August: Geburtstage und Bücher vertragen sich gut

August 31, 2017






Der August ist immer wieder ein sehr spannender Monat. Vor Jahren habe ich mich immer auf den 23. August gefreut, besonders wenn es darum ging, die Volljährigkeit zu erreichen. Inzwischen wünscht man sich zwar, dass das Alter einfach ab fünfundzwanzig nicht mehr gezählt wird, aber der Tag an sich, ist immer wieder eine kleine Liebeserklärung an das Leben.
Ich mag es, diesen Tag mit den Menschen zu verbringen, die man liebt. Dabei spielt für mich das "große Feiern" aber mittlerweile eine kleinere Rolle. Kaffee und Kuchen reichen völlig aus. Und genauso sah es dann bei mir auch aus. Glücklicherweise durfte ich mich auch über "einige" Bücher freuen. Zum einen bekam ich "The selected works of Virginia Woolf" geschenkt, zum anderen einen Gutschein, da meine Schwester und ihr Schwager nicht genau wussten, was sie mir schenken sollten. Daher werde ich mir diesen Gutschein vielleicht sogar noch etwas aufsparen und mich dann mit passender Weihnachtslektüre versorgen. Ein passendes Lesezeichen gab es von den beiden aber schon einmal.
Zusätzlich durfte ich mir als "Vorgeburtstagsgeschenk", etwas bei "The Folio Society" bestellen. Dadurch sind vier Bücher bei mir eingezogen, die ich in diesem Beitrag festgehalten habe.
Ansonsten gab es noch Buchzubehör in Form der "Heiligtümer des Tods"-Kette, worüber ich mich natürlich unfassbar gefreut habe und ein Parfum, dass ich glaube ich schon seit gefühlt zehn Jahren haben wollte, mich aber nie dazu durchringen konnte, es zu kaufen.

Die letzten Tage des Monats war ich dann noch einmal mit meiner Mama unterwegs. Sie hat mich spontan auf einen Zwei-Tages-Trip eingeladen, der mir im Nachhinein wirklich bitter nötig erschien. Außerhalb des Landes stelle ich mein Handy grundsätzlich immer aus und dieses Gefühl der völligen "Ruhe" war unbezahlbar. Da ich überlege, einen gesonderten Beitrag über die Reise zu schreiben, werde ich mich hier ein wenig zurückhalten und versorge euch nun mit den Informationen zu meinen gelesenen Büchern im August:

Wie immer gelangt ihr durch Anklicken des Buchtitels, falls vorhanden, auf die jeweilige Rezensionsseite.

"Die Spieluhr" von Ulrich Tukur Meine erste Lektüre griff ich tatsächlich spontan auf. Es war Tag der Buchliebhaber und ich wollte meine damals aktuelle Lektüre "Boston" unterbrechen und ein kürzeres Buch komplett durchlesen. Das ist mir mit Ulrich Tukurs Roman auch geglückt. Das lag sicherlich daran, dass die Geschichte selbst, nicht sonderlich "dick" ist und relativ schnell in Fahrt kommt. 
Ich mochte die Idee des Romans, musste mir aber an der einen oder anderen Stelle den Satz noch einmal durchlesen, da sich mit der Zeit die "Welten" zu vertauschen schienen. Dennoch ein recht unterhaltsames Buch, das man gerne zur Hand greifen sollte, wenn man keine Lust auf einen Epos hat.

"Love Poems" (hrsg.) von Max Morris Kurz, aber nicht kurzweilig kam dieses kleine Büchlein daher. Es besteht aus Liebesgedichten verschiedener Autoren und Zeiten. Natürlich brauchen einige Gedichte eine etwas genauere "Analyse", denn Shakespeare verstehe ich nicht immer aus dem Stehgreif, dennoch gibt es auch moderne Gedichte, welche das Herz erwärmen, die man einfach nur liest und dadurch ein träumerisches Gefühl bekommt.

"Die Kapitel meines Herzens" von Catherine Lowell Überrascht war ich tatsächlich von diesem Roman, der auf den ersten Blick recht "normal" wirkt. Bei dem Titel war ich mir anfangs auch etwas unschlüssig, ob ich ihn gut finde, denn er klingt nach typischem Frauenroman. Im Original hingegen erweckt der Titel sofort die Assoziation zu Jane Eyre.
Und diese gefüllte Ladung an Informationen zu den Bronte-Schwestern und ihrer Familie bekommt man dann auch tatsächlich. Es geht um ein angeblich verschollenes, wertvolles Erbe der Schwestern und ihre einzige Nachfahrin soll es nun finden. Dabei wird dem Leser wirklich in diese Welt der Schriftstellerinnen geführt, die ich von Anfang an mochte. Die Geschichte war für mich wahrlich mehr als nur eine Liebesgeschichte, denn dieser Aspekt hielt sich meiner Meinung nach wirklich in Grenzen. Dennoch ist die gesamte Verteilung zwischen interessanten Fakten rund um die Brontes und die Darstellung des Lebens der Protagonistin wirklich gut geglückt.

"Boston" von Upton Sinclair Mein wohl umfangreichstes Buch, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Dafür war es aber unfassbar lesenswert. Ausführliche Gedanken dazu findet ihr natürlich schon in der Rezension, daher würde ich hier gerne einfach nur noch einmal aufgreifen, dass ich die Thematik sehr wichtig finde und auch die Problematik, welche sich in Teilen der Gesellschaft abspielt.
Es ist geradezu wahnwitzig zu lesen, dass sich vieles aus dem Buch gar nicht verändert hat, obwohl das Schicksal der beiden Männer dazu führen sollte, dass dies eben doch geschieht. Wer also gerne wieder nach einer etwas längeren Lektüre sehnt, dem sei "Boston" herzlich empfohlen.

"Swing Time" von Zadie Smith Mein fünftes Buch diesen Monat, hat man glaube ich auf sämtlichen Social-Media-Kanälen gesehen. Mich hat der Roman sofort neugierig gemacht, da mich die Tanzthematik und die dadurch entzweite Freundschaft irgendwie interessiert hat. 
Vieles fand ich auch recht gut umgesetzt, denn auch hier spielen Machtverhältnisse eine Rolle und das wird im Roman sofort deutlich. Auch der rote Faden hinsichtlich des Tanzes war für mich nachvollziehbar und gut aufgegriffen, wenn ich ganz zu Beginn mit einer noch viel prägnanteren "Tiefe" dahingehend gerechnet hatte. Es haben sich zwar zudem auch einige unnötige Längen eingefunden, aber der Gesamteindruck war für mich durchaus positiv. Das Buch wirkt hinsichtlich des Inhalts nicht zu "schwer", lässt einen aber auch nicht komplett ohne kritische Gedanken zurück.





