Zeit muss enden von Aldous Huxley

Januar 22, 2018


(Original: "Time must have a stop."/ 1945) Piper », Übersetzer/in: Herberth E. Herlitschka (aus dem Englischen), 340 Seiten, Paperback★★(☆) 3 bis 4 Sterne
"Als Sebastian Barnack zu einer festlichen Party eingeladen wird, gerät er in Verlegenheit, denn er besitzt keinen Abendanzug. Sein Vater, überzeugter Sozialist, weigert sich ihm dieses bürgerliche Klassen- und Statussymbol zu kaufen. An Sebastians Versuchen, dieses Kleidungsstückes habhaft zu werden, knüpfen sich Schuld und Verbrechen, die ihn schließlich erkennen lassen, dass nichts, was man tut ohne Konsequenzen bleibt ...“


MEINE MEINUNG / FAZIT

"'Kein Anlass zur Dankbarkeit', sagte er. 'Wenn ich im Who´s Who? stünde, wo ich aber nicht stehe, würdest du sehen, dass meine liebste Erholung >meinen Bruder ärgern< ist.' Sie lachten miteinander - zwei zum Boshaftsein Verschworene.“  S.125

Sich eine Meinung über ein Buch zu bilden, von dem man vor Beginn angenommen hat, dass man es sicherlich sehr mögen wird und sich das Gefühl dann etwas abmildert, fällt mir manchmal noch recht schwer. 
Nach Beenden von "Zeit muss enden" hielt sich dieses Empfinden an mir fest, denn einerseits mochte ich viele Stellen daraus sehr, andererseits musste ich bei einigen Passagen wirklich überlegen, was ich mit ihnen anfangen soll und ob ich sie überhaupt ernstnehmen soll.
Letzteres hängt vielleicht auch damit zusammen, dass ich mir oftmals gar nicht sicher war, ob der Erzähler vieles selbst ernstnimmt. 
Der Roman beginnt sehr poetisch, sehr überlegt, ja sogar auch idyllisch. Ein junger Protagonist wird uns vorgestellt, der eine Liebe zu Gedichten und zum Gedichteschreiben hegt. Und dennoch konnte ich das Gefühl nicht loswerden, dass diese Gedichtpassagen reine Illusion waren, reine Heuchelei und Spielerei, wenn nicht sogar unnötiges Geschwafel, welches sich auch die Charaktere immer wieder schön geredet haben. Vieles erschien mir in dem Zusammenhang auch so, dass die Charaktere sich alle selbst nur reden hören wollen und keine Bezüge untereinander herstellen möchten. Jeder hat seine Ansichten und möchte sein Gegenüber danach formen.
Sicherlich beabsichtigte der Erzähler eine gewisse provokante Darstellung der Lebensweisen, da der Roman den jungen Sebastian damit in Verbindung setzt, dass er nur nach einem Anzug für eine Party strebe und dafür anscheinend am liebsten über Leichen gehen würde.
Daraus entspinnt sich eine wirklich wirkungsvolle Kette von Ereignissen, die sich spannend liest, bei der man aber auch die Figur Sebastians stark und kritisch hinterfragt.

"Geschwätz, Tagträumen, Beschäftigung mit den eigenen Stimmungen und Gefühlen - sie sind alle verhängnisvoll für das Leben im Geiste. Unter anderem aber ist sogar das beste Theaterstück oder der beste Roman nur verherrlichtes Geschwätz und künstlerisch gebändigtes Tagträumen."  S.316

