Kategorie: Non-Fiction
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Recent Reads: 3 x Sachbücher

Juni 27, 2023


Superbösewichte, Monster und ihre Fans & unsympathische Frauenfiguren 

Bücher aus dem Bereich Non-Fiction sind vielleicht nicht unbedingt das Lieblingsgenre vieler Leser*innen. Kann ich ein wenig nachvollziehen, da ich auch schon zu vielen gegriffen habe, die einfach so langweilig waren, dass ich mir im Nachhinein nicht einmal eine Handvoll interessanter Fakten merken konnte. Wozu also Zeit verschwenden, wenn man nicht einmal das Gefühl hat, sich damit weiterzubilden?

In letzter Zeit jedoch hat mich wieder die Neugier gepackt. Hier und da tauchten plötzlich Sachbücher auf, die mich wirklich angesprochen haben. Drei habe ich exemplarisch in die engere Auswahl genommen: 

  • "How to Take Over the World - Practical schemes and scientific solutions for the aspiring supervillain" von Ryan North
  • "Monsters - A Fan´s Dilemma" von Claire Dederer
  • "Unlikeable Female Characters - The Women Pop Culture Wants You to Hate" von Anna Bogutskaya (dt. Übersetzung: "Genie oder Monster", erscheint am 02.11.2023 bei Piper)

Überraschenderweise hat sich aufgrund der Lesereihenfolge ein ganz schöner roter Faden ergeben. Werfen wir also mal einen näheren Blick auf die einzelnen Themen und die Umsetzung.



„In 1967, the first corpse was frozen with the explizit goal of revival, and since then many more humans have been freezing some or all of their bodies in hope that, at some point in the future when there´s a cure for whatever they died of, they will be thawed out, restored to life, and cured. It´s worth stressing out that cryonics is absolutely not a plan for immortality.“ 
- "How to Take Over the World" von Ryan North, S.235


 

Die Pläne eines Superbösewichts...

 
...auf wissenschaftlicher Basis! Als ich das Buch "How to Take Over the World" von Ryan North entdeckt habe, war ich zunächst etwas skeptisch. Wissenschaftliche Lösung, um die Weltherrschaft zu übernehmen? Brauch ich das? Aber mein innerer Superhelden-Liebhaberinnen-Impuls sagte sofort: Ja!

Der Autor selbst hat bereits an Marvel-Comics mitgearbeitet, daher hatte ich durchaus den Wunsch, dass er in diesem Buch seine Erkenntnisse mit den Bezügen zu den uns bekannten Superschurken verbindet und so einige schöne Referenzen bereithält.
Am Anfang oder auch in kleineren Nebensätzen fielen tatsächlich einige Anspielungen an Thanos oder andere Bösewichte, allerdings deutlich weniger, als erhofft. 
 
Nichtsdestotrotz hatte ich erstaunlicherweise viel Spaß mit den theoretischen Ideen rund um eine Weltherrschaft.
Ich würde jedoch allen davon abraten, die es wirklich gar nicht wissenschaftlich mögen. Zwar werden immer mal wieder kleine Infoboxen eingebaut, die nette und kuriose Geschichten aufgreifen, der Rest jedoch geht wirklich sehr ins Detail, was das Wetter, Wohnlandschaften, das Universum, das Internet oder Ähnliches betrifft. Eine Kostenkalkulation ist aber ebenfalls dabei (kleiner Spoiler: paar Millionen/ Milliarden braucht man schon)!
North versucht seine Ideen mit einem kleinen Augenzwinkern zu versehen und ist sicherlich im Ton aufregender und unterhaltsamer als manch andere Bücher zu den Themen wie Umwelt, Klima, Ressourcennutzung etc. dennoch habe ich mich hin und wieder dabei ertappt, wie ich schnell über einige Kapitel hinweggelesen habe. Lag aber auch teilweise daran, dass ich bei diesen Dingen schon mehr darüber wusste und es nichts Neues war.
Spannend fand ich, dass ein Experiment beschrieben wurde, das sehr stark an T. C. Boyles "The Terranauts" (dt. Übersetzung: "Die Terranauten // erschienen bei Hanser) erinnerte. Ich kann mich nicht daran erinnern, davon gewusst zu haben, umso erstaunter war ich als ich an das Buch zurückgedacht habe. Hat mich definitiv zu einem Reread angeregt.

