Big Pig, Little Pig von Jacqueline Yallop

April 11, 2018





(Original: "Big Pig, Little Pig: A Tale of Two Pigs in Framce"/ 2017) Blanvalet, 352 Seiten, Übersetzer/in: Regina Jooß , Broschur   
Lieben Sie Tiere? Essen Sie gerne Fleisch? Dann lesen Sie dieses Buch!
Als Jacqueline mit ihrem Mann in den Südwesten Frankreichs zieht, möchte sie dem idealen Leben auf dem Land so nahe wie möglich kommen und kauft zwei Ferkel, die sie ein Jahr lang aufziehen und danach schlachten will. Aber je mehr sich die beiden Tiere in ihr Herz grunzen, desto stärker zweifelt Jacqueline an ihrem Vorhaben. Kann sie sich tatsächlich von ihren Schweinen trennen – und sie sogar selbst töten? Dieses wunderbare Memoire erzählt von einer außergewöhnlichen Entscheidung und eröffnet zugleich einen gefühlvollen Blick auf die Debatte, ob man Fleisch essen soll und ob man Tiere, die man isst, überhaupt lieben darf.

MEINE MEINUNG / FAZIT
  
"Besonders Little Pig hat eine besondere Vorliebe für Brombeerblüten - die rosaroten mag er lieber als die weißen - , und beide Schweine lieben Schlehdornbeeren" S.178

Aufgrund der Thematik, dem doch großen Diskussionspotential und meiner Voreingenommenheit als Vegetarierin, habe ich mich bei diesem Buch dazu entschlossen, eine Bewertung mit fester Punkteanzahl auszulassen. Außerdem wird es nicht möglich sein, meine Eindrücke festzuhalten, ohne Passagen aus dem letzten Teil des Buches preiszugeben. 
Wie bereits erwähnt, bin ich was den Verzehr von Tieren angeht sehr empfindlich und bin auch absolut gegen Massentierhaltung und die eigentlich allen bekannten Verhältnisse, in denen die Tiere heutzutage leben müssen, um am Ende bei den Menschen auf dem Mittagstisch zu landen. Dennoch interessieren mich die Sichtweisen der Fleischesser und deren Einstellung zu bewusstem Umgang mit Fleischkonsum. Daher machte mich Jacqueline Yallops Buch sehr neugierig. Und so viel darf ich schon einmal vorab verraten: Das Buch hat mir einiges abverlangt, hat mich zum Weinen gebracht und mich am Schluss unfassbar aufgewühlt zurückgelassen.
Das Buch liest sich anfangs sehr unterhaltsam. Zunächst wird auf Yallops Situation eingegangen, wie das Leben auf dem Land (in Frankreich) so ist und wie es vor Jahrhunderten zu sein schien. Dabei baut die Autorin mit der Zeit eine enge Verbindung zwischen den ländlichen Traditionen und eben der Veränderung der Fleischproduktion auf. Das Schlachten als 'Familiensache' am Wochenende und als Lebensretter für den armen Menschen von damals und das Schlachten als Profitanlage, bei der Tiere in enge Käfige gesteckt werden. 
Dabei sind die ersten vier Kapitel aber wirklich noch sehr erträglich geschrieben, es gibt keine Passagen, die die wirklich schlimmen Situationen der Tiere beschreiben, darauf geht Yallop in ihrem Buch auch eigentlich kaum ein, es geht tatsächlich um ihre eigenen Erfahrungen mit den zwei Schweinen, die sie und ihr Mann anschaffen und 'großziehen'. Mit der Zeit entspinnt sie die Nacherzählung einer Parallelgeschichte über ein intelligentes Showschwein, welches als Gegenstück dient und Fragen aufwirft wie "Sind Tiere generell schlau? Verstehen sie was wir ihnen mitteilen wollen? Sind ihre Gefühle ähnlich zu unseren?" 
Ich muss zugeben, diese ersten vier Kapitel fand ich durchaus gut geschrieben und auch sehr empathisch verfasst. Nicht nur die Beziehung zu ihren nun eigenen Schweinen wird herzlich dargelegt, auch ihre allgemeine Art über die Tiere zu reden hat etwas Liebes und Wohlwollendes. Ich hatte als Leserin und auch als Mensch, der Tiere eben schätzt und sie nicht als Stück Nahrung ansieht, das Gefühl, dass die Autorin einen Zugang zu der tierischen Gefühlswelt aufbaut und sie auch recht gut reflektiert. 
Ab dem vierten Kapitel allerding hat mich das Buch wirklich gefühlt 'vernichtet'.