Swing Time von Zadie Smith

August 28, 2017











(Original: "Swing Time"/ 2016) Kiepenheuer & Witsch Verlag, Übersetzer/in: Tanja Handels (aus dem Englischen), 640 Seiten, gebunden★★(★) 3 bis 4 Sterne
"Beim Tanzunterricht lernen sich zwei kleine Mädchen kennen und werden Freundinnen. Beide träumen davon, Tänzerinnen zu werden. Doch nur die eine hat Talent. Die andere hat Ideen: über Rhythmus und Zeit, über schwarze Haut und schwarze Musik, über Stammeszugehörigkeit, Milieu, Bildung und Chancengleichheit.
Als sich die beiden Mädchen zum ersten Mal begegnen, fühlen sie sich sofort zueinander hingezogen. Die gleiche Leidenschaft fürs Tanzen und für Musicals verbindet sie, doch auch derselbe Londoner Vorort und die Hautfarbe. Ihre Wege trennen sich, als Tracey tatsächlich Tänzerin wird und erste Rollen in Musicals bekommt. Ihre Freundin wiederum jettet als Assistentin der berühmten Sängerin Aimee um die Welt. Als Aimee in Afrika eine Schule gründen will, reist sie ihr voraus und lässt sich durch das Land, in dem ihre Wurzeln liegen, verzaubern und aus dem Rhythmus bringen."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Doch für mich war ein Tänzer ein Mensch, der nirgendwo herkam, der keine Eltern und Geschwister hatte, keine Nation und kein Volk, keinerlei Verpflichtungen, genau diese Eigenschaft war es, die mir so gefiel.“  S.38
 
Der Eindruck, welcher sich bei mir zum Ende hin von dem Roman und seinen Figuren verfestigt hat, lässt sich vielleicht tatsächlich am besten mit einer Textstelle ausdrücken: "Wir können also festhalten, dass Aimee in ihrer eigenen Blase lebt", unterbrach er mich schließlich, "und deine Freundin ebenfalls und du übrigens auch." (S.619).
Obwohl man als Leser sofort mit der Protagonistin, Ich-Erzählerin und ihrer aktuellen Situation vertraut gemacht wird, entsteht zunehmend das Gefühl, dass jede Figur in diesem Buch einfach nur in seine eigenen Welt lebt und keiner den anderen versucht zu verstehen. Das liegt sicherlich daran, dass hier tatsächlich auch verschiedene, teils wirklich stark unterschiedliche, Welten und soziale Schichten aufeinandertreffen, jedoch scheinen einem die wirklichen Absichten und Intentionen der Figuren teilweise sehr verborgen. Diese Absichten stehen bei jeder Figur, völlig für sich und scheinbar losgelöst von den anderen Wünschen der Figuren. Dennoch ist die größte Verbindung wohl das Suchen nach dem eigenen Glück.
In den Handlungssträngen werden viele Themen angesprochen, die sehr kritische Ansichten über die Gesellschaft aufgreifen und welche den Leser auch in die richtige Richtung lenken, um über die Diskrepanzen, die in der Hierarchie der Gesellschaftsordnung herrschen, nachzudenken. 
Allerdings trat bei mir an vielen Stellen auch das Gefühl auf, dass sich die Autorin in einigen Handlungssträngen zu sehr verloren hat. Natürlich wirkt es für den Leser zunächst interessanter, wenn viele Ereignisse stattfinden und sich nicht alles um ausschließlich zwei junge Protagonistinnen handelt, die versuchen ihr Leben zu meistern. Jedoch hätte ich mir an der einen oder anderen Stelle gewünscht, dass sich die Autorin vielleicht kürzer, aber präziser fasst. Die Beziehung zwischen der Erzählerin und ihrem Vater blieb meiner Meinung nach irgendwann einfach abrupt stehen, sodass ich mich zum Schluss gefragt habe, ob ich etwas komplett überlesen hatte. Ebenso werden immer mal wieder gewisse Handlungen außer Acht gelassen und wieder aufgegriffen, die dadurch das Gefühl erwecken, dass man sie hätte entweder ganz weglassen oder gezielter aufgreifen sollen.

"Oft fragte ich mich: Ist das eine Art Ausgleich? Müssen andere verlieren, damit wir gewinnen können?“  S.74

Doch auch trotz einiger kleinerer Mängel meinerseits, fand ich den Roman im Großen und Ganzen durchaus gelungen.
Mich reizten, die gesamte Thematik und die Darstellung der Lebensläufe der beiden Freundinnen, wie auch der recht realistischen Darstellung der berühmten, 'helfenden' Künstlerin Aimee. Tatsächlich zeigt der Roman nämlich dadurch wunderbar auf, dass Menschen in jeglicher 'Schicht' selbstsüchtig und selbstfixiert sein können. Anfänglich scheint man mit allen zu sympathisieren, außer mit Tracey. Dieser Eindruck legt sich nicht grundsätzlich, aber die Sympathieverhältnisse haben sich bei mir dennoch deutlich verschoben und genau das hat den Roman auch interessant gestaltet.
Nach jedem neuen Desaster, nach jeder katastrophalen Wendung entscheidet man sich aufs Neue, wie man die Figuren einschätzt oder überhaupt einschätzen kann. Selbst die Ich-Erzählerin hat bei mir stetig an Zweifeln und Kritik gewonnen. Sie wirkte für mich teilweise nur wie ein lebloses 'Kabel', welches alle Informationen ihrer Mitmenschen annimmt und selbst aber nichts daraus macht. Sie scheint sich einfach treiben zu lassen, ohne wirklich gegen etwas aktiv zu werden. Es ist aber auch unmöglich sie dadurch wirklich unsympathisch zu finden, weil sie gleichzeitig den Eindruck erweckt, als sei sie eben nur ein Gegenstand, dessen sich ihre Familie und Freund annehmen und verwerfen, wie es ihnen passt. 
So ist der Roman nicht nur darauf ausgelegt, die scheinbar immer stärker thematisierte Kluft zwischen den 'Weißen' und den 'Schwarzen' und der unterschiedlichen 'Welt' in der sie leben ins Gespräch zu bringen, sondern aufzuzeigen, dass diese Kluft in allen menschlichen Kontakten verborgen liegt, unabhängig davon wie man aufgewachsen ist, welchen Lebenslauf man hat oder wie man aussieht. Und obwohl der Eindruck zurückbleibt, dass sich Menschen nur auf sich selbst fokussieren und der 'Zusammenhalt' zweitrangig erscheint, gibt es in dem Roman ständig diese Hoffnungsschimmer, dass es doch eine Welt und Gesellschaft geben kann und auch gibt, die versucht sich den positiven Dingen im Leben zuzuwenden und sei es auch nur, die Liebe und Freude zur Musik und dem Tanz an seine Kinder weiterzugeben und sie mit dem Gefühl von Geborgenheit aufwachsen zu lassen.

"Sie drehte sich um. Sie sah nach Donnerwetter aus, wie wir früher immer sagten, doch als sich unsere Blicke trafen, mussten wir beide lächeln, ohne es zu wollen, ein einvernehmliches Grinsen." S.554


Kritisch, wenn auch an der einen oder anderen Stelle vielleicht nicht präzise genug. Manchmal verlieren sich die Handlungsstränge oder hinterlassen einen nicht zu Ende erzählten Eindruck. Dennoch werden Themen aufgegriffen, welche die gesellschaftlichen Probleme wunderbar aufzeigen und auch veranschaulichen, dass Geld weiterhin als einflussreichstes Instrument gesehen wird.
Die Darstellung der Lebensläufe der beiden Freundinnen ist durchaus gelungen und wird zum Ende hin deutlich ausdrucksstärker und emotionaler. Die Thematik des Tanzes und der Musik wird dabei immer mal wieder gut in die Geschichte mit einbezogen, sodass diese nicht nur in der 'gehobenen' Welt, sondern auch in den 'ärmeren Ländern' vorkommt und so einen roten Faden bildet, der den oberflächlichen Eindruck der Menschen etwas abmildert und freundlicher beziehungsweise lebensfroher gestaltet.



























Vielen Dank an den Kiepenheuer & Witsch Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!



