Die Abgründe des Menschen: Meine Anfänge mit Joyce Carol Oates

August 21, 2019



Joyce Carol Oates hat eine lange schriftstellerische Karriere und zahlreiche Auszeichnungen nachzuweisen. Für den Pulitzer-Preis wurde sie bereits mehrfach nominiert, kürzlich, 2019 wurde sie zudem mit dem Jerusalem-Preis ausgezeichnet. Zählt man all ihre Texte zusammen, die nach ihrem Erstling 1962 erschienen sind (auch die, die sie unter ihrem Pseudonym veröffentlicht hat), kommt man auf über siebzig Romane, Erzählbände, Novellen, Theaterstücke und Gedichte.
Es überrascht mich tatsächlich, dass ich so lange gebraucht habe, um überhaupt nur ein Buch von ihr zu lesen. Ständig schwebte mir ihr Name im Kopf herum und ständig schob ich ein "Ja, irgendwann lese ich etwas von ihr." nach (Hier sei angemerkt, dass ich "Big Mouth, Ugly Girl" als Schullektüre gelesen habe, mich aber absolut nicht mehr daran erinnern kann, was eine wirklich traurige Feststellung ist und es sich für mich  wie - nicht gelesen- anfühlt).

Anfang dieses Jahres habe ich es dann glücklicherweise geschafft zu "Carthage" zu greifen. Je mehr Zeit verging und ich über den Roman nachdachte, stieg wieder das Bedürfnis auf, weitere Texte von Oates zu lesen. Kurz darauf verschlang ich regelrecht ihre beiden Erzählbände "The Cornmaiden and other nightmares"  und  "Give Me Your Heart - Tales of Mystery & Suspense".


"For that was the power of the night, where the thistledown gray cat stalked his prey, that you could dream what was real- and it was real, because you dreamt it." ("The Cornmaiden and other nightmares" , S.175)

"Carthage" ist eine eher ruhige Erzählung, die mit der Dynamik einer Familie spielt. Wer vertraut wem? Wem glaubt man eher? Welche Beziehungen leiden unter gewissen Handlungen? Der Leser wird zwar mit dem Verschwinden einer Person konfrontiert, aber der Roman setzt den Fokus nicht auf das Verbrechen selbst, sondern eben auf die psychologischen Aspekte und offenbart, wie schon in der Überschrift des Beitrags zu sehen, die Abgründe, die in jedem von uns stecken können. 
Auch wenn man zunächst vielleicht eher mit spannenden Wenden und unvorhersehbaren Lösungen der Geschichte rechnet (die nicht gänzlich eintreten), wird man dennoch in den Bann der Erzählung gezogen, weil Oates es schafft, auch bei alltäglichen Situationen und Überlegungen zu Gefühlslagen, eine ganz besondere Spannung zu erzeugen. 

Diese im ersten Roman auftretende Spannung hat sich für mich in dem Erzählband "The Cornmaiden and other nightmares" noch um ein vielfaches gesteigert. Und hier bemerkt man ganz deutlich, wie geschickt die Autorin mit der dunklen Seite des Menschen spielt. Denn sie lässt die größten Albträume, Monster und schrecklichen Zukunftsvisionen nicht als uns etwas Unbekanntes erscheinen, es sind keine Monster im herkömmlichen Sinne, die das Grauen hervorrufen, sondern der Spiegel, der dem Menschen vorgehalten wird. Er selbst ist es, wovor er am meisten Angtst hat und wohl haben sollte.
Und diese Kombination aus der Angst vor Monstern aus Horrorfilmen und der eigentlichen Gefahr, die aus den unbändigen Emotionen des Menschen heraustritt, findet sich auch in dem Erzählband "Give Me Your Heart" wieder. Auch wenn mir einige Geschichten eher, als andere zugesagt haben, könnte man diese beiden Erzählbände gut zusammenführen. Zu ihnen passt der Satz, der auf einem der Bücher prangt: "In [these] razor-sharp stories, Joyce Carol Oates shows that the most deadly mysteries often begin at home."
Die gleichnamige Erzählung über "The Cornmaiden" war wirklich intensiv. Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet, dass mich die Geschichte doch so gebannt zurücklassen wird. Die Erzählperspektive, das heißt auch die enormen Gefühlsbeschreibungen der Figuren wechseln sich rasant ab, überschlagen sich aber so, dass man sich in beiden gefangen fühlt.
Zudem fand ich es interessant zu sehen, dass eine kurze Erzählung so wirkte, als sei sie die Voridee zu "Carthage" gewesen. Dadurch hat man als Leser das Gefühl, dass man an der weiteren Entwicklung der Geschichten, die Prozesse mitverfolgen kann.

"Your heart pounds, in terror of being snatched from your chest!" (Give Me Your Heart, S.13)

Für mich war es wirklich beeindruckend zu realisieren, dass mich die Geschichten von Oates so fesseln, weil sie sich anfühlen und auch so lesen, als seien es eben diese Horrorgeschichten mit Monstern vor denen wir uns so fürchten, die Nachts unter unseren Betten lauern oder darauf warten uns in einem Wald zu überfallen. Es baut sich Stück für Stück eine Angst vor der Offenbarung der Wahrheit auf, die in allen Geschichten präsent ist, dass sie zum eigentlichen Grundgerüst wird. Gehalten und aufgebaut wird sie durch die Menschen, die sie zunächst verheimlichen, verbergen wollen und es bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr ertragen können Jede Erzählung hat ihr eigenen psychologischen Schwerpunkte, lebt aber von der Verbindung oder der eben nicht existenten Verbindung zur Familie oder Liebe.
Es sind Geschichten und Situationen, die, wenn man sie wohl anders beschreiben würde, ganz banal und alltäglich wirken würden. Man liest von ihnen in Zeitungen, hört davon im Radio oder Fernsehen und vergisst sie wieder. Diese Geschichten, die Oates verschriftlicht, vergisst man jedoch nicht so schnell, obwohl sie das "normale", wenn auch grausame Leben offenbaren, denn sie sind voller gebrochener Herzen, aufwühlender Emotionen und oftmals auch getrieben vom Wahn.


Nach diesen drei Büchern bin ich mir mehr als sicher, dass ich bald wieder zu einem ihrer Romane oder Kurzgeschichten greifen werde. Nur welches es aus den über siebzig sein wird, das wird sich noch herausstellen...


