Kategorie: Roman
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"Okaye Tage" von Jenny Mustard

Oktober 21, 2024


Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "Okay Days"/ 2023), dt. Übersetzung: eichborn Verlag 2023, Übersetzer*in: Lisa Kögeböhn (aus dem britischen Englisch), ★★★★☆ 4 Sterne
Sommer in London: Die Schwedin Sam, impulsiv und leicht chaotisch, ist vorübergehend für ein Praktikum bei einer hippen Agentur in die Stadt gekommen. Auf einer Party trifft sie den idealistischen Luc, der nach der Uni noch nicht so recht seinen Platz in der Welt gefunden hat. Die beiden verlieben sich - im vollen Bewusstsein, dass ihre Verbindung aufgrund der Umstände nur von kurzer Dauer sein kann.


Meine Kurzrezension zu "Okaye Tage" auf Bookstagram

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„Am liebsten würde ich in die Menge eintauchen, aber die Stickigkeit und der Lärm sorgen für Distanz. Als hätte ich eine VR-Brille auf, die mir weismachen will, dass alles um mich herum real ist, aber wenn ich die Hand ausstrecke, ist da nur Luft. Irgendwie paradox, nicht die virtuelle Welt für real zu halten, sondern die reale Welt für virtuell. Wahnvorstellungen im digitalen Zeitalter.“ 

- S.129f.

 

Zeitgenössische Romane, die aktuell viele junge Leute ansprechen, haben derzeit unter anderem die Gemeinsamkeit, dass sie nicht immer ein klares Ziel verfolgen und zudem stark die Dynamik oder auch Entwicklung der Protagonist*innen in den Fokus rücken.
Jenny Mustards "Okaye Tage" reihte sich für mich definitiv in diese Kategorie mit ein und ähnelt somit den Büchern von Sally Rooney und Coco Mellors.

Vorrangig wird nämlich die Frage aufgeworfen: "Wann weiß man eigentlich, dass man wirklich glücklich ist und man an dem Punkt im Leben steht, den man sich immer erträumt hat?"
Und die Protagonist*innen Luc und Samantha stellen sich diese Frage oft. Sehr oft. Der Roman erzählt eine sehr lebensnahe Geschichte über zwei Menschen, die sich mögen, Fehler begehen, versuchen vieles richtig zu machen und ihren Platz in der Welt zu finden sowie die Tücken des Arbeitsalltags zu überstehen.
Und obwohl Sams Herkunft Schweden eine Rolle spielt, kriegen wir hier das wilde Londoner Leben zu spüren.

 

 

„Es machte mir Angst, dass wir unter so unterschiedlichen Bedingungen lebten, uns gegenseitig nie hundertprozentig verstehen konnten. Also retteten wir uns ans Ufer, unterhielten uns wieder über Filme, Fernsehen und Essen.“ 

- S.294

 

Die Geschichte ist durchaus turbulent und doch geschieht gefühlt „wenig“. Der Fokus liegt für mich deutlich auf der Entwicklung der Figuren aufgrund der Geschehnisse. Als Leser*in spüren wir, wie jedes Erlebnis dafür sorgt, dass neue Überlegungen stattfinden und sich Luc und Sam daraufhin erneut ausrichten. Sei es wo sie sich Zuhause fühlen und mit wem sie sie selbst sein können.

Ich würde behaupten, auch wenn man weiß, worauf man sich einlässt (falls man eben Bücher sucht, die denen von Sally Rooney etc. ähneln), muss man in der passenden Stimmung sein, weil man die psychologischen Aspekte irgendwie feinfühliger wahrnehmen und auch damit zurechtkommen muss, dass man sich über viele Entscheidungen der Figuren ärgert.  
„Okaye Tage“ zeigt aber wunderbar auf, dass das Leben nicht immer perfekt ist, wir aber auch einiges (wenn auch nicht alles) beeinflussen können.
Die Figuren sind für mich keineswegs gleichbleibend sympathisch, aber ich mochte sie sehr, weil sie "frei" wirken. Sams unüberlegte und Lucs vorsichtige, rücksichtsvolle Art bilden eine sehr realistische Konstellation, welche die Geschichte auf besondere, feinfühlige und moderne Art erzählen.
 