Boston von Upton Sinclair

August 22, 2017






(Original: "Boston, a Contemporary Historical Novel"/ 1928) Manesse Verlag, Übersetzer/in: Viola Siegemund (aus dem Amerikanischen), 1.040 Seiten, gebunden★★★(☆) 4 bis 5 Sterne
"Vom Tellerwäscher zum Märtyrer – die Namen Sacco und Vanzetti stehen für den Wirklichkeit gewordenen amerikanischen Alptraum. Ihr Schicksal erschütterte Millionen Menschen weltweit in ihrem Glauben an Recht und Ordnung. Upton Sinclair, engagierter Romancier und Gesellschaftskritiker, inszenierte die realen Geschehnisse der Zwanzigerjahre als fesselndes literarisches Epochendrama.
Glamour, Jazz und endlose Partys: Das waren die Roaring Twenties. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit – Upton Sinclair zeigt uns die ganze. Denn während die Happy Few feierten, wurden die Massen mittels brutaler Klassenjustiz niedergehalten. Am Beispiel der einflussreichen Ostküsten-Sippe Thornwell zeigt «Boston», wie das System staatlich sanktionierter Korruption funktionierte. Als Kulminationspunkt dient der Schauprozess gegen die zwei bekanntesten Justizopfer der amerikanischen Geschichte, Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, die 1927 wegen Mordes hingerichtet wurden. In diesem ergreifenden Buch geht es um die moralische Glaubwürdigkeit offizieller Repräsentanten und Institutionen, um Menschenliebe und Bürgerpflicht, um Gerechtigkeit und den Mut zur Wahrheit."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Jetzt, da Cornelia Thornwell dieses System in Aktion erlebte, schüttelte sie entgeistert den Kopf. Weshalb waren die Reichen, denen sie sich nach wie vor zugehörig fühlte, nur so blind? Wie konnte man den Arbeitern nur jedwede Achtung vor Recht und Gesetz rauben, ohne einen Gedanken an die Konsequenzen zu verschwenden? Was sollte das Gerede von Amerikanisierung, wenn man den einfachen Leuten in Krisenzeiten sämtliche Bürger-, ja sogar Menschenrechte absprach?“  S.99
"Boston" ist eine Mischung aus Fakt und Fiktion und dennoch hinterließ das Buch bei mir nichts als das Gefühl der kompletten und wahrhaftigen Darstellung der (auch heutigen) Gesellschaft. Der Kampf der "kleinen Leute" steht genauso im Vordergrund, wie die korrupten Machenschaften der Reichen und die damit einhergehende Käuflichkeit von "Wahrheiten" untereinander.
Der Roman besteht aus einem Handlungsstrang, beinhaltet aber zwei Sichtweisen, die ausgehend von der Protagonistin Cornelia Thornwell, aufgegriffen werden. Sie gehört zwar zur Oberschicht, fühlt sich aber im weiteren Verlauf des Romans immer stärker zu den "Arbeitern" hingezogen, da sie durch Ehrlichkeit und Fleiß herausstechen. 
Es ist nicht so einfach, den fast tausendseitigen Roman in einer relativ kurzen Rezension wiederzugeben, denn Upton Sinclair vereint hier wirklich sehr viele Aspekte, die eine tragende Rolle für die Figurenkonstellation und auch das Mitgefühl für viele Parteien spielen. Sicherlich ist daher auch davon auszugehen, dass viele Figuren auftreten und man sich erst nach und nach an das gesamte Konstrukt gewöhnt beziehungsweise, dass man sich damit gut auskennt. Die, wie man auch durch das Nachwort erfährt, anfängliche fiktive Einleitung, in welcher Cornelia Thornwell und ihre Familie, wie auch ihre gesellschaftlichen Normen und Pflichten vorgestellt werden, scheint sich anfangs etwas zu ziehen. Erst ab etwa Seite zweihundertundfüfnzig wird auf den folgenden Prozess und die mutmaßlich von Vanzetti und Sacco begangene Straftat angesprochen. 
Auch im Nachhinein geht Upton Sinclair wirklich sehr genau und detailliert auf viele im Prozess gefallene Fakten ein, sprich die Zeugenaussagen, die Ungereimtheiten und auch die wiederholt eingelegten Berufungen, wie auch die verlangte Wiederaufnahme des Falls. Einiges wird also zwangsläufig irgendwann doppelt erwähnt oder etwas weiter ausgebreitet. Allerdings muss ich dazu sagen, dass diese Art der Wiederholung keineswegs zu Langweile geführt hat oder überflüssig ist. Dadurch wird dem Leser erst deutlich, wie makaber dieses Spiel des Gerichts ist und wie sinnfrei dieser Prozess teilweise vonstattenging. Obwohl der Roman also eine beträchtliche Seitenzahl aufweist, kam es an keiner Stelle zu dem Gefühl, etwas überspringen zu wollen.
Zudem greift der Roman Schlüsselstellen sehr gut auf, die sich in der Zukunft abspielen und die nicht noch einmal explizit am Ende des Buches zum Beispiel durch ein Extrakapitel hervorgehoben wurden. Nachweisliche Irrtümer seitens der Staatsanwaltschaft oder des Gerichts fließen also als vorausschauende Kommentare mit ein, was das Ganze deutlich attraktiver macht.

"' Wir sitzen alle hinter Gittern, Mrs. Thornwell. Nach zwanzig Jahren als Anwalt weiß ich, wovon ich spreche - wir sind Gefangene des Systems. Um mein Handgelenk liegt eine schwere Kette, und am anderen Ende hängen so viele Lügen wie in allen sieben Höllen Dantes zusammen.“  S.372

Ebenso fand ich es wirklich erstaunlich, wie "echt" sich die entstandene Beziehung zwischen Cornelia Thornwell, Vanzetti und Sacco angefühlt hat. Über Vanzetti und Sacco wurde natürlich während des Verfahrens und auch Jahre danach viel Bericht erstattet, sodass man sich ein etwas genaueres Bild der Männer hätte machen können. Umso erstaunlicher aber, dass Upton Sinclair mit der "gehobenen Lady" einen Charakter geschaffen hat, der sich wunderbar mit den beiden anderen Figuren vereinbaren lässt. So traurig und wütend den Leser diese Hetzjagd gegen die Angeklagten macht, so warmherzig und mitfühlend empfindet man eben viele Stellen, in denen sich diese Kluft zwischen den "Reichen" und "Armen" schließt und man merkt, dass es nicht immer in einem Krieg hätte enden müssen. Vielleicht hätte es damals wirklich eine Cornelia gebraucht, um das Ende neu schreiben zu können.
Der Roman hat mich daher wirklich, vor allem auch zum Ende hin sehr mitgenommen. Erstaunlicherweise hat mich aber eben auch zu diesem Zeitpunkt eine gewisse Wut gepackt, denn die Träume, die die Figuren Vanzetti und Sacco hinsichtlich dieser sinnlosen Hinrichtung hegten, nämlich, dass dieser "Kampf der Klassen" irgendwann ein Ende haben könnte, scheint heutzutage immer noch in weiter Ferne. Als hätte man seit damals immer noch nichts gelernt. Die "kleinen" Leute schuften immer noch, um den schon reichen Leuten noch mehr in die Taschen zu stecken. Vielleicht ist es auch der Grund, warum ich das Buch jedem empfehle, auch wenn er sich aufgrund der Länge nicht als "Zwischendurchlektüre" eignet. Er regt wieder dazu an, sich nicht einfach diesem System unterordnen zu wollen. Man würde gerne selbst mit einem Schild, auf dem steht "We want justice (for Vanzetti and Sacco)" losmarschieren und dieser sinnlosen Gier nach Geld, Geld und noch mehr Geld ein Ende bereiten.

" 'Einen großen Gefallen, meinen letzen Wunsch... ist aber nicht leicht.'

             'Raus mit der Sprache!'

'Seien Sie nicht so traurig.'

             'Ach, Bart!'  