Anfangs und sogar auch zum Schluss bildet diese Absicht einen gelungenen Rahmen, welcher für manchmal wirre Dialoge und Verhaltensweisen sorgt, sodass auch die Begegnungen mit Sebastians Familie und insbesondere seinem Onkel gewisse Reize bekommen.
Der Roman thematisiert die Lebensweise der Reichen und dem Streben der jungen Menschen nach diesen angeblichen 'Schätzen', die es zu besitzen gibt, wie eben in diesem Fall den Anzug, der dem Protagonisten alle Türen zu den gesellschaftlichen Erfolgen eröffnen würde. 
Allerdings gab es immer mal wieder einige Kapitel, die für mich so aus dem Rahmen fielen und die sich so stark wiederholten, dass sich mir der Spaß und auch das Interesse an den ernst gemeinten Ansätzen entzogen haben. Dies trat vor allem in den Kapitel auf, die sich mit der 'Gefühlsansicht' des Onkels befassen. Sie treten zwar nicht unverhältnismäßig häufig auch und auch die Intention dahinter ist sicherlich auf eine bestimmte Art und Weise lesenswert, aber der Effekt, dass der Leser 'am Ball bleibt' wurde bei mir zumindest verfehlt.
Ebenso bildete zum Schluss eine Folge von plötzlichen Geschehnissen ein so merkwürdiges Ende, mit eingeschlossen den irgendwie eingeschobenen Epilog, der sich plötzlich mit der Beziehung von Sebastian und seinem Vater befasst, dass ich das Gefühl hatte, dass es wiederum an einigen Kapiteln gefehlt hat, die diese Entwicklung gezielter aufgreifen. Nichtsdestotrotz enthält der Roman viele Überlegungen, die wirklich Potential haben und die auch im Großen und Ganzen als Geschichte gut funktionieren.


Hat durchaus seine Stärken, wenn es darum geht Überlegungen des Alltags und des Lebens an sich aufzugreifen. Die Frage nach der Wichtigkeit materieller Besitztümer wird in den Fokus gerückt und sorgt auch an der einen oder anderen Stelle für humorvolle Stellen, die einen aber auch den Kopf schütteln lassen. Der junge Protagonist ist sicherlich ein gelungener Anhaltspunkt um die positiven und negativen Seiten des Strebens nach Geld und Ansehen aufzuzeigen, dennoch gab es einige Kapitel und Passagen, die mich den Roman nicht so haben genießen lassen, wie ich es mir anfangs erhofft hatte.


Vielen Dank an den Piper Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


The Hundred and One Dalmatians von Dodie Smith

Januar 15, 2018










(Original: "The Hundred and One Dalmatians"/ 1956) Egmont UK, 287 Seiten, Übersetzer/in: -, gebunden, Englische Ausgabe, ★★ 5 Sterne
Cruella de Vil ist der Grund warum sich die kleinen Dalmatiner mit ihren schwarzen Flecken ängstigen. Als sie diese stiehlt, um sich aus ihnen einen Pelzmantel nähen zu lassen, begeben sich die Eltern der Welpen auf eine Rettungsaktion. Werden sie die Welpen finden bevor es zu spät ist?


MEINE MEINUNG / FAZIT


"Like many other much-loved humans, they believed that they owned their dogs, instead of realizing that their dogs owned them.” S.9

Disney hat mit seinen Zeichentrickverfilmungen, gewisse Buchvorlagen deutlich geprägt. Auch die Geschichte rund um die pfiffigen ‚101 Dalmatiner‘ kennt man nur zu gut. Die Vorlage für diesen Disney-Erfolg als Zeichentrick und die folgende Real-Verfilmung, schuf die Autorin Dodie Smith.
Da diese Geschichte ein Abenteuer aufgreift, das sich mit kleinen Hundewelpen befasst, kann man davon ausgehen, dass sich viele Kinder- und Jugendbuchelemente darin wiederfinden.
Tatsächlich merkt man recht schnell, dass sich die Geschichte nicht mit vielen unnötigen Informationen beschäftigt. Alles wird recht zügig erklärt, sodass man auch sofort in die Geschichte einsteigt.
Hier und da einige Sätze zur Vorgeschichte, ansonsten reichen aber auch wenige Worte aus, um alles Restliche und Nötige zu transportieren. Das heißt aber eben auch, dass die Geschichte trotzdem wunderbar funktioniert. Sie entwickelt dadurch etwas Verspieltes, Süßes, auch manchmal Naives, aber immer auch etwas Herzliches.

