The Girl Who Circumnavigated Fairyland in a Ship of Her Own Making (Fairyland #1) von Catherynne M. Valente

Oktober 30, 2017






(Original: "The Girl Who Circumnavigated Fairyland in a Ship of Her Own Making"/ 2011) Feiwel & Friends Publishing, Übersetzer/in: -, 247 Seiten, gebunden, englische Ausgabe,   ★★ 5 Sterne
(Dt. Inhaltsangabe / Rowohlt Taschenbuch) "Die 12-jährige September führt ein schrecklich langweiliges Leben in Nebraska, wo sie den lieben langen Tag nur gelb-rosa Teetassen abspülen und mit ihrem Hündchen spielen kann. Bis eines Tages der Grüne Wind auf seiner Leopardin der leichten Lüfte an ihr Fenster fliegt und sie zu einem großen Abenteuer ins Feenland einlädt. Tatsächlich wird Septembers Hilfe dringend gebraucht, denn im Feenland herrscht eine schreckliche Marquess, die nicht älter ist als September selbst.
Sie verlangt von September, einen ganz besonderen Gegenstand aus dem gefährlichen Gespinstwald zu holen. Sonst will die Marquess das Feenland in einen langweiligen, phantasielosen Ort verwandeln und den Einwohnern das Leben zur Hölle machen – Mit viel Mut und noch mehr Herz stellt sich September ihrer schwierigen Aufgabe."


MEINE MEINUNG | FAZIT
  
"Any child knows what a witch looks like. The warts are important, yes, the hooked nose, the cruel smile. But it´s the hat that cinches it:  pointy and black with a wide rim. Plenty of people have warts and hooked noses and cruel smiles bur are not witches at all. Hats change everything." S.26

Ich liebe märchenhafte Geschichten. Ich liebe Geschichten, die einen zum Träumen anregen, die einen verschiedene alltägliche Dinge mit anderen Augen sehen lassen. Catherynne M. Valentes zauberhaftes Buch vereint tatsächlich all dies. Man wird mit "September" auf eine abenteuerliche Reise geschickt und findet sich zwischen wahnsinnig tollen Charakteren wieder.
Die ganz rührenden Passagen, in denen man die innige Freundschaft, Liebe und Aufopferung wahrnimmt, welche September und ihre neuen Freund umgibt, sind herzerwärmend und machen so einen kühlen Herbsttag wahrlich deutlich angenehmer.
Die Kapitel sind alle recht kurz, werden aber immer mit einer netten Illustration eingeleitet. Auch diese Kleinigkeiten machen das Buch zu einem echten Glanzstück. Im Vordergrund steht natürlich zudem die sehr herbstliche Atmosphäre, da "September" im Fairyland durch diese Jahreszeit "hindurch" muss. Obwohl sie erst zwölf Jahre alt ist und einige Aspekte gezielt auf das Erwachsenwerden ausgelegt sind, findet man die Ansichten und Ideen der Autorin auch noch als Erwachsener schön und durchaus inspirierend. Es werden zum Beispiel Aspekte aufgegriffen, die sich damit beschäftigen, wie wichtig es ist, einen Schatten zu haben, wie das "Herz" eines Menschen heranwächst und dadurch auch das Mitgefühl entsteht oder aber auch die Frage danach, wer überhaupt Zutritt zum "Fairyland" bekommt.

"Stories have a way of changing faces. They are unruly things, undisciplined, given to delinquency and the throwing of erasers. This is why we must close them up into thick, solid books, so they cannot get out and cause trouble.S.36

Mir gefielen die vielen Gestalten, die man vielleicht aus anderen Märchen kennt, welche hier aber einen ganz neuen Auftritt ihrer selbst zelebrieren. So sind Drachen nicht einfach Drachen, sondern "Wyverarians". Dieser ganz spezielle in dieser Geschichte trägt den Namen A-Trough-L und kennt sich aufgrund dessen auch nur mit den Begriffen A bis L wirklich gut aus. Es gibt unzählige Figuren, die einen verzaubern, mitreißen, die aber dem Leser auch das Gefühl von Gefahr vermitteln.
Es ist also nicht sonderlich erstaunlich, dass es auch einen bösen Gegenspieler zu "September" gibt, aber dennoch hält sie Geschichte einige Überraschungen bereit und setzt so gekonnt den Übergang zu den Fortsetzungen bereit.

"She felt a little better. Breaking things heals a great many hurts. This is why children do it so often." S.203


Eine fantastische Erzählung, die durch die kreativen Ideen und wunderbar lebhafte, wie auch liebenswerte Charaktere überzeugt. Die Handlung verspricht durchaus einige Spannungsbögen und wird zum Ende hin auch gekonnt auf eine Fortsetzung zugespitzt. Nicht nur die Sprachwahl ist sehr angenehm und träumerisch, sondern auch die allgemeine herbstliche Atmosphäre.


Nicht nur ein Liebesroman von Emma Mills

Oktober 26, 2017





(Original: "This Adventure Ends"/ 2016) Carlsen Verlag (Königskinder Imprint), Übersetzer/in: Katharina Diestelmeier (aus dem Englischen), 416 Seiten, gebunden★★() 4 bis 5 Sterne
"Die siebzehnjährige Sloane hätte nie gedacht, dass sie nach ihrem Umzug von New York nach Florida so schnell Freunde finden würde – vor allem nicht in der glamourösen Vera und ihrem Zwillingsbruder, dem ernsthaften und stillen Gabe. Durch sie beginnt Sloane, sich ganz allmählich zu öffnen. Und lernt bei ihrer Suche nach einem verschollenen Bild schließlich sogar, wie viel Liebe im Leben und in ihr steckt ..."


MEINE MEINUNG | FAZIT
  
"Das erzähle ich zum größten Teil meinem Vater, der mit geschlossenen Augen zuhört. Als ich fertig bin, sieht er mich an.
  'Klingt nach einem produktiven Tag.'
'Ja?'
  'Du hast drei Freunde gefunden. Nur in Sitcoms finden Leute sonst drei Freunde an einem Tag."
S.34

