, zweigt in eine Geschichte ab, welche die Liebe zwischen Eltern und Kind beschreibt. Toll!

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"Just so you know, that little blue tick, the one that Instagram bestows upon you, the sign that you´ve really made it? That discreet symbol that mark me and my pod out as the alpha mums?
Well, it turns out that little blue tick means a big fat nothing."
- People like her, S. 220

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"People Like Her" von Ellery Lloyd

Likes: 5     Kommentare: 8     Share / Shadow Ban: Share

Post: Die Leute mögen Emmy Jackson. Sie haben es immer getan. Vor allem online, wo sie die Instagram-Sensation "Mamabare" ist - berühmt dafür, immer die Wahrheit zu sagen, wenn es um das moderne Elternsein geht.
Aber Emmy ist nicht so ehrlich wie sie ihren Fans vorgibt zu sein. Sie denkt, sie kann ihre Follower an der Nase herumführen, aber jemand da draußen kennt die Wahrheit und will, dass sie für ihre Taten bezahlt.

Kommentare:
K1: Super Einstieg ins Buch. Spannend, ironisch und man schüttelt ständig den Kopf.

K2: Wenn Spontanität zur Arbeit wird und wenn "echt" zum "fake" wird. Man weiß ja, dass Social Media vorgibt etwas zu sein. Aber hier haben wir das perfekte Beispiel. Emmy gibt sich als Mutter mit den alltäglichen Problemen aus, obwohl ihr Leben mehr als ruhig ist. Sie inszeniert das Chaos, um "natürlich" zu wirken. Das ist schon ein neues Level der Social-Media-Absurdität.

K3: Was wichtig ist: Hier werden auch die problematischen Aspekte der Follower beleuchtet. Kann man überhaupt kontrollieren wer einem alles folgt, auch wenn man versucht darauf ein Auge zu haben? Wer liest mit und sieht das Leben meiner Familie?

K4: Da stellt sich die Frage: Wie viel "Macht" haben Influencer tatsächlich? Mich hat vor allem der Gedanke interessiert, warum Influencer mit mehr Followern immer weniger Verantwortungsgefühl zeigen. Sind sie mit der Anzahl an Leuten überfordert? Sehen sie ihre Follower gar nicht mehr als Personen an, sondern nur als Likes?

K5: Zum vorherigen Kommentar: Noch viel schlimmer fand ich den Aspekt, dass sich deren Verantwortungsgefühl verschiebt. Im Fokus steht ja auch die Gefahr, dass sich Influencer als Experten ausgeben und Ratschläge verteilen als gäbe es kein Morgen - und das ohne Fachwissen. Und wenn etwas passiert, berufen sie sich auf ihre persönliche Meinung, da persönlicher Account.

K6: Ich mochte das Buch, weil es die Absurdität der Social-Media-Spirale aufzeigt und wie wir uns von Anerkennung leiten lassen und es sich gleichzeitig zu einem packenden Thriller entwickelt.

K7: Geglückt war auch die Rolle des Ehemanns. Scheinbar mit der Social-Media-Welt auf Kriegsfuß, merken wir, wie ihn die Situation und dieses Leben beeinflussen.

K8: Hat mich auch ein wenig an "The Circle" erinnert, wenn es darum geht, einige positive Dinge über die Vernetzung zu finden. Zum Beispiel, dass vermisste Person durch "das Augen offen halten" der gesamten Follower schneller gefunden werden können.


"Reality and Other Stories" von John Lanchester

Likes: 4     Kommentare: 7      Share/ Shadow Ban: Share

Post: Du kannst dich nicht verstecken. Du kannst nicht stumm schalten. Du kannst nicht entfolgen. Du kannst nicht entkommen. Das ist die REALITÄT. "Reality and Other Stories" ist eine Sammlung von herrlich erschreckender Unterhaltung - Geschichten, die gelesen werden sollten, wenn der Abend langsam näherkommt und die Tage von der unheimlichen Technik und dem absurden Horror des modernen Lebens heimgesucht werden.

Kommentare:
K1: Nicht alle Geschichten haben einen starken Bezug zu Social Media, aber das ist okay.

K2: Stimmt, der Fokus liegt eher allgemein auf der heutigen Technik und wie abhängig wir uns von ihr machen.

K3: Wunderbar gesellschaftskritisch! Und super für Zwischendurch.

K4: Hat die versprochenen "ghostly vibes". Gefiel mir persönlich sehr.

K5: Ich mochte einige Erzählungen mehr als andere - was bei solchen Sammlungen meistens der Fall ist. Besonders zum Nachdenken gebracht, hat mich die Geschichte "Reality". Dort geht es um eine Reality-Show mit Teilnehmern, die darauf warten, dass die Aufgaben losgehen. Nach und nach tauchen Fragen auf wie: "Was ist für uns Realität?" "Wie präsentieren wir uns, wenn wir denken, wir seien in einer Show und werden beobachtet?" Und man sieht auch, was mit unserer Psyche passieren kann, wenn wir nicht wissen, was andere Menschen von uns halten und wie sie uns einschätzen. Everybody´s Darling zu sein, in Zeiten von Reality-TV und Social Media ist nun mal kaum möglich.