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After Alice von Gregory Maguire

August 16, 2019





(Original: "After Alice"/ 2015) Headline, Übersetzer/in: -, ★★★(☆)☆ 3,5 Sterne
Als Alice in den Kaninchenbau hinuntergestürzt ist, fand sie sich im Wunderland wieder, das genauso voller inkonsequenter Regeln und schroffer Egos war, wie die Welt, die sie hinter sich gelassen hat. Doch wie hat das Viktorianische Oxford auf Alices Verschwinden reagiert?
In der neuerzählten Geschichte rund um die Kraft der Imagination und der verborgenen Unterwelten, erschafft Maguire ein Märchen mit anderem Blickwinkel. Ada, ein Mädchen, das im Originaltext nur kurz zu Beginn erwähnt wird, übernimmt hier die Hauptrolle und stürzt "After Alice" in den Kaninchenbau und macht sich auf die Suche nach ihr.
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"Lydia pointed to some imprecise horizon. 'You know your Alice. She plays hide-and-seek but sometimes forgets to ask someone to look for her.' S. 19

Maguire hat mich mit seiner Idee sofort neugierig gemacht. Noch einmal in das Wunderland gehen, aber nicht mit Alice, sondern mit ihrer Freundin Ada. Sie wird im Original nur flüchtig genannt, bekommt hier aber eine doch recht wichtige Stellung zugeschrieben.
Mir gefiel die Idee, dass sie einerseits ganz anders als, die uns bekannte und mutige Heldin, Alice ist und dennoch letztlich als starker Charakter auftritt. Besonders in Hinblick auf ihre. von der zurückgelassenen Gesellschaft angesehenen, vermeintlich körperlichen Einschränkungen werden hier aufgegriffen und in einen positiven Kontext gesetzt.
Was die Handlung betrifft, so muss man natürlich sagen, dass sich vieles aus dem Original wiederholt, was ich persönlich aber sehr gemocht habe und was auch der Vorteil der Geschichte ist. Wir begegnen der Grinsekatze, der bösen Königin oder aber auch dem Kaninchen, das immer in Eile ist. Alles Charaktere, die wir schon lieben gelernt haben und von denen man sehr gerne wieder liest. Dennoch sind alle Begegnungen natürlich abgewandelt, da sie auf Ada, die Alice nun im Wunderland sucht, treffen und sich auch immer irgendwie auf Alices Vorbesuch beziehen. Einerseits fand ich dies geglückt, andererseits schwächte dies das Orginal teilweise etwas ab, da man das Gefühl bekam, dass Alice nicht mehr so einen Sonderstatus hat, wie bei Carroll. Andererseits ist genau dies wiederum eine schöne Botschaft, da Ada trotz ihrer Ängste auch zu einer kleinen Heldin wird und sie durch ihr Verhalten ebenso die "Berechtigung" hat in die kuriose Welt einzutauchen.

"But what is character? How solid? We cut our hair, we shave our beards, we lose a limb. We remain ourselves. In dreams, however, we swap identities licentiously. We sabotage the structures of our character without a thought." S. 47

Was ich an der Geschichte zunehmend gar nicht attraktiv fand, waren die teilweise sehr trägen Kapitel rund um Alices Schwester Lydia, die ebenfalls nach ihr sucht - aber natürlich in der für sie "realen" Welt. Auch wenn hier sehr viele interessante Ansätze aufgegriffen werden und Personen wie Darwin, gewisse Überlegungen in eine neue Richtung lenken, ebenso wie versucht wird die Verknüpfung zur Mythologie auf neuer Ebene zu eröffnen, so bleiben diese Kapitel doch irgendwie ohne Funken. Man hört meist immer wieder daselbe von den Figuren und irgendwie bleiben sie stets uninteressant.
Der Versuch den Jungen Siam mit in die Geschichte zu bringen, der aus der Sklavenschaft gerettet wurde, hat zwar auch gute Ansätze, verliert sich aber leider irgendwie, da nicht immer ersichtlich ist, wie man dies in den Gesamtzusammenhang und in Bezug zur Originalgeschichte bringen soll. Das heißt, dass der Versuch, die Geschichte von Alice mit Ada fortzuführen, die Überlegungen zu Darwins Theorien, den mythologischen Geschichten und noch der Kritik an der Sklaverei, zwar einerseits durchaus irgendwie zusammenpasst, darauf hat Maguire schon geachtet, aber es wirkt einfach etwas zu überfüllt.

"'Goodbye', whispered Ada. She imagined, if she did manage to escape, that the ones she would miss were the White Queen and the White Knight. Generally adults were a failure, but these two managed failure well." S. 229


Die Kapitel rund um Ada und ihren Versuch Alice zu finden, habe ich sehr gerne gelesen. Man begegnet den liebgewonnenen Charakteren des Originals, aber aus einem anderen Blickwinkel. Da die Protagonistin nicht wie Alice ist, entdecken wir also neue Seiten an den Figuren und der Welt des Wunderlands, ebenso wie einer neuen Überlegung zum Ausgang der Geschichte. Was mich leider eher uninteressiert zurückgelassen hat, waren die Kapitel, in denen Alices Schwester Lydia und Ms Armstrong nach den beiden Mädchen suchen. Zwar bekommt man hier den Einblick in die Gesellschaft und die viktorianischen Moralvorstellungen, allerdings hat dort der Pfiff gefehlt, damit es mit dem Rest zusammenpasst.




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Tagebuch eines Buchhändlers von Shaun Bythell

August 13, 2019




Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "The Diary of a Bookseller"/ 2014) btb Verlag, Übersetzer/in: Eric Selland, ★★★★☆ 4 Sterne
"Wigtown, Schottland. The Bookshop, die größte Second-Hand-Buchhandlung des Landes, ist ein Paradies für Buchliebhaber. Die Bücherregale reichen bis zur Decke, die Regalböden hängen durch ob ihrer verführerischen Last. Es gibt alles, was das Herz begehrt. Was Sie als Kunde nicht sehen, sind die Probleme im Hintergrund, mit denen sich der Besitzer Shaun Bythell herumschlagen muss. In seinem »Tagebuch eines Buchhändlers« finden Sie alles: exzentrische Kunden, unhöfliche Angestellte und eine ständig leere Kasse, aber auch den Nervenkitzel eines unerwarteten antiquarischen Fundes und den Charme der Küstenkleinstadt Wigtown. Tauchen Sie ein in die Welt des Buchhandels und lassen Sie sich verzaubern!"
Video (Youtube): Vorstellung des "The Bookshop" in Wigtown
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"[Ein Kunde] wollte wissen, wie viel es kostet, und da ich mich gerade in großzügiger Laune befand, erwiderte ich: 'Sie können es für 2,50 Pfund haben.' Daraufhin ging er, wobei er vor sich hin murmelte: 'Das krieg ich auf Amazon billiger.' " S. 122 

"Höhepunkt des Tages war der Verkauf eines Buches mit dem Titel Donald McLeods Gloomy Memories aus dem Jahr 1892, das der Kunde bereits seit sechs Jahren gesucht hat." S. 381