Bei diesem Buch fällt es mir aus irgendeinem Grund wirklich schwer einen passenden Anfang zu finden. Vielleicht, weil es tatsächlich einfach passt. Das Buch funktioniert einfach gut, sodass man den Anfangspunkt der Kritik nicht richtig ausmachen kann.
Während des Lesens ertappt man sich ständig dabei, dass man denkt, man wisse was als nächstes kommt. Natürlich, denn gewisse Klischees müssen ja eigentlich an der ein oder anderen Stelle erfüllt werden. Dennoch täuscht man sich dadurch gewaltig. Das hat mich zunächst etwas verunsichert, denn daraufhin stellte ich mir Fragen wie: "Aber müsste es nicht eigentlich...?" , "Sollte es nicht doch eher an der Stelle mehr ausgebaut werden...?". Dies passierte zum Beispiel, als dem Leser die Protagonistin Sloane vorgestellt wird und sie einen Aushilfsjob in einem Laden bekommt, zusammen mit einer Figur, von der man so ungefähr abschätzen kann, ob der Kontakt wichtig sein wird. Intuitiv geht man dann davon aus, dass diese Arbeitsstelle zum Dreh- und Angelpunkt werden müsste. Nun ja, das wird sie aber nicht. Ehrlich gesagt wird sie im weiteren Verlauf kaum erwähnt. Das führt allerdings dazu, dass man sich als Leser wirklich deutlich gezielter mit den ganzen Floskeln und Standardhandlungen in Jugendromanen oder auch Romanen an sich auseinandersetzt.
Und tatsächlich spielt das Buch wunderbar mit diesen verschwimmenden Grenzen zwischen 'Es kommt alles anders als erwartet, auch wenn man im ersten Moment etwas enttäuscht scheint' und 'Na irgendwie musste es ja so kommen'.
Ebenso gelungen sind wie vielen Bezüge zu Büchern, Serien und der 'Liebe' die jeder zu irgendetwas hegt, was ihn begeistert. Zudem gibt es einige wirklich rührende Passagen, die ich ebenfalls mit großer Freude gelesen habe zum Beispiel die ganze Thematik rund um die Kunstwerke zweier Protagonisten, die mich besonders zum Ende hin einfach gepackt hat und dafür sorgt, dass diese muntere, freche Art des Buches, etwas durch eine Ernsthaftigkeit ergänzt wurde.

"Eine Weile lang ist es still. ich denke, Vera schläft vielleicht schon, aber da sehe ich aus dem Augenwinkeln, wie sie nach dem Handy auf dem Nachttisch greift. Vielleicht noch eine Nachricht an Tash. Noch eine Antwort an irgendjemanden da draußen im Universum, der sie braucht.S.148

Der Stil, den diese Handlungs- und Denkweise prägt ist dabei ebenso amüsant. Denn hauptsächlich entstehen diese Vergleiche zu Romanen und deren vermeintlich offensichtliche Ausgänge durch die Verbindung zwischen Sloane und ihrem Vater, der wie sollte es anders sein (Liebes-)Romane schreibt. Diese Idee und der Ansatz wirken vielleicht recht banal, sie werden aber im Text, meiner Meinung nach, wirklich sehr schön und unterhaltsam umgesetzt. 
Ich mochte die verschiedenen Unterhaltungen zwischen den beiden, aber auch zwischen vielen anderen Figuren. Sie sind lebhaft, frech, eigensinnig, aber versprühen einfach immer ein Gefühl des 'Guten'. Das sind so Jugendbücher, die einem Mut geben, einem zeigen, dass es völlig in Ordnung ist, wenn man anders ist als andere, aber dass es auch völlig normal und ebenfalls in Ordnung ist, wenn Dinge einfach mal so passieren, wie man es vermutet. 
Auch als Rezensent nutzt man häufiger Standardfloskeln, aber diese hier passt wirklich einfach zu gut, denn die Charaktere wachsen einem wirklich ans Herz. Es sind Jugendliche, die Dinge verarbeiten müssen oder einfach vor sich hinleben. Aber jeder reflektiert sein Verhalten und das der anderen so, dass man diesen Moment merkt, an dem sie wachsen.
Wunderbar passend also, dass sich auch das im englischen Originaltitel erwähnte 'Abenteuer' an die Figuren anschmiegt und das Ganze noch ein wenig Road-Trip-mäßig macht.
Zudem fand ich es so erfrischend, dass der Jugendroman einfach auch Dinge offengelassen hat, wie es im normalen Leben auch ist. Nicht alle Handlungsstränge müssen bis ins kleinste Detail zu Tode aufgelöst werden, sodass am Ende alles nach Happy End schreit ohne eine gewisse Authentizität verloren zu haben.

"'Nicht weinen', sage ich.
Sie sieht mich blinzelnd an. 'Warum nicht?'
Darüber hatte ich bisher noch gar nicht nachgedacht. Aber eigentlich ist es wirklich ein ziemlich blöder Spruch, oder? Warum sollte man nicht weinen? Was ist so schlimm daran abgesehen davon, dass dein gegenüber sich unbehaglich fühlt?'" S.387


Ein wunderbares Jugendbuch, das modern und frech ist und auf eine ganz kluge Art und Weise mit den Stereotypen eines (Liebes-)Romans spielt. Die Figuren sind unterhaltsam und reflektieren ihr Verhalten so, dass man nicht das Gefühl hat, sie seinen bloß Schablonen von Jugendlichen. Insgesamt gibt es viele schöne Einfälle, die gefühlvoll, aber auch sehr lustig und unterhaltsam sind. Eine wirklich gelungene Mischung und ein Jugendbuch, das am Ende einfach ein angenehmes Gefühl hinterlässt, das weder zu kitschig, ernst oder zu oberflächlich ist. Und 'Freumdschaft' wird hier definitiv groß geschrieben.


























Vielen Dank an den Carlsen Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

Jenseits von Afrika von Tania Blixen

Oktober 24, 2017










(Original: "Den afrikanske Farm"/ 1937) Manesse Verlag, Übersetzer/in: Gisela Perlet (aus dem Dänischen), 688 Seiten, gebunden★★ 3 Sterne
Diese Ausgabe ist Teil der neuen Manesse Bibliothek
"Kaum ein Klassiker des 20. Jahrhunderts strahlt eine ähnliche Faszination aus wie Jenseits von Afrika. Mit ihrer melancholischen Liebeserklärung an Natur und Ureinwohner Kenias schuf Tania Blixen ein bewegendes Stück Weltliteratur.
Die Eingeborenen Ostafrikas, majestätische Berge und unendliche Savannen zogen Tania Blixen augenblicklich in ihren Bann, als sie 1914 nach Nairobi reiste, um dort eine Kaffeeplantage zu betreiben. In farbigen Bildern beschreibt sie die märchenhaft-mystische Atmosphäre der Natur, erzählt von der Jagd, den Bräuchen der Einheimischen und von so mancher bewegenden Begegnung: mit Kamante, einem kranken Kikuyujungen, den sie zum Koch ausbildet, mit Häuptling Kinanjui, mit Berkeley Cole, der ihr Freund, und Denys Finch Hatton, der ihr Geliebter wird. 1937 erschienen, fanden Blixens berührende Erinnerungen weltweit Millionen begeisterte Leserinnen und Leser. "


MEINE MEINUNG | FAZIT
  
"Squatter sind Eingeborene, die mit ihren Familien auf dem Grundstück eines weißen Mannes einige wenige Acres für sich bewirtschaften dürfen und als Entgelt eine bestimmte Anzahl von Tagen im Jahr für ihn arbeiten müssen. Vielleicht sahen meine Squatter diese Beziehung in einem anderen Licht, denn viele von ihnen, und vor ihnen ihre Väter, waren auf der Farm geboren, und es ist möglich, dass ich in ihren Augen nur ein sehr mächtiger Squatter auf ihrem eigenen Grundstück war.." S.17f.