Ganz schön fand ich zudem die vielen Zeichnungen, welche die Ideen noch einmal visuell umsetzen. 

 

 


Darf ich noch Fan von xy sein?

Wie sagt man so schön, mein most anticipated read war sicherlich "Monsters - A Fan´s Dilemma" von Claire Dederer. Nach all den Skandalen, Machtmissbrauchen und auch jüngsten Ereignissen, fragen sich immer mehr Leute, ob es überhaupt noch okay ist, Fan von etwas zu sein, das ein "Monster" geschaffen hat. Gibt es darauf eine Antwort? Wenn ja, wie nähert man sich ihr? Dieses Buch hier versucht der Frage ein wenig auf den Grund zu gehen.

Meine Einstellung zu dem Thema war eigentlich ziemlich gefestigt, als ich das Buch gesehen habe. Ich kann mich ziemlich einfach von Dingen losreißen, von denen ich weiß, dass ein Mensch sie geschaffen hat, der übel ist.
Ich würde behaupten, dass ich soweit gefestigt bin, dass ich zwar meine Lieblingskünstler*innen, - Bands, Schauspieler*innen habe und sich dies sicherlich teilweise auf meinen Charakter ausübt, ich aber kein Problem damit habe, diese loszulassen und mir neue, "gute" Inspirationen zu suchen.
Als ich jedoch den Klappentext gelesen habe und an die "großen" Schriftsteller gedacht habe, die ich selbst noch im Bücherregal stehen habe, bei denen deren Vergangenheit weiterhin toleriert wird, weil "Weltliteratur" (Fitzgerald, Hemingway), musste ich mir eingestehen, dass es nicht in allen Fällen so einfach ist. Wollen wir also irgendwie die "Erlaubnis" von jemandem bekommen, zum Beispiel der Autorin dieses Buches, das es okay ist, die Kunst zu mögen? 

Schwieriges Thema, aber here we go.

Der Anfang: Fakten, Hintergrundinfos und die Ausgangsfragen

Das Buch beginnt wirklich direkt, scharfzüngig und mit glasklaren Fakten. So trägt das erste Kapitel den Titel "The Child Rapist" und ist Roman Polanski gewidmet. Mich hat diese erste Überschrift direkt damit konfrontiert, dass es hier nicht um kleine Bagatellen geht, sondern die beschriebenen Probleme wirklich schwerwiegend sind.
Es werden zunächst Fragen aufgeworfen, um sich selbst zu hinterfragen und die eigene Einstellung zu überprüfen. Ist es okay, wenn man zum Beispiel die Filme von Polanski oder Woody Allen zum Beispiel schaut, wenn sie zufällig im Fernsehen/ bei Freunden liefen? Würdet ihr es schauen? Was für Überlegungen finden zwischen dem Gedanken an den Film und den Taten der Künstler, von denen man nun weiß, statt?

 
Ich habe mir in der ersten Hälfte sehr viele Stellen gemerkt, die ich wichtig fand und die auch das widerspiegeln, was unsere Gesellschaft derzeit so beschäftigt. Wieso werden diese Dinge zugelassen? Warum werden die "männlichen Monster" nicht also solche, sondern als "Genies" gesehen?
Für diese Betrachtungsweisen gibt es durchaus gute Aufschlüsselungen und soziale, psychologische Erklärungen, doch die Frage danach, ob man die Dinge selbst weiterhin gut finden darf, bleibt erst einmal offen. Dederer nähert sich vielen Geschehnissen mit Fragen, gibt einige persönliche Standpunkte preis und zeigt durchaus, dass sie in vielen Situationen zwei Mal darüber nachdenkt. Unterstützt man das Verhalten der Männer damit weiterhin? 