 
Fazit
 
Wenn ihr einen Roman sucht, der kleine Jahresschnipsel einer Freundschaft und Beziehung mit Höhen und Tiefen aufzeigt, dabei auch ein wenig dem Schema der Planlosigkeit folgt und viel Wert auf die Feinheiten der Dynamiken in der zwischenmenschlichen Interaktion legt, werdet ihr das Buch mögen. Man sollte sich jedoch darauf einstellen, dass man manchmal den Kopf schüttelt und gleichzeitig mit einem Lächeln die authentischen Handlungen der jungen Protagonist*innen nachvollziehen kann.
Es ist aber definitiv ein Buch, das ein ganz eigenes "Feeling" hinterlässt.


 

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"Blue Sisters" von Coco Mellors

Juni 18, 2024


(Original: "Blue Sisters"/ 2024), Übersetzer*in: -, ★★★(☆)☆ 3,5 Sterne

Die deutsche Übersetzung ist unter dem Titel "Blue Sisters" im Eichborn Verlag erschienen.  

Die Blue Schwestern waren schon immer außergewöhnlich und außergewöhnlich anders. Da wären Avery, Bonnie, Lucky und Nicky, deren viel zu früher Tod die drei Schwestern hat taumeln lassen.
Als sich die drei nach einem Jahr in New York wiedersehen und versuchen den Verkauf der Wohnung aus Kindheitstagen zu verhindern, erkennen sie, dass sie nur durch das wieder Zueinanderfinden, an ihren Problemen arbeiten und das Leben wieder lieben lernen können.
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„Lucky is twenty-six years old, and she is lost. In fact, all the remaining sisters are.
But what they don´t know is this: As long as you are alive, it is never too late to be found.“
 
- S.7


Mit "Blue Sisters" bleibt Coco Mellors ihrem Stil weiterhin treu. Was das bedeutet? Für mich, dass der zweite Roman der Autorin erneut viele schöne und nachdenkliche Stellen beinhaltet, das "pure" Leben thematisiert und dennoch - und das sollte wirklich erwähnt werden - erneut auch die starke Abhängigkeit von Alkohol und Drogen im Vordergrund steht. 
 
Die Geschichte erzählt von den Leben der vier Schwestern, spaltet sich dabei in insgesamt drei Erzählstränge, die aber immer wieder zusammenlaufen, wenn etwas geschieht, das auf ein gemeinsames Erlebnis anspielt oder sich die drei an den gleichen Orten aufhalten. Ich mochte diese Herangehensweise, da wir dadurch jede Figur einzeln kennenlernen und uns dennoch die Dynamiken innerhalb der Familie vorstellen und eher greifen können. 
Die Erinnerungen an die vierte Schwester, Nicky, sind für mich die wohl emotionalsten, auch wenn jede der vier mit schwierigen Dingen zu kämpfen hat und emotionalen "Ballast" mit sich herumträgt. 
 
Was mich aber genau deshalb leider ein wenig enttäuscht hat, war, dass ich ständig das Gefühl hatte, dass etwas fehlt. Genau das ist ein wenig paradox, denn die Handlung selbst besteht durchaus aus Fortschritten und neuen Ansätzen. Auch die emotionale Ebene, die darauf anspielt, dass die Charaktere wachsen und die Vergangenheit verarbeiten sowie dass wichtige Gespräche geführt und Gedanken ausgetauscht werden, ist durchaus an vielen Stellen gut ausgebaut.
Dadurch habe ich gemerkt, dass es vielleicht daran liegt, dass ich mir im Mittelteil wohl eine etwas kompaktere und gezieltere Handlung gewünscht hätte. Der Roman zeigt in einem realistisch anhauchenden Stil auf, dass das Leben aus einem steten Vorwärtskommen und Rückwärtsgehen besteht. Für mich hat das an einigen Stellen leider in Romanform nicht ganz funktioniert. Hinzu kommt, dass ich gehofft hatte, dass hier die Beziehung der Schwestern noch stärker im Zentrum steht und nicht so oft und präsent von den Drogen- & Alkoholproblemen verdrängt wird. Zwar ist es ein wichtiges Thema, wird beleuchtet und kritisiert, letztlich ist es aber wieder zu banal behandelt worden, als dass es nicht wirkt wie ein schlecht verwendetes Stilmittel, um Sympathien zu erwecken.