Die Verfilmung zum Klassiker 'Jenseits von Afrika' ist vielen deutlich bekannter als das Buch und kam scheinbar auch recht gut beim Publikum an. Ich muss gestehen, dass ich die Verfilmung und bislang auch die literarische Vorlage nicht kannte. 
Dabei ist es wirklich rein thematisch ein sehr interessantes Buch. Tania (auch unter Karen bekannt) Blixen versammelt hier ihre persönlichen Eindrücke aus ihrer Zeit in Afrika, in der sie eine eigene Kaffeeplantage geführt hat. Natürlich liest man diese 'Erfahrungsberichte' ganz anders, wenn man weiß, dass die Geschehnisse so oder so ähnlich tatsächlich stattgefunden haben, aber mich konnte das Buch letztlich leider nicht ganz von sich überzeugen.
Mein hauptsächliches Problem mit dem Geschriebenen lag größtenteils darin, dass ich die Erzählerin, welche hier als Baronin Blixen angeführt wird, an vielen Stellen wirklich sogar schon unsympathisch fand. Vieles erzählt sie, meiner persönlichen Meinung nach, eben nicht sonderlich gefühlvoll und schwärmerisch in Erinnerungen versunken, sondern abgehakt. Es wirkt einfach oftmals so, als wären ihre Erlebnisse ein Aneinanderreihen von Passagen, die ihre eigene Stärke und vielleicht auch Überlegenheit ausdrücken sollen, obwohl sie zugibt, dass sie an vielen Stellen 'einknicken' musste. Irgendwie fehlte mir da einfach auch eine gelungene Struktur, weil alle Erinnerungen beinahe willkürlich und nicht immer chronologisch reingeworfen wurden.
Was ich jedoch gelungen finde, sind die Beschreibungen der Orte, der Momente, die einen Zusammenhalt der Menschen zeigen und auch dieses Gefühl, dass man sich auch in den Erinnerungen der Erzählerin dort in Afrika aufhält und den warmen Wind spürt, der durch die Landschaft weht.

"Die Luft spielt in der afrikanischen Landschaft eine größere Rolle als in der europäischen. Sie ist von großen Erscheinungen und Spiegelungen erfüllt und in gewisser Weise der Raum, in dem sich alles ereignet.S.516

Ihre Schilderungen in Bezug auf Tiere haben mir den autobiographischen Roman dann tatsächlich etwas 'vermiest'. Natürlich sind die Raubtiere für die Bewohner Afrikas eine Bedrohung und dem Text nach entnimmt man auch häufig, dass es keine andere Möglichkeit gab, die Tiere zu erschießen, wenn sie andere Tiere der Farm gerissen oder die Menschen bedroht haben. Auch die Zeit habe ich immer berücksichtigt. 
An einem gewissen Punkt jedoch konnte ich die Erzählerin beim besten Willen aber einfach nicht mehr verstehen. Sie schreibt fast heroisch darüber, dass sie alle möglichen Tiere jagt und wie schön sich doch ihr Fell oder ihre Haut als Accessoire umarbeiten lassen könnten. Irgendwann erwähnt sie, dass man keine Chamäleons schießen sollte, da sie doch so hübsch seien, bei fast allen anderen Tieren jedoch unterstützt sie feierlich die wilde Jagd nach ihnen. Für mich persönlich ist das einfach eine Einstellung, die mir auch in so einem Erfahrungsbericht missfällt. 
Ich bin mir durchaus bewusst, dass Blixen hier aufzeigt, wie die 'Weißen' in einem ihnen unbekannten Land die Macht demonstrieren wollen und ja, es gibt auch Passagen, in denen sie dies ausdrücklich kritisiert. Dennoch reiht sie sich sehr oft selbst in diese negativen Handlungen mit ein, was mir die Erzählerin mit der Zeit einfach etwas unerträglich gemacht hat und für mich dadurch auch die Erzählungen an sich etwas darunter gelitten haben.
Auch die verschiedenen Beziehungen zu den 'Schwarzen' und ihren wohlhabenden weißen Mitmenschen hinkten für mich in ihrer Darstellung etwas hinterher. Es gibt durchaus einige sehr schöne Kapitel, die die Besonderheiten der Einwohner hervorheben und sie auch wertschätzen oder auch kritisch hinterfragen, aber ich hatte stets das Gefühl, dass alles recht oberflächlich scheint, auch wenn die Erzählerin und ihre Umgebung eine langjährige Beziehung vereint.
Zudem sei noch erwähnt, dass die Übersetzung negativ konnotierte Begriffe für schwarze Menschen beibehalten hat, weil es ein 'typisches Merkmal kolonialen Sprechens' gewesen ist. Ob man dem zustimmt, muss jeder selbst abwägen. Ich kann verstehen, dass man dies quasi als authentischen 'Originalton' wiedergeben möchte, allerdings muss ich zugeben, dass ich mich selbst beim Lesen irgendwie unwohl gefühlt habe. Daher bin ich dafür, dass man dieses Beibehalten langsam ablegt und auch in den neuen Überarbeitungen auf eine geeigente Sprachwahl achtet, die Menschen nicht diskriminiert.

"Ich musste nun auch eine Entscheidung über das Schicksal meiner Pferde und Hunde treffen. Zuerst hatte ich vor, sie zu erschießen, dann aber schrieben mir viele meiner Freunde und baten mich, die Tiere ihnen zu überlassen." S.598


Afrikanische Erinnerungen einer Erzählerin, die durch eine Bildkraft überzeugen, aber an anderen Stellen etwas schwächeln. Das unausgeglichene Verhältnis zwischen den 'Weißen' und den 'Schwarzen' wird durchaus deutlich und wird auch kritisch aufgegriffen und teilweise reflektiert, dennoch wirkten einige Kapitel etwas zu belanglos und wenig gefühlvoll. Ich persönlich konnte auch nicht wirklich mit der Erzählerin sympathisieren, weil sie gewisse Eigenschaften und Ansichten aufweist, die ich gar nicht unterstützen konnte. Dies ist vor allem auf die Darstellung des Tötens der Tiere vor Ort bezogen.