"Both brothers looked very dirty. ‘They never change their awful old clothes’, whispered Lucky, ‘and they never wash. I don´t think they are real humans, Father. Is there such a thing as a half-human?’”S.167

Auch wenn den meisten das Schicksal der Dalmatiner bereits bekannt ist, finde ich das Buch sehr lesenswert. Es ist wunderbar, um sich für einige Stunden zurückzuziehen und einfach eine unterhaltsame Geschichte zu lesen, die aber auch damit spielt, dass man sich vor Augen hält, welche Eigenschaften und Verhaltensweisen an dem Menschen eher unverständlich sind. Warum sieht sich der Mensch immer als das Nonplusultra an? Wieso muss er immer alles an sich anreißen und dabei Tiere verletzen? Letztes spielt natürlich gezielt und recht deutlich auf die Figur der Cruella de Vil an, die alle möglichen Tiere umbringen möchte, um ihre Pelzmäntel tragen zu können.
Auch wenn es den Status eines Kinderbuchs hat, greift es spielerisch Dinge auf, die man manchmal zu schnell vergisst und an die man sich vielleicht öfters mal erinnern sollte. Zudem ergreift einen am Ende so ein herzliches und familiäres Gefühl, weil die Figuren untereinander, also in der Familie der Dearlys und deren Hunden, die pure Liebe eingebunden wird.
Hinzu kommen wunderbar amüsante Passagen, man denen man grinsen muss, weil zum Beispiel die Kommunikation der Tiere herrlich inszeniert wird.

„Dogs can never speak the language of humans and humans can never speak the language of dogs. But many dogs can understand almost every word humans say, while humans seldom learn to recognize more than half a dozen bark, if that.” S. 85


Wunderbar herzliche, lustige, unterhaltsame, spannende und liebevolle Geschichte rund um eine Gruppe von Dalmatinern und Menschen, die trotz ihrer Unterschiede eine geschlossene Familie bilden. Es wird wunderbar aufgezeigt, was Liebe bewirken kann und wie furchtbar falsch es ist, als Mensch anzunehmen, dass man schlauer ist als alle anderen Lebewesen. Und obwohl es ein Kinderbuch ist, welches auch auf süße Momente setzt, thematisiert es gekonnt auch die Problematik mit dem Tragen und Produzieren von Pelz und der Gier.



Sleep No More von P.D. James

Januar 10, 2018



(Original: "Sleep No More"/ 2017 - Die einzelnen Erzählungen jeweils von 1973-1996) Faber & Faber, 172 Seiten, Übersetzer/in: -, gebunden, Englische Ausgabe, ★★ 5 Sterne
Sechs mörderische Erzählungen, die nun erstmals alle in einem Band vorliegen. Im Herzen aller Erzählungen findet sich zudem immer wieder das Motiv der Rache, die in vielen Protagonisten schlummert.


MEINE MEINUNG / FAZIT

"Whatever you know, or think you know, of Ilsa Mancelli, you wont´t have heard about me. The publicity machine has decreed that I be nameless, faceless, unremembered, that I no longer exist." S.30

Als "Queen of Crime" war mir bisher immer nur Agatha Christie bekannt. Allerdings wird auch die Autorin P.D. James des Öfteren so betitelt. In diesem Band lassen sich sechs Erzählungen finden, die alle in diese Richtung zur Kriminalgeschichte gehen. Tatsächlich könnte man durchaus annehmen, dass beide Autorinnen einen ähnlichen Stil verkörperten, da es schließlich um ein gemeinsames Genre geht, dennoch empfand ich diese kurzen Erzählungen deutlich fokussierter und spezieller, als Christies Romane rund um Poirot und Miss Marple.
Die Erzählungen werden als perfekte Weihnachtskrimi-Lektüre deklariert, da es bereits vorher schon einen Sammelband mit dem Titel "The Mistletoe Murder" gab. Meiner Meinung nach kann man dieses Buch aber wirklich zu jeder Jahreszeit lesen, vielleicht aber doch nicht gerade im Hochsommer, sondern an wenigstens verregneten Tagen, damit sich die Stimmung 'entfalten' kann.
Schließlich spielen alle Geschichten an eher düsteren, regnerischen, windigen oder nebligen Tagen. Es geht oftmals um zwiespältige Gemüter, Figuren, die sich hin- und hergerissen fühlen. Andere wiederum verkörpern einen ausgeprägten Wunsch nach Rache und möchten diese in die Tat umsetzen. Dabei verspürt man als Leser immer eine leichte Gänsehaut, weil die Erzähler es schaffen, das Geschehene so zu erzählen, dass am Ende immer ein gewisses, prickelndes Entsetzen zurückbleibt. Man ist erschrocken und doch ziehen die Figuren einen in den Bann, vielleicht gerade weil sie so normal wirken und dennoch falsch handeln.