K6: Mich hat ja die Geschichte "Cold Call" gepackt. Dieses "immer erreichbar" sein wird gut aufgegriffen, aber auch der Aspekt, dass man irgendwann davon erschöpft ist und anfängt diese Anrufe extra zu ignorieren. Kann das fatale Folgen haben?

K7: Die letzte Geschichte war gruselig! Selfie-Schock und Filterwahn par excellence.


"The Burning" von Laura Bates

Likes: 3,5     Kommentare: 6    Share/ Shadow Ban: -

Post: Neue Schule - Check. Neue Stadt - Check. Neuer Nachname - Check. Social-Media-Profile? Gelöscht.
Anna und ihre Mutter ziehen hunderte Kilometer weg, um den Gesprächen zu entfliehen, nachdem Anna viral gegangen ist. Die Gründe dafür lagen allerdings außerhalb ihrer Kontrolle. Sie hofft auf einen neuen Start, wo sie niemand kennt. Jeder Tag der vergeht, fühlt sich an wie ein kleiner Sieg.
Doch dann machen erneut Gerüchte die Runde - auch über ihr altes Leben...

Kommentare:
K1: Schon erschreckend zu lesen, wozu (auch junge) Leute fähig sind. Hier wird nicht nur die Gefahr hinter Social Media thematisiert, sondern auch das Thema "Mobbing".

K2: Hier werden definitiv die Schattenseiten von sozialen Netzwerken deutlich, wenn jemand absichtlich Schaden anrichten möchte. Wie schnell können sich Gerüchte verbreiten? Wie schnell gerät ein Bild in Umlauf? Wie lange, bis man es wieder löschen kann? Und damit natürlich auch die Kritik daran, dass man durch die Kontrolle der jeweiligen Netzwerke (Facebook, Instagram, Twitter) manchmal nicht einmal selbst Zugriff auf eigene Dateien bekommt, die von Fremden gestohlen und verbreitet werden. Wichtiges Thema!

K3: Das Buch greift auch stark die Problematik des Sexismus auf. Warum werden Mädchen immer noch mit anderen Werten erzogen als Jungs? Warum werden sie ständig sexualisiert? Warum tragen sie immer die Schuld, wenn sich Jungs, Männer nicht im Griff haben?

K4: Besonders spannend fand ich hier, dass Annas Geschichte mit der von Maggie verwoben wird. Maggie mehrere Jahrhunderte vor Anna gelebt und soll nun im Zuge eines Projekts als Quelle dienen. Die Verknüpfung sorgt für neue Spannung.

K5: Grundsätzlich mochte ich das Buch und auch die Botschaft. Hier wird mal nicht mit dem Finger auf Mädchen gezeigt, um sie wieder in die Schranken zu weisen. Dennoch fehlte mir an einigen Stellen eine etwas tiefergehende Auseinandersetzung. Die Freundschaft der Mädchen in der neuen Stadt schien realistisch, aber an einigen Punkten doch zu gestellt, im Sinne von: Aus stilistischen und handlungstragenden Gründen, beschleunigen wir das alles mal.

K6: Und dann bleibt am Ende die Frage: Gibt es heutzutage für junge Menschen überhaupt die Möglichkeit, dass man eine Vergangenheit hat oder wird durch die sozialen Netzwerke ein vergessen der Vergangenheit unmöglich und man schleppt jeglichen Ballast (öffentlich) mit sich?

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"Eddie went to the bathroom to brush his teeth and Iris checked her phone, becazse that´s what you did on Earth when people left you alone in a room - you checked your phone and guarded yourself against loneliness." - Everything You Ever Wanted, S.76

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"Everything You Ever Wanted" von Luiza Sauma

Likes: 5     Kommentare: 10     Share/ Shadow Ban: Share

Post: Du wachst auf. Du gehst zur Arbeit. Du hast strategische Meetings über die Nutzung von Hashtags. Nach der Arbeit betrinkst du dich so sehr, dass du dich an nichts mehr erinnerst. Am nächsten Tag bleibst du im Bett und scrollst durch deinen Social-Media-Feed und wunderst dich, warum alle anderen so viel zu erreichen scheinen.
Dann hörst du vom "Leben auf Nyx", einem Programm, das dir die Chance bietet, auf einen anderen Planeten zu ziehen und einen Neustart zu wagen - ein bedeutsames Leben zu führen. Aber es gibt einen Vorbehalt: Wenn du gehst, kannst du nie wieder zurückkehren. 

Kommentare:
K1: Wow, was für ein Gedankenexperiment!

K2: Jetzt schon eines meiner Jahreshighlights.