Vielen Dank an den Manesse Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Neue Bücher mit schwimmenden Träumen und fliegenden Drachen

Oktober 19, 2017




























Das Jahr neigt sich langsam dem Ende zu, gefüllt wird das Regal aber weiterhin mit neuen Büchern.
Ohne große Vorrede möchte ich euch daher noch einige Neuzugänge vorstellen, die vielleicht sehr unterschiedlich sind, aber dennoch irgendwie zusammenpassen:

  •  "Schwimmen" von Sina Pousset Das Buch erreichte mich vor einigen Tagen und war eine kleine Überraschung vom Verlag. Das Neue Imprint des Ullstein Verlags, namens 'Ullstein fünf' habe ich zwar wahrgenommen, aber ich habe mich nicht so stark damit auseinandergesettzt. Umso schöner, dass mich das Buch wirklich neugierig gemacht hat. 
  •  "Die flüsternden Seelen" von Henning Mankell Das Buch habe ich letztens als Mängelexemplar spontan mitgenommen. Die Cover der Bücher haben mich schon immer angesprochen, allerdings wusste ich nie so genau, ob mich der Inhalt wirklich packen würde. Nun werde ich es also mal mit dieser Lektüre versuchen. Wer weiß, vielleicht gesellen sich die anderen Ausgaben dann auch noch irgendwann dazu.
  •  "Wovon sie träumten" von Fiona Davis Der Roman hat mich sofort angesprochen, weil er die frühen 50er Jahre in New York einfangen soll und weil er sich um Geheimnisse dreht, die es zu lüften gilt. Ich bin sehr gespannt, wie diese Idee umgesetzt wurde.
  •  "Ein Mord zu Weihnachten" von Francis Duncan Weihnachtslektüren im Oktober? Scheint etwas verfrüht, das stimmt. Auch ich werde wohl noch ein wenig warten, bis ich mich diesem Buch widme, aber es klingt wunderbar. Mir gefällt vor allem, dass es quasi eine 'Neuauflage' ist, da ich viele moderne Weihnachtsgeschichten einfach zu kitschig finde.
  •  "Franklin´s Flying Bookshop" von Jen Campbell Ja, auch ein Kinderbuch hat seinen Weg zu mir gefunden. Aber bei dieser süßen Geschichte und den schönen Illustrationen konnte ich einfach nicht wiederstehen. Gelesen habe ich es natürlich direkt, aber ich bin mir sicher, dass ich das Buch immer mal wieder hervorholen werde.
  •  "Jenseits von Afrika" von Tania Blixen Und noch ein Klassiker lässt sich nun in meinem Bücherregal finden. Weil ich die neue Manesse Bibliothek einfach so mag, freue ich mich, dass ich den Klassiker nun in so einer schönen Edition lesen kann. Auch von Vorteil: Den Film habe ich noch nicht gesehen, daher kann ich mich da ganz unbefangen ran wagen.
  •  "The Hundred and One Dalmatians" von Dodie Smith Natürlich kenne ich die Geschichte an sich durch die Disney Verfilmung, aber diese 'Gift Edition' hat mich einfach in ihren Bann gezogen. Nicht nur gibt es hier zahlreiche Illustrationen, das Buch sieht unter dem Schutzumschlag sogar aus wie eni Dalmatiner. Hach....
  • "Sleep no more" von P.D. James Meine Weihnachtsleseliste wächst langsam auch stetig an. dazu passend habe ich mir auch noch dieses Büchlein mit einigen Erzählungen gekauft. Enthalten sind hier 'six murderous tales', die sich an die kalte Jahreszeit anlehnen.  

Könnt ihr mir 'moderne' und schöne Weihnachtsbücher empfehlen, die man sich nicht entgehen lassen sollte?




The Halloween Tree von Ray Bradbury

Oktober 18, 2017


(Original: "The Halloween Tree"/ 1972) Yearling Publishing (Randomhouse Imprint), Übersetzer/in: -, 145 Seiten mit Illustrationen von Joseph Mugnaini, Taschenbuch★★(★)  3 bis 4 Sterne
(dt. Inhaltsangabe / Diogenes:) "In seinem Halloween-Klassiker entführt Ray Bradbury den Leser auf eine Reise, die wieder den Ursprung jenes Tages bewußt macht. Acht Jungen machen sich auf: über den Planeten und durch die Jahrhunderte – von den Grabkammern des alten Ägyptens über den Hexenkult im Mittelalter zum Kostümfest in der Gegenwart. "


MEINE MEINUNG | FAZIT
  
"Lucky! he thought. What a name you got! Tom Skelton. Great for Halloween! Everyone calls you Skeleton! so what do you wear?
     
Bones." S.4

Ihr sucht ein kurzes Buch, das sich perfekt an einem Tag, genauer gesagt an Halloween, durchlesen lässt? Ein Buch, das nicht zu gruselig ist und das Thema trotzdem gut einfängt? Dann seid ihr mit Ray Bradburys kurzer Erzählung "The Halloween Tree" sehr gut aufgehoben.
Obwohl die Illustrationen und die Protagonisten das Ganze etwas 'Jugendbuch'-mäßig wirken lassen, werden doch viele Passagen dadurch erst tiefsinnig, wenn man als Erwachsener die Bedeutung dahinter verstehen kann. Es geht um die Riten, um Religionen, um das Gedenken an die Toten und auch um die falschen Einstellungen der Menschen, zu denen sie sich manchmal hinreißen lassen.
Die insgesamt neun jungen Protagonisten werden auf eine Reise geschickt, die all diese Themen vereint, in dem sie sozusagen die Stationen der Vergangenheit abklappern. Sie lernen die Ägypter kennen, oder aber auch die mexikanischen Bräuche. Die Hintergründe werden zwar nicht in allen Details erläutert, aber die Botschaft dahinter kommt trotzdem an. 
Für mich war es an vielen Stellen vielleicht etwas zu hektisch, etwas zu überladen was die Beschreibung der Ortswechsel anging, daher konnte ich mich nicht immer mit dem Schreibstil anfreunden, aber mir gefiel vor allem die sich am Ende gut zusammengefügte Verbindung zu 'Halloween' und den Gründen, wieso es gefeiert wird.

"'But', whispered Tom, 'oh, look. What´s up in that tree!' For the Tree was hung with a variety of pumpkins of every shape and size and a number of tints and hues of smoky yellow or bright orange."  S.23

Wirklich gruselig wird es für Erwachsene vielleicht nicht gerade, aber die scheinbar 'gruseligen' Elemente fand ich ganz schön umgesetzt. Das Hauptmerkmal hierbei lag für mich vor allem auf der Darstellung der Figur 'Pip' und der Sorge seiner Freunde, was mit ihm geschehen ist. Die Angst vor dem vielleicht nicht wiederkehrenden Freund und seiner Unerreichbarkeit der acht anderen Jungs war durchaus prägend und auch ausdrucksstark. Es wirkte nicht zu extrem, also nicht zu philosophisch, dass das Buch einen mehr als erdrückt, aber es war auch nicht zu kindlich, sodass man sich mit den Ängsten auch in einem fortgeschrittenen Alter identifizieren kann.
'Halloween' selbst spielt dabei natürlich auch eine zentrale Rolle und versucht auch begreiflich zu machen, was die Kostüme für einen Sinn haben sollen. Ich mochte den sich schließenden Kreis, den der 'Halloween Tree' dabei einnimmt, allerdings fehlte mir an der ein oder anderen Stelle vielleicht noch etwas mehr Spannung, damit man wirklich unbedingt weiterblättern wollen würde.