 


Obwohl ich den mittleren Teil daher leider etwas schwächer fand, muss ich sagen, dass mich der Anfang und auch das Ende im Gegenzug abgeholt haben.
Die Einführung in die Figuren, die Stimmung, die wichtigen Themen, die angesprochen werden und auch eben der zentrale Aspekt der Verbindung der Schwestern, auch in Bezug zu dem problematischen Verhalten der Eltern, haben mir gefallen.
Jedoch fand ich die Beziehung zwischen Bonnie und ihrem Boxlehrer irgendwie merkwürdig und auch merkwürdig weitergeführt, nachdem wir den Time-skip haben.



„It was true. Being one of four sisters always felt like being part of something magic. [...] The seasons, the elements. The points on a compass. [...] Four chambers of a human heart.“ 
- S.107


Fazit

Grundsätzlich hat mich der zweite Roman von Coco Mellors leider nicht so überzeugen können wie ihr Debüt "Cleopatra und Frankenstein". Obwohl ich die Thematik liebe, weil ich Geschichten über Schwestern großartig finde, fehlte es mir an einigen Stellen an den nötigen Emotionen, gezielteren Handlungsverläufen und auch dem altbekannten "show, don´t tell." Der Roman dreht leider wieder zu stark in die Richtung ab, dass es wie eine Sucht-, Alkohol- & Drogengeschichte schöner Menschen wirkt und nicht wie eine Familiengeschichte. Das mag für viele vielleicht sogar gut funktioniert haben, mir hat es letztlich leider nicht so gut gefallen. Da mir jedoch viele weitere Aspekte und auch die Sequenzen, die auf die Beziehung der Blue Schwestern abzielen, dennoch gefallen haben, blieb das Buch zum Schluss im Mittelfeld im Gedächtnis.


Weitere Rezensionen zu Büchern von Coco Mellors

 

 

 

 

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"Yellowface" von Rebecca F. Kuang

März 25, 2024


(Original: "Yellowface"/ 2023), Übersetzer*in: - , , ★★★★☆ 4 Sterne

Die deutsche Übersetzung ist unter dem Titel "Yellowface" beim eichborn Verlag erschienen. 

Eine Notlüge. Dunkler Humor. Tödliche Konsequenzen...
Die Bestsellerautorin Juniper Song ist nicht, wer sie vorgibt zu sein. Sie hat das Buch nicht geschrieben, das sie behauptet eigenständig verfasst zu haben und sie ist ganz sicher nicht "Asian American".
Doch wie soll sie das richtigstellen? Soll sie das überhaupt? Und was werden die Leute sagen, falls die Wahrheit ans Licht kommt?


Meine Kurzrezension zu "Yellowface" auf Bookstagram

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„Every author hates their imprint. There are no Cinderella stories - just hard work, tenacity, and repeat attempts at the golden ticket.“ 
- S.4

 

"Yellowface" ist ein Roman, der für mich erst nach und nach seine ganze Wirkung entfaltet. Die Einflüsse des "Krimis" scheinen für das Interesse am Weiterlesen im Vordergrund zu stehen, doch ehrlich gesagt besteht die Geschichte aus so viel mehr.

Der Roman kritisiert gekonnt die Buchszene (online, wie zum Beispiel auf Social Media), die Buchbranche sowie Verlagsarbeit generell. Natürlich vorrangig in Hinblick auf das gestohlene Manuskript und wie ein „Skandal“ für den Erfolg beiseitegeschafft und klein gehalten werden soll.
Obwohl ich verstehe, dass viele mit der Erzählerin nicht zurechtkommen, ist gerade ihre Art das Clevere an der Umsetzung. Sie rechtfertigt sich ständig, um ihr Gewissen zu erleichtern und man ertappt sich dabei, wie ab und zu Verständnis aufkommt. Natürlich bei dem eingewobenen persönlichen und doch traumatisierten Schicksal, aber eben nicht der bei dem üblen Angriff auf Minderheiten und rassistischen Ansichten. Gerade hier wird der Grat zwischen Verständnis und absoluter Abneigung für die Protagonistin sehr schmal.
Gleichzeitig macht sie einen so wütend, weil sie gewisse Dinge nicht versteht beziehungsweise nicht nachempfinden kann und will. Es entsteht ein Strudel von: Wer ist am übelsten dran und verdient den Erfolg nun wirklich?
Durch die Erzählweise müssen Leser*innen oft selbst abschätzen was ihnen negativ am Verhalten der Protagonistin auffällt, was ich ziemlich gut fand. Es verlangt uns also einiges an Selbstreflexion ab.
 