'Sterben ist einfach. Wirklich, ist keine große Sache... bloß die Freunde, vor allem die Frauen - alle trauern sie, und weinen um uns. Dabei ist es - wie sagt man - unnütz. Trauern ist die unnützeste Sache von der Welt. Oder etwa nicht?'" S.934

Ein sehr starker, wenn auch etwas längerer Roman, der durch das Zusammenspiel von Fakt und Fiktion wunderbar funktioniert. Die Intrigen der Justiz, wie auch der "Kampf der Gesellschaften" werden gut hervorgehoben und sorgen für teilweise wirkliches Entsetzen beim Leser, sodass man sich ständig fragt, wie diese Anklage und Hinrichtung überhaupt möglich sein konnte und sich gleichzeitig ähnliche Fälle in unserer jetzigen Gesellschaft hinzuzieht. Der Roman wühlt definitiv auf, ist aber auch an vielen Stellen sehr "friedlich".
Diese Harmonie kommt vor allem bei den Passagen rund um Vanzetti und Sacco selbst auf, denn sie lassen sich von fast nichts aus der Ruhe bringen und verkörpern, trotz der Ungerechtigkeit die ihnen wiederfährt, eine gewisse schicksalshafte Gerechtigkeit.
Und auch vor Upton Sinclair ziehe ich meinen Hut, dass er diese schwierigen Schicksale und die Konflikte, auf eine gewisse sachliche, aber dennoch auch gut portionierte, parteiische Weise verarbeitet hat.


 Vielen Dank an den Manesse Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!



Neuerscheinungen September

August 18, 2017


Gefühlt neigt sich der Sommer langsam seinem Ende und der Herbst steht schon in den Startlöchern. Im Gepäck haben die Verlage aber weiterhin einige sehr interessante Neuerscheinungen, die man unabhängig vom Monat wunderbar lesen und genießen kann. Zumindest erwecken auch die Cover bereits diesen Anschein. Diesen Monat freue ich mich sicherlich besonders auf "Menschenwerk" von Han Kang, da mich "The Vegetarian" schon sehr für sich eingenommen hat. Ich bin gespannt, ob dieses Buch einen ebenso großen Erfolg feiern wird.
Ansonsten bin ich auch sehr auf das neue "Königskinder"-Programm des Carlsen Verlags gespannt. Obwohl ich in der letzten Zeit eher weniger zu Jugendbüchern greife, bin ich mir sicher, dass sich hier ganz schöne Geschichten verstecken könnten.

Wie immer gelangt ihr durch einen Klick auf den Titel, auf die jeweilige Verlagsseite und zu den dazugehörigen Informationen zum Buch

"Menschenwerk" von Han Kang, aufbau, gebunden, 15. September
Auf dieses Buch bin ich sehr gespannt! Wahrscheinlich ist es auch deshalb irgendwie auf dem Anfangsbild gelandet. Nach "The Vegetarian" bin ich einfach wahnsinnig neugierig, was sich die Autorin nun wieder ausgedacht hat. Vielleicht hat man das Glück und man wird wieder in den Bann der Protagonisten gezogen, die einem ihre Abgründe anvertrauen.

"Hinter dem Horizont - Eine Geschichte der Weltbilder" von Hans Peter Fischer, rowohlt Berlin, gebunden, 22. September

"Die zwölf Leben des Samuel Hawley" von Hannah Tinti, Kein & Aber, gebunden, 05. September
Hier steht die Frage nach der Vergangenheit und deren Geheimnissen eine große Rolle. Der Leser wird sich auf die Spurensuche begeben, um herauszufinden, was den Protagonisten bedrückt, beschäftigt und von allen anderen scheinbar isoliert, weil sie misstrauisch werden. Ein dunkles Geheimnis aufzudecken klingt nun nicht nach der neuen Idee für ein Buch, aber ich finde es hört sich dennoch recht interessant an, daher merke ich es mir gerne vor.

"Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben" von Iris Radisch, rowohlt, gebunden, 22. September
"Die «Zeit»-Journalistin und Verfasserin eines Bestsellers über Camus lässt sich von ihren eigenen Treffen mit den Autoren leiten und liefert einen einfühlsamen Überblick über die Welt von Sartre und Duras bis zu Patrick Modiano, Yasmina Reza und Houellebecq. Das Buch ist ein persönlicher Kanon der bedeutendsten Schriftsteller Frankreichs – und richtet sich an alle, für die das Land schon immer der kulturelle und literarische Sehnsuchtsort war"
Jegliche Bücher, die in ihrem Titel die Worte "Bücher" oder "schreiben" aufweisen, erlangen beinahe automatisch meine Aufmerksamkeit. Obwohl ich mich eigentlich gar nicht so speziell für konkret französische Literatur interessiere, finde ich die Idee des Buches wirklich ansprechend. Vielleicht packt einen dann die Neugier und man lernt genau dadurch wunderbare Autoren und ihre Bücher kennen.

"Das Mysterium der Tiere - Was sie denken, was sie fühlen" von Karsten Brensing, aufbau, gebunden, 15. September
Ganz klar ist dieses Buch nur auf dem Merkzettel, oder überwiegend deshalb darauf gelandet, weil das Cover einfach gute Marketingarbeit geleistet hat. An süßen Bärenfotos kann ich einfach nicht vorbeigehen.
Auch wenn in letzter Zeit (gefühlt) recht viele solcher Bücher erschienen sind, werde ich mir dieses hier mal vormerken, denn der Satz des Klappentextes: "Wer schon immer wissen wollte, was im Kopf unserer geliebten Haustiere, in einem Delfin, in einem Schwein in der Massentierhaltung oder in vielen anderen tierischen Köpfen vor sich geht, der findet in diesem Buch die Antworten, und jede neue animalische Begegnung wird zu einem spannenden Erlebnis." hat mich doch sehr neugierig gemacht.

"Lieber Daddy Long-Legs" von Jean Webster, Carlsen, gebunden, 29. September
Dieses Buch ist eines der beiden, die mich aus dem neuen "Königskinder"-Programm sehr interessiert. Der Anfangssatz der Inhaltsangabe: "Fast 18 Jahre hat Judy Abbott im Waisenhaus gelebt. Wegen ihrer literarischen Begabung wird sie nun von einem geheimnisvollen Wohltäter aufs College geschickt." hat mich neugierig gemacht und erweckt den Anschein, als könne man sich als Leser auch auf einige literarische Bezüge zu anderen Schriftstellern oder Büchern freuen.

"Nicht nur ein Liebesroman" von Emma Mills, Carlsen, gebunden, 29. September
Auch hier handelt es sich um ein Jugendbuch aus dem neuen "Königskinder"-Programm. Hier geht es um ein verschollenes Bild, welches die Protagonistin sucht und dass sie durch diese Suche einige wertvolle Erfahrungen macht. Klingt nach einer durchaus guten Idee, denn ich finde besonders im jugendlichen Alter helfen solche Bücher, den eigenen Weg zu meistern. Mal sehen, in wieweit sich das Gefühl nach dem Lesen bestätigt.

"Gurlitt" von Maurice Philip Remy, Heyne, gebunden, - verschoben (?) - 
Noch vor etwa einer Woche hatte ich glaube ich geschaut, ob das Buch tatsächlich noch im September erscheint, denn der Erscheinungstermin wurde seit über einem Jahr dauernd nach hinten verschoben. Leider musste ich dann beim Schreiben des Beitrags feststellen, dass das Buch nun ganz aus dem Programm genommen wurde. Ob oder wann das Buch erscheint ist derzeit nicht bekannt, aber ich werde meine Augen sicherlich offen halten, denn ich will es eigentlich nicht umsonst schon so lange im Hinterkopf behalten haben.

"Slow down a little" von Julius Hendricks, Thiele Verlag, gebunden, 12. September
Nach "Be a little analog" folgt nun "Slow down a little". Auch wenn ich das erste Buch noch nicht gelesen habe, schätze ich, dass sich dieses hier auch auf den stressigen Alltag heutzutage stützt und man dadurch etwas Tempo herausnehmen und etwas entspannen kann. Daher bleibt es sehr gerne auf meinem Merkzettel stehen, denn seien wir mal ehrlich: Ein wenig mehr Ruhe brauchen wir irgendwie doch alle.