Auf dem Buchcover sehen wir eine regnerische Szenerie vor einem Buchladen. Einem Buchladen, der gut besucht ist, der durchaus gefüllt scheint, der aber auch schon einige Spinnweben aufweisen kann. Vor dem Buchladen sehen wir, stehend zwischen zwei aus Stein gemeißelten Büchersäulen, den vermeintlichen Besitzer des Ladens. 
Wir springen zum Ende der broschierten Ausgabe und blicken auf eben diesen Mann, nun als Farbfotografie erkennbar und er kommt mit einer klaren Botschaft. 
Mit einem doch nüchternen, aber nicht unfreundlichen Blick steht er auch hier vor dem Buchladen. Er trägt eine Brille, ein weißes Shirt und ein kariertes Hemd. Doch das wohl prägnanteste: Seine weiße Tasse mit der Aufschrift: "Death to the Kindle" und damit meint er es ziemlich ernst. Darf ich vorstellen: Shaun Bythell, der Besitzer, des in Schottland größten Secondhand Buchladens "The Bookshop", vielen vielleicht bereits bekannt aus Jen Campbells "The Bookshop Book" oder aus eigenen Reisen in die Stadt Wigtown.
Dies sind seine persönlichen Aufzeichnungen aus dem Alltag eines Buchhändlers.

"Wenn jemand seinen Satz mit 'Ich will nicht unhöflich erscheinen, aber...' beginnt, gehen bei mir genauso die Alarmglocken an wie bei dem Satz 'Ich bin kein Rassist, aber...' Dabei ist es doch ganz einfach: Wenn man nicht unhöflich erscheinen will, sollte man auch nicht unhöflich sein. Und wenn man kein Rassist ist, sollte man sich auch nicht wie ein Rassist benehmen." S. 326

Eines sollte man vielleicht vorweg sagen. Vorsicht! Dieses Buch sprüht nur so vor Ironie und Sarkasmus und sehr häufig hat man das Gefühl, dass er den Kunden mit den Aussagen auf den Schlips tritt (oder sogar treten möchte). Manchmal war ich mir nicht ganz sicher, ob Bythell nicht zu sehr versucht scharfe Kommentare als witzigen Gag zu verkaufen. Das hat mir nicht so gut gefallen (zusammen mit seiner Liebe für das Angeln, da ich absolut kein Freund davon bin Fische aus Spaß zu fangen und zu essen). Liest man das Buch aber komplett und beachtet die Aussagen über die Kunden wirklich genau, so merkt man, dass Bythell damit auch oftmals ironisch auf sich selbst Bezug nimmt und sich dadurch auch selbst ein wenig auf die Schippe nimmt. Vor allem wenn es darum geht zu zeigen, wie verbittert, pessimistisch oder sarkastisch er durch seine Arbeit geworden ist. Auf vielen Ebenen entdeckt man hier also durchaus viele Verweise, die beiden Seiten den Spiegel vorhält, um die eigene Verhaltensweise zu hinterfragen - dies gilt auch für die schönen Seiten des Betriebs.
Sein wohl größter Feind und Gegner ist aber (wie bereits am Anfang erwähnt) die Idee des E-Books und der Kindle. Zur visuellen Klarstellung hat er sogar eines der Kindles zerstört und sozusagen als Trophäe (mit Messingschild!) in seinen Laden gehängt. Doch auch der Großkonzern Amazon wird hier systematisch niedergemacht - wohl gemerkt, durch gute Begründungen. Was leider dennoch nicht wirklich hilft (bis jetzt), da die Kunden die Plattform als zu angenehm und einfach empfinden, als darauf zu verzichten. So sieht er sich gezwungen mit ihnen zu kooperieren.
Und doch entdeckt man aber in dem ganzen Witz und der ganzen Ironie deutlich, dass ihm doch all seine Kunden (bis auf die, die ihm selbst keinen Respekt gegenüberbringen oder eben Amazon heißen) sehr wertschätzt und auch zugibt, dass er es trotz aller Ermüdung manchmal leid tut, dass er nicht nach den Geschichten hinter den Kunden gefragt hat. Das wird vielleicht besonders bei der Figur des Mr. Deacon deutlich.

"Ich muss wirklich aufhören, Kunden und Leute, die Bücher verkaufen, so abschätzig zu beurteilen." S. 242 

"Ich vermute, man kann mir viel vorwerfen, dass ich mir keine große Mühe gebe, viel über meine Kunden zu erfahren, aber ich bin nie unhöflich zu Kellnern, Kellnerinnen, Putzleuten oder Ladenverkäufern. Außerdem hoffe ich inbrünstig, dass ich noch nie jemanden wie einen Menschen zweiter Klasse behandelt habe, sondern nur die Unhöflichkeit zurückspiegle, mit der mir manchmal begegnet wird. [...] Auch wenn ich das Erscheinungsbild meiner Kunden genau beobachte und kommentiere, so sind es immer nur Beobachtungen - keine Aburteilungen. Zumindest meistens." S. 321f.

Was man als Leser dieses Buches bekommt, ist allerdings eine ganze Menge. Man kommt nicht umhin zu sagen, dass sich natürlich sehr vieles wiederholt. Es ist nun einmal ein Tagebuch, das den Alltag eines Buchhändlers darlegt. Das bedeutet, dass viele Aufgaben auch aus monotonen Arbeitsschritten während der Woche bestehen. Wer so etwas nicht aushalten kann, weil ihm repetitive Stellen eher unnötig erscheinen, der wird hier vielleicht etwas an Lesergenügen einbüßen. Ich persönlich fand es aber durchaus gelungen, da der Alltag so nicht beschönigt wurde. Manchmal ist das Leben in einem Antiquariat eben auch etwas langweiliger.
Paradoxerweise scheint es aber eben nicht langweilig. Denn allein schon die Mitarbeiter bringen immer ordentlich Schwung in den Laden, allen voran die einzige Festangestellte (die sich Bythell finanziell leisten kann) Nicky. Durch ihre sehr freie, sehr eigene und chaotische Art, sorgt sie immer für interessante Entwicklungen. Mir gefiel vor allem, dass Bythell jeden gerne als Mitarbeiter aufnimmt, der genügend Interesse zeigt. Er gibt jedem die gleiche Chance.
Es gibt viele Kapitel, die sich mit dem Ankauf von Büchern beschäftigen und davon erzählen, welche Leute, welche Art von Büchern weggeben und aus welchen Gründen. Das hat mir persönlich sehr gut gefallen (vor allem die vielen Erwähnungen der Folio Society Bücher!). Gleichzeitig steigt die Liste der Bücher, die man lesen möchte noch einmal um ein Vielfaches, da viele Bücher namentlich erwähnt werden und auch interessante Anekdoten dazu preisgegeben werden - in diesen Ankaufsituationen, aber auch im Laden selbst.
Die Kunden sind ebenfalls Gesprächsthema Nummer eins, was irgendwie unausweichlich ist. An vielen Stellen erinnert es an Jen Campbells "Weird Things Customers say in Bookshops", da wirklich seltsame (E-Mail-) Unterhaltungen offengelegt werden, die man kaum glauben kann und auch das Literaturfestival eine relativ große Rolle spielt.
Tatsächlich hat es mich beim Lesen meist zutiefst erstaunt, verletzt und fassungslos zurückgelassen, wie sich angeblich belesene und kultivierte Menschen ihm gegenüber verhalten. Man sollte meinen, dass das Lesen einen, wie viele behaupten, empathischer, verständnisvoller und zu einem "besseren" Menschen macht. Das Gefühl hat man nach dem Lesen dieses Buches sicherlich nicht. Einige bleiben unverschämt, egal wieviel sie lesen.