 
 

 

„I know what you´re thinking. Thief. Plagiarizer. And perhaps, because all bad things must beracially motivated, Racist.
Hear me out.
It´s not so awful as it sounds.
“ 
- S.36

 

Das Thema der Aneignung spielt natürlich eine sehr große Rolle, wenn nicht eben die Rolle. Ich mochte, dass viele Aspekte aus mehreren Blickwinkeln betrachtet werden, dabei aber stets eine deutliche Botschaft vermittelt wird.
Die ständige Frage danach, ob der Diebstahl des Manuskripts nur auf einer moralischen Ebene hinsichtlich der Autorschaft untersucht werden sollte oder eben doch tiefgehender ist, führt erneut dazu, dass man sich als Leser*in in einer Schleife der Reflexion wiederfindet.

Einen besonderen Stellenwert hat weiterführend ebenfalls die im Buch auftauchende Kritik daran, dass man für Marketingzwecke eine Identität annimmt, die einem aller Deutlichkeit nach nicht gehört. Und das nicht nur in Hinblick auf das Buch selbst, sondern eben auch die Herkunft und die Kultur.
Wenn Buchbranche, also hier der Verlag, und Autorin Hand in Hand entscheiden, den Namen so für die Werbung des Buchs anzupassen, dass es "echter" oder "besser" wirkt, was sagt das über unsere Gesellschaft und den reinen Gedanken an "Profit und Erfolg geht über alles" aus?
Wichtige Fragen, deren Antworten man wie gesagt unbedingt auch für sich selbst beantworten muss. Das Buch versucht in beide Richtungen auszuschwenken, offenbart den Kern der eigentlichen Aussage aber durchaus.
 
 
Fazit
 
Was zunächst als makabre Situation startet, entfaltet sich zu einer Geschichte, die nicht mit Kritik an der Gesellschaft und Buchszene geizt. Die Spannung und das Tempo werden definitiv zugunsten des Leseinteresses aufrechterhalten, die leisen Zwischentöne und doch auch nachdenklichen Szenen bieten aber genug Raum für Reflexionen.
Insgesamt ist "Yellowface" ein wichtiges Buch, das durchaus unterhält, die wichtigsten Dinge und Aussagen aber zwischen den Zeilen versteckt hat
. Man sollte sich die Zeit nehmen, diese zu ergründen, denn der Buchmarkt steht hier zwar natürlich in der Schusslinie, es geht aber um deutlich wichtigere Themen.

  

 

 

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"Cleopatra und Frankenstein" von Coco Mellors

November 07, 2023

Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "Cleopatra and Frankenstein"/ 2022), dt. Übersetzung: Eichborn Verlag 2023, Übersetzer*in: Lisa Kögeböhn (aus dem Englischen), ★★★★☆ 4 Sterne
Ein Silvesterabend in New York: Cleo, Mitte zwanzig, britische Kunststudentin, Bohémienne a.k.a. ewig pleite, trifft Frank, Mitte vierzig, Amerikaner, Inhaber einer Werbeagentur und ungleich gesettleter, im Aufzug einer Partylocation. Es ist die vielbeschworene Liebe auf den ersten Blick. Hals über Kopf stürzen Cleo und Frank sich in eine amour fou, mit der sie selbst kaum Schritt halten können – geschweige denn die, die ihnen nahestehen.
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„Er war merklich nervös, seine übliche Souveränität wie weggeblasen. Als er endlich etwas sagte, war es ein einzelner Satz. Wenn deine dunkelste Seite auf meine dunkelste Seite trifft, entsteht Licht.“ 
- S.57


Besser als Sally Rooney!? Zumindest wird "Cleopatra und Frankenstein" mit den Romanen der beliebten Autorin verglichen. Zwar gibt es durchaus Schnittstellen - Beziehungen, junge Menschen, die ihren Platz in der Welt suchen, "coole" Cliquen - aber allein durch ihre eher knappen Romane, hat Rooney vielleicht etwas die Nase vorne. Denn was mir persönlich bei Mellors nicht so gut gefallen hat, waren die meiner Meinung nach unnötig auserzählten Nebenplots.
Warum mich der Roman zum Schluss dennoch überzeugt hat? Here we go...