K3: Wie treffend hier die Zwickmühle beschrieben wird, in der wir uns durch die sozialen Netzwerke und unsere Arbeitssituationen befinden. Man hat genug vom Leben auf der Erde. Zu viele Menschen, zu viele Vergleiche, zu viel Arbeit, die einen gar nicht erfüllt. Meetings über Hashtags? Fortbildungen, um Führungspersönlichkeiten zu entwickeln, für eine Stelle, die man gar nicht haben will? Da denkt man sich nur: schnell weg hier. Was scheint da besser, als ein anderer Planet? Nie wieder zurückkehren? Kann ja nicht so schlimm sein, wenn man hier alles zu hassen scheint. Und doch.... und doch merkt man als Leser*in, wie man nach und nach erkennt, dass diese Abkapslung der schnelllebigen und oberflächlichen Gesellschaft nicht so einfach zu überwinden ist.

K4: Ich habe diese Enge der Gruppe auf dem Planeten förmlich gespürt. Jeden Tag das gleiche, die gleichen Menschen, die gleichen Aufgaben. So viel hat sich scheinbar gar nicht verändert.

K5: Genau! Und selbst der Konsum von Social-Media bleibt weiterhin problematisch, da die Leute zwar laut Vereinbarung weiterhin für die Menschen auf der Erde posten müssen, selbst aber keine Resonanz zurückerhalten. Das ist wirklich ein sehr cleverer Handlungsstrang, der die Frage aufwirft: "Was würden wir machen?" Würden wir dieses Angebot des Programms annehmen? Würden wir etwas vermissen?

K6: Hat jemand das Ende verstanden? War das Programm echt? War die Gruppe wirklich auf einem anderen Planeten oder wurden sie "reingelegt"?

K7: Ist ja wirklich paradox, dass aus der Prämisse, dass man sich von alten Dingen (Social Media insbesondere) löst, um daraus das nächste große Show-Event zu machen.

K8: Mir gefiel die Kritik und gleichzeitig die rückwirkende Art des "Überlegt euch, was ihr euch wünscht". Zum Bespiel, dass man das Leben auf dem neuen Planeten beginnt ohne zu wissen, wie es mit Nahrung, Hygiene und anderer Versorgung aussieht.

K9: Klassiker. Der Blick auf unseren Work-Overload und der Sehnsucht nach Freiheit und digital Detox.

K10: Habe es an einem Tag durchgelesen! Das Tempo ist gut, auch wenn zwischendurch weniger passiert. Die Gedanken lassen einen nicht los und man möchte unbedingt wissen, was da vor sich geht. Auch wenn man nicht auf alles eine Antwort erhält.



"The Atmospherians" von Alex McElroy


Likes: 3,5      Kommentare: 5       Share/ Shadow Ban: -

Post: Sasha Marcus war einst der Inbegriff des modernen Erfolgs: eine Internetsensation, Social-Media-Darling und Creator einer beliebten Wellnessmarke für Frauen. Aber eine Konfrontation mit einem Online-Troll hat eine erschreckende Wendung heraufbeschworen und nun befindet sie sich ganz tief unten.
Sashas ältester Schulfreund, Dyson - ein gescheiterter Schauspieler mit einer gestörten Bindung zu seinem Körper - bereitet einen Plan vor, um Sashas Namen wieder reinzuwaschen. Sie soll das Gesicht eines neuen Businessunternehmens werden. The Atmosphere, eine Rehabilitationsgruppe für Männer. Getarnt als Workshop für Jobtrainings, ist es eigentlich ein Programm, um die Teilnehmer von ihrer toxischen Männlichkeit zu befreien. Sasha akzeptiert den Vorschlag, aber sie weiß noch nicht, welcher Horror noch folgen wird. Und was will Dyson eigentlich wirklich erreichen?

Kommentare:
K1: Social Media kann gute Menschen zu schlechten werden lassen, das wird in dieser Geschichte deutlich. Sasha setzt sich gegen einen sexistischen und belästigenden Troll zur Wehr und merkt schnell, was es heißt, wenn Lobgesänge zu Shitstorms und Gewaltaufrufen gegen ihre Person werden.

K2: Der Fokus liegt hier eindeutig verstärkt auf der Problematik der toxischen Männlichkeit. Die Gefahren und negativen Seiten der sozialen Netzwerke werden immer ein wenig mit eingebracht, dienen aber (gefühlsmäßig) eher als Ventil. Das Verhalten der Männer wird durchleuchtet und kritisch hinterfragt. Wird durch Social Media das Phänomen der "Männerhorden" beschleunigt und verstärkt?

K3: Interessant fand ich durchaus das Modell des DAM-Projekts (kommt zwar relativ spät, aber macht die Geschichte wieder etwas interessanter). Ein Projekt, das als Warnsystem dient, bevor man etwas verletzendes postet. Würde man dadurch ein Umdenken bei den Menschen hervorrufen, wenn sie sehen, wen die Sätze, die sie posten wollen, verletzen? Oder würden wir dadurch nur diejenigen schützen, die sich dann zwar bedeckt halten, aber dennoch toxisches Verhalten an den Tag legen möchten?

K4: Die Idee und das Konzept waren vielversprechend und an vielen Stellen gut umgesetzt. Rückblickend fehlte mir aber noch so ein kleiner Funke, der das ganze "rund" gemacht hätte.