"'But, stop and think. What does the word 'witch' truly mean?'
     'Why -' said Tom, and was stymied.
'Wits', said Moundshroud. 'Intelligence. That´s all it means. Knowledge. So any man, or woman, with half brain and with inclinations toward learning had his wits about him, eh? And so, anyone too smart, who didn´t watch out, was called - '
'A witch!' said everyone." S.86


Perfekt, um es sich damit an Halloween gemütlich zu machen. Die kurze Erzählung ist nicht zu ernst, aber auch nicht zu kindlich. Hält für den Leser schöne Bezüge zu Halloween und anderen verwandten Bräuchen der Vergangenheit und anderen Teilen der Welt bereit und versprüht so eine angenehm herbstliche und vielleicht auch ganz leicht düstere Note. Den Schreibstil fand ich zwischendurch etwas zu hektisch, dennoch bin ich mir aber sicher, dass ich die Erzählung in den nächsten Jahren immer mal wieder lesen werde, weil sie letztlich passend und unterhaltsam ist.


Die Frankfurter Buchmesse 2017

Oktober 17, 2017







Die Frankfurter Buchmesse 2017 verflog für mich eigentlich in Rekordgeschwindigkeit. Dies könnte daran liegen, dass ich dieses Jahr tatsächlich aufgrund meiner Uni nur einen Tag Zeit hatte, mich dort umzuschauen und einen geplanten Termin wahrzunehmen.

Umso schöner waren dafür aber die ganzen kleinen Eindrücke, die ich dieses Jahr mitnehmen konnte. Gegen 1 Uhr traf ich am Freitag auf dem Messegelände ein und stürmte gleich los zum 'Blogger Future Place', wo sich bereits die restlichen Anhänger des #notaloneatfbm eintrafen. Eine tolle Möglichkeit übrigens für alle, die alleine anreisen und dennoch gerne neue Leute (Blogger) kennenlernen möchten und ungern auf komplett eigene Faust durch die Stände schlendern möchten. Großen Dank hier an die ganze Organisation von der lieben Nadine (Blog: Wortkunstsalat).
Die Veranstaltung beschäftigte sich natürlich mit den Themen, die vielleicht gezielt Blogger ansprechen. In der ersten Stunde wurden hierzu einige Booktuber befragt, die sich dazu äußerten, wo vielleicht die Schwerpunkte liegen und wie man das Medium wahrnimmt oder wahrnehmen kann.
An sich war es ganz unterhaltsam, wirklich Neues erfährt man bei sowas vielleicht aber nicht, wenn man sich schon etwas länger mit der ganzen 'Szene' befasst oder dort selbst viel unterwegs ist. Auch wenn ich nicht ständig 'Booktube'-Videos schaue, scheint mir die Vielfalt der Möglichkeiten, wie man sich über Literatur austauschen kann wirklich großartig. Solange jeder dabei noch Spaß hat und alles was er postet gerne vertritt, ist es eine Plattform, die eine schöne Alternative zu Blogs sein kann.

Nach einer Stunde ging es dann leider schon weiter. Denn um 14 Uhr traf sich eine Bloggerrunde beim KiWi Verlag ein, der zu einem Gespräch mit der Übersetzerin der Gabriel Garcia Marquez Bücher einlud. So durften wir Dagmar Ploetz mit einigen Fragen löchern. Ehrlich gesagt bin ich bei solchen Veranstaltungen gerne stiller Zuhörer, weil mir meist nur Fragen einfallen, die mir beinahe zu banal erscheinen und ich es mag, wenn der 'Erzähler' seine eigenen Gedanken immer weiterspinnt und sich dadurch Themen ergeben, die man durch die Standardfragen sonst eher unterbricht.
Dennoch fand ich es ganz schön, dass natürlich dieser Austausch gegeben war und man die Möglichkeit bekommen hat eigene Überlegungen und Fragen stellen zu können. Ich persönlich fand die Übersetzerin wirklich sympathisch. Man merkte ihr den intensiven Umgang mit Marquez´ Büchern und seinem Leben an und konnte sich so auch für die thematisieren Werke begeistern. Umso schöner vom KiWi Verlag, dass er uns die Neuübersetzung von "Hundert Jahre Einsamkeit" mitgegeben hat.
Ich fand es zudem spannend zu hören, wie Dagmar Ploetz ihre Branche und die 'Würdigung' dieser wahrnimmt. Andere Übersetzer kritisieren oder wundern sich häufig über die wenige Beachtung, die man den Übersetzern schenkt, hier hingegen lag die Kritik darauf, dass Rezensenten viel zu oft den Schreibstil anpreisen und ihn als den des Autors angeben, obwohl es der übersetzte Text ist. Ich glaube es wird tatsächlich viel zu häufig unterschlagen, dass man es können muss, gut zu übersetzen und dies eine gewisse Leistung mit sich bringt. Übersetzer haben manchmal einen ebenso längeren 'Schaffensprozess' vor sich, um den Text des Autors angemessen 'umzuwandeln'. Für Hundert Jahre Einsamkeit benötigte Ploetz laut eigener Aussage zum Beispiel über ein Jahr.

Gefreut habe ich mich bei dem Treffen natürlich auch darüber, einige Blogger zu sehen und kennenzulernen, auch wenn es unter dem Zeitdruck etwas kurz ausfiel. Flotte Grüße an dieser Stelle an 'Buchsichten', 'Literaturreich' und 'Herzpotenzial', auch wenn ich Mareike und Maike leider nur aus der Ferne zuwinken konnte.
Anschließend ging es wieder zurück zur großen Halle, hinüber zum Lesezelt, bei dem sich wieder die Gruppe des #notaloneatfbm traf. Leider blieb mir hier nicht mehr allzu viel Zeit, dennoch sind wir noch ein wenig durch die Stände geschlendert.
Ein wirkliches Highlight kann ich gar nicht wirklich ausmachen, da mir aufgrund der schnell voranschreitenden Zeit jede kurze Begegnung gefallen hat. Allerdings fand ich natürlich einige Stände äußerst ansprechend. Zum Beispiel die 'Margaret Atwood' Präsentationsfläche beim Piper Verlag, den Miffy Hasen bei Diogenes, den Tower des 'Kein & Aber' Verlags, aber auch den Doppeldeckerbus mit 'Paddington' und den bezaubernden Stand der 'Büchergilde' (und noch ganz viele andere tolle Verlagsstände).

