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LITTLE WORDS




"Growing up, I took so many cues from books. [...]
They were my teachers and my advisers."

Neil Gaiman / "The Ocean at the End of the Lane"

EMPFOHLENE BEITRÄGE




NEUE   BEITRÄGE

Der "Rough Cut" bei Büchern

Die einen lieben es, die anderen... wissen gar nicht, was das ist. Der "Rough Cut" oder auch "Deckled Edges" genannt. Aber spulen wir mal ein wenig zurück...

Wenn man sich den deutschen und englischsprachigen Buchmarkt so ansieht, wird deutlich, dass immer noch relativ große Unterschiede in der Produktion bestehen. Man hat den Eindruck, als sei es hier sehr wichtig, dass alles akkurat, sauber und qualitativ hochwertig aussieht und auch in der Verarbeitung gewisse Standards eingehalten werden. Literatur ist schließlich etwas Wertvolles, nicht wahr?

Wagt man einen Blick nach England oder in die USA sieht das tatsächlich etwas anders aus. Viele Bücher werden als Massenprodukt auf - zugegeben - nicht immer qualitativ hochwertigem Papier gedruckt und machen einen manchmal lädierten Eindruck. Mehr als einmal habe ich in Seminaren an der Uni oder in Buchrunden gehört: "Das geht ja mal gar nicht".
Ich verstehe den kritischen Blick auf diese "schnelle" Produktion, muss aber auch sagen, dass ich die Ästhetik doch lieben gelernt habe. Zumindest in gewissem Maße.
Als ich mich mit der Zeit immer stärker auf die Originalausgaben konzentriert habe, fand ich gerade diese nicht perfekte Erscheinung durchaus ansprechend. Nachdem ich dann das erste Mal auf die "Deckled Edges" traf, die in der deutschen Buchherstellung (meiner Erfahrung nach) nicht mehr angestrebt werden, war ich ein klein wenig verliebt. 

Umso erstaunter bin ich heutzutage, dass viele Leser*innen hierzulande beinahe bestürzt sind, wenn Sie ein solches Exemplar - ohne Kenntnis - bestellen und erhalten. Ich habe zahlreiche Kommentare gelesen, in denen sich beschwert wird, dass das Buch kaputt, ja sogar zerstört sei und man ein neues Exemplar angefordert habe. Natürlich mit gleichem Ergebnis. Mir war gar nicht bewusst, dass diese Art der Papiererscheinung hier so verpönt ist.
Dabei ist der "Rough Cut" erst seit dem 19. Jahrhundert immer mehr verdrängt worden.
Davor war es einfach das übliche Aussehen, das während des Herstellungsprozesses nicht verhindert werden konnte. Wenn man sich also heutzutage bei der Wahl dafür entscheidet, soll es dem Buch einen authentisch alten Look verleihen.
Natürlich, nicht jede*r mag diesen Buchschnitt, auch nicht in den englischsprachigen Ländern, aber irgendwie hat es was, oder? Ich fände es zumindest schade, wenn man gänzlich darauf verzichten würde.


Wie findet ihr den "Rough Cut"? Könntet ihr euch damit anfreundenm mögt ihr ihn bereits? Oder ist euch der normale, gerade Schnitt lieber?

Penguin Orange Collection


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"Männer und Frauen" von Yosano Akiko

Juni 09, 2022

Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "Otoko to onna"/ 1911-1930) Manesse Verlag - Manesse Bibliothek - Mehr Klassikerinnen (2022), Übersetzer/in: Eduard Klopfenstein (aus dem Japanischen), ★★★★☆ 4 Sterne
"Warum hält sich das Vorurteil des substanziellen Geschlechterunterschieds derart hartnäckig? Woran liegt es, dass Frauen in der Gesellschaft immer noch chronisch unterschätzt und benachteiligt werden? Und wie kriegen wir endlich veraltete Rollenbilder aus den Köpfen? – Diese eminent wichtigen Fragen stellte Yosano Akiko vor hundert Jahren mit unverhohlener Klarheit – und gab Antworten, die noch heute ins Schwarze treffen.
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"Aber was mich betrifft, widerstrebt es mir einfach von meinem Naturell her, mich zu maskieren. Ich hasse es, ohne Herzblut zu schreiben."  S.10f.