"Nachdem sie wieder weg waren, trat ein Kunde mit einem Buch an die Theke, schlug es auf, deutete auf das Preisschild von 40 Pfund und  fragte: 'Was soll das heißen? Doch sicher nicht 40 Pfund.' Ich versicherte ihm, dass es genau das heißt. Daraufhin hat er das Buch fallen lassen, und es landete auf dem Boden, wodurch eine der Ecken beschädigt wurde. Er ist dann ohne ein weiteres Wort gegangen." S.155f.

"Ich weiß nicht, wie oft Leute bereits Bücher auf die Ladentheke gelegt haben, die wir noch nicht ausgpreist hatten, und sagten: 'Das hier hat keinen Preis. Es muss umsonst sein.' Schon beim ersten Mal war das nicht witzig, und vierzehn Jahre später hat der Spruch das Schillern, das er sowieso nie besaß, gänzlich verloren." S. 63f.


Trotz aller negativen Perspektiven für die vermeintliche Zukunft eines Antiquariats und der teils unmöglichen Verhaltensweisen der Kunden den Angestellten gegenüber, hinterließ das Buch bei mir, als ich es zugeschlagen habe, trotz allem noch den Wunsch, Teil eines solchen Buchladens zu sein, was wirklich merkwürdig klingen muss. Aber ich bin unfassbar gerne an diesen Ort zurückgekehrt und habe davon gelesen, wie die Bücher eingeräumt werden, wann der Kamin zur kalten Jahreszeit angemacht wird, welche Buchtipps empfohlen werden und wo sich die Katze "Captain" so rumtreibt. Ebenso wie viele Bücher bestellt werden wollten, wer diese Bücher gekauft hat, wer seine Büchersammlung verkauft hat und aus welchem Grund und wie viele Bücher doch unauffindbar geblieben sind. Auch wenn Shaun Bythells Ton rau sein kann und an einigen Stellen, trotz witziger Intention, etwas übers Ziel hinauszuschießen scheint, merkt man, dass er den Beruf und die Literatur liebt und die Menschen auch zu schätzen weiß, die seinen Laden betreten. Man wird einige Male tatsächlich auch laut auflachen müssen, wenn die Situationen sehr skurril werden.




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The Guest Cat von Takashi Hiraide

August 11, 2019



(Original: "Neko No Kyaku"/ 2014) Orion Publishing, Übersetzer/in: Eric Selland, dt. Übersetzung: "Der Gast im Garten", ★★★(☆)☆ 3,5 Sterne
Ein Pärchen in seinen Dreißigern lebt in einem kleinen, gemieteten Landhaus in einem ruhigen Teil Tokios. Sie arbeiten als freie Schriftsteller und haben sich mittlerweile nicht mehr viel zu sagen.
Eines Tages lädt sich eine Katze in ihre Küche ein. Sie ist ein wunderschönes Geschöpf. Sie verschwindet, taucht den Tag darauf aber erneut auf, ebenso wie die folgenden Tage. Mit der Katze beginnt das Pärchen wieder gemeinsam zu interagieren. Sie gehen zusammen spazieren und reden über die Erlebnisse mit dem Tier. Doch dann geschieht etwas, das alles verändern wird...
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"It is not out of preference that I use the word fate - or should I say, Fortuna - but as the young cat´s visits became more frequent, I came to feel that there were some things only this word could express." S. 17

Bei einigen Büchern hat man eine sehr bestimmte Vorstellung, wie sich das Buch entfalten und was thematisch gesehen im Fokus stehen wird.  "The Guest Cat" war für mich so ein Buch. Allerdings wurden für mich kaum Dinge aufgegriffen, die ich erwartet hatte. 
Aus dem Klappentext ist zu entnehmen, dass wir eine Geschichte präsentiert bekommen, welche die "Gastkatze" als zentralen Aspekt einbringt, gepaart mit der recht eingeschlafenen Kommunikation der verheirateten Protagonisten. Daher bin ich irgendwie davon ausgegangen, dass die Katze als Vermittler dient, als eine Art "leiser Psychologe".
Nun, irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dieser Punkt absolut zweitrangig gewesen ist. Für mich ist das Paar anfangs, wie angedeutet, nicht sonderlich aktiv in ihrem Umgang miteinander, aber trotz der Einbindung der Katze schien mir die Beziehung nicht greifbar, irgendwie stets distanziert. Vielleicht lag das daran, dass der Erzähler (und gleichzeitiger Protagonist) als einziges zu Wort kommt und seine Frau nur durch ihn repräsentiert wird. Dadurch hat man automatisch das Gefühl, dass sie ein wenig zur Randfigur wird. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass die kurze Erzählung doch stark auf die in den 1926 bis 1989 Situation eingeht, vor allem auch politische Veränderungen und die damit eintretenden Veränderungen für die "kleinen Leute".
"First we would hear the tinkling bell, and then she would appear, so we began to call her by the nickname 'Tinkerbell'." S. 14

Auffallend wird mit der Zeit, dass die Situation des Paares immer im Zusammenhang mit dieser Showa Periode erzählt wird. Sprich, die Frage nach einer bezahlbaren Wohnung und der allgemeinen Betrachtung des Immobilienmarktes ist in beinahe jedem Kapitel Thema.
Dadurch sind die Sprüche auf dem Buchcover á la "Nicht nur für Katzenliebhaber" oder Ähnliches natürlich wahr, da hier zeitweise ganz andere Aspekte deutlich in den Vordergrund gerückt werden, aber dadurch verliert eben genau diese "Katzengeschichte" ein wenig ihren Reiz. 
Ich war mir daher bis zum Schluss ehr unschlüssig, ob ich die Geschichte wirklich genossen habe, denn einerseits mochte ich die Katzenbezüge und die metaphorischen Anspielungen, ebenso wie das tatsächlich ungewisse Ende (!), andererseits schien mir vieles ohne genügend Emotionen ineinander überzugehen. Das ist nicht auf die Beziehung zur Katze bezogen, die ist doch recht gefühlvoll beschrieben, sondern eben die Beziehung der Menschen untereinander. Es wirkt alles ein wenig gelangweilt, aber akzeptiert. Dies kann natürlich daran liegen, dass der Autor genau das erzielen wollte oder aber die Übersetzung hat hier einiges schleifen lassen (oder mir sind zu viele Verknüpfungen schlicht nicht geläufig). So oder so hat mir dann am Ende etwas gefehlt, damit ich sagen kann, dass mich die Erzählung mehr mitgerissen hat als andere.

