Die Kapitel meines Herzens von Catherine Lowell

August 16, 2017






(Original: "The Madwoman Upstairs"/ 2016) Atlantik Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in: Gaby Wurster, 352 Seiten, Broschur★★  4 Sterne
"Von klein auf wächst Sam mit Büchern auf: Wann immer sie in der Bibliothek ihres Vaters ein Buch findet, in dem sein Lesezeichen liegt, weiß sie, dass er es für sie versteckt hat. Zu Weihnachten schenkt er ihr eine Schnitzeljagd mit Zitaten aus der Weltliteratur. Sams Vater ist nicht nur Bestseller- Autor, sondern auch ein direkter Nachfahre der Brontë-Familie. Als er stirbt, ist Sam die letzte lebende Verwandte der Schriftsteller-Dynastie. Alles, was ihr Vater ihr hinterlassen zu haben scheint, ist ein abgegriffenes rotes Lesezeichen. Oder ist es ein Hinweis auf ein geheimes Erbe? Die Öffentlichkeit hat ihren Vater schon lange im Verdacht, wertvolle Gemälde, Briefe und Romanentwürfe der berühmten Schwestern zu verstecken. Antworten hofft Sam am Old College in Oxford zu finden. Dort hat Sam zwar nur Augen für Bücher, ihr Professor und ein attraktiver Mathe-Student lenken sie jedoch mehr ab, als sie es sich eingestehen möchte. "


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Doch nicht ich hatte Eindruck bei der Professorin hinterlassen. Während ich in meinen Turnschuhen den gewienerten Korridor hinunterging, zog ich wieder einmal den Hut vor meinen drei verstorbenen Vorfahrinnen. Selbst aus dem Grab übten sie noch eine Macht aus, die mir selbst versagt blieb.." S. 11.

Auf den ersten Blick scheint das Buch, ausgehend vom Titel "Die Kapitel meines Herzens", ein normaler Liebesroman zu sein. Achtet man aber auf den Originaltitel "The Madwoman Upstairs" könnte man dadurch vielleicht anderer Meinung sein. Denn dieser Titel stellt sofort eine Verbindung zu dem Klassiker "Jane Eyre" her und stößt den Leser sofort in die Richtung, dass die Brontë Geschwister vielleicht eine entscheidende Rolle in der Geschichte spielen könnten und es sich nicht nur um das allseits bekannte Wechselspiel zwischen zwei, sich verliebender, Protagonisten handelt.
Daher muss ich auch ehrlich sagen, dass ich von dem Roman positiv überrascht wurde. Natürlich hat mich die Thematik sofort angesprochen. Ein geheimer Brontë-Schatz, den es zu finden gilt? Eine Schnitzeljagd, die den Leser eventuell in die Kreise gewisser Schriftstellergeheimnisse hineinzieht? Hat sich für mich durchaus vielversprechend angehört. Ist man als Leser also daran interessiert, vieles über die biographischen Aspekte der Brontë Familie zu erfahren, wird man mit dieser Geschichte durchaus viel Vergnügen haben. 
Dadurch, dass sich die Protagonistin an der Universität befindet und gleichzeitig auch passenderweise Literaturwissenschaften studiert, fallen sehr viele Thesen oder Überlegungen, die einen dazu anregen, sich ein wenig in die scheinbaren Abgründe von Charlotte, Anne und Emily hineinzusteigern. Es wird darauf Bezug genommen, in wie weit die Romane der Geschwister der Realität entsprachen oder welche Interpretationsansätze von Belang sind. Und natürlich die Frage, ob der Autor mit seinem Text in Verbindung gebracht werden sollte oder ob die Romane als selbstständiges Textzeugnis zu bewerten sind. Überraschend häufig geriet die Handlung dabei manchmal in den Hintergrund, sodass wirklich viel Raum für intertextuelle Bezüge bereitstand. Das gefiel mir persönlich daher so gut, weil der Roman dadurch an "Tiefe" gewonnen hat und sich eben von dieser schlichten Liebesromanstruktur abgegrenzt hat. Das Erzählte wirkt zwar grundsätzlich locker und leicht, verbirgt dahinter aber eine gute Portion Geheimnisvolles und Ernstes.
Grundsätzlich kann man sich ziemlich schnell auf die Protagonistin einlassen. Man findet sie sympathisch, möchte mit ihr auf Spurensuche gehen und auch tatsächlich gerne Zeit mit ihr verbringen. Die Elemente, wie der abgeschiedene Turm, in welchem Samantha an der Universität wohnt und die oft erwähnten, scheinbar wichtigen Gegenstände schüren zudem das Gefühl, dass man sich in der Welt der berühmten Schriftstellerinnen befindet und sie die "Fäden ziehen". Dennoch greift der Roman auch gekonnt, ohne zu bestimmend zu sein, kritische Sichtweisen auf, welche die Brontë- Schwestern in einem anderen Licht zeigen.