Leider habe ich dann über Twitter herausgelesen, dass sich zum Wochenende hin die Lage zugespitzt hat und vieles geduldet wurde, was für mich überhaupt nicht akzeptabel ist. Die Teilnahme der Rechten an der Buchmesse wird natürlich einen überaus bitteren Nachgeschmack haben und ich persönlich finde auch, dass solchen hetzerischen Gruppen keine Plattform geboten werden sollte! Mein Wunsch für das nächste Jahr wäre hier demnach ein deutliches Signal aus Sicht der Frankfurter Buchmesse, auch wenn der Einbezug der Gruppe mit der 'Meinungsfreiheit' legitimiert werden sollte. Hetze und Hass sind für mich einfach keine 'Meinungsfreiheit' und das sollte den Veranstaltern auch bewusst werden.
Update: Ein Beitrag darüber ging noch auf dem Blog 'Bücherkrähe' online.

Auf Rezensionsexemplar habe ich gezielt verzichtet (bis auf 'Hundert Jahre Einsamkeit'), weil es einfach keinen Sinn gemacht hätte, die Bücher mitzunehmen und dann vielleicht gar nicht zu lesen, weil die Zeit fehlt. Daher gibt es diesmal leider keine Bilder mit Leseproben, Prospekten und Bücherstapeln, aber dafür ganz kleine Einblicke von einigen Ständen.



Frankenstein von Mary Shelley

Oktober 15, 2017






(Original: "Frankenstein: or, The Modern Prometheus"/ 1818) Manesse Verlag, Übersetzer/in: Alexander Pechmann (aus dem Englischen), 464 Seiten, gebunden★★ 4  Sterne
Diese Ausgabe ist Teil der neuen Manesse Bibliothek
"Nach Jahren des Experimentierens ist es dem ehrgeizigen Forscher Victor Frankenstein gelungen, aus toter Materie einen künstlichen Menschen zu erschaffen. Doch das Ergebnis seiner alchemistischen Versuche erschüttert ihn bis ins Mark. Entsetzt überlässt er das Wesen seinem Schicksal. Dessen verzweifelte Suche nach Nähe und Akzeptanz endet in Chaos und Verwüstung. Als das Wesen nach und nach Rache an Frankensteins Familie nimmt, beschließt dieser, seine Kreatur zu jagen und zu töten… Das Erstlingswerk einer 19-Jährigen entstand als Gruselgeschichte zum Vorlesen im Freundeskreis. Der jungen Mary Shelley gelang einer der berühmtesten Romane der Weltliteratur, der seit nunmehr 200 Jahren und auch heute noch gültige Fragen zur Verantwortung des Menschen über seine Schöpfung stellt. Zum Jubiläumsjahr veröffentlichen wir eine Übersetzung der Urfassung von 1818."


MEINE MEINUNG | FAZIT
  
"Ganz anders verhielt es sich, wenn die Meister der Wissenschaft nach Unsterblichkeit und macht strebten. Solche Visionen waren grandios, wenn auch sinnlos; doch nun war alles anders." S.63

Der Name 'Frankenstein' ist beinahe jedem ein Begriff. Meist wurde er durch die vielfachen Verfilmungen geprägt und sorgte so für ein gewisses äußerliches Erscheinungsbild, welches man gerne mit dem Namen verbindet.
Den Grundstein dieser 'monströsen' Erscheinung legte allerdings die Schriftstellerin Mary Shelley im Jahre 1818. Auffällig ist sofort, dass die Kreatur, die sein Erfinder 'Frankenstein' erschafft, keinen Namen zugeteilt bekommt und immer den Wunsch nach Zugehörigkeit und nach Identifikation thematisiert.
Der Roman gehört zu den Grundsteinen der Anfänge der 'Gothic Novels' und zeichnet sich daher auch durch eine gewisse Sprachwahl und auch Motivwahl aus. Für uns scheinen die aufgeführten 'Horrorelemente' noch recht harmlos, da wir heutzutage ganz anderes gewöhnt sind, dennoch spielt Mary Shelley mit schrecklichen Vorstellungen der Leser der damaligen Zeit, welche sich auf ein 'Monster' beziehen, das man sich kaum vorzustellen vermag. Und tatsächlich findet man auch keine ausführlichen Beschreibungen der Anatomie des Monsters. Grundsätzliche Äußerlichkeiten werden zwar erwähnt, letztlich liegt der Fokus aber immer stark auf den Empfindungen, den Fortschritten, den Ängsten und den wechselnden Gemütslagen, die Frankensteins Kreatur empfindet. So greift der Roman nicht nur wunderbar frühe Elemente des Grusels auf, sondern spielt auch mit den Eigenschaften des 'Menschlichen' und in wie weit man diese künstlich erzeugen kann. 
Zudem spielt die Erzählung auch sehr stark mit dem Eindruck des Lesers gegenüber den Figuren. Wem traut man? Wer ist einem sympathisch? Verurteilt man das Monster von Anbeginn und bis zum Schluss? Und vor allem, lassen sich die Handlungen von Frankenstein und seinem Monster rechtfertigen?
Auch wenn man die Geschichte vielleicht basierend auf seinen Grundzügen zu kennen scheint, bietet der Text einem durchaus viele Ansatzpunkte, um viele Fragen in Bezug auf das Streben nach dem 'Unsterblichen' und 'Vollkommenen' zu stellen.

"Ach! Kein Sterblicher könnte das Grauen dieses Anblicks ertragen. Eine erneut zum Leben erwachte Mumie hätte nicht so entsetzlich sein können wie dieser Teufel.S.84

Der Schreibstil selbst ist natürlich auch in der neuen Übersetzung an die ähnliche Wortwahl des Originals angelehnt. Das sorgt aber dafür, dass vielleicht gewisse naive Züge der Figuren oder sich scheinbar wiederholende Aspekte oder beschriebene Gemütszustände nicht langweilig oder banal erscheinen.
Zwischen den Schilderungen Frankensteins, die er Walton mitteilt, findet man auch etwas längere Passagen, welche die Orte und Schauplätze etwas ausführlicher beschreiben. Auch hier kann man als Leser zuerst das Gefühl verspüren, dass man dies gerne überfliegen würde, man stellt aber auch fest, dass diese Beschreibungen ein System verfolgen und sich zum Schluss gut ergänzen. 
Wem diese Kriterien nicht so wichtig erscheinen beziehungsweise, wenn man sich gerne erst nach dem Lesen damit beschäftigen möchte, dem werden sicherlich auch die Anmerkungen, das Nachwort und die persönliche Anmerkung Mary Shelleys am Ende etwas weiterhelfen. Nicht nur der Roman liest sich spannend und mit interessanten und meiner Meinung nach sehr modernen Ansätzen, sondern auch die zusätzlichen Informationen.