K5: Was man zunächst weniger vermutet: Der Roman von McElroy beschäftigt sich auch mit der Gründung eines Kults. Und damit werden auch Überlegungen aufgegriffen, wieso Menschen Mitglieder eines solchen Kults werden (wollen) und danach auch noch bleiben. Ist es immer Perspektivlosigkeit? Auch hier: spannende Überlegungen, die neben dem Social-Media-Aspekt sehr interessant sind.

Tagged: Du willst noch mehr? Diese Bücher beschäftigen sich ebenfalls mit der Thematik

  • "No Filter" von Sarah Frier
  • "Fake Accounts" von Lauren Oliver
  • "Ten Arguments For Deleting Your Social Media Accounts Right Now" von Jaron Lanier
  • "Burn After Writing" von Sharon Jones (Journal gegen Social-Media-Stress)

 

FAZIT: Alle Bücher beschäftigen sich mit der Problematik und der Erschöpfung von und mit Social Media. Doch alle Romane beschreiben im Kern auch die Schwierigkeit, dass Social Media eben beides sein kann. Eine Hilfe für viele Menschen und der Albtraum. Durchleuchtet werden Themen wie: Überarbeitung, Sinnlosigkeit in den Tätigkeiten (wie Online Marketing auf Zwang z.B. Setzen von Hashtags etc.), Sehnsucht nach Freiheit und Gesellschaft ohne Social-Media-Konsum, Mobbing in den sozialen Netzwerken, Paranoia, Stalking und Hassnachrichten von Trollen. Aber eben auch: Vernetzung, Gemeinsamkeiten als Stärke nutzen, Ablenkung vom Alltag und letztlich auch die beruhigende Erkenntnis, dass uns die Internetwelt nun mal nicht ausmacht. Wenn die Smartphones aus sind und die Laptops zugeklappt, dann fokussieren wir uns auf das, was wirklich wichtig sein sollte. Und eventuell, ist das auch die Botschaft, die alle Bücher vereint: Nutzt die sozialen Netzwerke, aber lasst euch nicht von ihnen einnehmen.

Für mich war jedes Buch ein Influencer für sich. Jedes hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.


 

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Bluets von Maggie Nelson

Juli 11, 2021

Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "Bluets"/ 2009) Heyne Verlag (2021), Übersetzer/in: Jan Wilm (aus dem Englischen), ★★★★☆ 4 Sterne
"Die Geschichte einer tragischen Liebe. Denn er, der Prinz des Blauen, hat sie verlassen. Also gibt sie sich mit ganzer Kraft dem hin, was von ihm übrig ist: dem Blau. Maggie Nelson kennt all seine Schattierungen und Geheimnisse – stolz hütet sie ihre Sammlung blauer Objekte –, und sie kennt alle Künstler, die dem Blau verfallen waren: ob Joni Mitchell, Billie Holiday oder Yves Klein. Aber zugleich nutzt sie die Farbe, um sich selbst zu erkunden. Kaum jemand hat seinen Schmerz auf so poetische, inspirierende Weise seziert, wie Maggie Nelson es tut – eine lyrische, philosophische und sehr persönliche Erkundung der eigenen Leidensfähigkeit. "
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"Warum Blau? Man stellte mir oft diese Frage. Ich weiß nie, wie ich darauf antworten soll. Ich will sagen: Wir haben keine Wahl, wen oder was wir lieben. Wir haben einfach keine Wahl. S.11
Auf den gut 98 Seiten wechselten sich die Gedanken "Okay, ich habe das Konzept verstanden" - "ich habe es nicht verstanden" zunächst ein wenig ab. Ich musste mich erst einmal darauf einstellen, dass das Buch schwer zu kategorisieren ist.

Einerseits ist es schlichtweg "schön" und poetisch. Diese Stellen habe ich so sehr genossen und geliebt. Sie haben mich an einen ganz speziellen Ort entführt. Andererseits gab es das komplette Kontrastprogramm mit obszönen Äußerungen und dem Fokus auf das beinahe animalische und triebhafte Verhalten eines Menschen, wenn es um Liebesbeziehungen und körperliche Leidenschaft geht. Ich muss leider sagen, dass dies wiederum absolut nicht mein Fall war und ich das Buch dadurch an gewissen Stellen zu "gewollt provokativ" fand.
Viele sehen diese Art des Schreibens ja als eine Art Rebellion, als das "Wahre und Ehrliche". Obszöne Wörter als Ausdruck der Freiheit, also ganz nach "nutze vulgäre Begriffe um frei und losgelöst, cool und hip zu sein, nicht verklemmt". Aber ich kann damit einfach nichts anfangen. Für mich haben diese Ausdrücke, hat diese Wortwahl nichts Schönes, Mutiges oder Befreiendes. Mich nervt es einfach nur und hat mir in diesem Fall auch leider den Gesamteindruck etwas schwächer erscheinen lassen. Auch hier sei aber eben auch gesagt: Das ist eine sehr subjektive Empfindung. Andere Leser*innen mögen es vielleicht, wenn philosophische und eher gesittete Aussagen durch eine härtere Wortwahl durchbrochen werden. 
 