"Leidenschaft. Da war es, das Wort, das ich am wenigsten leiden konnte. Der trügerische, ja bedeutungslose Begriff, den Leute benutzen, wenn sie glauben wollen, dass sie menschlicher seien als andere.“  S.21

Abgesehen von den vielen biographischen Bezügen, Lebensläufen und vermeintlichen Erbstücken der drei berühmten Schriftstellerinnen, bemüht sich der Roman noch eine andere Ebene aufzugreifen, nämlich die, welche sich rund um die Protagonistin und ihr eigenes Leben entfaltet. Samanthas Erfahrungen haben viel mit der Selbstfindung zu tun, sie stützen sich auf die Gefühle, die sich ergeben, wenn man einen Menschen verloren hat, der einem alles bedeutet hat und den man nicht gehen lassen möchte. So wächst auch die Protagonistin selbst an den vielen Dingen, die sie herausfindet oder herauszufinden versucht. 
Gleichzeitig dominiert natürlich auch eine Liebesbeziehung den Roman, welche aber glücklicherweise keineswegs zu aufdringlich, zu kitschig oder zu dramatisch aufgezogen wurde. Für meine Verhältnisse hielt sich dies wunderbar im Rahmen des Möglichen, um die Geschichte nicht unglaubwürdig zu gestalten oder die Geschichte dadurch platt wirken zu lassen. Das lag für mich auch größtenteils daran, dass die Wortwahl (auch hier wieder in Betrachtung der Übersetzung) wirklich gelungen und darauf ausgelegt war, nicht die schon gängigen und abgedroschenen Formulierungen zu verwenden, die sich in beinahe jedem Liebesroman entdecken lassen. Sicherlich ist der Aspekt der Liebesbeziehung also eher ein gelungener Handlungsstrang, den weibliche Leserinnen mögen werden, aber darüber hinaus bietet das Buch eine wunderbare Umsetzung des Prozesses des Erwachsenwerdens, ebenso wie die Frage nach dem, was einem persönlich am Ende wirklich als "Reichtum" und wertvolles Erbe erscheint.

"Mein Vater sagte immer, alle Romanhelden seien Versionen ihres Autors, auch wenn das hieße, dass der Autor eine Seite an sich akzeptieren musste, die er gar nicht gekannt hatte. Es erforderte einfach Mut." S.62

Gelungener Roman, der einerseits Leichtigkeit, aber auch Tiefe ausstrahlt. Durch gewisse Handlungsstränge bricht die recht melancholische und nachdenkliche Stimmung auf und wird durch humorvolle Passagen und Dialoge ergänzt. Das Hauptmerkmal liegt unter anderem auf der Darstellung und Interpretation der Brontë- Familie und deren vermeintlichen Geheimnissen, wie auch ihrem Erbe, aber auch auf der Entwicklung der Protagonistin und ihrer Verarbeitung der Vergangenheit.
Der Roman ist eindeutig für Zwischendurch geeignet, hinterlässt aber ein wirklich wohliges, wie auch ergreifendes Gefühl. So habe ich mich persönlich wirklich wunderbar unterhalten gefühlt.


Vielen Dank an den Atlantik Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!



Kommentare:

  1. Klingt echt toll!
    Kommt gleich auf die Wunschliste:)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Bin gespannt, ob es dann auch bei dir einziehen wird und wie es dir am Ende gefällt. : )


      Liebe Grüße
      Karin

      Löschen
  2. Auf meiner Wunschliste ist es bereits! Und das Cover, hach! Wunderschön!

    Neri, Leselaunen

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das Cover mag ich auch sehr, aber die Geschichte selbst ist auch wirklich nicht weniger schön. : )


      Liebe Grüße
      Karin

      Löschen