" 'For me, Chibi is a friend with whom I share an understanding, and who just happens to have taken on the form of a cat.' " S.36


Eine kurze Erzählung über das Auftauchen einer Katze und ein eher beliebiges Paar, welches versucht die schönen Seiten des Lebens zu entdecken. Die vielen Naturbezüge, Naturanspielungen und auch die häufig erwähnte Frage nach einer geeigneten Wohnungssituation (politische Lage der damaligen Zeit), lassen die Katze manchmal etwas in den Hintergrund rücken. Dennoch gibt es oft gelungene Spielereien mit Vergleichen und Metaphern. Das Ende ist abgeschlossen und doch bleibt einiges offen für eigene Interpretationen, was mir persönlich gut gefallen hat. Obwohl ich die Art der Erzählung mochte, hatte ich das Gefühl, dass mit den Protagonisten zu wenig anfangen konnte, da sie mir zu wenig Charakter hatten. Dennoch eine schöne Erzählung, die aber vielleicht nicht allzu lange nachhallen wird.



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Juli: Eine bunte Mischung, Bubla-News und ein literarischer Linktipp

August 06, 2019




Unilektüre strikes again. Durch die Abschlussarbeit lese ich derzeit eher Fachbücher, die zwar grundsätzlich sehr interessant sind, die aber meine ungelesenen Bücher in den Hintergrund rücken lassen. Im August und September wird es hier daher sicherlich erst einmal ein klein wenig ruhiger werden.
Nichtsdestotrotz ist es spannend zu sehen, dass man die in der Freizeit gelesenen Bücher auch beginnt unter den Kriterien der Arbeit zu betrachten. Da sich bei mir alles um das Thema "Vergessen" dreht und es ja etwas ist, das uns oft im Alltag begegnet (aus den unterschiedlichsten Gründen), finde ich daher gar nicht mal so wenige Verweise dazu in den Romanen, die ich nebenbei so lese. "The Somnambulist" und "Hiddensee" sind da ganz gute Beispiele. Dazu aber gleich mehr. 

Zunächst mache ich natürlich sehr gerne darauf aufmerksam, dass die Auszeichnung des Buchblog-Awards in die nächste Runde geht! Letztes Jahr durfte sich "little words" über den Gewinn in der Kategorie "Liebe & Herz" freuen, nun nominiere ich, Schritt für Schritt, fleißig meine Favoriten.
Die Kategorien von letztem Jahr fallen dieses Mal leider weg, um es kompakter zu halten. Dafür gibt es nun aber auch die Möglichkeit Verlagsblogs und Buchhandlungsblogs zu nominieren.
Alles wichtigen Details zum Ablauf und zur Nominierung findet ihr auf der offiziellen Seite des Buchblog-Awards 2019. Darüber hinaus kann, darf und soll natürlich auch wieder fleißig bei Twitter alles dazu geteilt werden. Unter dem Hashtag #bubla19 findet ihr die Unterhaltungen, Blogtipps und News dazu (oder einfach dem Twitter-Acoount @BuchblogAward folgen).

Mich würde natürlich interessieren: Wen habt ihr für den Bubla nominiert? Wer sind eure Favoriten?

Keine Blogtipps, dafür aber ganz viele Buchtipps gibt es auf Lit Cities zu finden! Letzten Monat wurde ich auf die Seite aufmerksam gemacht und nachdem ich mich dort ein wenig umgesehen habe, wollte ich diese gerne mit euch teilen. "Lit Cities" ist eine große Weltkarte, je nachdem wo ihr drauf klickt, also welches Land euch interessiert, gelangt ihr zu dem Ort und den passend dazugehörigen Literaturtipps, die in der Gegend spielen oder sich mit dem Ort auseinandersetzen. 
Dabei überzeugen nicht nur die ausgewählten Bücher, sondern auch die ganze Aufmachung der Seite. Sehr übersichtlich, aber wunderbar modern, frisch und mit einem gewissen "Spielereiz", könnte man sich stundenlang durch die Vorschläge wühlen.
Einzuges Kriterium meinerseits: Leider wird bei dem Kauf eines Buches nur auf Hugendubel oder Amazon verlinkt. Da hätte ich mir noch eine Möglichkeit für den örtlichen Buchhandel gewünscht.

Vier neue Bücher durften letzten Monat auch noch einmal einziehen, da ich alle für einen sehr kleinen Preis gebraucht ergattern konnte. Auf einen gesonderten Beitrag habe ich dieses Mal verzichtet, aber es werden bei den Büchern bestimmt noch die jeweiligen Rezensionen folgen. Die vier Neuankömmlinge sind "The Nix" von Nathan Hill, "Instructions for a Heatwave" von Maggie O´Farrell, "The Essex Serpent" von Sarah Perry & "The Mermaid and Mrs Hancock" von Imogen Hermes Gowar.

Nun aber zu den gelesenen Büchern des Monats: 
Wie immer gelangt ihr durch Anklicken des Buchtitels, falls vorhanden, auf die jeweilige Rezensionsseite. 

  • Mit dem Beitrag "The Three Little Pigs: 3 Bücher über Schweine" habe ich gleich zwei gelesene Bücher besprochen, nämlich "The Unexpected Genius of Pigs" von Matt Whyman & "Pyg" von Russell Potter. Beide haben mich gut unterhalten und mir so einiges Neues über Schweine näher gebracht!
  • "Hiddensee" von Gregory Maguire: Ein klarer Favorit des Monats. Bis auf kleinere Kritikpunkte mochte ich die Geschichte und die Idee dahinter sehr. Hier lent der Leser den Vater des "Nussknackers" näher kennen, Herrn Drosselmeier höchstpersönlich. Inklusive märchenhafter Anspielungen an die Gebrüder Grimm und eine schon fast traumähnliche Kindheit. 
  • Auch "The Somnambulist" von Essie Fox habe ich gerne gelesen, auch wenn mich hier doch einiges nicht ganz überzeugen konnte. Es ist dennoch eine Geschichte, die ihre Spuren hinterlässt und welche die Familiengeschichte der Protagonistinnen auf geschickte Art miteinander verwebt. 
  • Glücklicherweise musste ich diesen Monat nicht auf Herman Melville verzichten, denn der Mare Verlag hat zum 200. Geburtstag am 01. August zwei neue Ausgaben herausgebracht. Ich war von der Gestaltung hin und weg, umso schöner, dass mich auch der Inhalt überzeugen konnte! "Typee", Melvilles erster Roman, mit dem er den Durchbruch erlang gibt es im Großformat, "John Marr und andere Matrosen" eine Gedichtsammlung kommt im kleineren Format daher.
  • Kurz vor dem Beginn des Monats August habe ich noch "The Corn Maiden and other nightmares" von Joyce Carol Oates & "The Song of Achilles" von Madeline Miller begonnen. Die kurzen Erzählungen von Oates habe ich tatsächlich noch zu Ende gelesen (auch wenn am ersten Tag des neuen Monats), Millers Roman hingegen begleitet mich derzeit noch. Eventuell wird es dazu noch separate Besprechungen geben, je nachdem wie die Zeit es zulassen wird.