Es ist schon merkwürdig zu lesen, wie fortschrittlich Akiko mit ihren Gedanken vorangegangen ist und wie wenig sich doch rückblickend vielleicht auch getan hat. Natürlich, es gab eine Entwicklung, keine Frage, aber die Ansprüche, welche in den Essays gestellt werden (und zwar mit der Dringlichkeit, dass der Westen schon viel weiter sei / bald sein würde), lässt einen schon etwas verblüfft, wenn nicht gar verärgert zurück. 

Stets hatte ich den Eindruck, als seien die Vorstellungen einer "gleichen" Gesellschaft, hinsichtlich der Stellung der Menschen, die von einer Frau herangetragen werden, über das Jahrhundert weiterhin nur belächelt worden. Vorne herum heißt es, der Feminismus sei da, man solle jetzt zufrieden sein und Ruhe geben. Wenn man sich jedoch die Texte von 1911-1930 ansieht, stellt man leider fest, dass man - geht man in die Tiefen und Strukturen der heutigen Gesellschaft - gar nicht so viel weitergekommen ist. 

Immer noch gibt es Diskussionen um Frauen in der Politik, Haushaltsaufteilungen, Kinderbetreuung, Bildung und der Stellung der Frau, als sei man in einer Zeitschleife gefangen.

"Nach meiner Vorstellung ist es in Zukunft ohnehin weniger wichtig, nach Männern und Frauen zu unterscheiden     - in welcher Gesellschaft wir uns auch bewegen werden. Vielmehr wird sich die Einstufung einzelner Individuen danach richten, wie hoch oder niedrig die Kenntnisse und Fähigkeiten einer Person einzuschätzen sind." S.38
 
Ich mag die Texte in diesem Band wirklich sehr, weil sie so wahr uns voller Tatendrang sind. Absolut lesenswert, weil man ständig mit dem Kopf nickt und Notizen macht. 
Leider jedoch zeigt der Band auch auf, dass die Texte an Dringlichkeit nicht verloren haben. Still sein und sich mit vorgetäuschten Fortschritten zufrieden geben ist keine Option. 
Daher hoffe ich, dass das Buch noch viele Leser*innen finden wird, um neue Kraft zu sammeln und weiterhin laut zu sein, für ein besseres und gerechteres Miteinander. 

Beachten sollte man jedoch sicherlich, dass die Texte in gewissem Maße trotzdem stark auf die Konzepte Mann/ Frau eingehen (beachte VÖ der Essays beginnt 1911) und heutige nicht-binäre Ansichten außer Acht lassen.
Zudem gefiel mir eine Aussage nicht, dass Frauen sich nicht mit der Geburt und Erziehung "schwächlicher Kinder" auseinandersetzen müssten, wenn sie die Chance auf gute Bildung und bessere Positionen hätten, um das Land "geistig und körperlich" voranzutreiben. Die negative Auslegung der Kinder, die anscheinend keinen Wert für die Gesellschaft haben, war für mich schon mehr als kritisch. 
Auch hier, habe ich die Zeit der Veröffentlichung natürlich im Blick gehabt, jedoch würde ich hier jedes Mal darauf verweisen, dass diese Ansichten keineswegs zur fortschrittlichen Gesellschaft beitragen (sollten). 
 
Die letzten Texte sind zudem wirklich erstaunlich präzise, zu der Verhaltensweisen der Menschen während einer Pandemie. Auch hier unfassbar lesenswert, wenn auch wirklich niederschmetternd, wenn man sieht, dass wir scheinbar einfach nicht aus vergangenen Fehlern lernen wollen...

"Es ist komisch, dass es unter den Männern, die über Frauenfragen theorisieren, einige gibt, welche die körperliche Konstitution der Frau von allem Anfang an für schwach halten. Solche Leute möchte ich gern einmal fragen, ob denn die männliche Konstitution wohl die Qualen einer Geburt aushalten würde." S.29
 
Essays einer Schriftstellerin, die zwar vor längerer Zeit veröffentlicht wurden, die aber weiterhin aktuell sowie klug, durchdacht und voller Tatendrang sind. In Anbetracht unserer heutigen gesellschaftlichen Entwicklung, gibt es natürlich auch Kritikpunkte, die gewisse Konzepte außer Acht lassen, überwiegend jedoch sind die Texte sehr fortschrittlich und wichtig, um weiterhin eine (literarische) Stimme für die "gleiche" Stellung der Menschen in der Gesellschaft zu haben.
 