Dennoch fand ich den Rest eben so kunstvoll, unterhaltsam, ruhig, beruhigend und interessant, dass ich das Buch letztlich wirklich mochte.
Die kleinen Gedankenschnipsel, manchmal nur aus einem Satz bestehend, die hinsichtlich der Gedanken und Eindrücke zur Farbe Blau dargelegt werden, waren für mich unheimlich stimmig und waren so clever formuliert. Manchmal kamen auch Überlegungen auf, die man so gar nicht mal im Ansatz greifen würde, die hier aber wirken, als sei es eine ganz natürliche Theorie.
Ebenso greift sie Thematiken auf, die sich anfangs banal auf die blaue Farbe beziehen und dann in eine ernste und auch gesellschaftskritische Richtung gehen zum Beispiel, wenn es darum geht, wie Depressionen bei Frauen dargestellt und konnotiert werden.
"Doch warum sich überhaupt mit Diagnosen herumschlagen, wenn eine Diagnose nichts weiter ist als eine Umformulierung des Problems?" S.18
Nelson neckt sich und das Buch anfangs auch ein wenig und sagt, sie erzähle jedem von diesem „blauen Buch“, habe aber noch nichts geschrieben. Manchmal wusste ich nicht, ob sie diese Gedanken wirklich fühlt oder einfach etwas Vorzeigbares präsentieren wollte. So oder so ist es ihr geglückt, schöne Momente einzufangen, die mir noch etwas länger im Gedanken geblieben sind.
 
Zudem habe ich das Büchlein während einer Bahnfahrt gelesen und dazu war es geradezu perfekt. Da die Autorin von den Erinnerungen, Beobachtungen und Vorlieben von Blautönen redet und man gleichzeitig hinausschaut, kann es sein, dass man ebenfalls etwas Blaues erblickt, dann gleichzeitig kurz pausiert und darüber nachdenkt, was oder ob diese Farbe überhaupt etwas in einem selbst auslöst.
Daher mein Tipp: irgendwo lesen, wo man ein wenig mit den Gedanken abschweifen kann. 
Was ich letztlich besonders schön fand, war, dass man zu weiteren Überlegungen verleitet wird: Habe ich eine Lieblingsfarbe? Hat sie mich (un-)bewusst beeinflusst oder geprägt?
"'Sieht die Welt durch blaue Augen blauer aus? Wahrscheinlich nicht, aber ich ziehe es vor, das zu glauben (Selbstverherrlichung)." S.21
 

Ein schlankes Büchlein mit vielen schönen Theorien, Eindrücken und poetischen Stellen. Wenn es um die (Liebes-)Beziehung der Protagonistin geht, wurde es mir etwas zu obszön und gewollt, was mir das gesamte Konzept aber nicht zerstört hat. Mir gefielen die vielen Wege, die in Richtung der Farbe Blau, ihrer Bedeutung und den Erinnerungen dazu eingeschlagen werden und diese blieben mir auch nach dem Lesen noch eine Weile erhalten. Schönes Buch und perfekt, wenn man es draußen liest.


 

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Juni: Halbzeit & viele Neuzugänge

Juli 02, 2021


Und schon wieder ein halbes Jahr rum.
Im Juni habe ich es tatsächlich geschafft, ganze sieben Bücher zu lesen. Einerseits super, andererseits sind wiederum so viele neue Bücher eingezogen, wie schon lange nicht mehr. Zu meiner Verteidigung: dieses Jahr hat mich eine noch größere Lust auf Bücher gepackt als ohnehin schon. Vielleicht lag es daran, dass letztes Jahr die Neuerscheinungen und interessanten Titel ausgeblieben sind. Vielleicht, ja vielleicht, bin ich aber auch einfach nur süchtig nach Büchern und Geschichten. Wer weiß...
Des Weiteren habe ich im Juni mit meinem Freund unser 9-Jähriges gefeiert. Es scheint mir absolut unfassbar, dass es einerseits schon so lange ist, aber sich andererseits so anfühlt, als wären wir gerade erst aus der Schule raus. Jedes Mal, wenn mich jemand fragt, wie alt ich denn sei, schreit mein Kopf "19", dabei kratze ich schon an der 30. Grenze - wow!

Neu eingezogen sind unteranderem: Dark-Academia-Bücher á la "The Maidens", "The Truants", "Middlegame" und "The Secret History", Sachbücher beziehungsweise Essays von John Green und Chanel Miller, Kurzgeschichten und auch ein wenig Mythologisches. Das bedeutet wohl, ich habe einen mehr als spannenden Lesesommer vor mir.

Gelesen habe ich wie gesagt auch einiges, darunter gab es schöne Überraschungen, aber auch Titel, die mich ein wenig enttäuscht haben. Welches Buch in welche Kategorie fällt, erfahrt ihr im Folgenden: 

Wie immer gelangt ihr durch Anklicken des Buchtitels, falls vorhanden, auf die jeweilige Rezensionsseite.

