Wide Sargasso Sea von Jean Rhys

Mai 29, 2018

(Original: "Wide Sargasso Sea"/ 1966) Penguin Clothbound Classics, Übersetzer/in: -, Englische Ausgabe, ★★★★(☆) 4 bis 5 Sterne
Antoinette Cosway wächst auf Jamaica unter strapaziösen Verhältnissen auf. Sie muss mit Schicksalsschlägen zurechtkommen und weiß nicht genau wo sie hingehört. Hin und hergerissen zwischen den kulturellen Gepflogenheiten, nämlich einerseits den Gesängen und Ritualen der Einheimischen und der "Herrschaft der Weisen" über das Land, begegnet sie Mr. Rochester. Und obwohl nun einiges besser werden könnte, folgt das Leben der Frau, die wir in "Jane Eyre" als "The Madwoman Upstairs" kennen...

MEINE MEINUNG / FAZIT
  
"I knew the time of day when though it is hot and blue and there are no clouds, the sky can have a very black look." S.12  

Auf den ersten Seiten fiel es mir noch etwas schwer, mich in die Geschichte "reinzustürzen". Ich glaube, das lag vor allem daran, dass ich dachte, ich könne mit einer Vorgeschichte zu 'Jane Eyre' rechnen, die auch einen ähnlichen Schreibstil verfolgt. Dem ist meiner Meinung nach eben am Anfang nicht so, denn man taucht zunächst in eine ganze andere Welt ein, abseits des englischen Landhauses und der typisch englischen Stimmung.
Wir finden uns erst einmal in Jamaica wieder und begegnen Antoinette Cosway in ihren jungen Jahren. Schnell wird deutlich, dass natürlich Verhältnisse herrschen, die die Schwarzen auf ihrem eigenen Land unterdrücken und die daraus resultierende Abneigung Antoinette gegenüber, weil sie eine Weiße und wohlhabende Frau ist, tritt ebenfalls in den Vordergrund. Antoinette wird zu einer Figur, die sich selbst sucht, die allerdings nicht genau weiß, wie sie sich selbst finden soll. Ihre Familie ist ihr fern, ihre Mutter erleidet ebenfalls ein tragisches Schicksal und ihre eigene 'Kultur' lässt sich gar nicht richtig fassen, weil sie sich allem zu einem gewissen Teil zugehörig oder fühlt. Gleichzeitig wird sie aber von vielen weggestoßen, verurteilt und auch allein gelassen.
Nach und nach merkt man, wie viel Potential in den wenigen Seiten steckt. Es werden sehr viele Themen aufgegriffen, die losgelöst gut hervorgebracht werden, die aber auch als Ganzes funktionieren. Das trifft vor allem auf die Problematik mit dem Besitz von Sklaven und deren Land und der Verantwortung, die Antoinette als Erbin spürt, zu. Daraus resultieren dann wieder sehr persönliche 'Krisen', die ein Mensch in sich trägt. Zugegeben, an einigen Stellen muss man wohl noch etwas kritischer auf diesen Aspekt blicken (im Anhang werden dazu sogar noch geeignete Bücher genannt), aber da Jean Rhys selbst auf der Insel aufgewachsen ist, weiß sie wohl sehr gut, wie man das Leben dort portraitieren kann.

"Above all I hated her. For she belonged to the magic and the loveliness. She had left me thirsty and all my life would be thirst and longing for what I had lost before I found it." S.111