"Sag nicht wir hätten gar nichts" von Madeleine Thien, Luchterhand, gebunden, 04. September
Hier füge ich am liebsten auch noch einmal einen Teil der Inhaltsangabe ein, nämlich diesen hier: "Erzählerin dieses vielschichtigen Epos ist Marie, die mit ihrer Mutter in Kanada lebt und nicht versteht, warum ihr Vater nach China zurückgekehrt ist. Als sie zehn Jahre alt war, haben sie einen Gast bei sich aufgenommen, die junge Ai-ming, die nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens aus Peking geflohen ist. Marie ahnte bald, dass sie eine gemeinsame Geschichte haben, und nun versucht sie, Licht ins Dunkel der Vergangenheit zu bringen."
Etwas ernster und sicherlich dramatischer, aber dennoch sehr interessant. Bleibt also unbedingt vorgemerkt.

"White Sands" von Geoff Dyer, DuMont, gebunden, 19. September
Dieses Buch wird als Mischung aus Reisebericht, Essay, Fiktion und Kulturkritik gesehen. Es geht um die Fragen des Menschseins und um wertvolle Reiseerfahrungen. Das Buch macht den Eindruck, als könnte man es wundervoll unterwegs in der Bahn lesen, einfach immer mal wieder drinnen blättern oder sich komplett hineinstürzen. Bleibt also auch auf dem Merkzettel.

Neuerscheinungen Taschenbuch (bereits als Hardcover erhältlich):
"Zeiten des Aufruhrs" und "Cold Spring Harbor" von Richard Yates, Penguin, 11. September


Auf welche Neuerscheinungen wartet ihr sehnlichst im September?



Die Kapitel meines Herzens von Catherine Lowell

August 16, 2017






(Original: "The Madwoman Upstairs"/ 2016) Atlantik Verlag, Übersetzer/in: Gaby Wurster, 352 Seiten, Broschur★★  4 Sterne
"Von klein auf wächst Sam mit Büchern auf: Wann immer sie in der Bibliothek ihres Vaters ein Buch findet, in dem sein Lesezeichen liegt, weiß sie, dass er es für sie versteckt hat. Zu Weihnachten schenkt er ihr eine Schnitzeljagd mit Zitaten aus der Weltliteratur. Sams Vater ist nicht nur Bestseller- Autor, sondern auch ein direkter Nachfahre der Brontë-Familie. Als er stirbt, ist Sam die letzte lebende Verwandte der Schriftsteller-Dynastie. Alles, was ihr Vater ihr hinterlassen zu haben scheint, ist ein abgegriffenes rotes Lesezeichen. Oder ist es ein Hinweis auf ein geheimes Erbe? Die Öffentlichkeit hat ihren Vater schon lange im Verdacht, wertvolle Gemälde, Briefe und Romanentwürfe der berühmten Schwestern zu verstecken. Antworten hofft Sam am Old College in Oxford zu finden. Dort hat Sam zwar nur Augen für Bücher, ihr Professor und ein attraktiver Mathe-Student lenken sie jedoch mehr ab, als sie es sich eingestehen möchte. "


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Doch nicht ich hatte Eindruck bei der Professorin hinterlassen. Während ich in meinen Turnschuhen den gewienerten Korridor hinunterging, zog ich wieder einmal den Hut vor meinen drei verstorbenen Vorfahrinnen. Selbst aus dem Grab übten sie noch eine Macht aus, die mir selbst versagt blieb.." S. 11.

Auf den ersten Blick scheint das Buch, ausgehend vom Titel "Die Kapitel meines Herzens", ein normaler Liebesroman zu sein. Achtet man aber auf den Originaltitel "The Madwoman Upstairs" könnte man dadurch vielleicht anderer Meinung sein. Denn dieser Titel stellt sofort eine Verbindung zu dem Klassiker "Jane Eyre" her und stößt den Leser sofort in die Richtung, dass die Brontë Geschwister vielleicht eine entscheidende Rolle in der Geschichte spielen könnten und es sich nicht nur um das allseits bekannte Wechselspiel zwischen zwei, sich verliebender, Protagonisten handelt.
Daher muss ich auch ehrlich sagen, dass ich von dem Roman positiv überrascht wurde. Natürlich hat mich die Thematik sofort angesprochen. Ein geheimer Brontë-Schatz, den es zu finden gilt? Eine Schnitzeljagd, die den Leser eventuell in die Kreise gewisser Schriftstellergeheimnisse hineinzieht? Hat sich für mich durchaus vielversprechend angehört. Ist man als Leser also daran interessiert, vieles über die biographischen Aspekte der Brontë Familie zu erfahren, wird man mit dieser Geschichte durchaus viel Vergnügen haben. 
Dadurch, dass sich die Protagonistin an der Universität befindet und gleichzeitig auch passenderweise Literaturwissenschaften studiert, fallen sehr viele Thesen oder Überlegungen, die einen dazu anregen, sich ein wenig in die scheinbaren Abgründe von Charlotte, Anne und Emily hineinzusteigern. Es wird darauf Bezug genommen, in wie weit die Romane der Geschwister der Realität entsprachen oder welche Interpretationsansätze von Belang sind. Und natürlich die Frage, ob der Autor mit seinem Text in Verbindung gebracht werden sollte oder ob die Romane als selbstständiges Textzeugnis zu bewerten sind. Überraschend häufig geriet die Handlung dabei manchmal in den Hintergrund, sodass wirklich viel Raum für intertextuelle Bezüge bereitstand. Das gefiel mir persönlich daher so gut, weil der Roman dadurch an "Tiefe" gewonnen hat und sich eben von dieser schlichten Liebesromanstruktur abgegrenzt hat. Das Erzählte wirkt zwar grundsätzlich locker und leicht, verbirgt dahinter aber eine gute Portion Geheimnisvolles und Ernstes.
Grundsätzlich kann man sich ziemlich schnell auf die Protagonistin einlassen. Man findet sie sympathisch, möchte mit ihr auf Spurensuche gehen und auch tatsächlich gerne Zeit mit ihr verbringen. Die Elemente, wie der abgeschiedene Turm, in welchem Samantha an der Universität wohnt und die oft erwähnten, scheinbar wichtigen Gegenstände schüren zudem das Gefühl, dass man sich in der Welt der berühmten Schriftstellerinnen befindet und sie die "Fäden ziehen". Dennoch greift der Roman auch gekonnt, ohne zu bestimmend zu sein, kritische Sichtweisen auf, welche die Brontë- Schwestern in einem anderen Licht zeigen.

"Leidenschaft. Da war es, das Wort, das ich am wenigsten leiden konnte. Der trügerische, ja bedeutungslose Begriff, den Leute benutzen, wenn sie glauben wollen, dass sie menschlicher seien als andere.“  S.21

Abgesehen von den vielen biographischen Bezügen, Lebensläufen und vermeintlichen Erbstücken der drei berühmten Schriftstellerinnen, bemüht sich der Roman noch eine andere Ebene aufzugreifen, nämlich die, welche sich rund um die Protagonistin und ihr eigenes Leben entfaltet. Samanthas Erfahrungen haben viel mit der Selbstfindung zu tun, sie stützen sich auf die Gefühle, die sich ergeben, wenn man einen Menschen verloren hat, der einem alles bedeutet hat und den man nicht gehen lassen möchte. So wächst auch die Protagonistin selbst an den vielen Dingen, die sie herausfindet oder herauszufinden versucht. 
Gleichzeitig dominiert natürlich auch eine Liebesbeziehung den Roman, welche aber glücklicherweise keineswegs zu aufdringlich, zu kitschig oder zu dramatisch aufgezogen wurde. Für meine Verhältnisse hielt sich dies wunderbar im Rahmen des Möglichen, um die Geschichte nicht unglaubwürdig zu gestalten oder die Geschichte dadurch platt wirken zu lassen. Das lag für mich auch größtenteils daran, dass die Wortwahl (auch hier wieder in Betrachtung der Übersetzung) wirklich gelungen und darauf ausgelegt war, nicht die schon gängigen und abgedroschenen Formulierungen zu verwenden, die sich in beinahe jedem Liebesroman entdecken lassen. Sicherlich ist der Aspekt der Liebesbeziehung also eher ein gelungener Handlungsstrang, den weibliche Leserinnen mögen werden, aber darüber hinaus bietet das Buch eine wunderbare Umsetzung des Prozesses des Erwachsenwerdens, ebenso wie die Frage nach dem, was einem persönlich am Ende wirklich als "Reichtum" und wertvolles Erbe erscheint.

