Das babylonische Wörterbuch von Joaquim Maria Machado de Assis

Mai 11, 2018



(Original: verschiedene Titel, da einzeln publiziert / 1882-1906) Manesse, 256 Seiten, Übersetzer/in: Marianne Gareis und Melanie P. Strasser (aus dem brasilianischen Portugiesisch) , gebunden,  ★★★★☆ 4 Sterne
"Was wäre geschehen, hätte nicht Jesus die Bergpredigt gehalten, sondern der Teufel? Was, wenn Männer und Frauen ihre Seelen und Rollen tauschten? Joaquim Maria Machado de Assis, berühmtester Klassiker Brasiliens und Vorbote des Magischen Realismus, stellt in seinen Erzählungen ironisch alle Konventionen auf den Kopf. Lustvoll spielt er mit den Erwartungen seiner Leser und lotet Grenzen aus: von Gut und Böse, Vernunft und Wahnsinn, bürgerlichem Schein und Sein. Dieser Auswahlband versammelt Machado de Assis' beste Geschichten – allesamt Neu- und deutsche Erstübersetzungen – zu einem Panorama kompromissloser Originalität."

MEINE MEINUNG / FAZIT
  
"Ich sage nicht, zu welcher Zeit das war, weil in dieser Erzählung alles geheimnisvoll und verknappt sein wird." S.43

Dieser kleine Erzählband bringt im Nachwort viele Lobeshymnen in Bezug auf Joaquim Maria Machado de Assis ins Spiel. Ein bekannter Bewunderer seiner Texte war zum Beispiel Stefan Zweig, welcher die Erzählungen entdeckt hat, als er selbst in Brasilien gewesen ist und auch Jorges Luis Borges bringt man mit Machado de Assis in Verbindung, weil Aspekte des Magischen Realismus vorzufinden sind.
Den positiven Stimmen kann ich mich größtenteils nur anschließen, denn die Erzählungen sind sehr vielschichtig und abwechslungsreich, unterhalten gut, sind aber gleichzeitig oft an der Grenze zum Verstörenden. Dadurch entsteht eine ganz eigene Anziehungskraft, die den Leser fesselt. Einerseits fühlt man sich oft von den Figuren abgestoßen, ihre Handlungen kann man und will man manchmal gar nicht nachvollziehen, denn sie offenbaren etwas Geheimnisvolles, wie auch Schreckliches und doch ist man von der Konstruktion der Erzählungen angetan und zum Schluss auch von der Aussage der Texte. 
Im Nachwort wird es erwähnt und ich kann mich dem nur anschließen, dass Machado de Assis stark mit den verschiedenen Gegensätzen spielt, die den Menschen ausmachen oder beschäftigen. Gut und Böse, Schein und Sein, Wahrheit und Fiktion. 
Dabei fällt auf, dass, obwohl sich die Geschichten von der Intensität ähneln, sie alle andere Schwerpunkte haben. Einige sind düsterer, andere sind ernst, aber vermischt mit einer Portion Ironie und Witz und andere sind sehr märchenhaft.

"Eines Tages, so heißt es in der alten Benediktinerhandschrift, kam der Teufel auf die Idee, eine Kirche zu gründen. zwar wuchs sein Reichtum unaufhörlich und in großem Maße, doch es demütigte ihn, dass er seit Jahrhunderten ein bloßes Schattendasein fristete, ohne Ordnung, ohne Regeln, ohne Kanon, ohne Rituale - nichts dergleichen." S.122

Mir persönlich haben im Großen und Ganzen alle Erzählungen gut gefallen. Mit einigen, so ist es ja bei solchen Bänden ja in den meisten Fällen, konnte ich aber mehr anfangen. "Die Wahrsagerin" gefiel mir dabei unter anderem besonders. Auch hier greife ich kurz auf das Nachwort zurück, denn dort wird die Erzählung so beschrieben, dass der Fokus auf der Beziehung der Liebenden beziehungsweise dem Ehebruch liegt. Für mich hatte die Geschichte aber noch viele andere starke Interpretationsmöglichkeiten. Zum Beispiel wie sich Menschen von der eigenen Intuition leiten lassen und versuchen in allem ein Zeichen für etwas Gutes oder Schlechtes zu finden oder dass sie ihr Fehlverhalten immer irgendwie versuchen zu rechtfertigen und abzumildern.
Auch andere Erzählungen greifen die Beziehung zwischen Mann und Frau des Öfteren auf, etwa in Hinblick auf den 'Beginn' der Sünden oder der Frage, welches Geschlecht die Seele trägt.
Andere Kapitel spielen hingegen mit den Möglichkeiten der Wissenschaft und dem Drang danach, das Wissen konservieren zu wollen, egal welchen Preis man dafür zahlen müsste. Auch hier sind einige Details eher unangenehm zu lesen, was aber die Paradoxie zwischen 'etwas Gutes für die Menschheit zu schaffen' und dem 'über Leichen gehen' ganz gut aufgreift. Diese kleinen Schockmomente haben es aber letztlich so in sich und treten so wuchtig auf, dass man sich als Leser in diesen Erzählungen gefangen fühlt. 
Es fallen zudem oftmals Verweise, die sich auf andere literarische Texte stützen (die Intertextualität macht auch bei Shakespeare keinen Halt). Die Anmerkungen am Ende helfen zwar recht gut für den ersten Eindruck, aber ich habe danach die Lust verspürt, mich doch näher mit der Hintergrundgeschichte auseinanderzusetzen und zu verstehen was den Autor auch in Hinblick auf die brasilianische Geschichte bewegt und was ihn zu den Erzählungen motiviert hat.
Ein weiteres wiederkehrendes Thema in den Erzählungen ist die Religion und ihre religiösen Schriften. Vieles wird sicherlich mit einem Augenzwinkern erzählt, einiges zeigt ganz gut auf, dass sich die Menschen mit den biblischen Versen einfach manchmal zu ernst nehmen. Die Geschichten sind aber niemals so geschrieben, dass man sie als fanatisch ansieht, obwohl gerade die Figuren diese Eigenschaft besitzen und sie nach außen tragen.

“So geschah es. Alpha und Omega zogen sich zurück, und nach Ablauf von drei Monaten überreichten sie den bangen Händen das vollendete Werk, das den Namen Babylonisches Wörterbuch trug - zu Recht, denn es war die buchstäbliche Sprachverwirrung.” S.103


Ein Erzählband mit (wie passend) dreizehn kurzen Geschichten, die einen unterhalten und in ihren Bann ziehen, sei es auch durch ihre groteske und düstere Art. Andere Erzählungen wiederum sind unterhaltsam verfasst und zeigen augenzwinkernd die doch oftmals absurden Verhaltensweisen der Menschen auf. Religiöse, wie auch intertextuelle Verweise findet man häufiger, aber immer verständlich und mit einigen Anmerkungen am Ende versehen. Generell sind die Erzählungen schon recht speziell, aber eine Kunst für sich.


 Vielen Dank an den Manesse Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

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