Nach und nach habe ich mich aber in diese Geschichte genauso verliebt, wie in 'Jane Eyre', obwohl es Mr. Rochester hier in nicht unbedingt dem besten Licht dastehen lässt. Ganz gut gefiel mir aber durchaus der Wechsel der Erzählperspektive. Das erste und dritte Kapitel werden aus der Sicht von Antoinette erzählt, das zweite Kapitel wird Mr. Rochesters Eindrücken überlassen.
'Wide Sargasso Sea' zeigt die Fehler auf, die Menschen in Beziehungen machen, wenn sie nicht zu ihren Gefühlen, ihren Ängsten und ihren Fehlern stehen. Letztlich gibt es dann auch keinen schönen Ausweg aus einigen Situationen.
Mir gefiel aber auch, wie viele Motive aus 'Jane Eyre' übernommen wurden und besonders zum Schluss gezielt aufgegriffen werden. Das Feuer ist nämlich auch hier eines der markantesten Motive und zieht sich von Anfang bis zum Ende hin durch. 
Zudem tauchen im letzten Kapitel bekannte Figuren, wie Grace Poole auf, welche man direkt mit den nachfolgenden Ereignissen aus dem Klassiker von Charlotte Bronte in Verbindung bringt.
Obwohl ich also anfangs etwas Zeit gebraucht habe, um in die Geschichte reinzufinden, vor allem, weil die Einheimischen ein 'eigenes Englisch' sprechen, war ich am Ende sehr positiv überrascht. Das Buch verbindet diesen Clash zwischen Jamaica und England sehr gut und zeigt eben nicht nur die Problematik zwischen den verschiedenen Völkern, sondern auch die allgemeinen Zwischenmenschlichen Schwierigkeiten auf. Genannte und öfter auftauchende Gesänge und Rituale, wie auch die ganze Thematik rund um die 'Voodoo'-Zaubereien der Einheimischen sind ebenfalls interessant zu lesen und erlauben es, sogar beide Geschichten, auf einer weiteren Ebene zu sehen.

“´There are always two deaths, the real one and the one people know about.´” S.81


Die ausgewählten Zitate lassen vielleicht bereits erahnen, dass 'Wide Sargasso Sea' ein eher düsterer Roman und Vorgeschichte zu 'Jane Eyre' ist. Die Protagonistin Antoinette Cosway kämpft mit sich selbst und ihrer Identität. Bis es zu dem Schicksal kommt, das wir bereits kennen, lernt der Leser ihr Leben auf Jamaica kennen. Einheimische Bräuche und Gesänge begleiten die Figuren genauso, wie die Problematik des Sklavenbesitzes. Dennoch schafft es Jean Rhys, die unglückliche (Liebes-)Beziehung zwischen Mr. Rochester und Antoinette in ihrem Kontext gut zu thematisieren. Letztlich liest man von einem Leben, dem niemand eine Chance gegeben hat und man sieht, was Vorurteile und Einsamkeit anrichten können.


Wenn das Bloggen manchmal etwas zurücktritt...

Mai 27, 2018


Die Tage werden immer länger und mitunter auch meist immer wärmer. Meine Neugier, Entdeckungslust und Vorfreude darauf, neue Bücher zu entdecken, die auch wunderbar zu diesen Tagen passen, steigt derzeit ziemlich stark an.
Ich sitze vor meinen Büchern und kann mich kaum entscheiden, welches Buch ich zuerst lesen möchte. Alles sieht so verlockend aus und die Möglichkeit, seine Lektüre nach Draußen mitzunehmen (sei es auch nur auf den Balkon) und gleichzeitig die Sonnenstrahlen zu genießen, steigert dieses schöne Gefühl zusätzlich. 

Leider sinkt gerade dadurch aber auch ein wenig die Lust aufs Bloggen. Zwar möchte ich gerne meine Erlebnisse und Eindrücke mit den verschiedenen Büchern teilen, aber dadurch geht so viel Zeit verloren, die man doch gerne lieber draußen verbringt. 
Zudem hat sich das Bildberarbeitungsprogamm, welches ich benutze, dazu entschieden seine Funktionen zu "verbessern", was mir leider das Ärgerniss einbringt, dass die Bilder nicht mehr so aussehen, wie ich es gerne hätte. Statt mich also damit rumzuärgern, werde ich die Zeit vorerst lieber einfach dazu nutzen, all die schönen 'Sommerbücher' zu lesen, die ihre imaginären Hände nach mit ausstrecken. 
Natürlich wird es hier nich gänzlich ruhig werden, aber vielleicht doch ein klein wenig ruhiger, bis ich einen geeigneten Rhythmus für das Lesen und Bloggen wiedergefunden habe.

Wie verbringt ihr die schönen Tage? Lest ihr genauso viel oder unternehmt ihr derzeit lieber ganz andere Sachen?




Was im Leben wichtig ist von Richard Reed

Mai 17, 2018






Werbung - Rezensionsexemplar (Original: "If I could tell you just one thing..."/ 2016) Heyne, Übersetzer/in: Dorothea Traupe (aus dem Englischen) ,  ★★★★(☆) 4,5 Sterne
"Bill Gates, Judi Dench, Stephen Fry, Margaret Atwood, David Attenborough, Annie Lennox, Jude Law, Marina Abramović, Andy Murray, Patrisse Khan-Cullors – das sind nur einige von über sechzig faszinierenden Persönlichkeiten, die Richard Reed für sein Buch getroffen hat. Reed hat sie gebeten, ihren wertvollsten Ratschlag fürs Leben mit seinen Lesern zu teilen. Jede der beschriebenen Begegnungen wird ergänzt um ein eigens angefertigtes Porträt des britischen Künstlers Samuel Kerr. Was im Leben wichtig ist ist ein kluges, hochunterhaltsames Buch für alle Lebenslagen, das sich zudem sehr gut verschenken lässt."