"There is one thing I shall never forget. The blood must have been red, what other colour could it have been? But, at the time and forever afterwards, I saw it as a golden stream."  S.48

Erzählt werden die Geschichten von den jeweiligen Tätern oder Betroffenen, sodass sie etwas sehr Persönliches enthalten. Dass die Figuren Täter sind, ist hier meist kein großes Geheimnis, da diese Fakten meist direkt zu Beginn jeder Geschichte erwähnt werden. Es geht hier daher nicht überwiegend darum, den Täter zu finden, sondern darum, dass man versucht den Figuren ihre Handlungen nachzuempfinden oder zu empfinden, was sie bei beobachteten Handlungen erlebt und gefühlt haben.
Dabei wird aber trotzdem nicht an der Spannung gespart. Obwohl vieles offen gelegt wird, gibt es die eine oder andere Erzählung die sich am Ende zu einem wahren Gedankensturm entwickelt. Manchmal gibt es Wendungen, die man nicht erwartet hätte, manchmal ist man einfach nur perplex, wie gut gewisse Andeutungen in den Erzählungen funktionieren, die einen wieder zurückblättern lassen. So ist es mir zum Beispiel mit der letzten Erzählung Mr. Millcrofts Birthday ergangen.
Insgesamt gefielen mir alle Geschichten sehr gut, vier haben mich aber besonders gepackt, nämlich The Victim, The Girl Who Loved Graveyards, A Very Desirable Residence und eben Mr. Millcrofts Birthday. Bei allen gab es bestimmte Motive, die sich während der gesamten Handlung gut entfaltet haben und die einfach ein stimmiges, spannendes und interessantes Ganzes ergeben haben.
Zudem schafft P.D. James es, dass ihre Erzähler eine faszinierende Wirkung auf mich haben, da sie ihre eigenen Handlungen auf eine bestimmte Weise reflektieren, die alles noch kurioser erscheinen lässt. Dennoch gibt es immer mal wieder Passagen, die mit Ironie und einem ganz bestimmten Humor gefüllt sind, welche einen wunderbar unterhalten.


Sechs kurze, aber prägnante Erzählungen, die sich alle mit Kriminalfällen auseinandersetzen. Gelungen sind hier die Erzählperspektiven und die sehr eigenen charakteristischen Eigenschaften der Protagonisten. Insgesamt scheint jede Geschichte sehr einzigartig und setzt sich mit anderen Aspekten von Missverständnis und Rache auseinander. So düster es zuerst klingen mag, entwickeln die Erzählungen immer eine unterschwellige Ironie, die auf zwei Weisen funktioniert; man fühlt sich gut unterhalten, verspürt aber gleichzeitig das Gefühl von besonderer Raffinesse und man denkt gleichzeitig intensiver über die Absichten und Entwicklungen der Figuren nach.


Lincoln in the Bardo von George Saunders

Januar 09, 2018









(Original: "Lincoln in the Bardo"/ 2017) Bloomsbury Publishing, 350 Seiten, Übersetzer/in: -, gebunden, Englische Ausgabe, ★★ 4 Sterne
Februar 1862. Der amerikanische Bürgerkrieg tobt, als der elfjährige Sohn des Präsidenten Abraham Lincoln ein schlimmes Fieber befällt. Einige Tage später verstirbt er und wird auf einem Friedhof in Georgetown beigesetzt. Zeitungen berichten, dass der trauernde Präsident mehrere Male an das Grab seines Sohns zurückkehrt, um seinen Körper zu halten.
Willie Lincoln findet sich selbst indessen in einem Zwischenraum wieder, welcher sich in der tibetanischen Kultur - Bardo - nennt.
Angelehnt an diese historisch belegten Fakten, spinnt George Saunders eine unvergessliche Geschichte rund um die Liebe, Familie und das Gefühl des Verlusts.