Das erste Kapitel habe ich sofort geliebt. Die Stimmung, das Anfangsgespräch zwischen den Protagonist*innen Cleo und Frank, die charmante Auflösung des Buchtitels direkt zu Beginn. Alles hat gepasst.
Doch dann wurde es mit den nächsten paar Kapiteln plötzlich nicht mehr so schön. Wie bereits erwähnt, haben mich die Nebenplots, bis auf Eleanor, wohl am meisten gestört. Für mich waren sie eher unnötige Lückenfüller, die den Freundeskreis einfach nur unheimlich unsympathisch haben wirken lassen. Mir persönlich hätten die Informationen auch in einigen Nebensätzen gereicht.
Zudem habe ich mich anfangs sehr an dem inflationären Konsum von Drogen und Alkohol gestört. Hier muss ich allerdings sagen, dass die Thematik zum Ende hin besser reflektiert und auch kritisiert wird. Ich möchte nicht zu viel vorwegnehmen, aber die Suchtproblematik wird durchaus behandelt, wenn auch noch in einem light-modus.

Ab der Mitte wird der Fokus dann wieder verstärkt auf Cleo und Frank gelegt. Zwar weiterhin aus unterschiedlichen Perspektiven und Blickwinkeln, aber wir bekommen eine Ahnung, wie die Beziehung verläuft. Es wird romantisch, tragisch, lustig, traurig und herzzerreißend. 
Dabei geht der Roman mit allen Aspekten zunächst eher sachlich um. Die Beschreibungen wirken nüchtern. Vielleicht auch, weil beide Figuren, die Entscheidung zusammenzukommen und auch zu bleiben, ebenfalls relativ nüchtern getroffen haben. Dennoch habe ich stets mit beiden mitgefiebert, habe gehofft, dass sie das Glück, das sie suchen, finden werden.



Cleo und Frank waren über den gesamten Roman hinweg für mich wie der Prozess beim Tauziehen. Mal fühlte ich mehr mit ihr, mal mit ihm. Ich war hinundhergerissen. Und das trotz seiner Eskapaden, seiner Probleme und seines (teilweise) unmöglichen Verhaltens. Doch auch Cleo wird zunehmend komplexer als Figur, trifft Entscheidungen, die man nicht wirklich versteht und handelt, als gäbe es für niemanden Konsequenzen. 
Das Magische an dem Roman ist dabei, dass er eben so sachlich und doch ergreifend ist. Zwischen den Zeilen offenbart sich nämlich ein Abgrund, der beide zu verschlingen droht. Und so ist "Cleopatra und Frankenstein" zwar natürlich eine Art Liebesroman, aber auch eine Geschichte über das, was man sich wünscht, aber nicht haben kann. Etwas, ein Glück, das für andere Personen vorgesehen ist. 

Es geht um Beziehungen, die sich heilen, aber ebenso auch schaden können. Es geht um die Hoffnung, etwas reparieren zu können, aber auch um die Akzeptanz, dass nicht immer alles wie im Bilderbuch endet. 
Mit diesem Gefühl und dem Wissen darüber habe ich das Buch geschlossen und danach wirklich einen Seufzer rausgelassen. Denn diese Suche nach Liebe, Geborgenheit und vor allem Familie ist eine stetige, für so viele Menschen auf der Welt. Und dieser Roman bringt dies letztendlich wirklich gut rüber.



„Man konnte noch so talentiert, engagiert und beharrlich sein, man konnte noch so viel Glück haben und trotzdem keinen Erfolg oder, wenn doch, nicht dauerhaft. Wie furchtbar demotivierend es war, niemals etwas zu erreichen, was deinem Talent entsprach, niemals angemessen für deine Mühen bezahlt zu werden.“ 
- S.490


Fazit

Anfangs noch eher durch - für mich- unnötige Nebenplots gebremst, entpuppte sich der Roman für mich zum Ende hin zu einer wirklich gefühlvollen Geschichte, die viel bereithält. Zwar werden einige schwierige Inhalte eher schwächer kritisiert, aber sie sind ein wichtiger Teil der Reflektion und Aufarbeitung problematischen Verhaltens.
Insgesamt werde ich Cleo und Frank doch vermissen. Und auch beim Tippen der Rezension, merke ich, dass sie mich zum Schluss mehr berührt haben, als ich anfangs vermutet habe. Um zum Anfang zurückzukommen: Besser als Sally Rooney? Ich würde sagen, ähnlich, aber doch eigen. Eine Serienadaption, wie von "Normal People" könnte ich mir hier aber ebenfalls gut vorstellen.