"Schweine, so stellte sich heraus, sind mindestens so schlaue und soziale Tiere wie Hunde, und sie sind dem Menschen ähnlich treu ergeben. Das ist gut: Ich mag Hunde." S.26

Um nun also meine negativen Empfindungen des Buches darzulegen, muss ich das Ende leider vorwegnehmen, denn daraus resultierte für mich oftmals das Unverständnis, das mich dann gepackt hat.
Die Frage, die das Buch an den Leser stellt ist, ob er glaubt, dass Yallop nun dazu fähig ist, diese zwei Schweine selbständig zu schlachten und zu essen. Und die Antwort ist: Ja, sie war es. Für viele, die sehr gerne Fleisch essen und auch kein Problem damit haben sich das Vorzustellen, wird meine Kritik nun sicherlich etwas unverständlich und irrelevant wirken, aber ich war von den letzten Kapiteln und der letztlichen Aussage doch etwas entsetzt.
Yallop zieht ihre Geschichte so auf, dass man sich selbst unfassbar an diese Schweinchen bindet, man lernt sie ebenfalls von klein auf kennen, sieht wie sie ihren Alltag verbringen, wie sie sich irgendwie durchschlagen und auch eine Freundschaft zueinander aufbauen. Das alles ließ mich hoffen, dass Yallop diese Tiere eben auch als mehr betrachtet, als nur Fleisch, das es zu schlachten gilt. Sie möchte natürlich überwiegend darauf aufmerksam machen, dass die Tierhaltung nicht akzeptabel ist und man zu den 'Ursprüngen der Fleischbeschaffung' zurückkehren sollte, aber selbst da schlug sie bei mir mit ihrer Botschaft fehl. Ich habe versucht mich darin hineinzuversetzen und vorzustellen, wie ich als Fleischesser reagieren würde und ehrlich gesagt wäre es nach Beenden der Lektüre eher, dass man denkt: "Okay, alles halb so wild, wenn sie es geschafft hat diese Schweine zu schlachten, dann kann ich meine Frikadellen auch weiterhin verdrücken." 
Das Buch weckt in dieser Hinsicht einfach nicht auf. Sie beschreibt wie sehr ihr die Tiere ans Herz gewachsen sind, aber wie lecker sie doch am Ende waren und wie sehr sie sie schätzt. Tut mir leid, aber das scheint mit etwas grotesk, weil ich mir sicher bin, dass sie ihren Hund, wenn sie ihn so liebt auch nicht einfach schlachten und essen würde. Für mich ist ein Tier, egal ob Hund oder Schwein gleichwertig. 
Ebenfalls erschien mir so vieles, vor allem an den letzten Kapiteln einfach absurd. Es werden in diesem Buch viele schwarzweiß Abbildungen der Schweine angeführt, wie sie sehr glücklich und zufrieden auf dem Hof stehen und als letztes Bild sieht man doch tatsächlich einen Klumpen Fleisch des Tieres auf einem Grill. Für mich hat das nichts mit einem wertschätzenden Beitrag an das geschlachtete Tier zu tun, eher mit einer grotesken Verknüpfung des Tieres und diesem Fleisch, das man nicht mehr als Tier erkenenn kann und dem alle Gefühle und alle emotionalen Empfindungen letztlich wieder abgesprochen werden.
Ebenso tauchen gewisse Passagen auf, die zeigen, dass das Bewusstsein von der Wertschätzung eines Tieres außerhalb seiner Funktion als Nahrung gar nicht aufgegriffen wird. Da steht diese wohlgemeinte Tradition des Landlebens einfach über dieser Ansicht. So besucht Yallop eine Nachbarin, die es langsam 'satt hat', sich um ihre Tiere zu kümmern und es als lästige Arbeit empfindet und welche im nächsten Schritt, einem Hasen mit einem Bolzen durch das Auge sticht und es einfach erst mal zuckend verbluten lässt und dabei noch einen herzlosen Spruch loslässt. Natürlich waren die Zeiten mal anders und diese ältere Dame hat sicherlich härtere Zeiten erlebt, aber an dieser Stelle erfährt man auch von Yallops Seite nicht, ob sie dieses Verhalten gut findet oder nicht. Sie bleibt recht unbeeindruckt. Und auch eine Ente kann sie problemlos auf dem Markt verspeisen und denkt nicht darüber nach, ob sie das Tier auch schlachten könnte, wenn sie es einige Jahre 'großziehen' würde. Wobei sie ja am Ende sowieso zu dem Schluss kommt, dass sie es auch bei den Schweinen immer wieder tun würde, um ihr 'gutes Fleisch' zu bekommen.
Da fallen dann am Ende auch solche Aussagen wie: "Ganz ohne übermäßige Metzger-Gewalt haben wir am Ende wunderschöne lange Wurstketten, hergestellt nach drei verschiedenen Rezepten, alle in Farbe und Beschaffenheit unterschiedlich"; nun ja mal abgesehen von der Zerteilung des Tierkörpers und der doch blutigen Angelegenheit, stimmt das vielleicht.
Es gab noch unfassbar viele Punkte, die mich zum Schluss verärgert haben, aber das würde den Rahmen wohl doch sprengen.
Was mich betrifft, so folgte nach vielen Tränen bei den Kapiteln in denen die Tötung beschrieben wird letztlich eher die Wut darüber, dass Yallop vermittelt, dass das Tier dankbar dafür sein kann vom Menschen zwei Jahre auf einem Feld gemästet und dann zu leckeren Würstchen verarbeitet zu werden und dass es ja sowieso eher eine schmerzliche Erfahrung für den Menschen ist ein Tier zu töten, als für das Tier selbst getötet zu werden, weil, nun ja, davon merkt es ja am Ende eh nichts mehr.