"Mein Vater sagte immer, alle Romanhelden seien Versionen ihres Autors, auch wenn das hieße, dass der Autor eine Seite an sich akzeptieren musste, die er gar nicht gekannt hatte. Es erforderte einfach Mut." S.62

Gelungener Roman, der einerseits Leichtigkeit, aber auch Tiefe ausstrahlt. Durch gewisse Handlungsstränge bricht die recht melancholische und nachdenkliche Stimmung auf und wird durch humorvolle Passagen und Dialoge ergänzt. Das Hauptmerkmal liegt unter anderem auf der Darstellung und Interpretation der Brontë- Familie und deren vermeintlichen Geheimnissen, wie auch ihrem Erbe, aber auch auf der Entwicklung der Protagonistin und ihrer Verarbeitung der Vergangenheit.
Der Roman ist eindeutig für Zwischendurch geeignet, hinterlässt aber ein wirklich wohliges, wie auch ergreifendes Gefühl. So habe ich mich persönlich wirklich wunderbar unterhalten gefühlt.


Vielen Dank an den Atlantik Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!



The Folio Society

August 10, 2017










Meine erste "Begegnung" mit den Büchern der Folio Society liegt schon einige Zeit zurück. Eher durch Zufall bin ich auf die Büchergilde gestoßen, die ja bekannt dafür ist, dass man sich als Mitglied an ganz eigenen Gestaltungen beliebter Klassiker erfreuen kann. Als ich mich durch das Sortiment gestöbert habe, fielen mir plötzlich englische Ausgaben auf, die einfach allein durch ihre Aufmachung herausgestochen sind.
Natürlich kam bei mir sofort die Frage auf, ob diese Bücher tatsächlich nur zur Büchergilde gehören oder eventuell einfach nur zusätzlich dort angeboten und verkauft werden. Als Studentin hätte sich die Mitgliedschaft eher weniger rentiert, daher war meine Überraschung und Freude umso größer, als ich feststellte, dass die Bücher eigentlich aus dem englischen Verlagshaus stammen, welcher sich, ihr ahnt es schon, "The Folio Society" nennt.

Gefühlte Jahre habe ich damit verbracht mir die schönen Ausgaben einfach nur anzusehen und davon zu träumen, irgendwann einmal ebenfalls Besitzerin einiger Stücke zu sein. Denn obwohl es die Bücher über die offizielle Seite "Folio Society" gibt, sind die Versandkosten meist etwas hoch. Also habe ich zunächst abgewartet. Wie es der Zufall wollte, machten sich meine Schwester und mein Schwager letztens sogar auf eine Reise nach England. Sofort kamen mir die Bücher in den Sinn und ich setzte ein Buch auf meinen Wunschzettel. Doch leider hat sich der Verlag genau zu der Zeit dazu entschlossen, den offiziellen Shop in London zu schließen und die Bücher nur noch über den Onlinehandel zu vertreiben.
Es nützte alles nichts. Das Internet musste also zum Freund und Helfer werden. Da mein Schwager den Büchern ebenfalls verfallen war, nachdem ich davon geschwärmt habe, hat meine Schwester nicht lange gezögert und einen Account erstellt, den wir alle nutzen konnten. 
Und was soll ich sagen, kurze Zeit darauf konnte ich nicht mehr wiederstehen, als der Verlag mit einem 50% Sale warb, inklusive einem Free Mystery Book bei jeder Bestellung. Mein erster Gedanke: "Das muss Schicksal sein". Natürlich. Also landeten letztlich drei Bücher in meinen Einkaufswagen: "The Princess and the Goblin", "A Traveller in Time" und das "Mystery Book", welches sich im Nachhinein als "Barchester Towers" von Anthony Trollope herausgestellt hat. "Cider with Rosie" gab es bei einer anderen Bestellung ebenfalls gratis dazu. 

Nun, der Versand kostet pro Buch noch einmal 10 Pfund, ab zwei Büchern sogar 15 Pfund und dauert dann bis zu 28 Tage, plus den Sonntagen natürlich und der Zeitspanne, wann das Paket versendet wird (Expresslieferungen dauern nur 2-5 Tage, kosten aber noch einmal 10 Pfund Aufpreis). Ist man aber ein wenig geduldig und wartet auf die besagten "Sales", dann kann es sich wirklich durchaus lohnen, auch mit Versandkosten und der Wartezeit.

Aber was genau ist das besondere an diesen Büchern, fragt man sich jetzt vielleicht?
Nun ja die Optik spielt da sicherlich eine entscheidende Rolle. Für Leser, die gerne auf Englisch lesen und auf der Suche nach schönen Prachtausgaben sind, die werden hier sicherlich fündig. "The Folio Society" bietet zudem nicht nur die kleinen Klassiker an, sondern auch richtige Wälzer, die zwar etwas kostspieliger sind, die man aber wirklich wunderbar als Geschenk in Betracht ziehen kann.
Zudem sind alle Bücher wirklich hochwertig aufgemacht. Alle Ausgaben (abgesehen von den kleineren und günstigeren "Collectibles") kommen in einem schönen Schuber daher und sind meist mit etwa sechs Illustrationen versehen. Das Papier ist ebenfalls sehr robust und macht einfach einen sehr schönen und ordentlichen Eindruck. 
Es ist wirklich für jeden etwas dabei, da die Auswahl der Bücher wirklich beinahe unbegrenzt scheint. Zudem ist der Verlag ständig dabei neue Ausgaben zu veröffentlichen, die für die Leser hinsichtlich der Aktualität interessant sind. Neu entdeckt habe ich zum Beispiel neulich "The Handmaid´s Tale" von Margaret Atwood, "American Gods" von Neil Gaiman oder "Rebecca" von Daphne du Maurier. Alles Bücher die jetzt viel Aufmerksamkeit bekommen und sicherlich auch in dieser Ausgabe einiges hermachen.

Nachdem ich meine ersten Bücher der Folio Society nun in Augenschein genommen habe, muss ich sagen, dass ich ihnen wirklich restlos verfallen bin. Die Sammlung wird sich mit der Zeit sicherlich weiter ausbauen.

Kennt ihr die Bücher der Folio Society? Würden sie euch interessieren? Würdet ihr euch so einen Verlag auch für deutsche Bücher wünschen?





Die Spieluhr von Ulrich Tukur

August 09, 2017





(Original: "-"/ 2013) Ullstein Verlag , Übersetzer/in: -, 150 Seiten, gebunden (Ganzleinenband)★★(★) 3 bis 4 Sterne
"Wilhelm Uhde, der großbürgerliche Preuße, und Séraphine, eine einfache Französin, die von den Bewohnern ihres Dorfes verspottet und von den Kindern mit Dreck und Steinen beworfen wird, trennen Welten. Und doch hat das Schicksal sie zusammengeführt: den sensiblen Kunstsammler und seine tiefgläubige Putzfrau, die Bilder malt, seit ihr ein Engel des Herrn erschien. Viele Jahre und zwei Weltkriege später wird beider Leben verfilmt. Der Schauspieler, der im Film Uhde verkörpert, macht dabei eine seltsame Entdeckung, die ihn unversehens in den phantastischen Kosmos der Séraphine de Senlis katapultiert: in ein Leben hinter den Bildern und Gobelins eines vergessenen Schlosses der Picardie. Ulrich Tukur erzählt von der Macht der Malerei und der Magie der Musik. Er nimmt uns mit auf eine Reise durch drei Jahrhunderte, in eine beunruhigende Welt zwischen Traum und Wirklichkeit."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"So verbanden sich an diesem heißen Augustabend des Jahres 1912 die Lebenslinien zweier Menschen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können und sich doch trafen in ihrer Verlorenheit und Sehnsucht nach einer schöneren Welt, die nur in der Malerei oder der Musik zu haben war." S. 15f.