MEINE MEINUNG / FAZIT

"'All were silent.      - roger bevins iii

         As the man continued to gently rock his child.        - the reverend everly thomas" S.59

George Saunders erhielt für diesen Roman bereits den Man Booker Prize 2017 und auch sonst wird überwiegend lobend über das Buch gesprochen. Es mag also vielleicht nicht gerade überraschen, dass auch ich mich nicht mehr davon losreißen konnte und es unbedingt lesen wollte.
Vielleicht hing das mit dem sehr emotionalen Thema zusammen, welches den Leitfaden bildet. Denn alles dreht sich um den Verlust des kleinen Willie Lincoln und die Trauer die Abraham Lincoln damit zuteilwurde.
Auffällig ist bereits zu Beginn der doch recht ungewöhnliche Schreibstil und die Darstellung des Gesagten. Es gibt keinen fließenden Text, wie man es sonst von Romanen gewöhnt ist, sondern die Geschichte wird durch Figuren erzählt, die sich dauernd unterbrechen oder aber auch ergänzen. Um dabei nicht komplett den Faden zu verlieren, kennzeichnet der Autor dies immer mit dem jeweiligen Namen direkt unter der Äußerung (siehe auch erstes Zitat).
Zudem war ich auch etwas verblüfft darüber, dass Willie Lincoln und Abraham Lincoln selbst gar nicht so vordergründig präsent sind, wie ich es anfangs angenommen habe, denn schließlich dreht sich laut Klappentext alles um diesen Moment des Todes und der Verarbeitung des Todes von Willie Lincoln. Dennoch halten sich diese Figuren recht zurück, was die Interaktion angeht oder generell die Äußerungen. Einerseits fand ich es etwas 'schade', weil man wissen wollte, wie George Saunders mit diesem historisch emotionalen Ereignis umgeht und es darstellt, andererseits muss man sagen, dass es dadurch respektvoll wirkte. Er hat in dem Sinne keine Grenzen überschritten, an denen man vielleicht sagen würde, dass dort die Fiktion zu stark ausgeprägt wäre und man so das Andenken an das Kind oder den Präsidenten herunterspielen würde.

"Then father touched his head to mine. Dear boy, he said, I will come again. That is a promise.        -willie lincolnS.62

Dennoch gab es, meiner Meinung nach, einige wirklich schöne Passagen, die natürlich traurig waren, die aber immer durch einen Hoffnungsschimmer begleitet wurden. Auch wenn es um den Tod geht und um die Dinge, die man falsch gemacht hat, geht es um die Chance und die Einsicht, dass man diese Dinge reflektiert, akzeptiert und dennoch versucht mit sich ins Reine zu kommen.
Zusätzlich zu der Hauptgeschichte rund um den Präsidentensohn und diesen Moment, an dem sein Vater das Grab erneut aufsucht, gibt es nämlich noch viele Figuren, welche das Buch vervollständigen und so eine weiterführende Botschaft an den Leser senden. Einige Figuren treten relativ konstant und über einen längeren Zeitraum auf, sodass man sich an sie gewöhnt und ihren Schicksalen ebenfalls lauschen kann, andere wiederum sind sehr flüchtig und hinterlassen noch einen Nebel, der ein gewisses Bündnis festigt.
An der ein oder anderen Stelle erschien mir dieses Aufeinandertreffen etwas zu losgelöst, da sie nur kurz erwähnt werden und plötzlich keine Rolle zu spielen scheinen. Vielleicht erschien es mir aber auch nur so, da mir diese Gesprächsdialoge manchmal zu chaotisch wirkten.
Was ich allerdings neben diesen Kapiteln, in denen Saunders seiner Fiktion freien Lauf lässt gut gelungen fand, waren die Kapitel, die literarische Sekundärquellen aufgreifen. Nicht alle konnte ich ganz zurückverfolgen und bestätigen, dass es sie alle wirklich gab, aber viele Bücher und Zitate die er rund um diese traurigen Tage der Familie Lincoln anbringt gibt es so zu finden. Das sorgte bei mir immer mal wieder für leichte Gänsehaut, weil die darauf folgenden fiktionalen Elemente gar nicht so weit weg erschienen.
Aber auch die Thematisierung des Krieges und die Verantwortung des Präsidenten werden in dem Buch aufgegriffen. Manchmal schien es mir auch hier etwas zu überladen, weil versucht wurde tatsächlich alles mit einzubauen, aber am Ende passt alles doch so zusammen, dass man dem Buch eine absolute Faszination zusprechen muss. Es bleibt teilweise historisch belegt, greift übernatürliche Elemente auf und verpackt dies alles so, dass man verspannt weiterblättert. Auch wenn ich mir manchmal größere Passagen rund um Willie und seine persönlichen Empfindungen gewünscht hätte, bildet dieser Teil einen wunderbaren Rahmen um auch die vielen anderen Figuren zu würdigen und das Hauptmerkmal darauf zu legen, worauf das Buch eigentlich hinaus möchte. Nämlich sich die Frage zu stellen, wie wir unsere Lieben würdigen und ob diese Liebe wirklich oder überhaupt durch den Tod begrenzt sein kann.