  • "We Were Liars" von E. Lockhart: Ein spannendes Jugendbuch und durch das Setting, perfekt für den Sommer. Ich habe die kurze Geschichte an einem Abend durchgelesen und war am Ende so perplex. Ich hatte bereits gelesen, dass das Buch einige Überraschungen offenhält, aber damit hatte ich nicht gerechnet. Daher definitiv ein Gllücksgriff, auch wenn man merkt, dass sich das Buch an ein jüngeres Publikum richtet. 
  • "Ghosts" von Dolly Alderton: Ein leichter Roman, der an einigen Stellen versucht eine neue Ebene und Tiefe reinzubringen, aber doch irgendwie nur an der Oberfläche kratzt. Nichtsdestotrotz habe ich gerne von Ninas Erlebnissen gelesen, wenn auch manche Handlungsstränge zum Ende hin ein wenig abstrus wirkten. Die Geschichte kann man jedoch gut lesen, wenn man etwas für Zwischendurch mit ein wenig Herzschmerz (auch durch die familiäre Situation) braucht und sich ein wenig über Leute aufregen möchte, die einen ghosten. 
  • "Meteoriten" von Èloise Cohen de Timary: Anfangs fand ich die Art der Geschichte und auch die Geschichte selbst ganz okay. Aber je mehr Zeit verstrichen ist und je mehr ich mir die Wortwahl und auch die Umsetzung einiger Aspekte angeschaut habe, desto mehr störte ich mich daran. Vielleicht tue ich dem Roman damit unrecht, aber es war einfach nicht meins. Einerseits erschien es mir viel zu distanziert und kühl (vielleicht typisch französisch?), andererseits konnte ich mich gar nicht mit den eingeworfenen Beleidigungen wie "Schwuchtel" anfreunden, die als Präzisierung der Vorurteile dienen sollten. Ebenso war mir ab einem gewissen Zeitpunkt der männliche Protagonist mehr als unsympathisch und die vermeintlich so offene Liebesgeschichte, jenseits aller Grenzen, entpuppte sich für mich dann als "Back to the roots"- Echte Liebe gibt es nur zwischen Mann und Frau- Erzählung. Dabei hatte ich mir davon so viel versprochen und wollte es auch wirklich lieben!
  • "This is Not a Ghost Story" von Andrea Portes: Eigentlich traf das Buch genau meinen Geschmack. Etwas düster, ein geheimnisvolles Haus mit einer kuriosen Vergangenheit und eine Protagonistin, die versucht herauszufinden, was da vor sich geht. Und bis zu einem gewissen Zeitpunkt habe ich die Geschichte auch geliebt. Leider bog die Figurendarstellung dann aber in eine Richtung ab, die ich nicht ganz verstanden habe beziehungsweise, die ich problematisch fand. Daher würde ich den Jugendroman bedingt empfehlen. Die Gruselelemente fand ich super, die eher toxische Beschreibung von Daffodils Beziehung hingegen war einfach nicht passend und wirkte im Gesamtbild nicht reflektiert genug. 
  • "Der Astronaut" von Andy Weir: Keine wirkliche Überraschung, aber auch keine Enttäuschung. Der Roman unterhält gut, was er wohl auch hauptsächlich beabsichtigt, und ist super für ein intergalaktisches Abenteuer. Mir gefiel die zunehmende Intensivierung der Annahme, dass außerirdisches Leben existiert und wie wir wohl mit einer neuen Art kommunizieren würden. Die technischen Weltraumaspekte habe ich - das gebe ich zu - nach einigen hundert Seiten eher nur flüchtig gelesen. Das hat der Erzählung aber auch nicht wirklich geschadet. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Handlung dadurch "realer" oder wahrscheinlicher wirkte. 
  • "The Dreamers" von Karen Thompson Walker: Mein mitunter absoluter Liebling diesen Monat! Für mich eine Mischung aus "The Memory Police" und "Das Licht der letzten Tage". Endzeitstimmung gemischt mit grundlegenden sozialen Fragen und der Analyse menschlichen Denkens und Empfindens. Auch einige Tage nach dem Lesen wurde mir bewusst, wie viel Wichtiges, Ehrliches und Cleveres in der Erzählung steckt. Das Tempo ist zwar etwas langsamer und so viel geschieht hier gar nicht, aber man hat das Gefühl mit den Bewohnern in dieser Stadt zu hocken und die Entwicklungen wirklich mitzuerleben. Für mich ein absolut lesenswerter Roman. 
  • "Bluets" von Maggie Nelson: Die Rezension hierzu folgt bald, daher nur schon einmal vorab: mir hat es größtenteils gefallen.


Wie sieht eure Halbjahresbilanz aus? Auf was blickt ihr zurück? Gab es Lieblingstitel, Flops oder etwas, das euch momentan mehr beschäftigt?