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"Ein simpler Eingriff" von Yael Inokai: Deutscher Buchpreis 2022

Oktober 02, 2022

Werbung ~ Rezensionsexemplar 

Mein Patenbuch zum Deutschen Buchpreis 2022 ist mit seinen 187 Seiten recht schlank, inhaltlich aber durchaus gut gefüllt.

Der Hanser Verlag, bei dem der Roman erschienen ist, beschreibt die Geschichte wie folgt:
Ein neuartiger Eingriff soll Frauen von ihren psychischen Leiden befreien. Doch ist das menschenwürdig? Eine Geschichte von Emanzipation, Liebe und Empathie.
Meret ist Krankenschwester. Die Klinik ist ihr Zuhause, ihre Uniform trägt sie mit Stolz, schließlich kennt die Menschen in ihrem Leiden niemand so gut wie sie. Bis eines Tages ein neuartiger Eingriff entwickelt wird, der vor allem Frauen von psychischen Leiden befreien soll. Die Nachwirkungen des Eingriffs können schmerzhaft sein, aber danach fängt die Heilung an. Daran hält Meret fest, auch wenn ihr langsam erste Zweifel kommen.
„Ein simpler Eingriff“ ist nicht nur die Geschichte einer jungen Frau, die in einer Welt starrer Hierarchien und entmenschlichter Patientinnen ihren Glauben an die Macht der Medizin verliert. Es ist auch die intensive Heraufbeschwörung einer Liebe mit ganz eigenen Gesetzen. Denn Meret verliebt sich in eine andere Krankenschwester. Und überschreitet damit eine unsichtbare Grenze


Der Fokus liegt durchaus verstärkt auf der langsam einsetzenden Skepsis des Eingriffs gegenüber sowie der sich entwickelnden Freundschaft und Liebe beider Krankenschwestern. Darüber hinaus enthielt der Roman für mich aber noch viele kleine Zwischentöne, welche die Geschichte zusätzlich spannend und packend machen.
 
 
„Marianne hätte sein Schlüssel sein sollen, sagte eine der älteren Schwestern.
Schlüssel zu was? 
Zu Geld.“ 
- S.130



Der Roman geht bei den beschriebenen Eingriffen kaum ins Detail, dennoch erfährt man, wie die ganze Prozedur aussieht und welche Absichten die "Heilung" verfolgen soll. Natürlich wird schnell deutlich, dass die Ärzte ganz anderen Absichten nachgehen, als die bloße Hilfe anzubieten, Frauen ein sogenanntes "normales" Leben zu ermöglichen. Medizin (und Krankenhäuser) als Geldquelle und als Institution, die Menschen für eigene Zwecke missbraucht, ist nichts Neues, wird hier aber gekonnt verpackt. Für mich war diese Offenbarung dessen so gut getroffen, da es sich nach und nach hochschaukelt und Leser*innen das Gefühl haben, ein Anfangsstadium dieses Verhaltens zu beobachten.

Wir folgen der liebenswürdigen Krankenschwester und ihrer anfangs doch naiven Einstellung und enden bei einem Ausbruch aus dem System. Bezeichnend war für mich immer wieder die angedeutete Ungleichheit zwischen Männern und den scheinbar kranken Frauen. So müssen die Ausbrüche der Patientinnen sofort geheilt und behoben werden, die der Männer, sogar die der leitenden Ärzte hingegen, wird als Ausdruck ihrer Arbeitsintensivität hingenommen.
Für mich sorgt der Roman dabei für eine weitere Ebene einer Erzählung, die vielleicht auf den ersten Blick unter dem Radar fliegt, aber dennoch präsent ist. Besonders in der Retrospektive scheinen diese kleinen Einschübe, die manchmal sogar schon ganz unterhaltsam wirkten, eine ganz eigene Macht und Schwere in sich zu tragen. Ich persönlich habe die Art der Erzählung daher sehr genossen, weil die Leser*innen auch zwischen den Zeilen viel offenbart bekommen. 