MEINE MEINUNG / FAZIT
  
"Wann immer ich einen bemerkenswerten Menschen treffe, werde ich ihn nach seinem besten Rat für das Leben fragen. Das schien mir deutlich sinnvoller, als um ein Selfie zu bitten." S.11

Ratschläge bekommt man eigentlich immer auf den Weg mitgegeben. Sei es von den Eltern, Lehrern, Freunden oder anderen Mitmenschen. Ehrlich gesagt habe ich mich mit Ratschlägen aber immer schwer getan, denn was für den einen ein guter Rat ist, ist für den anderen vielleicht überhaupt nicht das Richtige. Man fühlt sich dann eher zurückgeschreckt, statt motiviert. 
Richard Reed hat aber mit seiner Sammlung von sechzig Ratschlägen bekannter und außergewöhnlicher Menschen eine kleine Motivationshilfe geschaffen, die mich tatsächlich angesprochen hat. 
Das liegt vielleicht daran, dass diese Menschen auf ihre eigene Art etwas für sich gefunden und geschaffen haben und sie dadurch individuellere Hilfestellungen geben, als man das von manchen Kalendersprüchen gewohnt ist.
Viele der Beteiligten an diesem Buch haben schwierige Zeiten durchgestanden und sind auch immer noch auf einem Weg, der ihnen einiges abverlangt, aber sie wissen, dass sie allein über ihr Glück bestimmen. Ich fand es schön zu sehen, wie vielfältig die Welt doch ist, wie viele Probleme man beseitigen kann, wenn man sich bloß auf seine eigene Willenskraft verlässt. All diese Menschen geben uns mit ihren Ratschlägen eine Botschaft mit, die man eigentlich schon kennt und vielleicht auch versucht zu verinnerlichen, aber dennoch ist das Buch an sich wahnsinnig kraftvoll. 
Ich hänge mich meist an den kleinsten Sachen auf, zweifle und grüble über winzige Details, die man meist eh nicht mehr beeinflussen kann. Wenn man dann von diesen Schicksalen liest und sie die pure Lebenslust verkörpern, fühlt man sich zuerst etwas merkwürdig, weil man seine kleinen Schwächen plötzlich als so banal ansieht. Aber das Buch hilft eben auch dabei, zu verstehen, dass man jeden kleinen Stolperstein nacheinander aus dem Weg räumen soll und dass Hindernisse für jeden etwas anderes bedeuten.

" 'Entdecke die Freude an der Verschiedenheit. Wenn die Menschen offener für das Fremde, das Ungewöhnliche, das Radikale, für das >Andere< werden, dann wird es der Menschheit besser gehen.' " S.89