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Der Astronaut von Andy Weir

Juni 28, 2021

Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "Project Hail Mary"/ 2021) Heyne Verlag (2021), Übersetzer/in: Jürgen Langowski (aus dem Amerikanischen), ★★★(★)☆ 3,5 Sterne
"Als Ryland Grace erwacht, muss er feststellen, dass er ganz allein ist. Er ist anscheinend der einzige Überlebende einer Raumfahrtmission, Millionen Kilometer von zu Hause entfernt, auf einem Flug ins Tau-Ceti-Sternsystem. Aber was erwartet ihn dort? Und warum sind alle anderen Besatzungsmitglieder tot? Nach und nach dämmert es Grace, dass von seinem Überleben nicht nur die Mission, sondern die Zukunft der gesamten Erdbevölkerung abhängt. "
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"Mein Unterbewusstsein hat Prioritäten. Und es versucht verzweifelt, mir etwas über diese Situation zu sagen. Ich glaube, es ist meine Aufgabe, das Petrowa-Problem zu lösen. Und zwar in einem kleinen Labor, gekleidet in eine Bettlakentoga und ohne zu wissen, wer ich bin. S.36
Ein absolutes Unterhaltungsbuch! Ich war anfangs etwas verwundert, weil ich nicht dachte, dass Weir den Roman in die Richtung lenken würde, wie er es getan hat, aber als ich mich irgendwann darauf eingelassen habe, hat es mir gut gefallen.
 
 - Nachfolgend minimale Spoiler enthalten, da der Klappentext wirklich gar nicht vorausgreift (eigentich super), man aber sonst kaum etwas erklären kann (schwierig) -

Die Wortwahl und die Sprache sind natürlich simpel gehalten, man darf oder sollte hier keine wahnsinnig virtuosen Sätze und Gedanken erwarten, aber das ist erstens gar nicht nötig und zweitens wird man allein durch die vielen fachlichen Begriffe und Erklärungen gut auf Trab gehalten.
Ich gebe zu, dass ich die technischen Details irgendwann nur noch überflogen habe, das heißt, ich habe nicht auf die Korrektheit der Aussagen geachtet. Aber auch das hat dem Ganzen irgendwie nicht geschadet, denn der Roman kommt auch mit der Annahme um die Ecke, dass außerirdisches Leben vorhanden ist. Das mag jetzt keine absolut abwegige Theorie sein, aber die Geschichte wird dahingehend doch so weit gesponnen, dass selbst die physikalischen Gesetze banal wirken und man sich nicht mehr daran aufhängt.
"'[...]Astronauten sind tapfere Menschen, die bereit sind, für die Wissenschaft ihr Leben zu riskieren.'"  S.299
Ich muss leider sagen, dass ich das Tempo etwas zäh fand. Zwischendurch wird es spannender, wenn der Protagonist Ryland Grace seine Erinnerung zurückerlangt und versucht seine Mission fortzusetzen, aber an einigen Stellen war es mir doch zu langatmig und zu wiederholend. Ich hätte mir da tatsächlich eine noch stärkere Bezugnahme zum Anfang des Projekts und der Crew gewünscht oder einen zusätzlichen Plottwist.

Dennoch habe ich die Geschichte am Ende ein klein wenig in mein Herz geschlossen, da der Kontakt oder die Beziehung zwischen Grace und einer ihm begegneten außerirdischen Lebensform mehr als unterhaltsam und sympathisch beschrieben wird. Rocky - wie Grace sie nennt - muss man einfach mögen (für mich war "er" vergleichsweise wie Wall-E).
Die Art und Weise wie Weir damit spielt, ob Menschen Außerirdischen hinsichtlich der Intelligenz und Technik immer unterlegen sind und welche Form der Verständigung möglich ist, hat einfach Spaß gemacht und war bis zum Ende schön zu lesen. 
Allerdings muss ich auch sagen, dass mir der Roman im Gegensatz zur Verfilmung von "Der Marsianer" durch gewisse Elemente noch unrealistischer erscheint und den Menschen wieder als "den Retter" des Universums darstellt. Das funktioniert zwar durchaus und ist, wie gesagt, amüsant, kurzweilig und unterhaltsam, sorgt aber auch dafür, dass ich den Roman wirklich nur als reinen Unterhaltungsroman gesehen habe, bei dem ich mich zusätzlich auf die schon geplante Verfilmung freuen werde.


Ein Science-Fiction-Roman, der gut unterhält, an manchen Stellen wirklich spannend ist und versucht aufzuzeigen, wie der Mensch mit uns bisher unbekannten Lebensformen umgeht - in vielerlei Hinsicht. Bestimmte Aspekte mochte ich sehr, andere schienen sich mir zu oft zu wiederholen und nahmen dem Roman ein wenig das Tempo raus. Dennoch ist es eine relativ actiongeladene Geschichte, die mich am Ende mit einer Wohlfühlstimmung zurückgelassen hat.