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Mai: Klein und fein

Juni 03, 2022

Dieses Jahr war bisher recht turbulent und ab März ging es dann mit den gelesenen Bücher erst einmal nicht so recht voran. Naheliegend also, dass ich die Rückblicke bisher eher ausgelassen habe. Im Mai jedoch konnte ich nun allerdings fünf gute Bücher beenden, die zumindest eine kleine Vorstellung verdient haben.

Fünf gehen, fünf kommen, lautet gleichzeitig die Devise, denn einige Titel haben sich diesen Monat erneut in meine Bücherregale geschlichen ("The Lord of the Rings", Emily Henry etc. siehe unten). Und das obwohl ich die aus dem aktuellsten Neuzugänge-Beitrag noch nicht in Angriff genommen habe.
Ein guter Grund, um den Buchkauf für die nächsten Monate (bis auf die schon getätigten Vorbestellungen) ruhen zu lassen. Ich möchte mich nun endlich auf die Bücher konzentrieren, die noch hier schlummern und mich dann erst wieder um meinen Geburtstag herum mit einigen Neuheiten eindecken (ein kleiner Urlaub ist nämlich auch schon geplant, da darf ein Besuch in der Buchhandlung nicht fehlen).

Nun aber zu den gelesenen Büchern im Mai: 

  • Kurz und knackig... waren definitiv "Time is a Mother" von Ocean Vuong und "Galatea" von Madeline Miller. Ersteres hat mich positiv überrascht, auch wenn ich nicht zu allen Gedichten einen direkten Zugang hatte. Es ist jedoch ein Gedichtband, zu dem ich gerne noch einmal zurückkehren werde.
    Das kleine Bücherlein von Madeline Miller mochte ich wirklich gerne. Leider (!) war es wirklich sehr kurz. Obwohl die Figuren super ausgearbeitet waren, hätte man gerne noch etwas länger darüber gelesen.
  • Noch mehr Mythologie: gab es mit "Elektra" von Jennifer Saint. Ihr erstes Buch "Ariadne" gefiel mir ganz gut, hatte aber einige Längen. Auch "Elektra" hat sich für mich teilweise wiederholt und hätte etwas knackiger sein können, aber es gefiel mir dennoch gut, weil es einige Stellen gab, die es wieder "rausgerissen" haben. Das Buch konzentriert sich hier stark auf die Dynamik zwischen Mutter und Tochter und wie sich die Blickwinkle je nach persönlichem Erlebnis ändern können. 
  • Back to the liars: Mit E. Lockharts "Family of Liars" bin ich wieder auf Spurensuche gegangen und habe versucht Geheimnisse zu lüften. Die Vorgeschichte zu "We Were Liars" war letztlich ganz in Ordnung. Ich mag das Setting unfassbar gerne und auch die vielen Bezüge zum Vorgänger, aber mir hat die Notwendigkeit dieser Erzählung ein wenig gefehlt. Ich hatte das Gefühl, dass damit nichts wirklich Wichtiges zur eigentlichen Geschichte dazugekommen ist und es auch zwischenzeitlich Entwicklungen gab, die man hätte weglassen können. Nichtsdestotrotz sicherlich interessant für alle Fans von "We Were Liars" und die eine Lektüre für einige Sommerabende suchen. 

Außerdem ausüfhrlich rezensiert: 


Nun, da es hoffentlich wieder etwas ruhiger zugehen wird, bin ich gespannt, was die folgenden Monate an Lektüren bereithalten werden...