Das Schöne an dem Buch ist natürlich nicht nur die positive 'Stimmung' an sich, sondern auch die Vielfalt. Die Vielfalt an Personen, an Kulturen, an Möglichkeiten anderen zu helfen.
Dieser Gedanke ist ein wirklich zentraler Punkt des Buches und ich denke, das macht es auch zu etwas Besonderem. Bei dem Buch zählt der Gedanke von Zusammenhalt. Alleine kann man seine eigenen Baustellen in Angriff nehmen, aber zusammen kann man so viel bewirken, was allen Menschen helfen könnte. Es geht um die Problematiken mit Diskriminierung, bestimmten menschenfeindlichen Gruppierungen und Krieg. Alles Entwicklungen, die auf die Einstellung von uns Menschen zurückzuführen sind, wir sollten also auch in der Lage sein, dies in den Griff zu bekommen und dem ein Ende zu setzen.
So sehr mir also die einzelnen Ratschläge gefallen haben, so schön fand ich den Gesamteindruck des Buches und die 'Aufforderung' an den Leser, sich auch kritisch mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen. 
Leugnen kann man zudem auch nicht, dass das Buch wirklich schön aufgemacht wurde. Jeder Ratschlag, beziehungsweise jedes Kapitel, welches das Treffen des Autors mit dem jeweiligen Interviewpartner aufgreift, wird durch eine ganzseitige Illustration ergänzt. Auch die gezielten Ratschläge sind immer noch einmal in einer ganz bestimmten Deutlichkeit hervorgehoben. Möchte man also irgendwann einmal wieder durch das Buch blättern oder sucht ein bestimmtes Zitat, findet man es recht einfach. 
Inhaltlich war ich zudem auch noch positiv davon überrascht, wie der Autor die Ratschläge einleitet. Ich bin davon ausgegangen, dass man quasi einfache Monologe der Gesprächspartner vorfindet und es etwas an 'Unterhaltung' einbüßt oder es wie eine 'One-man Show' daherkommen könnte. Aber weit gefehlt. Der Autor schildert jedes Treffen und die Vorkenntnisse zur jeweiligen Person auf angenehme und unterhaltsame Weise. Manchmal war ich mir zwar nicht ganz sicher, ob alle Äußerungen unbedingt hätten sein müssen (z.B. dass er erwähnen musste, dass bei einer Person ein Training mit der natürlich 'heißen' Tennislehrerin anstand - zwei Mal), aber das ist wohl auf den gewollt 'scherzhaften' Unterton zurückzuführen.

'Niemand sagte, dass eine entstellte Frau immer noch heiraten und Kinder haben, dass sie sexy sein, Firmenchefin, Pionierin oder führende Modedesignerin werden könnte. Ich beschloss daher, mich mitten ins Leben zu werfen und nach allem zu greifen, was ich wollte. Die Erwartungen der anderen waren ohnehin niedrig.” S.130


Sechzig Ratschläge bekannter und außergewöhnlicher Menschen, die glücklicherweise nicht klingen, wie abgedroschene Kalendersprüche. Jedes Portrait ist gefüllt mit interessanten Anekdoten und motivierenden Schicksalen. Besonders schön zu sehen, dass der Autor darauf achtet die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Menschen hervorzuheben. Besonders schön: Es sind nicht nur Stars und Sternchen die befragt werden, sondern Menschen die anderen helfen und wichtige Geschichten zu erzählen haben.



Das babylonische Wörterbuch von Joaquim Maria Machado de Assis

Mai 11, 2018



Werbung - Rezensionsexemplar (Original: verschiedene Titel, da einzeln publiziert / 1882-1906) Manesse, Übersetzer/in: Marianne Gareis und Melanie P. Strasser (aus dem brasilianischen Portugiesisch) ,  ★★★★☆ 4 Sterne
"Was wäre geschehen, hätte nicht Jesus die Bergpredigt gehalten, sondern der Teufel? Was, wenn Männer und Frauen ihre Seelen und Rollen tauschten? Joaquim Maria Machado de Assis, berühmtester Klassiker Brasiliens und Vorbote des Magischen Realismus, stellt in seinen Erzählungen ironisch alle Konventionen auf den Kopf. Lustvoll spielt er mit den Erwartungen seiner Leser und lotet Grenzen aus: von Gut und Böse, Vernunft und Wahnsinn, bürgerlichem Schein und Sein. Dieser Auswahlband versammelt Machado de Assis' beste Geschichten – allesamt Neu- und deutsche Erstübersetzungen – zu einem Panorama kompromissloser Originalität."

MEINE MEINUNG / FAZIT
  
"Ich sage nicht, zu welcher Zeit das war, weil in dieser Erzählung alles geheimnisvoll und verknappt sein wird." S.43

Dieser kleine Erzählband bringt im Nachwort viele Lobeshymnen in Bezug auf Joaquim Maria Machado de Assis ins Spiel. Ein bekannter Bewunderer seiner Texte war zum Beispiel Stefan Zweig, welcher die Erzählungen entdeckt hat, als er selbst in Brasilien gewesen ist und auch Jorges Luis Borges bringt man mit Machado de Assis in Verbindung, weil Aspekte des Magischen Realismus vorzufinden sind.
Den positiven Stimmen kann ich mich größtenteils nur anschließen, denn die Erzählungen sind sehr vielschichtig und abwechslungsreich, unterhalten gut, sind aber gleichzeitig oft an der Grenze zum Verstörenden. Dadurch entsteht eine ganz eigene Anziehungskraft, die den Leser fesselt. Einerseits fühlt man sich oft von den Figuren abgestoßen, ihre Handlungen kann man und will man manchmal gar nicht nachvollziehen, denn sie offenbaren etwas Geheimnisvolles, wie auch Schreckliches und doch ist man von der Konstruktion der Erzählungen angetan und zum Schluss auch von der Aussage der Texte. 
Im Nachwort wird es erwähnt und ich kann mich dem nur anschließen, dass Machado de Assis stark mit den verschiedenen Gegensätzen spielt, die den Menschen ausmachen oder beschäftigen. Gut und Böse, Schein und Sein, Wahrheit und Fiktion. 
Dabei fällt auf, dass, obwohl sich die Geschichten von der Intensität ähneln, sie alle andere Schwerpunkte haben. Einige sind düsterer, andere sind ernst, aber vermischt mit einer Portion Ironie und Witz und andere sind sehr märchenhaft.

