"Tomorrow, and Tomorrow, and Tomorrow" von Gabrielle Zevin

September 20, 2022

(Original: "Tomorrow, and Tomorrow, and Tomorrow"/ 2022) Chatto and Windus, Übersetzer*in: - , ★★★★☆ 4 Sterne


Dies ist keine Liebesgeschichte, aber es geht um Liebe.

Zwei Kinder treffen sich in einem Gaming-Zimmer eines Krankenhauses im Jahr 1987. Eines davon besucht seine Schwester, das andere erholt sich von einem Autounfall. Beide verbindet die Liebe zu Videospielen, doch nach einiger Zeit verlieren sie sich aus den Augen. 
Als sie sich acht Jahre später zufällig in einem überfüllten Bahnhof wiedersehen, fühlen sie sich zurückkatapultiert. Gemeinsam arbeiten sie an ihren eigenen Videospielen, eine Beschäftigung, die sie beide lieben. Das macht sie zu Superstars.
Dies ist eine Geschichte über die perfekten Welten, die Sadie und Sam bilden. Und die unperfekten, in denen sie selbst leben. Über das, was durch den Erfolg kommt: Geld, Ruhm, Duplizität, Tragödien.

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To design a game is to imagine the person who will eventually play it.  S.22

 

Ich spiele gerne Videospiele, würde aber nicht behaupten, dass ich zu denen gehöre, die es wirklich gut können oder die sich ständig auf den neuesten Stand bringen müssen, was Konsolen und neue Spiele betrifft. Und dennoch hat mich das neue Buch von Gabrielle Zevin sofort neugierig gemacht.
Und man bekommt eigentlich genau das, was versprochen wurde: Einen Roman, der sich durchgängig mit der Geschichte des Videospiels beschäftigt und gleichzeitig eine sehr intensive und doch sehr spezielle Freundschaft nachzeichnet. 

Der Fokus auf Videospielen ist durch das ganze Buch gegeben. Die Protagonist*innen spielen sie, erschaffen, erweitern und verkaufen sie. Hier und da erfährt man interessante Details zu Hintergrundgeschichten oder Theorien, die (wie von der Autorin im Nachwort erwähnt) zwar nicht immer stimmen, wenn es um die Jahreszahl geht, aber dennoch dazu beitragen, dass man danach etwas mehr über das Thema weiß. Das Feeling der Gaming-Szene ist also ganz klar zu spüren. Dieses wird aber zudem stark durch die Liebe zum Prozess des Erschaffens selbst ergänzt. Kunst, inspirierende Maler, Texte, Gedichte, Erfahrungen, die einen geprägt haben. Das alles spielt immer mit ein und macht das Ganze zu einem sehr lesenswerten Roman mit Tiefgang.

Dennoch würde ich behaupten, dass die Stimmung sehr eigen ist, da eigentlich viel und über eine lange Zeitspanne geschieht, aber alles in einem eher ruhigen Ton erzählt wird. Es wird keine stimmungshafte Aufruhr verursacht, sogar in Situationen, die aufwühlend sind. Der Roman transportiert eine emotionale, wenn auch manchmal zurückhaltende Atmosphäre. Dadurch ist er vielschichtig und komplex, aber eben auch nicht immer greifbar gewesen.


As Sam often said to Sadie, "Why make anything if you don´t believe it could be great?"
    It is worth noting that greatness for Sam and Sadie meant different things. To simplify: For Sam, greatness meant popular. For Sadie, art.   S.12
  
 

 
Grundsätzlich ist es daher eine Geschichte, die ich mir zu Beginn anders vorgestellt habe, die aber ihren Reiz hat und auch überzeugt, wenn man sich darauf einlässt.
Die Figuren, ihre Konstellation und ihre Handlungen waren für mich eine Überraschung. Auch hier ist vieles eher ruhig, manchmal sogar eigenartig gefühlsarm. Es wirkt, als seien zum Beispiel Sadie und Sam (Marx ist da die Ausnahme und stellt einen guten Kontrast dar) nicht in der Lage, ihre Emotionen klar zu definieren und kommunizieren. Dadurch erlebt man drei ganz verschiedene Welten, die allein für sich manchmal eigenartig wirken, im Zusammenspiel mit allen aber wunderbar stimmig sind und zueinander passen, wie eben ein Computerspiel, das man nicht beenden oder schaffen kann, ohne alle Teile freigespielt zu haben.
 
Mir gefiel, dass alle Figuren ihre Ecken und Kanten haben, problematische Dinge tun und manchmal auch wenig selbstreflektierend sind. Das gibt den Leser*innen die Möglichkeit, diese Konflikte einzuschätzen, ohne, dass die Autorin aus jedem dieser Sackgassen oder Probleme ein Drama heraufbeschworen hat, das im "wahren Leben" nicht herbeikonzipiert worden wäre. Einige Situationen wirken dabei, wie bereits erwähnt, vielleicht unterkühlt, sind aber meiner Meinung nach, gerade dadurch oftmals sehr nahe an der Realität und den zwischenmenschlichen Interaktionen, die man selbst erlebt. Nicht immer werden problematische Beziehungen genug reflektiert und oder sogar beendet. Hier bleibt jedoch immer ein merkwürdiges und kritisches Gefühl zurück, wenn gewisse Handlungen zwischen Figuren problematisch sind. 

In games, the thing that matters most is the order of things. The game has an algorithm, but the player also must create a play algorithm in order to win. There is an order to any victory. There is an optimal way to play any game. “  S.171

 
Der Roman rund um zwei Protagonist*innen und ihre Liebe zu Videospielen, hat mich an vielen Stellen deutlich stärker getroffen und mitfühlen lassen, als ich zwischenzeitlich gedacht hätte. Um ein absolutes Highlight zu werden, hat für mich allerdings etwas gefehlt, das sich nicht in Worte fassen lässt. Es ist ein Gefühl, das einfach nicht eingetreten ist, welches ich jedoch gebraucht hätte, um mich gänzlich in die Abläufe und Konstellationen zu verlieben. Nichtsdestotrotz ist es ein wirklich gelungener Roman, der gefühlvoll und sanft die Entwicklung zweier junger Menschen porträtiert und dabei die Begeisterung zum Gaming an die Leser*innen weitergibt.


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