Welche Bücher haben euch im Juli begleitet und begeistert oder enttäuscht? Nominiert ihr Blog für den Bubla-Award? Kennt ihr "Lit Cities" bereits?



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Zum 200. Geburtstag: Herman Melville im Mare Verlag

August 01, 2019






Werbung ~ Rezensionsexemplare

Am 01. August 1819 wurde Herman Melville in New York City geboren. Genau zweihundert Jahre ist es nun her. Um den Autor und seine Bücher zu feiern, veröffentlichte der Mare Verlag vor einigen Tagen daher zwei Ausgaben in neuer Gestaltung, "John Marr und andere Matrosen" & "Typee". Und ich war mehr als neugierig, zu erfahren, welche Eindrücke und Erlebnisse Herman Melville wieder in diesen Geschichten verarbeitet hat. Getreu der Frage des Verlags "Vor Moby Dick nichts gewesen?" und der Feststellung: "Weit gefehlt", heißt es auch für mich: Nach Moby Dick ist vor Moby Dick, denn wie wohl so viele Leser, habe ich zuerst mit dem bekanntesten Roman Melvilles begonnen. Nun wollte ich mich also auch an die Erstveröffentlichung des Autors wagen.

"Sie suchten bei Tom nun die Wahrheit zu finden,
  Ihn mit Becher um Becher Burgunder zu schinden.
  Da sprach Tom: 'Meine Herren, das hat keinen Sinn,
  Denn je mehr ich saufe, desto stiller bin ich.'
  Kein Schwätzer war Tom, auch nicht, wenn besoffen -
  Nie hab ich ´nen treueren Seemann getroffen."
("John Marr und andere Matrosen", S. 43f.)

John Marr und andere Matrosen
Angefangen habe ich mit dem kürzeren Buch, oder Büchlein besser gesagt. Es beginnt mit zwei Kapiteln, die aus Prosa bestehen und die anschließend durch Gedichte fortgeführt werden. Alle beziehen sich auf die Seefahrt oder den Abschied davon. So wird zum Beispiel die Gefühlslage eines Seemanns beschrieben, der nach Jahren aufs Land zieht und sich dort nicht wirklich zu Hause fühlt / fühlen kann.
Obwohl man bereits aus Melvilles anderen Büchern zum Beispiel "Moby Dick" oder "Mardi" sein Interesse an Gedichten und eigener Dichtungen erahnen konnte, war ich doch überrascht, in diesem Buch beinahe nur auf diese Art der Texte zu treffen. Auch, wenn man vielleicht nicht das Gefühl hat, dass sie wahnsinnig metaphorisch und verschlüsselt poetisch, wie auch durchaus humorvoll sind (siehe oben), schafft es Melville damit auf eigene Art zu überzeugen. Das Thema und seine Aussagen sind greifbar. Vielleicht ist diese anfangs laienhafte wirkende Dichtkunst auch das, was überzeugt, denn man weiß, worauf Melville hinaus möchte.
Sicherlich kommt man hier mit dem Lesen recht zügig voran, aber meiner Meinung nach bleiben die Gedichte sicherlich noch eine Weile im Hinterkopf. Empfehlen würde ich es Lesern, die sich schon mit Melvilles Werk auseinandergesetzt haben, da man ein gewisses Hintergrundwissen hat und die Texte noch einmal aus einem anderen Blickwinkel sieht. Daher auch wunderbar als Einstimmung geeignet, wenn man "Typee" noch vor sich hat.

"Obwohl die Schiffskameraden John Marrs nicht alle verstorben sein konnten, waren sie dennoch in seinen Gedanken wie die Geister von Toten." ("John Marr und andere Matrosen", S. 28)

Typee
Basierend auf eigenen Erlebnissen und fiktiven Hinzufügungen seitens Melvilles, hat mich "Typee" an eine Mischung aus "Moby Dick" und "Mardi" erinnert. Der Roman ist gradliniger, wie "Moby Dick", enthält aber dennoch viele Überlegungen, die auch noch einmal in "Mardi" aufgegriffen werden. Zudem steht auch hier, nicht der Aspekt der eigentlichen Seefahrt, sondern der Aspekt des Erkundens einer Insel und einer scheinbar "wilden" Menschengruppe im Vordergrund.

"Wie oft wird der Begriff 'Wilde' falsch zugeschrieben! Kein Seefahrer oder Reisender hat bisher jemanden entdeckt, auf den diese Bezeichnung wirklich zutrifft. Sie fanden Heiden und Barbaren, die sie durch entsetzliche Grausamkeiten zu Wilden machten. Man kann behaupten, ohne Widerspruch fürchten zu müssen, dass, wann immer Polynesier Untaten begangen haben, Europäer irgendwann zuvor als Aggressoren aufgetreten sind und dass der Hang einiger Insulaner zu Grausamkeit und Blutdurst hauptsächlich dem Einfluss solcher Beispiele zuzuschreiben ist." ("Typee", S. 61f.)