“Ich mag auch das Gefühl des Messers, wenn ich mühelos damit scharfe Schnitte setze. Das ist etwas anderes als das zuckende Schwein gestern und die wogenden Innereien. Das ist jetzt ein Puzzle.” S.285


Nach anfänglicher Freude über die schöne Verknüpfung zwischen den zwei Schweinen der Autorin, welche sie beginnt großzuziehen und der allgemeinen Geschichte des Schweins und seiner Bedeutung für die Menschen, hat das Buch für mich am Ende leider versagt, was eine gelungene Botschaft betrifft. Die letzten beiden Kapitel waren für mich eher absurd und auch grotesk und für Menschen, die Tiere wirklich lieben und sie nicht essen, war das Ende nicht leicht zu ertragen. Einige, die Fleisch ohne große Überlegungen konsumieren wird es vielleicht minimal dazu anregen andere Varianten als das Fleisch von Massentierhaltung zu bevorzugen. Was aber das allgemeine Verständnis anbelangt, wie wir Tiere sehen und wie viel 'Leben' und Empfinden wir ihnen zusprechen, so hat das Buch für mich eher nicht überzeugt. Zum Schluss steht nämlich eher wieder der Mensch im Vordergrund, der seine 'aufwühlenden' Erlebnisse verarbeiten möchte und doch die Tiere in den Hintergrund stellt.

 Vielen Dank an den Blanvalet Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

1 Kommentar:

  1. Schade, dass Dich das Buch nicht überzeugen konnte. Es klingt so erstmal ganz amüsant.

    Neri, Leselaunen
    www.leselaunen.net

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