"Nichts schmerzt die menschliche Seele so sehr wie eine große und plötzliche Veränderung." S.348


Einer der frühen Gothic Novel-Klassiker schlechthin in neuem Gewand. Überzeugt durch seine gut umgesetzte Thematisierung mit der Frage des 'menschlich seins' und dem Streben nach wissenschaftlichen Erfolgen, die Macht versprechen. Die gruseligen Elemente sind für unser heutiges Empfinden vielleicht etwas zurückhaltend, aber dennoch haben auch diese anfänglichen Elemente ihren ganz eigenen Reiz.



Vielen Dank an den Manesse Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!



Eine Leseliste für den Oktober und Halloween

Oktober 10, 2017











Der Oktober hat schon begonnen und passend dazu wechselte auch das Wetter in einen herbstlichen Zustand.
Bei mir schleicht sich dann immer eine Stimmung ein, die nach einer einigermaßen passenden Lektüre ruft. Daher habe ich einige Bücher angesammelt, die mir durch die kühlere und windigere Zeit verhelfen und mir die, immer früher dunkler werdenden, Tage schöner machen sollen.
Die Liste ist ziemlich optimistisch gehalten, der der Oktober nicht mehr allzu lange dauern wird und ich mir für den Winter bereits eine neue Liste erstellt habe. Aber wir werden mal sehen, was am Ende dabei heraus kommt.

  • "Frankenstein" von Mary Shelley: Das Buch habe ich mir als erstes ausgewählt. Ich hatte es damals zu Anfang meines Studiums bereits im englischen Original gelesen, aber irgendwie habe ich wieder das Bedürfnis verspürt, die Geschichte noch einmal zu lesen. Und nun ist genau die perfekte Zeit dafür. Zudem bin ich ganz begeistert von der neuen Optik der Manesse Bibliothek.
  • "Faery Tales" von Carol Ann Duffy: Als nächstes würde ich gerne einige Märchen lesen, da sie nicht direkt Halloween-spezifisch sind und man sich in verträumtere Landschaften versetzten kann. Hier sind bereits bekannte Märchen, wie auch von Carol Ann Duffy neu interpretierte Märchen vertreten. Klingt wunderbar, daher bin ich schon sehr gespannt auf die Erzählungen.
  • "The Halloween Tree" von Ray Bradbury: Ray Bradbury kann man ja eigentlich immer lesen. Es ist einfach ein Klassiker. Hier seht ihr eine wirklich kurze Erzählung, passend zu Halloween, die für Jugendliche und Erwachsene geeignet zu sein scheint. Es geht wohl um eine Gruppe von "Jungs", die einen Freund retten müssen, der von etwas Unbekanntem verschleppt wurde. Mal sehen, ob man damit gut in Halloween-Stimmung kommt.
  • "Hallowe´en Party" von Agatha Christie: Ich muss gestehen, ich habe bisher keinen einzigen Agatha Christie Roman gelesen und dieser Teil ist bei weitem nicht eines der ersten Bücher der Reihe. Aber dennoch schien es mir ganz unterhaltsam und vielleicht starte ich danach auch mit dem bekannten "Murder on the Orient Express".
  • "Harry Potter und die Kammer des Schreckens" (Harry Potter #2) & "Harry Potter und der Gefangene von Askaban" (Harry Potter #3): Da am 04. Oktober der dritte Teil der illustrierten Ausgabe erschien, bin ich nun wieder komplett in "Harry-Stimmung" verfallen. Die Bücher und Filme sind einfach perfekt für die herbstliche und winterliche Jahreszeit und werden mich sicherlich wunderbar unterhalten.
Evtl. weitere Bücher: Da ich nie weiß, ob ich schnell oder langsam voran komme habe ich mir zwei 'Back-ups' bereitgehalten.
  • "My Cousin Rachel" von Daphne du Maurier: Wurde letztens erst verfilmt und scheint in die "gruseligere" Richtung zu gehen. Das Buch habe ich mir bereits vor einigen Monaten zugelegt und bisher immer noch nicht gelesen. Jetzt wäre also eigentlich die perfekte Zeit dazu.
  • "The Girl Who Circumnavigated Fairyland in a Ship of Her Own Making" von Catherynne M. Valente: Ein Buch das ich unbedingt Anfang Oktober lesen wollte. Leider ist es bisher immer noch nicht angekommen, da schien wohl die Lieferzeit deutlich länger zu sein, als angegeben. Es klingt jedenfalls sehr abenteuerlich und versprüht allein vom Cover her eine wunderbare herbstliche Stimmung,

Stehen bei euch besondere Bücher auf der Leseliste?





Lesen, um das Warten auf Bücher zu überbrücken

Oktober 06, 2017



"The waiting time, my brothers,
Is the hardest time of all."         - Sarah Doudney

Es gibt eigentlich immer Zeiten, in denen neue Bücher unterwegs zu einem sind. Vorbestellte Bücher, kürzlich bestellte Bücher, eventuell auch ein Rezensionsexemplar, auf welches man sich sehnsüchtig freut.
Und obwohl man daheim noch genügend Bücher herumliegen hat, die man zur Hand nehmen könnte, ja, die sogar manchmal schon mehrere Jahre darauf warten gelesen zu werden, kann man es kaum erwarten, bis der Postbote klingelt. Schlimmer wird es sogar noch, wenn man nachverfolgen kann, wo sich das Buch befindet, beziehungsweise, dass es sich nicht in der Nähe befindet und man abschätzt, an welchem Tag es nun zu einem stößt.

Und dennoch ist der klügste Zeitvertreib tatsächlich das Lesen. Da ich noch auf einige Herbstbücher warte, habe ich spontan zu einem Buch gegriffen, dass ich letztens als Mängelexemplar ergattern konnte. Normalerweise landen diese Bücher bei mir erst einmal auf einem 'Notfall-Stapel', den ich lese, falls ich plötzlich vor einem nicht mehr existenten 'zu-lesen-Stapel' sitze. Jeder weiß wohl ganz genau, dass diese Situation sicherlich nie vorkommen wird.
Daher werde ich nun die nächsten Tage damit verbringen, alle oder zumindest viele Bücher zu lesen, die ich viel zu lange aufgeschoben habe und die mir das schlechte Gewissen erleichtern, dass ich wieder auf neue Bücher warte. 

Und doch stelle ich überraschend fest, dass mich der Ehrgeiz gepackt hat, sich den vielen Geschichten zuzuwenden, die hier schon so lange herumliegen. Wer weiß, vielleicht ist der Gedanke an ein komplett gelesenes Bücherregal ja doch nicht so unwahrscheinlich...




