"Die Spieluhr" ist wirklich sehr eigen. Obwohl anfangs natürlich eine gewisse Einleitung vorhanden ist, wie sich der Protagonist in dieser Situation wiedergefunden hat, hatte ich dennoch das Gefühl, dass ich in diese Geschichte einfach hinein katapultiert wurde. Die Ereignisse überschlagen sich geradezu, man stößt von einem Geheimnis zum nächsten und weiß nie so recht, ob man dem Strudel nun entkommt, die Wahrheit herausfindet, oder ob es ewig so weitergehen wird. 
Besonders auffällig war für mich vor allem der irgendwie immer präsente Zusammenschluss von vielen literarisch bekannten Werken oder zumindest gewisser Ähnlichkeiten dazu. Mal kam mir Jane Eyre in den Sinn, dann Das Bildnis des Dorian Gray und am Ende war es tatsächlich eine bunte Mischung als allem. Dabei geht es oder der Text möchte dies zumindest anstreben, immer etwas in die mysteriöse Richtung, die dem Leser Gänsehaut bereiten soll. Gänsehaut hatte ich zwar keine, aber die kleinen Andeutungen hinsichtlich gewisser Figuren, die etwas Schlechtes im Sinn haben oder von denen man die Absichten nicht ganz erraten kann, fungieren hier sicherlich als Leseantrieb. Natürlich möchte man als Leser unbedingt wissen, was es mit den bewegenden Gemälden und der ominösen Spieluhr auf sich hat, die sich immer weiter drehen muss.

"Er machte eine Pause, als blickte er in die Vergangenheit wie in ein fernes, blühendes Land“  S.31

Doch nicht nur der allgemeine Mix aus verschiedenen Stimmungen, wechselhaften Landschaften und Ortschaften macht das Lesen recht abwechslungsreich, sondern auch die Darstellung der Figuren und des Zusammenspiels aller. Tatsächlich ist mir bis zum Schluss einiges nicht ganz einleuchtend zum Beispiel in wieweit einige Figuren nun Einfluss aufeinander ausüben und welche Jahreszeiten miteinander verschmelzen, aber genau das macht die Geschichte am Ende irgendwie auch spannend. 
Die Novelle greift tatsächlich viele Dinge auf, die sich zwar ineinander verlieren, die aber dadurch lebendig werden. So geht es um Verknüpfungen und Verbindungen durch Raum und Zeit, die man schwer begreifen kann, die aber Einflüsse ausüben können. Es geht um Flucht, um das Entkommen und auch die Unmöglichkeit des Entkommens und das wohl am Ende recht banal wirkende Spiel mit der Frage was Wirklichkeit und was Einbildung ist. 
Was mich an der Geschichte aber abseits der Handlung ebenfalls positiv überrascht hat, war sicherlich die zarte und träumerische Sprache. Sie lädt dazu ein sich einer "Welt" zu öffnen, die man nicht so einfach erklären kann, die aber als Gefühl besteht und die man vielleicht insgeheim gerne aufrufen würde. Es ist ein spielerischer Wechsel zwischen Leichtigkeit und Bedrängnis.

"Solche magischen Türen oder Einstiegsluken gab es wohl überall, an den sonderbarsten Orten, dort, wo man sie am wenigsten vermutete." S.132

Eine kurze Erzählung, bei welcher die Spieluhr nicht der einzige Gegenstand bleibt, der von Geheimnissen umgeben ist.
Das große Ganze bleibt am Ende zwar irgendwie noch etwas verborgen, aber die Reise zu dem Punkt, an dem sich der Erzähler und Protagonist am Ende befindet ist so turbulent, manchmal verwirrend, aber eben auch interessant, dass sich das Lesen durchaus lohnt. Vorausgesetzt man mag es, wenn sich die Grenzen verschiedener Ebenen verwischen und man nicht unbedingt eine strikte und einfache Lösung des Geschehens bevorzugt.




Juli: Kleinere Lesestatistik und die Documenta 14

August 06, 2017



Der Juli verlief recht turbulent, was allerdings auf die Klausurenphase in der Uni zurückzuführen ist. Dadurch hat sich die Anzahl der gelesenen Bücher auch etwas im Rahmen gehalten. Nichtsdestotrotz sind vier Lektüren beendet worden. Eine, nämlich "Boston" von Upton Sinclair, ist weiterhin auf meinem Nachttisch präsent und wird fleißig weitergelesen.

Anfang Juli hat sich zudem die Möglichkeit ergeben, die "Documenta 14" zu besuchen. Ein paar kleine Einblicke habe ich euch gerne in dem Beitrag angefügt. Grundsätzlich war meine Reaktion darauf eher durchwachsen. Die "Akropolis", welche im Innenhof aus mehreren Tausend Bücher besteht, die einmal verboten waren, ist sicherlich eines der größten Highlights. Ansonsten gab es hier und da eine kleine Kunstinstallation, die mir gut gefallen hat, vieles allerdings hat sich meinem Interesse völlig entzogen. Überrascht hat es mich nicht, denn die Kunst besitzt ein so weites Spektrum, dass nicht alles gefällt oder gefallen muss. Es ist beinahe so, wie mit den Eindrücken bei bestimmten Büchern.
Grundsätzlich war es aber auch einfach schön die "Bücher-Installation" selbst einmal gesehen zu haben, wenn sich die Gelegenheit schon geboten hat. Es ist schon erstaunlich, welche Bücher auf der verbotenen Liste standen. Klassiker wie "Lolita" scheinen da noch einigermaßen verständlich, aber dass selbst "Harry Potter" darunter zu finden war oder auch "Twilight" scheint etwas kurios, da sie auch ein recht frühes Erscheinungsdatum aufweisen und man ausblendet, dass Bücher selbst heute in anderen Ländern verboten werden.

„Vermählung“ von Curtis Sittenfeld Meine erste Lektüre im Juli hat mich recht gut unterhalten, wenn auch die Erwartungen natürlich nicht gänzlich erfüllt werden konnten. Die Neuinterpretation von "Stolz und Vorurteil" sollte man sicherlich nicht zu ernst nehmen, denn sie ist keinesfalls mit dem Original gleichzusetzen. Es driftet etwas zu sehr in die "Klatsch und Tratsch"-Spalte ab und weist natürlich einen eher moderneren Ansatz auf, da neue Erfindungen, wie das TV-Format "Der Bachelor" eine gewisse Rolle spielen. Möchte man also ein wenig abschalten, kann man gerne zu diesem Buch greifen. Man sollte aber nicht erwarten, dass man eine "neue Jane Austen" bekommt.

„Lila” von Marilynne Robinson Ein Buch, welches ganz leise daherkommt, aber eine ganz wunderbare Atmosphäre und Botschaft mit sich bringt. "Lila" ist Teil eines Romanzyklus der Autorin. In diesem Teil werden die Innenansichten, Gefühle, Ängste und Wünsche der Protagonistin selbst offenbart. Hier spielt die große Verletzlichkeit eine wichtige Rolle, genauso wie die Sehnsucht danach, endlich in einem "Zuhause" anzukommen. Ich werde mir sicherlich noch die anderen Romane dieses Zyklus besorgen.