Es ist angesichts der Thematik nicht verwunderlich, dass der Roman einen nicht wirklich glücklich zurücklässt, dennoch gibt es durch die besondere Verbindung zwischen Meret und Sarah diesen einen Hoffnungsschimmer, den das Buch sicherlich braucht. Die Erzählungen aus dem sterilen, eher kalten Krankenhaus bilden mit der Zeit einen sehr starken Kontrast zu den lebhaften Episoden der Beziehung. 


„Hoffnung ist gefährlich. Ich hatte schon erlebt, wie sie Menschen letzten Endes in die Verzweiflung trieb. Trotzdem gab es keine Alternative zu ihr. Nicht auf meiner Station. Die Medizin stand schließlich auf den Schultern der Hoffnung. Ich musste sie immer wachhalten, egal, wie aussichtslos die Lage war.“ 
- S.154


Ich muss zugeben, dass ich verwundert war, wie kompakt der Roman ist und dabei gleichzeitig das Gefühl erweckt, man lese mehrere Romane gleichzeitig. Anfangs haben mich die Einschübe, die sich außerhalb des Krankenhauses abspielen, nicht gänzlich interessiert. Ich wollte eher der Frage nach diesen Eingriffen auf den Grund gehen. Mit jedem zusätzlichen Kapitel jedoch, gefielen sie mir immer mehr, weil sie das angedeutete Gegenstück bilden. In ihnen findet sich so viel über Familie, Freundschaft, Liebe, Verantwortungsgefühl und die Wünsche an das Leben, dass die Geschichte dadurch sehr viel Nahbarkeit gewinnt. Oftmals fallen Sätze, die man erst einmal so annimmt, die mich aber im Nachhinein mehr beschäftigt haben als gedacht. Zum Beispiel wenn Meret von einem Ereignis erzählt, in dem sie ihre eigene Rolle als Tochter realisiert und sagt: "Ich war eine Tochter. Ich war mir sicher gewesen, ich würde das immer bleiben, es gäbe kein Leben, in dem ich das nicht mehr war."

Für mich sind solche Gedanken in Romanen immer ein Punkt, an dem ich kurz innehalte und hinterfrage, was ich aus diesen Aussagen mitnehmen kann, wie sie sich auf mich auswirken und wie sich mein Verhältnis dadurch auch zum Text selbst erneut verändert. Hier haben sie mir doch einen ganz guten Aufschluss darüber gegeben, wie ich Meret zusätzlich charakterisieren kann, ohne dass dies auf weiteren zweihundert Seiten dargelegt wird. Mir gefiel diese Art der Verdeutlichung daher sehr.

  

So hat mir der Roman insgesamt gefallen: Es ist schwierig, dem Buch in seiner Gänze mit einigen Sätzen gerecht zu werden. Er bietet so viele Themen, Blickpunkte, Gefühle, Beziehungen, die vielleicht anfangs zu knapp zusammengefasst scheinen, für mich jedoch wunderbar umgesetzt wurden.
Die Problematik mit den Eingriffen, um das "Leiden der Frau" zu heilen, wird nicht zum Geheimnis gemacht. Man erkennt relativ schnell, worauf dies abzielt und welche moralischen Verflechtungen damit einhergehen. Dabei stehen die Ansichten der Krankenschwestern zunächst denen der Ärzte und schließlich auch denen der Familienmitglieder der Patientinnen gegenüber. Auch hier war dies für mich gut gelöst, da es stets im Einklang und Bezug zur Protagonistin gesetzt wird.
Die Kritik an der Stellung und Behandlung der Frau im Gegensatz zum Mann wird hier ebenfalls stark hervorgehoben, wenn auch letztlich vielleicht gar nicht so permanent in den Vordergrund gerückt, wie die Entwicklung der Figur Meret, der Beziehung zu Sarah und dem sich steigenden Impuls ausbrechen zu wollen.

Für mich daher ein würdiger Longlist-Titel für den Deutschen Buchpreis 2022. Ich hätte ihn gerne auch auf der Shortlist oder ihn sogar als Sieger gesehen. Umso glücklicher bin ich aber, dass ich diesen Roman durch meine Patenschaft entdecken und lieben lernen konnte.




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