Wirklich positiv überrascht war ich dann, als ich Melvilles Schilderungen und Sichtweisen gelesen habe, die so auch tatsächlich größtenteils im Original veröffentlicht wurden. Man findet starke Kritik an der scheinbar zivilisierten Welt und deren schlechten Einfluss auf das "einfache" Leben der Menschen, die noch nicht von der Gier nach Besitztümern ergriffen wurden. Es sind durchaus sehr wohl überlegte, kluge und auch fortschrittliche, selbstreflektierte Überlegungen, die Melville hier anführt.
So ernst "Typee" in vielen Aussagen daher ist und auf problematische Entwicklungen der menschlichen Gesellschaft eingeht, so ist die Geschichte aber auch oft unterhaltsam, wenn nicht sogar komisch. Der Leser kriegt hier also auch wieder die typische Prise Melville-Humor präsentiert zum Beispiel durch Kommentare wie: "[...] [N]achdem wir uns so viel Mühe gemacht hatten, [unsere Kleidung] zu trocknen, war dies ärgerlich genug, doch da konnte man nichts machen: und ich empfehle allen abenteuerlustigen jungen Männern, die in der Regenzeit von ihren Schiffen auf romantische Inseln fliehen, Regenschirme mitzubringen." (.S.93)
Was die Handlung selbst betrifft, so hat sie durchaus kleine Spannungen, die dafür sorgen, dass Leser sich mit dem Leben auf der Insel, den Ritualen der Einheimischen (was steckt hinter der Vermutung, dass es sich um Kannibalen handelt?) und deren feindlich oder freundlich gesinnten Absichten auseinandersetzt. Gibt es überhaupt eine gute und eine schlechte Seite? Es gibt viele Ansätze, die darauf ausgelegt sind, manchmal an den Geschehnissen zu zweifeln, Ängste aufleben zu lassen und sie zu verwerfen. Auch das Spiel mit Vorurteilen ist geschickt von Melville eingebaut wurden, sodass man bis zum letzten Kapitel nicht genau weiß, was nun alles vorgefallen ist und ob tatsächlich die Gefahren gelauert haben, welche die Protagonisten vermutet haben.
Ich persönlich finde "Typee" dadurch sehr gelungen. Durch den kritischen, aber unterhaltsamen Erzähler wird die Reise auf die Insel zu einem wahrlichen Erlebnis. Beachten sollte man vielleicht auch hier, dass es einige Kapitel gibt, die ein wenig von der Handlung selbst abschweifen und die Landschaft, die Leute, das Aussehen, das Essen und andere Dinge beschreiben. Aber genau das kennt man bereits aus den anderen Büchern. Melville verbindet eine Romanhandlung mit den (teilweise) persönlichen Eindrücken eines Insellebens und dies auf eine angenehme Art und Weise, denn der Protagonist stellt sich nicht über alles und vor allem nicht über die angeblichen "Wilden". Seine Bemühungen die Sprache zu erlernen, sorgen ebenfalls dafür, dass zum einen auf die vermeintliche Überlegenheit der zivilisierten Welt verwiesen wird, welche unter den gegebenen Umständen einfach nicht vorhanden ist, zum anderen ist es eine clevere Strategie, um die Handlung interessanter zu gestalten. Der Leser weiß nur das, was der Erzähler weiß und da er nicht in der Lage ist, die gänzliche Situation zu verstehen, bleibt immer eine 50 /50 Chance, dass etwas anders ist, als es zu sein scheint.

"Obwohl ich selbst während meines Aufenthalts auf der Insel fast tagtäglich das eine oder andere religiöse Ritual miterlebte, hätte ich ebenso gut eine Gruppe Freimaurer dabei beobachten können, wie sie sich geheime Zeichen geben; ich sah alles, verstand aber nichts." ("Typee", S.285)


Nach den beiden Büchern bin ich nun endgültig im Melvielle-Fieber angekommen...
In diesem Sinne: Happy Birthday Mr. Melville!



Ausgaben: "Johan Marr und andere Matrosen" (Original: "John Marr and Other Sailors" / 1888) von Herman Melville, Mare Verlag (2019), übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann, mit einem Nachwort von Alexander Pechmann

"Typee" (Original: "Typee: A Peep at Polynesian Life" / 1846) von Herman Melville, Mare Verlag (2019), übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann, mit einem Nachwort von Alexander Pechmann





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Die 5 Geheimnisse der Buchhandlung Kiekenap

Juli 25, 2019







Werbung ~ Unbezahlte, persönliche Buchhandlungsempfehlung
 
 Wenn Bücher von ihrem Alltag erzählen

Würden wir nicht alle gerne einmal die Möglichkeit haben, zu erfahren, was nachts in einer Buchhandlung geschieht? Was die Bücher so machen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen? Oder einfach wissen, was sie so denken?
In meiner Heimatstadt Solingen gibt es eine kleine, sehr liebenswerte Buchhandlung namens „Buchhandlung Kiekenap“ , die sich im Stadtteil Ohligs befindet. Glücklicherweise haben sich die Bücher dort zu einer kleinen, privaten Unterhaltung bereiterklärt und haben das eine oder andere Geheimnis der Buchhandlung offenbart. Natürlich mit dem Einverständnis der Inhabern Frau Kiekenap. Hier die Aufzeichnungen:

Übrigens: Auf Instagram findet ihr in den Stories noch einige zusätzliche Infos und Bilder! Schaut dort gerne vorbei.

  • Wenn keine Kunden mehr im Laden sind und die Lichter gedimmt werden, begeben wir uns häufig in den hinteren Teil der Buchhandlung. Dort befindet sich die Kinderbuchabteilung, die nicht nur durch interessante, vielfältige und aktuelle Bücher heraussticht, sondern auch ein schönes Spielzeugsortiment aufweist. Gerne gesellen wir uns dann zu den beliebten und bekannten Figuren, die man aus den Büchern kennt oder zu den, mit Liebe gefertigten, Einzelstücken.
  • Wir sind nicht nur in der Nacht aktiv. Das ist ein Trugschluss. Tagsüber hören wir unseren Buchhändlerinnen zu, die die Kunden mit Fachwissen und eigener Begeisterung anstecken – natürlich greift das auch auf uns über, sodass wir uns die empfohlenen Bücher auch selbst ab und zu ansehen. Ein Liebling ist momentan zum Beispiel Zelda Fitzgeralds Erzählband „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ oder auch Bianca Bellovás „Am See“.
  • Von Zeit zu Zeit bestaunen wir (aus sicherem Abstand) die wechselnde Dekoration der Buchhandlung. Aktuell wird das Schaufenster zum Beispiel von „Blind Date“-Books des Diogenes Verlags geschmückt. Als Buch selbst zu erraten, welches Buch sich darunter verbirgt ist gar nicht so einfach, wie man sich das vielleicht vorstellt. Doch es gibt auch Dekorationen, die mitten im Laden stehen. Da gab es tatsächlich einmal einen selbst angefertigten Elefanten, der mitten in der Buchhandlung stand – zum Glück sind wir kein Porzellanladen.
  • Wir sind vielfältig und mögen Abwechslung. So gibt es uns nicht stapelweise, sondern in einer ausgewogenen Anzahl. Doch keine Sorge, sollten mehrere Kunden sehnlichst ein und dasselbe Buch lesen wollen, bestellen die Buchhändlerinnen sofort nach und am nächsten Tag liegt ein weiteres Exemplar vor Ort (das gilt natürlich auch für andere Wunschbücher). Wir mögen die charismatische Atmosphäre, die dabei entsteht und das Potential zum Stöbern, welches sich entfaltet.
  • Wer übrigens tagsüber nicht so viel Zeit hat, um eine Buchhandlung aufzusuchen und durch die Regale zu schlendern, dem sei die Veranstaltung „All You Can Read!“ empfohlen, die immer mal wieder stattfindet. Dort dürfen sich ab 19:30 bis 22:00, bei kleinen Snacks und Getränken, die Buchinteressierten zusätzlich in der Buchhandlung aufhalten. Wir müssen dann zwar etwas vorsichtiger sein, aber das ist in Ordnung, denn die Gespräche der Kunden, die sich dabei manchmal über uns ergeben, sind sehr angenehm und bringen uns zum schmunzeln.