„Das Fünfzig-Jahr-Schwert“ von Mark Z. Danielewski Etwas "verrückter" kommt dieses Buch daher. "Roman" steht zwar auf dem Cover drauf, aber als Leser weiß man am Ende gar nicht so genau, welchem Genre diese Geschichte angehört. Die Darstellung des Textes ist sehr experimentell und auch der Inhalt lässt einige Fragen offen. Dennoch konnte mich das Buch wunderbar zum Denken anregen und hat mich einfach "gepackt", weil es nicht langweilig war.

„Val di Non” von Oswald Egger Im Gegensatz zu Danielewskis Text, hat mich dieser leider überhaupt nicht in den Bann ziehen können. Auch hier ist die Wortwahl sehr speziell, da sich der Autor auch Fantasiewörtern bedient. Es gibt Illustrationen, Gedichte und auch Beschreibungstexte, die anfangs noch wirklich interessant sind, zum Ende jedoch etwas "ermüdend" wirken. Zumindest war dies mein sehr persönliches Fazit des Buches. Man braucht dafür sicherlich etwas mehr Zeit, um sich vielleicht darauf einzulassen. Aber auch nach einer etwas längeren Pause, in der ich das Buch einfach habe ein wenig ruhen lassen, konnte ich mich danach nicht mehr dafür begeistern.
Ich verstehe durchaus die Intention dahinter, aber das Buch konnte einfach meine persönlichen Interessen und Vorlieben eines Textes nicht erfüllen. Ich bin mir aber sicher, dass sich Leser finden werden, die vielleicht genau das suchen, weil es etwas "Neues" ist, dem man sich Stück für Stück annähern muss.

Was hat euch durch den Juli gebracht? Waren es überwiegend Bücher, interessante Veranstaltungen oder einfach das (teilweise) gute Wetter, das zum Eis essen eingeladen hat?





Val di Non von Oswald Egger

August 05, 2017








(Original: "-"/ 2017) Suhrkamp Verlag, Übersetzer/in: -, 208 Seiten,, gebunden mit zahlreichen Illustrationen von Oswald Egger★★ 2 Sterne
"Ist es möglich, einen Berg zu denken, zu dem das Tal fehlt? Wenn man sich Gott und die Welt vorstellen kann, kann man sich z. B. nicht Gott ohne die Welt vorstellen: Was einem vorschwebt, von A bis Z, erscheint oft realer als das, was vor Augen bloß irritiert.
Einmal waren Berge Berge, die Täler waren Täler. Nachdem es mehr Dinge zwischen Grund und Grat gibt, als wir träumen können, sind Berge weder Berge noch Abgründe Abgründe: Was einem blüht, mag zugleich auch blühendes Tal sein. In aller Stille rufen Laute einander auf und zu, kaum wahrnehmbar noch, tief von innen und unten. Nachtwach, in Sprache, schwellen die Intervalle an, stets fügt sich eine zweite Stimme zur ersten, dann noch eine, und dann noch und noch: wie ein Echo das Offene durch Wiederholung der Beschränkung auskostet, aber auf immer weniger Wirklichkeit trifft."


MEINE MEINUNG | FAZIT

Es gibt Bücher, die scheinen anfänglich recht interessant, weil sie das Genre sprengen und man nicht genau weiß, worauf man sich einlässt. Man entdeckt etwas Neues. Während des weiteren Verlaufs merkt man dann, ob diese Richtung etwas für einen ist oder eben nicht. Leider war die zweite Erkenntnis bei "Val di Non" und mir der Fall. Anfangs war ich noch neugierig auf die, von Egger selbst, gezeichneten Illustrationen, die dem Text eine sicherlich eigene Atmosphäre bieten.
Und auch der Text an sich kommt nicht gewöhnlich daher. In der oberen Hälfte findet man überwiegend eine "gedichtartige" Strophe, die den unteren Text einleitet. Die untere Hälfte ist eine fortlaufende Schilderung des Erblickten des Erzählers. Und das Erblickte wirkt zunehmend immer kurioser und für mich auch ehrlich gesagt immer anstrengender. Der Klappentext impliziert eine "Wanderung mit dem Erzähler" eben durch dieses Tal, das sich "Val di Non" nennt. Anfangs noch einigermaßen erträglich, wird es zunehmend einfach sehr verwirrend und leider etwas langweilig.
Es tauchen so unglaublich viele Wörter auf, die noch gar nicht bestehen, die nur der Empfindung des Autors entspringen, dass man eine Unlust verspürt, sich dem eigentlichen Kern der Aussage zu nähern. Ich ertappte mich immer öfter dabei, wie ich mir nur noch die Illustrationen und die Gedichte durchgelesen habe und die unteren Passagen überflogen oder teilweise sogar übersprungen habe.

"Drei:
ich, der
Hund, und
wir beide.
“ 
S.36

Ich würde nicht sagen, dass das Buch nicht durchaus seine Eigenheiten hat, die man an der ein oder anderen Stelle gerne erkunden würde, denn mich haben einige Sätze durchaus angesprochen. Das lag vor allem an der oftmals an banalen Feststellungen oder anders ausgelegten Ansichten, wie zum Beispiel im oberen "Gedicht" aufgezeigt. An solchen Stellen knüpfte ich gerne an und habe auch gerne etwas länger darüber nachgedacht, wie einfach, widersprüchlich, aber auch logisch die Ansichten des Erzählers sind.
Dennoch folgte auf diese Phase dann auch wieder die, die ich schon erwähnt hatte. Es wird anschließend wieder zu unübersichtlich. Man schnappt Formulierungen auf, an denen man sich entlang fädelt. Der Erzähler kommt an dieser oder jener Stelle vorbei und diese beschreibt er dann erneut, aber mit Begriffen, die dafür sorgen, dass man sich fragt, ob man das Wort einfach nicht kennt oder ob es überhaupt besteht. Gleichzeit hatten diese Wortbeschreibungen für mich alle etwas "Glitschiges" und wenig entspanntes. Sicherlich ist dies eine sehr subjektive Empfindung, aber durch diesen Spaziergang hatte ich mir eine gewisse "Ruhe" erhofft, im Gegenzug hat mich das Buch aber eher aufgewühlt, weil die Passagen, die diese teils undurchschaubaren Erläuterungen aufzeigen, zu lang waren und man sich nicht gerne auf den weiteren Verlauf konzentrieren wollte. Ich hatte einfach stets das Gefühl, dass ich nicht sanft von einer Stelle zur nächsten geführt werde, sondern gestresst versuche den ganzen Wortneufindungen zu entkommen.

"Manche Partien sind so massig, daß lediglich zwischen Randklüften in Ringen einheitliches oder doch kaum zerspaltenes Bossiergestein zertrümmert plitscht (knirscht nicht). Hager ziehen schmale Zementknautschzonen, die schieferig dürr bis knisterstückig zerfallene Schlacke sind und zum Teil Kiesnester enthalten, vor allem durch Torision." S.67


Ein ganz außergewöhnlicher "Spaziergang", der viel Aufmerksamkeit und Ausdauer erfordert. Durch die sehr eigene Interpretation des Aussehens vieler Pflanzen oder der Umgebung an sich und der damit zusammenhängenden Entstehung komplett neuer Wörter, wird das Lesen nach einer Zeit etwas anstrengend und langwierig. Die zahlreichen Illustrationen und die kleinen Gedichtsequenzen lockern das Ganze etwas auf und sorgen auch für den ein oder anderen, kleinen, zur Ruhe kommenden Moment, im Allgemeinen aber verlangt der Text vom Leser durchaus Konzentration und die Fähigkeit sich auf eine sehr lange Beschreibung eines Erkundungsgebiets einzulassen. Da das Buch sehr speziell ist, würde ich unbedingt empfehlen, sich die komplette Leseprobe anzusehen.


 Vielen dank an den Suhrkamp Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!