 

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"Mrs. Dalloway" von Virginia Woolf

Mai 24, 2022

Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "Mrs Dalloway"/ 1925) Manesse Verlag - Manesse Bibliothek - Mehr Klassikerinnen (2022), Übersetzer/in: Melanie Walz (aus dem Englischen), ★★★★☆ 4 Sterne
"Es ist ein besonderer Tag im Leben der zweiundfünfzigjährigen Clarissa Dalloway: Die Gattin eines Parlamentsabgeordneten will am Abend eine ihrer berühmten Upper-class-Partys geben. Der Tag vergeht mit Vorbereitungen, zufälligen Begegnungen mit Jugendfreunden, Konversation, nostalgischen Betrachtungen, Sinneseindrücken beim Flanieren ... Ein besonderer Tag soll es – aus ganz anderen Gründen freilich – auch für Septimus Smith werden. Auch ihn, den Kriegsheimkehrer, beschäftigt die Gegenwärtigkeit des Vergangenen in jedem einzelnen Augenblick."
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"Irgendjemand hatte ihn mitgebracht, und Clarissa hatte seinen Namen nicht verstanden. Sie stellte jedermann als Wickham vor. Zuletzt sagte er: 'Ich heiße Dalloway!' - das war sein erster Eindruck von Richard -, ein blonder junger Mann, eher linkisch, der auf einem Liegestuhl saß und mit den Worten herausplatzte: 'Ich heiße Dalloway!' "  S.109

Viele großen Romane tragen den Namen einer Frau als Titel. Und eigentlich geht man davon aus, dass diese dann auch den zentralen Mittelpunkt der Geschichte einnimmt. Clarissa Dalloway hingegen ist ein Verbindungsstück zwischen allen Protagonist*innen, denen wir begegnen. Und an diesem Tag der Erzählung sind es einige. 
 
Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich anfangs etwas verwirrt war. Darüber, dass die Übergänge in die wechselnde Erzählperspektive sehr lose sind. Gerade waren wir noch bei Mrs. Dalloway, schon sind wir bei Septimus Smith oder Peter Walsh, einem alten Freund von Clarissa, welcher die Beziehung zu ihr und sein Leben ebenfalls noch einmal Revue passieren lässt.
Man muss sich als Leser*in manchmal selbst kleine Anhaltspunkte suchen, um zu erkennen, wann genau wir welchem Innenleben, den Gefühlen und Gedanken der Figuren, folgen und wie diese zueinander stehen.
Das mag einige Aspekte des Romans etwas chaotisch wirken lassen, besaß aber (wie ich finde) letztlich doch einen ganz eigenen Reiz.

"Auch die Liebe war zerstörerisch. Alles Schöne, alles Wahre ging verloren." S.225f.
 
Das Tempo und damit der Ablauf des Tages ist recht zügig, wenn auch gar nicht so viel geschieht. Lässt man sich jedoch von den Figuren und dessen Schicksalen einfach treiben, bietet der (erzählte) Tag viele wichtige Botschaften und interessante Beobachtungen. Dies verlangt eventuell eine Stimmung mit etwas Geduld, da man sonst viele Aspekte. Äußerungen und Abläufe oder sogar die Erzählung für etwas nichtig halten könnte, aber es lohnt sich. 

Der Roman befasst sich mit Themen, die heute weiterhin unfassbar aktuell sind. Die Rolle der Frau in einer Ehe, die Wünsche, Träume und auch Hoffnungen, die damit verbunden sind. Die Ignoranz der Gesellschaft gegenüber depressiven Mitmenschen - ganz zu schweigen davon, wenn es sich um sogenannte "weiche" Männer handelt. Und natürlich um das gesamte soziale Getue, mit dem sich die Upper Class abzugrenzen versucht. Was bleibt ist jedoch eine Fassade, hinter die es in jedem der aufgeführten Schicksale zu blicken gilt.

"Sind wir nicht alle Gefangene? Sie hatte ein wunderbares Theaterstück über einen Mann gelesen, der an der Wand seiner Zeit kratzte, und ihr war, als ob das die Wahrheit über das Leben sei - dass man an der Wand kratzte." S.138
 

Ein Klassiker, der es sicherlich verdient geworden ist. Die Schwere der Themen und die gleichzeitige Leichtigkeit der Erzählungen machen aus "Mrs. Dalloway" eine lesenswerte Lektüre. Man muss jedoch in der Stimmung für einen Roman sein, der die Leser*innen wie eine Feder durch die Stadt treiben lässt, die Perspektiven wechselt und so bei den Übergängen für einige Verwirrrungen sorgen kann. Grundsätzlich ist das Tempo schnell, doch die Handlung ist nicht der zentrale Punkt. Der Fokus liegt auf den psychischen und gesellschaftlichen Aspekten der Figuren. Für mich wahnsinnig interessant, da ich mir auch vorstellen kann, dass jede*r Leser*in bei einem anderen Schicksal hängen bleibt und diesen im Herzen und in den Gedanken tragen wird.