"Eines Tages, so heißt es in der alten Benediktinerhandschrift, kam der Teufel auf die Idee, eine Kirche zu gründen. zwar wuchs sein Reichtum unaufhörlich und in großem Maße, doch es demütigte ihn, dass er seit Jahrhunderten ein bloßes Schattendasein fristete, ohne Ordnung, ohne Regeln, ohne Kanon, ohne Rituale - nichts dergleichen." S.122

Mir persönlich haben im Großen und Ganzen alle Erzählungen gut gefallen. Mit einigen, so ist es ja bei solchen Bänden ja in den meisten Fällen, konnte ich aber mehr anfangen. "Die Wahrsagerin" gefiel mir dabei unter anderem besonders. Auch hier greife ich kurz auf das Nachwort zurück, denn dort wird die Erzählung so beschrieben, dass der Fokus auf der Beziehung der Liebenden beziehungsweise dem Ehebruch liegt. Für mich hatte die Geschichte aber noch viele andere starke Interpretationsmöglichkeiten. Zum Beispiel wie sich Menschen von der eigenen Intuition leiten lassen und versuchen in allem ein Zeichen für etwas Gutes oder Schlechtes zu finden oder dass sie ihr Fehlverhalten immer irgendwie versuchen zu rechtfertigen und abzumildern.
Auch andere Erzählungen greifen die Beziehung zwischen Mann und Frau des Öfteren auf, etwa in Hinblick auf den 'Beginn' der Sünden oder der Frage, welches Geschlecht die Seele trägt.
Andere Kapitel spielen hingegen mit den Möglichkeiten der Wissenschaft und dem Drang danach, das Wissen konservieren zu wollen, egal welchen Preis man dafür zahlen müsste. Auch hier sind einige Details eher unangenehm zu lesen, was aber die Paradoxie zwischen 'etwas Gutes für die Menschheit zu schaffen' und dem 'über Leichen gehen' ganz gut aufgreift. Diese kleinen Schockmomente haben es aber letztlich so in sich und treten so wuchtig auf, dass man sich als Leser in diesen Erzählungen gefangen fühlt. 
Es fallen zudem oftmals Verweise, die sich auf andere literarische Texte stützen (die Intertextualität macht auch bei Shakespeare keinen Halt). Die Anmerkungen am Ende helfen zwar recht gut für den ersten Eindruck, aber ich habe danach die Lust verspürt, mich doch näher mit der Hintergrundgeschichte auseinanderzusetzen und zu verstehen was den Autor auch in Hinblick auf die brasilianische Geschichte bewegt und was ihn zu den Erzählungen motiviert hat.
Ein weiteres wiederkehrendes Thema in den Erzählungen ist die Religion und ihre religiösen Schriften. Vieles wird sicherlich mit einem Augenzwinkern erzählt, einiges zeigt ganz gut auf, dass sich die Menschen mit den biblischen Versen einfach manchmal zu ernst nehmen. Die Geschichten sind aber niemals so geschrieben, dass man sie als fanatisch ansieht, obwohl gerade die Figuren diese Eigenschaft besitzen und sie nach außen tragen.

“So geschah es. Alpha und Omega zogen sich zurück, und nach Ablauf von drei Monaten überreichten sie den bangen Händen das vollendete Werk, das den Namen Babylonisches Wörterbuch trug - zu Recht, denn es war die buchstäbliche Sprachverwirrung.” S.103


Ein Erzählband mit (wie passend) dreizehn kurzen Geschichten, die einen unterhalten und in ihren Bann ziehen, sei es auch durch ihre groteske und düstere Art. Andere Erzählungen wiederum sind unterhaltsam verfasst und zeigen augenzwinkernd die doch oftmals absurden Verhaltensweisen der Menschen auf. Religiöse, wie auch intertextuelle Verweise findet man häufiger, aber immer verständlich und mit einigen Anmerkungen am Ende versehen. Generell sind die Erzählungen schon recht speziell, aber eine Kunst für sich.