Lieber Daddy-Long-Legs von Jean Webster

Oktober 03, 2017












(Original: "Daddy-Long-Legs"/ 1912) Carlsen Verlag, Übersetzer/in: Ingo Herzke (aus dem Englischen), 256 Seiten mit Illustrationen von Franz Renger, gebunden★★(☆) 4 bis 5 Sterne
"Fast 18 Jahre hat Judy Abbott im Waisenhaus gelebt. Wegen ihrer literarischen Begabung wird sie nun von einem geheimnisvollen Wohltäter aufs College geschickt. Der Mann möchte namenlos bleiben, Judy soll ihm aber jeden Monat einen Brief über ihre Fortschritte schreiben. Voller Begeisterung stürzt sich Judy in dieses unbekannte Leben. Mehr als einmal im Monat schreibt sie „Mr Smith“, denn sie hat ja sonst niemanden auf der Welt, mit dem sie ihre Erlebnisse teilen kann. Briefe voller Witz, über Hüte und Literatur, über neue Freundschaften und immer öfter auch über den sympathischen Jervis Pendleton."


MEINE MEINUNG | FAZIT
  
"PS: Würde es Ihnen schrecklich missfallen, Daddy wenn aus mir doch keine große Autorin wird, sondern bloß ein schlichtes Mädchen?" S.105

Es ist schon eine Weile her, seit ich konkret und gezielt zu einem Jugendbuch gegriffen habe. Aber das neue Programm der 'Königskinder', dem Imprint des Carlsen Verlags, hat es mir einfach angetan.
Zudem fand ich es durchaus verlockend, dass "Lieber Daddy-Long-Legs" bereits 1912 von Jean Webster veröffentlicht wurde. Tatsächlich merkt man der Geschichte den 'alten Stil' auch an, was ich wunderbar passend fand. Der Stil verschmilzt nämlich mit der Art der Erzählung, da der Leser nur durch die Briefe der jungen Protagonistin Jerusha (Judy) Abbott erfährt, welche Entwicklungen die Figuren durchleben und welche Geheimnisse gelüftet werden. Diese Briefe passen sich dadurch an ein anderes Jahrhundert an, weil auch die Zeit der Zustellung der schriftlichen Korrespondenz durchaus eine Rolle spielt und man so wirklich das Gefühl bekommt, als sei man mit Judy in ihrer Zeit und man nicht 'eben schnell' eine E-Mail schreibt, sondern durchaus Tage auf eine Antwort warten muss (sei es auch nur vom Assistenten von 'Daddy-Long-Legs').
Judy selbst ist ein wunderbar vielseitiger und lebhafter Charakter. Ich bin mir sicher, dass ich sie, wenn ich das Buch als Jugendliche gelesen hätte, sicherlich noch mehr gemocht hätte. Denn sie verkörpert alles, was man so in seiner Jugend durchlebt. Die tiefsten Wünsche und Träume die man hegt, die Reiselust die einen packt, das ambitionierte Streben nach einem schulischen und beruflichen Erfolg und aber auch die Dinge, die einen manchmal runterziehen, die Misserfolge, das Wideraufstehen nach dem Hinfallen. Sie ist so sprunghaft, so wechselbar und dennoch irgendwie standhaft in ihren Ansichten, dass sie nicht nur ein bloßes Schema eines 'Teenagers' darstellt, sondern die tatsächlichen Verhaltensweisen widerspiegelt. 
Man ist nämlich launisch und weiß nicht immer, was man will. Manchmal scheint man auch nervig oder zu verbissen, manchmal wächst einem alles über den Kopf, manchmal missfallen einem die Verhaltensweisen der anderen Menschen, manchmal wird man ihnen gegenüber auch grob. Aber letztendlich besinnt man sich wieder auf das, was einem wirklich wichtig scheint. Und genau das habe ich in diesem Buch auch wiedergefunden. Diese jugendliche Euphorie und zeitweise jugendliche Frage, nach dem eigenen Platz in der Welt haben das Buch für mich wirklich zu einem sehr schönen Leseerlebnis gemacht.

"Ich finde, jeder Mensch, wie viele Kümmernisse er auch erleiden muss, sollte dennoch auf eine glückliche Kindheit zurückblicken können. und falls ich jemals Kinder habe, werde ich - selbst wenn ich zutiefst unglücklich bin -  nicht zulassen, dass sie irgendwelche Sorgen haben, bis sie groß geworden sind.S.132

Das Buch verfolgt natürlich nicht nur die Absicht die charakterliche Entwicklung der Protagonistin aufzuzeigen, auch wenn dies einer der markanten Punkte ist, sondern treibt auch eine Handlung voran. 
Man verbringt die Zeit mit Judy in abenteuerlichen Semesterferien, zum Beispiel im aufregenden New York, man lernt das Schulsystem der damaligen Zeit etwas besser kennen und man folgt ihr auf der Suche nach 'Daddy-Long-Legs'. Zugegeben, ab einem gewissen Zeitpunkt lüftet sich das Geheimnis fast wie von selbst, was aber keineswegs einen negatives Kriterium darstellt. Die Offenbarung des mysteriösen Mannes schien für mich eigentlich gut umgesetzt worden zu sein, mich hat zum Schluss allerdings etwas 'gestört', dass das Ende so kurz und vielleicht zu 'Jugendbuch-mäßig' unüberraschend endete. Tatsächlich rief ich mir aber wieder ins Gedächtnis, dass der Text schon vor längerer Zeit veröffentlicht wurde und man das Ende damals wohl nicht so kritisiert hätte, wie heute, weil man sich mittlerweile immer etwas 'Anderes' und Spannenderes wünscht.
Und schließlich muss ich auch zugeben, dass das Ende keinen Einfluss auf die sonst so schöne Botschaft der Geschichte hat.

"Wie manche Menschen immer die Augen zum Himmel verdrehen und >>Vielleicht ist alles zum Besten so << sagen, obwohl sie todsicher sind, dass das nicht stimmt, macht mich wütend. Ob man es nun Demut oder Ergebenheit oder sonst wie nennt, es ist schlicht ohnmächtige Trägheit." S. 220


Ein junges Mädchen, das sich durch ihr bisheriges Leben im Waisenhaus, einsam und nicht zugehörig fühlte und Schritt für Schritt lernt, dass man sich selbst vertrauen muss, um das zu erreichen, wovon man träumt. Ein wirklich wunderbarer Ratschlag für junge Heranwachsende und darum auch eines der Gründe, wieso dieses Jugendbuch zu empfehlen ist. Auch wenn die Protagonistin manchmal etwas zu 'schwankend' oder zu 'emotional wechselhaft' wirkt, ist dies letztlich der Grund, wieso diese Geschichte so wunderbar funktioniert. Weil man in dieser Zeit seines Lebens wirklich so reagiert und seine Gefühle kaum zurückhalten kann. Die Atmosphäre des frühen 20. Jahrhunderts sorgt zudem dafür, dass die 'Abenteuer' der Protagonistin noch wilder erscheinen und man sich gerne mit ihr in ihrem Wohnheim an der Universität befinden würde.
























Vielen Dank an den Carlsen Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!