 

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Recent reads: 3 Japanische Bestseller

Mai 15, 2022

"'Sell books that sell - that´s the rule.'

A curious phrase indeed. A curious phrase that had a bizarre ring to it." - The Cat Who Saved Books, p.139


Japanische Literatur hat in den letzten Jahren deutlich an Beliebtheit und Bekanntheit dazugewonnen. Nach Haruki Murakami sind nun auch Namen wie Toshikazu Kawaguchi, Hiro Arikawa oder Durian Sukegawa in den Buchhandlungen und im digitalen literarischen (deutschen) Umfeld ein Begriff. 

Letzten August habe ich mich bereits an die "Before the Coffee Gets Cold" - Erzählungen ran gewagt und war sehr angetan. Die Geschichten bestechen durch eine zurückhaltende Eleganz, lassen aber dennoch viel Raum für Gefühle.
Es wurde also an der Zeit, dass ich mich an die nächsten japanischen Texte wage. Aus diesem Grund, habe ich mir drei Bücher ausgesucht, die als "japanische Bestseller" gelten. Konnten sie mich ebenfalls so überzeugen? Gibt es Elemente, die "typisch" zu sein scheinen oder einem Trend folgen?


DAS WAR IN DEN BÜCHERN ÄHNLICH

Gestartet bin ich mit "How Do You Live" von Genzaburo Yoshino. Vielleicht nicht ganz verwunderlich, da das Buch nun mit einem Vorwort von Neil Gaiman ergänzt wurde. Ich war tatsächlich etwas verwundert, dass die Geschichte einen so starken Fokus auf den "Coming-of-Age"-Aspekt legt und dennoch so erfolgreich geworden ist. Der Text greift durchaus auch elementare und wichtige Dinge wie die Entstehung der Planeten, Sternenkonstellationen, also auch angerissen die Geschichte mit Kopernikus sowie auch Napoleons Werdegang oder moralische Fragen auf, aber dies ist alles auf eine sehr spezielle Weise ausgelegt.
Einerseits hat man als Leser*in das Gefühl, dass der Text durchaus für ein jüngeres Publikum gedacht ist, andererseits wird versucht, durch die Einschübe der Tagebucheinträge des Onkels, die Ebene der "erwachsenen Literatur" mit einzuschließen. Das hat an der einen oder anderen Stelle gut für mich funktioniert, leider hat aber zum Ende hin mein Interesse an diesem Stil etwas abgenommen, wodurch es mir mit der Zeit etwas ermüdend und langweiliger erschien. 

Als ich dann zu "Lonely Castle in The Mirror" von Mizuki Tsujimura und "The Cat Who Saved Books" von Sosuke Natsukawa vorgedrungen bin, war ich umso überraschter, dass auch diese beiden Bestseller, die nun auch den europäischen Büchermarkt für sich einnehmen konnten, ebenfalls an ein eher junges Publikum gerichtet sind und versuchen, den Fragen á la "wie lebe ich richtig?" / "was ist moralisch wichtig?" auf die Spur zu kommen.
Diese beiden Bücher werden zudem noch von dem Aspekt der Trauerbewältigung unterstützt. Die Geschichten vermischen somit das eigene Hadern mit einer schwierigen Situation und die Überlegungen danach, wie man sich dennoch in der Welt zurrechtfinden kann ohne andere dabei vor den Kopf zu stoßen.


DAS HAT DIE BÜCHER UNTERSCHIEDEN

Unterschiede kann man, trotz allen Ähnlichkeiten, viele finden. Auch wenn man natürlich bedenken muss, dass hier die Übersetzungen ins Englische einiges ausmachen, muss ich gestehen, dass mir "The Cat Who Saved Books" & "Lonely Castle in the Mirror" vom Ton und Stil her um einiges besser gefallen haben. Sie hatten etwas Zeitloses, überzeugen aber mit dem Drang, dass man weiterlesen möchte und es etwas spannender ist. 