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The Dreamers von Karen Thompson Walker

Juni 24, 2021

(Original: "The Dreamers"/ 2019) Random House, Übersetzer/in: -, dt. Übersetzung: "Die Träumenden", ★★★★☆ 4 Sterne
Eines Nachts, in einer isolierten Collegestadt in den Bergen von South Carolina, stolpert eine Studentin des ersten Semesters in ihr Zimmer und schläft ein - wacht aber nicht mehr auf. Sie schläft am Morgen und auch noch am Abend des nächsten Tages. Ihre Mitbewohnerin, Mei, kann sie nicht wecken. Auch den Notärzten und Helfern im Krankenhaus sind die Hände gebunden. Als die nächsten Student*innen ebenfalls in den mysteriösen Schlaf fallen, muss sich Mei mit einem Klassenkameraden, durch die immer panischer werdende Stadt, durchschlagen.
Und auch die anderen Bewohner versuchen sich in ihrer jeweiligen Situation zurechtzufinden.
Währenddessen finden Forscher heraus, dass bei den Träumer*innen eine überdurchschnittliche Aktivität des Gehirns festgestellt wurde. Doch wovon träumen sie?
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"What if misfortune can be drawn to a place, like lightning to a rod?"  S.24
Der vielleicht schlechteste Zeitpunkt, um dieses Buch zu lesen? Genau jetzt - während einer Pandemie. Es war oftmals wirklich so nah an den Gedanken und Situationen, die man in den vergangenen Monaten (ach, was sag ich da, der vergangenen zwei Jahre) gehört und wahrgenommen hat. Da wären unter anderem die Hamsterkäufe, die Panik, die manche beschleicht, die Aufruhr, Mutation der Viren, der Idee, dass diese Krankheit gezüchtet wurde und ja, sogar die Annahme, dass es durch die Luft übertragen wird.
Aber, das hat dem Buch letztlich nicht geschadet. Zumindest nicht, wenn es nach mir geht, denn das Buch war dadurch auch sehr atmosphärisch. Es transportiert eine gewisse Endzeitstimmung (für alle, die es gelesen haben: ähnlich wie "Das Licht der letzten Tage" - im Englischen - "Station Eleven") und man bleibt mit doch vielen offenen Fragen zurück (ähnlich wie "The Memory Police"). Dadurch hat der Roman aber tatsächlich genau meinen Geschmack getroffen. Ich mochte die Mischung aus "Häppchenweise näher zur Wahrheit kommen" und dem cleveren Offenlassen von gewissen Erklärungen für etwas, das sich auch die Bewohner, Ärzte und Forscher nicht genau erklären können. Es werden zwar viele Theorien geäußert, letztlich bleibt es aber den Leser*innen selbst überlassen, welcher Spur, welcher Annahme man folgt.

Der Roman thematisiert abstrakte Gedanken und Vorstellungen hinsichtlich des Menschen, der Seele und dem Innersten, das uns manchmal wie ein sechster Sinn leiten kann. Gleichzeitig stehen aber eben auch Träume und Visionen im Vordergrund, die dem Menschen als Hilfsmittel dienen (können). Man wird mit Überlegungen konfrontiert, die danach fragen, ob Träume wirklich nur der "Abfall des Alltags" ist oder ob damit viel mehr verknüpft wird. Sind vielleicht unsere Träume unsere Wirklichkeit? So absurd sie sich auch manchmal anfühlen?
Für mich alles sehr spannende Fragen, die in dem Roman aber eben nicht dazu führen, dass die Geschichte abstrus wirkt, sondern sich aufgrund der Machart dennoch "echt" anfühlt.
"We´re on TV. But the excitment does not last. The boredom returns faster every time. How swiftly it comes over them, the feeling that this containment will never end." S.56
Nach und nach lernen wir viele Protagonist*innen und Charaktere kennen. Viele Leben und Hindernisse, ebenso wie viele Pläne, die durch die auftretende Krankheit verschoben werden müssen. Ich muss zugeben, dass ich nicht zu allen eine gleichstarke Bindung aufbauen konnte, aber mich haben grundsätzliche alle Handlungsstränge und Leben interessiert. Alle Ansichten waren wichtig für den Gesamteindruck. 

Durch die vielen Blickwinkel kam es tatsächlich auch vor, dass es sehr philosophisch wurde und die Verknüpfungen dazu geführt haben, dass ich einen Kloß im Hals hatte. Das lag daran, dass es mich teilweise emotional gepackt und nicht losgelassen hat.
Denn obwohl der Roman gar nicht so lang ist, hat man durch die Intensivierung der Beschreibungen und der spürbaren Isolation wirklich das Gefühl, als befinde man sich mit den Figuren in dieser Stadt und müsse auch so lange ausharren wie sie. Es war somit nicht zu schnell abgehandelt, hat sich aber auch nicht zu sehr gezogen.

Was ich zudem interessant fand, war die Reaktion auf das Gelesene, weil man sich nach dem Lesen des Kapitels (vor dem Schlafengehen) ständig gefragt hat, was wohl wäre, wenn man jetzt selbst nicht mehr aufwachsen würde und dem Pfad der Figuren folgen müsste.

 

Für mich ein neues und absolutes Lieblingsbuch, das zwar eine gewisse Schwere und Melancholie in sich trägt, aber durch die teils offene Interpretation mehr als einmal einen sehr positiven Ton anschlägt. Die Isolation der Figuren und der Stadt sind stark spürbar, was für eine sehr spezielle Atmosphäre sorgt. Im Fokus stehen zudem Fragen, die sich auf die Funktion der Träume beziehen und Beobachtungen, die Menschen in Zeiten von Krisensituationen beleuchten.


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