Solltet ihr in der Nähe wohnen, auf der Durchreise sein (Kiekenap liegt nämlich sehr nah am Hauptbahnhof) oder per Zufall mal nach Solingen kommen, sei euch dieser kleine, aber feine und sehr sympathische, gemütliche Buchladen mit tollen Buchhändlerinnen empfohlen, die euch gerne mit Buchtipps und Büchern eindecken. Vielleicht habt ihr sogar Glück und hört die Bücher hinter euch flüstern!






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The Somnambulist von Essie Fox

Juli 23, 2019



(Original: "The Somnambulist"/ 2011) Orion Publishing, Übersetzer/in: - , ★★★(☆)☆ 3,5 Sterne
1881: Wenn die Siebzehnjährige Phoebe Turner die Wilton´s Musik Hall betritt, um ihrer Tante Cissy bei einem Auftritt zuzusehen, riskiert sie den Zorn ihrer Mutter Maud auf sich zu ziehen, die mit ihrer "Hallelujah Army" dazu aufruft, alle Londoner Theater schließen zu lassen. Während des Besuchs, zieht ein Mann namens Nathaniel Samuels Phoebes Aufmerksamkeit auf sich. Er wird im Leben der drei Frauen für folgenschwere Entwicklungen sorgen.
Phoebe erhält die Möglichkeit Nathaniels Frau als Gesellschaftdame, eine sogenannte "Companion", beiseitezustehen. Sie lässt ihr Leben in London´s East End hinter sich, um in einem Haus zu leben, das möglicherweise heimgesucht wird und die dunkelsten Wahrheiten beherbergt.
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"They say passion is sweet, and it may be for some. But a love unrequited must taste dry as ashes. It must be as bitter as gall." S. 4

Als ich mir den Inhalt zu dieser düster angehauchten Geschichte durchgelesen habe, musste ich sofort an den Roman "The Companions" von Laura Purcell denken. Nicht nur, dass die Protagonistin Phoebe als "Companion" eingestellt und in einem Anwesen unterkommt, das angeblich heimgesucht werden soll, nein, auch ein Gemälde, das den Titel "The Somnambulist" trägt, spielt eine entscheidende Rolle. Was diese Gemeinsamkeiten betrifft, wird man als Leser, dem Laura Purcells Roman zugesagt hat, sicherlich auch hieran Gefallen finden. Der Schreibstil ist träumerisch, auch hier wieder passend zur Thematik, wenn auch in einigen Kapiteln eben geheimnisvoll. Man wird als Leser häufig zu bestimmten Hinweisen geführt, um dann wieder davon weggebracht zu werden.
Die Verknüpfung zu dem am Anfang erwähnten Gemälde, der Vergangenheit der Familiengeschichte und auch das Aufgreifen einer möglichen Zwischenwelt, wie auch der Thematik des Schlafwandelns fand ich sehr geglückt. Alle Kapitel, die sich darauf beziehen und die damit spielen sind schlüssig und erwecken definitiv eine Neugier.

"Why did she talk about curses? I felt uneasy and out of my depth, sensing that under her manners and smiles something darker and calculating might lie." S.149

Grundsätzlich war ich daher von dem Beginn der Geschichte sehr angetan. Das Tempo war gut, die Erzählstimme der Protagonistin hat mich sofort eingenommen und auch die Handlung versprach interessant zu werden. 
Bis zur Hälfte des Romans konnte mich die Idee also durchaus fesseln, doch nach und nach hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte sich nicht zu dem entwickelt, was sie hätte werden können. Ab einem gewissen Zeitpunkt wusste man irgendwie schon, was das Geheimnis sein würde, worauf die mysteriösen Geschehnisse hinweisen sollten. Dies sorgt dafür, dass sich vor allem die mittleren Kapitel sehr zäh lesen lassen. Sie wirken wie eine unnötige Verlängerung des Ganzen. Ich weiß nicht, ob es dadurch besser wurde, dass durch eine erneute Wendung am Ende versucht wurde, dem Ganzen noch einmal einen Schwung zu verleihen. Meiner Meinung nach wirkte es dann eher etwas missglückt. Speziell dadurch, weil die letzte Entwicklung rein thematisch viele Schwierigkeiten mit sich brachte, die überhaupt nicht gut aufgelöst wurden.
Bestimmte Handlungen werden geheim gehalten, genau wie es auf dem Buchrücken mit "Some secrets are better left buried..." schon angedeutet wird. In diesem Fall ist es aber für die Figurenentwicklung eher eine negative Umsetzung, da man sich fragt, wie dieses Geheimnis als eine Lappalie verkauft werden kann.
Dies führte mich auch zu der Überlegung und zu dem Eindruck, dass die grundsätzliche Verknüpfung der Figuren doch an bestimmten Stellen sehr, sehr kurios ist und einige Vorkommnisse falsch "diskutiert" werden. Besonders Phoebe verkörpert für mich da ein schlechtes Vorbild, weil sie den Lesern das Gefühl gibt, als sei tatsächlich die Aufmerksamkeit und Liebe zu einem Mann das einzige, was wichtig sei und sie retten könne (wohlgemerkt unter dem zusätzlichen Stand, dass Männer hier nie wirklich zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie Straftaten begehen oder Ähnliches). Auch wenn es an einigen Stellen aufgeweicht wird, ist dieses Gefühl doch sehr präsent.
Neben der Liebsthematik, die sich auch auf die familiäre Liebe ausweitet, greift die Geschichte noch weitere Themen auf, die aber auch hier leider irgendwie zu kurz kommen, um wirklich an gewünschter Tiefe zu gewinnen.

"That painting was called The Somnambulist, and it showed a young woman with flowing dark hair, wearing no more than a thing cotton grown as she walked at the perilous edge of a cliff. She carried a candle, but no flame had been lit, and I always feared she might slip to her death, dashed on the rocks in a cold grey sea." S.9


So sehr mich die geheimnisvollen, düsteren und in das schon Unheimliche abdriftenden Kapitel ansprechen konnten, fehlte mir letztlich doch eine bessere und vielleicht auch spannendere Auflösung der Geschichte. Einige Beziehungen und Vorkommnisse zwischen den Figuren konnte ich gar nicht nachvollziehen, da es ihnen an einer ordentlichen Konfrontation gefehlt hat. Dennoch kann ich nicht bestreiten, dass der Schreibstil und die Erzählweise durchaus seinen Reiz haben, sodass die Geschichte dadurch sehr besonders wirkt und ihr (für mich) einen Pluspunkt einbringen konnten.



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