Natsukawas kurze Erzählung führt uns in die unendlichen Reihen von Bücherregalen. Und zwischen diesen müssen wir navigieren, Entscheidungen fällen und uns gleichzeitig retten. Der Aspekt einer "Quest" steht hier ziemlich stark im Vordergrund, was für Leser*innen einen schönen Reiz ausmacht. Im Gegensatz zu Yoshinos Tageserlebnissen/Tagebucheinträgen-Mischung, plätschern die Gedanken nicht nur so vor sich hin, sondern es gilt auch eine Aufgabe zu lösen und hinter die Intention des Szenarios zu kommen. Für mich war dies ein wirklich gelungenes Abenteuer, was als Erzählung auch verdient einen Klassiker-Status erhalten könnte.
Die Frage nach dem Hintergrund der Situation ist auch Ausgangspunkt in Tsujimuras Roman, wenn auch auf etwas andere Art und Weise. Kurzzeitig tritt der Aspekt ein wenig zurück, um dann am Ende in einem spannenden Showdown zu münden. Für mich war diese Geschichte sicherlich ein kleines Highlight, das trotz der Adressierung an ein jüngeres Publikum, auch wunderbar für Erwachsene ist, da man hier auch vielleicht aus Sicht eines Elternteils Einblicke in die Schwierigkeiten von Schüler*innen zurückblicken und den eigenen Kindern neue Perspektiven aufzeigen kann. 

Der wohl markanteste Unterschied zwischen Yoshinos Roman und "Lonely Castle in the Mirror" und "The Cat Who Saved Books" ist jedoch, dass die beiden letzteren einen wirklich schönen Fantasy-Anteil haben, der zum Träumen einlädt.


"The Chronicles of Narnia, which sat in the bookcase downstairs, crept into her  mind. How could a portal into a different world not be appealing?" - Lonely Castle in the Mirror, p. 26

 

DIE JAPANISCHE KULTUR KENNENLERNEN

Wenn man zu Büchern aus anderen Teilen der Welt greift, hofft man (zumindest in den meisten Fällen), auch etwas Neues aus der Kultur zu erfahren. In allen drei Büchern war dies sicherlich der Fall. Ich habe einiges zur japanischen Trauerkultur erfahren, zum Schulsystem, zur gewünschten Lebensweise und zu eigentlich ganz beiläufigen Dingen, die mich aber sehr interessiert haben. 
Zum Beispiel wird in "Lonely Castle in the Mirror" oft auf die Namen und Namensgebung verwiesen. Fügt man bestimmte Endungen zu einem Namen hinzu, wird man entweder als "Freund" angeredet oder in einer höflich distanzierten Form. Ebenso erfährt man einiges zu den Silben, die den Namen bilden und wie schwierig es sein kann, diese dann in Schriftform zu lernen. Ich persönlich finde solche Informationen neben der eigentlichen Handlung unfassbar spannend und lesenswert, sodass ich mich sehr gefreut habe, hier ein wenig "unterrichtet" worden zu sein. 

FAZIT / SIND JAPANISCHE BÜCHER ETWAS FÜR MICH?

Definitiv! Ich schätze die Intention der Bücher, die ich bisher aus der japanischen Literaturwelt mitnehmen konnte sehr. Obwohl mir "How Do You Live" in einigen Teilen zu statisch wirkte, konnten mich die zwei Nachfolger "The Cat Who Saved Books" & "Lonely Castle in the Mirror" Dank des Spannungsbogens und der Kombination einer anderen, uns unbekannten Welt, sofort abholen und in den Bann ziehen. Zudem haben beide Bücher viel Gefühl, ohne kitschig zu sein, was mir ebenfalls sehr gefallen hat.
Daher werde ich nur allzu gerne weiterhin schauen, was die japanische Literatur noch zu bieten hat und sicherlich auch zu Büchern greifen, die nicht nur als "(internationale) Bestseller" bekannt sind, um auch andere Facetten kennenzulernen. 



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