"Tell them we are tired of being nothing, and doing nothing, and matter not at all to anyone, and living in a state of constant fear, the Reverend said.S.260


Ein überwiegend fiktionaler Roman, der übernatürliche Elemente aufgreift, der aber auch passende und gezielte historisch belegte Zitate aufführt und so zu einem besonderen Leseereignis wird.
Gefühlvoll, emotional und gleichzeitig paradoxerweise an einigen Stellen sehr rabiat und mit Ironie unterlegt. Das liegt vor allem an einigen Charakteren, auf die der junge Willie Lincoln trifft.
Befasst sich zudem auch mit der Herausforderung des Präsidenten, das Land durch einen Krieg zu führen, während ein persönliches Leid zu überwiegen scheint. Obwohl ich im Großen und Ganzen von dem Buch positiv überrascht bin und es allein durch seine Erzählweise lesenswert finde, gab es kleine Kritikpunkte, die dazu geführt haben, dass mich der Roman nicht komplett und ausnahmslos überzeugen konnte.




Dezember: Weihnachten im Überfluss

Januar 05, 2018





Der Dezember ist der Monat des Jahres, in dem der Kalender aussieht, als würde er gleich explodieren. Ziemlich viele Geburtstage wollen gefeiert werden, der Weihnachtsmann sucht nach geeigneten Geschenken für die Liebsten und das neue Jahr steht in den Startlöchern.
Oftmals verspürt man dann eher das Gefühl, dass kaum Zeit zum Lesen bleibt. Überraschenderweise landeten dennoch einige Bücher auf meinem 'Gelesen-Stapel'. Vielleicht lag das auch daran, dass ich mich eher kürzeren Büchern gewidmet habe, Büchern die ich schon einmal gelesen hatte oder aber auch Jugendbüchern, die zusätzlich viele Illustrationen enthielten.

So oder so habe ich dabei einige wirklich schöne Bücher entdeckt. Wie man sieht sind es aber auch überwiegend Weihnachtsbücher geworden. Vor allem viele, die ich bereits in meinem 'Weihnachts-Leselistenbeitrag' erwähnt hatte.

Wie immer gelangt ihr durch Anklicken des Buchtitels, falls vorhanden, auf die jeweilige Rezensionsseite.  

„Winnie Pooh Christmas Stories & Poems“ von A. A. Milne: Ein schöner Sammelband mit einigen Geschichten von einem der süßesten Bären und seinen Freunden, die alle etwas mit Weihnachten oder winterlicher Stimmung zu tun haben. 

„Ein Mord zu Weihnachten“ von Francis Duncan: Eine wunderbare erste Lektüre für den Dezember fand ich in diesem weihnachtlichen Kriminalroman. Zwar kann man ihn natürlich immer lesen, auch einen Monat vor Weihnachten, jedoch ist der Roman so stimmungsvoll geschrieben, dass er sich perfekt dafür eignen würde, genau an Heiligabend gelesen zu werden. Dabei hinterfragt die Geschichte auch noch einmal gekonnt den Sinn von Weihnachten und die 'familiäre Stimmung' der sich viele zu 'beugen' scheinen.

„Moominland Midwinter“ von Tove Jansson: Lange ist es her, dass ich im Land der Moomins unterwegs war. Umso schöner war diese Geschichte, die mir wieder Lust auf mehr gemacht hat.
Sie ist süß, wunderbar für verschneite Tage und zum Schluss noch sehr herzlich.

„A Boy Called Christmas“ von Matt Haig: Obwohl die Weihnachtsbücher von Matt Haig bereits letztes Jahr veröffentlicht wurden, habe ich es erst dieses Jahr geschafft, die ersten beiden Bände zu lesen. Der erste Teil hat mir zudem wirklich sehr gut gefallen. Locker, dennoch mit schon ernsten Schicksalen und meiner Meinung nach etwas im Stil von den Filmen "Santa Clause". Elfen, eine Spielzeugwerkstatt und Rentiere sind hier an der Tagesordnung.