April: Vergessene Autoren, viele Tiere und einige Kurzgeschichten

Mai 03, 2018








Der April wird mit einem "April, April" eingeleitet und endet mit dem "Tanz in den Mai", langweilig kann man den Monat also eigentlich nicht nennen. Auch meine Buchauswahl war keineswegs uninteressant, im Gegenteil. Einige Geschichten haben mich aufgewühlt, andere haben mich gut unterhalten und andere wiederum waren einfach nur schön zum Anschauen, weil sie durch Illustrationen zu einem Hingucker wurden.
Zwei Bücher sind genau genommen noch aus dem Lesemonat März, allerdings war ich da so mit der Lernphase beschäftigt, dass sich ein Monatsrückblick nicht gelohnt hatte. Ich bin mehr als erleichtert, dass ich die letzte Klausur nun auch geschafft habe und mir nur noch Hausarbeiten bevorstehen. Sicherlich wird sich die Lesezeit dann aber wieder etwas verkürzen.

Wie immer gelangt ihr durch Anklicken des Buchtitels, falls vorhanden, auf die jeweilige Rezensionsseite.

“The Nest” von Cynthia D´Aprix Sweeney: Um dieses Buch bin ich schon sehr lange herumgeschlichen. Viele haben es gelobt und weiterempfohlen, daher wollte ich mich nun auch selbst davon überzeugen. Grundsätzlich habe ich auch jetzt noch eine sehr positive Erinnerung daran. Die Idee war relativ gut umgesetzt und die Handlung an sich war auch nie 'langweilig', allerdings ist es auch kein Buch, welches mich komplett atemlos zurückgelassen hat. Dennoch ist es eine schöne Geschichte über die Funktion der Familie und der Frage, ob man sich von der Familie lösen kann und sollte.

"The Book of Forgotten Authors" von Christopher Fowler: Ein schönes Buch für zwischendurch, wenn man sich neue Inspirationen zu Lesevorräten holen möchte. Schön fand ich, dass alle Kapitel zu den einzelnen Autoren von Kapiteln eines Themas aufgelockert wurden. Schwierig fand ich hingegen, dass oftmals doch einiges an Vorwissen gefragt ist, wenn der Autor versucht einen Schreibstil mit einem anderen zu vergleichen und man diesen nicht kennt. Dann müsste man sich einfach nach Bauchgefühl entscheiden, ob man das Buch und den Autor wohl gut finden würde oder man muss zusätzlich etwas recherchieren. Grundsätzlich sind aber alle Autoren und deren Werk ganz schön zusammengefasst und es wurde darauf geachtet, bestimmte Charakteristika hervorzuheben, wenn dies möglich war.

“The Lark” von E. Nesbit: Eine wirklich schöne Erzählung, perfekt für die folgenden Sommertage. Man kann sich die blumige Landschaft und die Protagonisten sehr gut vorstellen und ich bekam sofort eine gewisse Leichtigkeit, die sich schön an die Handlungen angepasst hat. Es freut mich, dass das Buch nun in der Penguin Women Writers Serie wieder neu verlegt wird.

“The little Mermaid & Other Fairy Tales” von Hans Christian Andersen: Die Märchen von Andersen kennen wohl die meisten. Sei es "Des Kaisers neue Kleider", "Däumeline" oder eben "Die kleine Meerjungfrau". Ich persönlich liebe seine Märchen und war hin und weg, als bekannt gegeben wurde, dass MinaLima diese als illustrierte Ausgabe herausbringen wird. Die meisten interaktiven Elemente fand ich auch sehr geglückt, andere wiederum hätte ich mir vielleicht doch etwas ausgefallener gewünscht.

“Big Pig, Little Pig” von Jacqueline Yallop: Ein Buch, welches mich diesen Monat eher etwas verärgert zurückgelassen hat. Anfangs schildert die Autorin noch alles schön und unbefangen, schwärmt sogar von ihrer Liebe zu den Tieren, die sie gekauft hat. Das Ende war für mich dann einfach nur noch unverständlich und zeigte das Problem in unserer Gesellschaft auf. Nämlich, dass Menschen Tiere immer noch nicht so wertschätzen wie sie es sollten, obwohl sie sagen, dass sie sie lieben.