„Christmas with the Savages“ von Mary Clive: Kurze Lektüre, die weihnachtlich angehaucht ist, die aber stärker auf die Entwicklung der jungen Protagonistin abzielt. Lesenswert, aber vielleicht nicht unbedingt dann, wenn man sich in richtige Weihnachtsgeschichten stürzen möchte.

„The Nutcracker von E.T.A. Hoffmann: Ein Klassiker, den man eigentlich immer lesen kann. Märchenhaft und greift Hoffmanns typisches Motiv der Frage nach Traum und Wirklichkeit auf. Mir gefiel es sehr und ich werde es sicherlich nächstes Jahr wieder lesen.

„The Girl Who Saved Christmas” von Matt Haig: Der zweite Teil von Matt Haig hat mir weiterhin ganz gut gefallen, denn die Weihnachtsstimmung bricht auch hier nicht ab. Der Weihnachtsmann muss sich einem etwas größeren Abenteuer stellen und es kommt zu interessanten Wendungen, allerdings ging mir hier etwas der Funke von Band eins verloren, da es mir an einigen Stellen so schien, als hätte man hier zu viel gewollt und hat das Buch einfach mit allem möglichen vollgestopft was nur geht. Dennoch ist es weiterhin unterhaltsam.

„A Christmas Carol“ von Charles Dickens: Ebenfalls ein Klassiker, den man immer lesen kann, was ich auch tatsächlich jedes Jahr auch in Angriff nehme. 'A Christmas Carol' ist ein Muss an Heiligabend.

„Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ von J.K. Rowling: Leider muss ich nun über ein Jahr auf den vierten Teil der illustrierten Ausgabe warten, aber ich bin mir sicher das Warten wird sich lohnen. Band drei hat wieder einmal überzeugt. Den Wunsch vieler, dass mehr Illustrationen in den Büchern sein sollten, kann ich durchaus verstehen, aber mir gefallen selbst die Seiten, die nur Schnörkel im Hintergrund aufweisen. Sie sind aber so oder so einfach hinreißend. Definitiv eines meiner Highlights im Dezember.



Welches Buch hat euch im Dezember am meisten beeindruckt? Oder hattet ihr durch den 'Weihnachtsstress' eher keine Zeit ausgiebig zu lesen?



Drei Mann in einem Boot von Jerome K. Jerome

Januar 04, 2018






(Original: "Three Men in a Boat. To say nothing of the Dog."/ 1889) Manesse », Übersetzer/in: Gisbert Haefs (aus dem Englischen), 348 Seiten, gebunden★★★() 4 bis 5 Sterne
"Eine Bootsfahrt auf der Themse! Zu Zeiten von Königin Viktoria war das der Inbegriff des Ferienglücks. Auch unsere drei Freunde rudern auf der Suche nach Natur und Erholung zwölf Tage lang flussaufwärts: von Kingston nach Maidenhead, Marlow, Dorchester, Reading und Oxford – und dabei von einer Panne zur nächsten. Nichts kann die Freunde aus der Fassung bringen, sämtliche Missgeschicke, trocken serviert von Erzähler J., wissen sie mit Stil und Witz zu ertragen. Die Gentlemen trösten sich mit der reizvollen Atmosphäre der Themsestädtchen (und in deren Kneipen), bis der Regen sie vorzeitig in die Zivilisation Londons zurückspült.“


MEINE MEINUNG / FAZIT


"Das ist Harris, wie er leibt und lebt – jederzeit bereit, die gesamte Bürde zu übernehmen und sie anderen auf den Rücken zu packen.“  S.38

Die wenigsten verbinden mit Klassikern das Gefühl von Komik und guter Unterhaltung. Meist stehen schwere oder ernste Themen im Vordergrund.
Denkt man an ganz bestimmte Werke, wie zum Beispiel „Anna Karenina“, „Jane Eyre“ oder „Ulysses“, dann kommt noch der Aspekt der recht umfangreichen Seitenzahl hinzu.
Mit „Drei Mann in einem Boot. Ganz zu schweigen vom Hund!“ von Jerome K. Jerome verhält es sich ganz anders. Der Roman ist kurz und wirklich unterhaltsam. Zugegeben, nicht jedem gefällt vielleicht die Art der Komik, aber ich habe mich sehr gut aufgehoben gefühlt. Der Autor versprüht diese lustigen Momente, die man erst liest, sie sich dann bildlich vorstellt und diese Vorstellung dazu führt, dass man grinsen oder sogar lachen muss.
Nicht nur einmal ist dies passiert. Dabei muss ich aber auch sagen, dass man vielleicht dafür offen sein muss, sich diese Dinge in ihrer Absurdität vorzustellen, ohne sich daran zu stören, dass gewisse Formulierungen recht banal daherkommen. Die Erzählweise sorgt nämlich dafür, dass der Leser den Erzähler so einschätzt, dass er gewisse komische Handlungen selbst nicht wahrnimmt. Hier und da offenbart er seine Neigung, anderer Leute Fehler als unterhaltsam einzustufen, seine eigenen komischen Ansichten stehen aber eher nur dem Leser als solche erkennbar vor ihm.

"Endlich […] fuhren wir unter dem Jubel der Menge los, und Biggs´ Laufbursche warf uns eine Karotte als Glücksbringer hinterher."  S.86

Ich persönlich habe mich wie gesagt absolut unterhalten gefühlt. Alle drei Männer (und natürlich der Hund!) sind Charaktere, die einem typischen Comedy-Film gleichen. Sie geraten in absurde Situationen, reagieren meist etwas fragwürdig, lassen sich aber dennoch nie den Spaß nehmen und kämpfen sich durch ihre selbst auferlegte Aufgabe, einen zwölftägigen Ausflug zu unternehmen.
Bereits die ersten paar Seiten haben mich dabei schon zum Erzähler hingezogen, denn er schildert, wie die Männer überhaupt auf diese Idee kamen. Und was soll ich sagen, vieles wird auch dem ‚modernen‘ Leser von heute bekannt vorkommen, denn allein die Betrachtung aller möglicher Krankheiten und der selbst erteilten Diagnose, dass er wohl alles haben müsse (laut durchgegangener Symptome) lässt einen wunderbar in die Art des Buches eintauchen.
Denn der Roman nimmt nicht nur die Männer auf die Schippe, sondern auch den Leser. Es werden viele Ereignisse und Erlebnisse erzählt, die jeder von uns kennt. Eigensinnige Verwandte die alles besser wissen, tollpatschige Freunde, ein Hund der sich scheinbar als einziges Haustier gegen alle anderen verschworen hat oder einfach man selbst, der anscheinend der einzige ist, der noch vernünftig ist und gerne mit anpackt, wenn es nötig ist. Natürlich wird alles auf herrliche Weise und sehr amüsant so dargestellt, dass man den Kopf schüttelt, sich ertappt fühlt, anschließend lacht und sich gleichzeitig ‚glücklich‘ fühlt, weil es einfach Spaß macht, Teil dieses verrückten Bootstrips zu sein.
Was ich zudem ganz interessant fand: Es tauchen zwischendurch immer mal wieder sehr poetische Zeilen auf, die im Kontrast zum sonstigen lustigen Buch doch auffallen. Dabei war ich mir anfangs nicht sicher, ob der Roman diese romantisierte Aussprache ebenfalls etwas auf den Arm nehmen möchte oder ob sie ernst gemeint sind. So oder so, habe ich auch diese Gedanken in dem Buch sehr genossen und finde, dass auch dort viel Wahrheit drinnen steckte.

"Wie sanftmütig jemand an Land auch sein mag, in einem Boot wird er gewalttätig und blutdurstig. Ich war einmal mit einer jungen Lady unterwegs. Sie war von Natur aus nett und liebenswürdig, wie man es sich nur vorstellen kann, ihr auf dem Fluss zuzuhören war jedoch ziemlich erschreckend.S.338


Sehr unterhaltsamer Klassiker, der Alltagssituationen wunderbar aufgreift und den Umgang mit ihnen in einem humorvollen Licht darstellt. Hat eine Leichtigkeit, regt aber auch zwischendurch zum Nachdenken an, da man sich in gewissen Situationen ertappt fühlt, was die Verhaltensweisen seinen Mitmenschen gegenüber angeht. Insgesamt aber Bootsausflug, den ich nicht so leicht vergessen werde (ganz zu schweigen den Hund).


Vielen Dank an den Manesse Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!