“Dr. Jekyll and Mr. Hyde” von Robert Louis Stevenson: Auch im April hatte ich wieder Lust einen Klassiker zu lesen. Diesmal fiel die Wahl auf "Dr. Jekyll and Mr. Hyde" und auch diese kurze Erzählung hat mir sehr gut gefallen. Hier steht der Mensch im Fokus, der sich damit auseinandersetzt, ob man seine "guten" und "bösen" Seiten wirklich voneinander lösen und nur eine existieren kann.


“The Early Stories of Truman Capote” von Truman Capote: Von diesem kleinen Buch war ich wirklich sehr überrascht. Capotes frühe Kurzgeschichten haben mir wirklich ganz gut gefallen. Hilfreich war aber auch definitiv das Vorwort, welches noch einmal auf die Konflikte und Problemstellen hinsichtlich der Darstellung und Beziehung von Weißen und Schwarzen eingeht. Grundsätzlich enden die Geschichten aber immer mit einem kleinen Funken, der sich danach im Inneren des Lesers zu einem Feuer entfachen könnte; in dem Sinne, dass man sich mit dem letzten Satz noch in der Erzählung 'gefangen' sieht und man verstärkt darüber nachdenkt.


“A Black Fox Running” von Brian Carter: Mein erster 'Naturroman' war eine schöne Leseerfahrung. Auch wenn es doch recht rabiat zugeht und man den Fuchs-Protagonisten Wulfgar eben als Tier kennenlernt, das seiner Natur folgt und auch Mäuse und Kaninchen jagt und isst. Hinzu kommt aber die Verbindung zum Menschen, der wiederum Wulfgar versucht einzufangen. Dadurch entspinnen sich wirklich viele spannende Anhaltspunkte. Auch die Nachfolgen des Kriegs werden hier aufgegriffen und in den Kontext gesetzt. So ist das Buch keineswegs 'nur' eine nette Geschichte über einen Fuchs und ein Buch, welches sich mit detaillierten Naturbeschreibungen befasst, sondern auch tiefergehende Themen anspricht. Durch einen weiteren tierischen Freund wird der Leser auch mit philosophischen Ansichten vertraut gemacht.

“Das vergessene Fest” von Lisa Kreißler: Recht kurz und doch mit allem möglichen vollgepackt. Neulich ging erst die Rezension zu dem Buch online, daher werde ich mich hier kurz fassen. Die Geschichte war für mich anfangs etwas konfus und nicht leicht zu erschließen. Nach und nach aber fand ich die Konstruktion wirklich geglückt. Man muss sich aber etwas länger mit dem Text beschäftigen und gegebenenfalls nochmal einige Kapitel nachlesen.

“Goobye Christopher Robin” von Ann Thwaite: Hier erschien vor wenigen Tagen erst die Rezension, daher verweise ich gerne direkt darauf.

“The Skeleton´s Holiday” von Leonora Carrington: Zum Schluss habe ich es noch geschafft im Zug dieses kleine Büchlein zu lesen, das zu den Penguin Modern Classics gehört. Die Erzählungen sind wirklich sehr kurios und heben sich von der 'normalen' Welt die wir kennen, ab. Leonora Carrington ist ja auch zusätzlich als surrealistische Malerin bekannt. Dadurch sind sie aber wirklich spannend und ihre Kürze erlaubt es auch, sich anschließend etwas länger mit den Figuren zu beschäftigen, die dort auftauchen.



Goodbye Christopher Robin von Ann Thwaite

Mai 01, 2018



(Original: "Goodbye Christopher Robin"/ 2017) Pan Books, Übersetzer/in: - , Englische Ausgabe, ★★★★☆ 4 Sterne
"Goodbye Christopher Robin: A. A. Milne and the Making of Winnie-the-Pooh" setzt sich aus Ann Thwaits schon 1990 veröffentlichten Biographie zu A.A. Milne zusammen. Dies ist die Ausgabe zur wahren Geschichte hinter dem gleichnamigen Film, ergänzt durch ein Vorwort von Frank Gottrell Boyce.

MEINE MEINUNG / FAZIT
  
"It is not unreasonable to imagine that the child´s teddy bear (a present from Harrods on his first birthday the month before) made the journey to Burgess Hill too, in September 1921. He was not yet called Winnie-the-Pooh, but he was already a paleable presence in the household as Christopher Robin tried out his first words." S.28

Eigentlich alle kennen ihn, wenn auch vielleicht nur durch die Disney-Verfilmungen - Winnie Pooh. Aber vermutlich wissen die wenigstens genaueres über die Entstehungsgeschichte des beliebten, wenn auch tollpatschigen Bären. 
Dieses Buch gibt hinsichtlich der Biographie des Autors A. A. Milne, der Beziehung zu seinem Sohn Christopher Robin und den Ideen zu den Geschichten einige Aufschlüsse. Nach dem Lesen des Buches merkte ich jedoch schnell, dass mir vieles zu schnell ging, das Buch geht nicht sehr detailliert in die verschiedenen Lebensphasen hinein. Nach einem Blick auf die erste Seite hat sich der Eindruck bestätigt, denn das Buch ist eine gekürzte Fassung der umfangreicheren Biographie "A. A. Milne: His Life", verfasst von Ann Thwaite. 
So soll das Buch nur als Einleitung oder als Zusatz zu dem erschienenen Film "Goodbye Christopher Robin" dienen. Man muss aber sagen, dass man einen generell schönen Überblick über das Leben des Autors bekommt und auch in Ansätzen erahnen kann, wie sich die Beziehung zwischen Milne und seinem Sohn auf die Entstehung von Winnie-the-Pooh ausgewirkt hat. Ebenso bekommt man schöne 'Insiderinformationen' darüber, was mit den 'realen' Vorbildern von Winnie, Piglet, Eeyore und anderen geschehen ist, damit meine ich natürlich die wirklich damals existenten Plüschtiere, welche die Geschichten mitgestaltet haben.

"[...] and what is celebrated is community, the spirit of co-operation and kindness, most clearly seen in Winnie-the-Pooh when Christopher Robin and Pooh rescue Piglet when he is entirely surrounded by water." S.161

Ich persönlich habe das Buch sehr gerne gelesen, auch wenn man viel mehr über Milne und seine politischen Ansichten aufschnappt oder von seiner früheren Schreibkarriere, die viele Theaterstücke beinhaltet. Es ist keine sehr schwere Kost, denn wie gesagt bleibt alles eher noch an der Oberfläche, was die emotionalen Bindungen zu den Personen selbst betrifft.
Es ist aber dennoch schön zu sehen, wer alles von Winnie-the-Pooh begeistert war und sich auch dafür eingesetzt hat, genauso, wie die vielen Verweise darauf, dass besonders die Erwachsenen viel Freude daran hatten. 
In etwa der Mitte des Buches lassen sich zudem auch noch einige Bilder und Skizzen des Illustrators finden, die zusätzlich die real existierenden Fakten als Umsetzung in den Büchern aufzeigen - sprich das Grundstück und die 'Farm', die in den Geschichten auftauchen oder auch Bilder von Christopher Robin mit seinem kleinen Teddybären. Spannend war es für mich auch zu lesen, wie sich Milne und der Illustrator Shephard 'gefunden' und ihre Arbeit fortgeführt haben.
Zum Schluss wird dann auch noch einmal verstärkt auf die persönliche Meinung von Christopher Robin eingegangen, wie er sein Leben als 'beliebteste Figur in einem Kinderbuch' empfunden hat. Auch hier ist alles nicht sehr detailliert, aber man bekommt wie gesagt einen schönen Überblick und kann sich so gegebenenfalls an weitere und ausführlichere Biographien oder Entstehungsgeschichten wagen.

“And, like the first book, it was apparently not only the child´s book but the adult´s book as well. It seemed Milne´s books always had the double ability to open up the future for the child looking forward [...], and the lost past for the adult looking back. ” S.191


Unterhaltsam, recht informativ für die Länge und mit einigen Fotos und Illustrationen versehen. Als Einstieg in die Entstehungsgeschichte von Winnie-the-Pooh und als Überblick über Milnes Leben ist das Buch genau richtig, wenn man allerdings detailliertere Lebensläufe bevorzugt, sollte sich noch weitere Biographien hinzuziehen. Grundsätzlich aber ein wirklich schönes Buch, das zeigt, was so ein kleiner Bär alles ins Rollen bringen kann und wie viele Menschen solche Geschichten als Motivation brauchen.