Die Persönlichkeit und das Fandom

Ich glaube, es ist nicht schwierig, sich vorzustellen, dass man beim Lesen eine gewisse Wut auf diese (zunächst) Männer verspürt. Sie baden in Ruhm, Reichtum und Bewunderung und Hinterlassen in Schlachtfeld von (meist) zerbrochenen Frauen.
Umso schwieriger fiel es mir als Leser*in zu verstehen, warum viele ihre Persönlichkeit mit etwas so Kritischem verankern möchten und nicht loslassen können. Erstaunlicherweise hatte ich an einigen Stellen das Gefühl, dass sich die Autorin selbst ein wenig in Ausflüchte sucht, um diesen Teil ihrer Persönlichkeit, der zum Beispiel die Filme von Polanski als großartig ansieht, nicht missen zu müssen.
Verliert man wirklich einen Teil von sich, wenn man sich einfach etwas Besserem zuwendet? Ich verstehe den Impuls etwas schützen zu wollen, was einen lange Zeit begleitet hat, aber für mich steht es einfach nicht über allem. Und besonders nicht über dem Schutz anderer und der Glorifizierung von Menschen, die anderen Schaden zufügen. 

Die Fandoms, die Bewunderung wird zunehmend aus dem psychologischen Blickwinkel betrachtet. Dederer zeigt dabei auf, dass dies als Kollektive Entscheidung und persönliche Entscheidung, etwas gut zu finden, geschieht. Wir fühlen uns zu etwas dunklem an den Personen und deren Werken hingezogen vs. ich fühle mich dazu hingezogen.

 

Die persönliche Verflechtung der Autorin: Gibt es eine Antwort?

Das Buch entwickelt sich ab der Hälfte plötzlich in eine andere Richtung. Nun greift Dederer auch das Fehlverhalten von Frauen(-charakteren) auf und setzt sie als Gegenstück ein. Deutlich wird, dass sie durchaus dafür einsteht, dass Frauen das gleiche Recht haben, selbstbestimmt zu leben und sich von gesellschaftlichen Normen zu lösen.
Für mich war hier ein Drift zu spüren, der etwas merkwürdig war. Natürlich, Frauen und ihre "Monstrosität" wird oftmals unverhältnismäßig ganz anders wahrgenommen, aber das "Loslassen" der Familie ist für mich noch einmal etwas ganz anderes, als Kinder zu missbrauchen. Mit zunehmenden Seiten wurde mir aber plötzlich klar, worauf die Autorin hinauswill. Sie wird sehr persönlich, schreibt über ihre eigenen Fehler. Und ja, es schien mir, als wolle sie ihre eigene Absolution und Regeneration als "gute Mutter" mit dem Buch manifestieren. Sich selbst von ihren eigenen Fehlern, die sie nun als "monströs" ansieht wieder wettmachen.
Das mag durchaus legitim sein, es ist ja ihr Buch, allerdings verfehlt das Ende für mich deutlich das Ziel der Ausgangsprämisse. 

Plötzlich ist das Ende nach der Auflistung der Taten der Männer (und nun auch Frauen - Virgina Woolfs Antisemitische Aussagen zum Beispiel, von denen ich bisher nichts wusste), ziemlich abrupt und mündet in einer komischen "Wenn man etwas liebt, fällt es schwer sich davon zu trennen"-Rede. Auch hier sage ich: Natürlich! Aber für mich wurden damit alle Taten über Bord geworfen und es bleibt jedem weiterhin selbst überlassen, was man mit den Infos macht (niemand kann einem die Entscheidung abnehmen, aber das eigene Pflichtbewusstsein kam abhanden). Eine kurze Verknüpfung zum Patriachat, Konsum und Kapitalismus wurde noch gezogen, aber zu wenig detailliert.
Die Anfangskapitel, die vielen Bezüge zur Kunst, Film, Büchern, das Thema an sich und die wichtigen Fragen und vor allem die laute Kritik an dem Fehlverhalten der Männer und der Gesellschaft, dass es toleriert wird, sind ein guter Bestandteil des Buches und absolut lesenswert.
Ich habe nicht erwartet, dass man eine wirkliche ja oder nein Antwort auf die Ausgangsfrage erhält, aber das Endkapitel war für mich doch irgendwie eine Enttäuschung. 

 

 

„I wished someone would invent an online calculator-the user would enter the name of an artist, whereupon the calculator would assess the heinousness of the crime versus the greatness of the art and spit out a verdict: you could or could not consume the work of this artist.“ 
- "Monsters" von Claire Dederer, S.9



Do you like me now?


Mein letztes Buch "Unlikeable Female Characters" von Anna Bogutskaya bildet nun ein perfektes Ende. Nachdem wir erst einen Blick auf mögliche Bösewichtsszenarien geworfen haben, die niemandem wirklich schaden, uns dann zu den wirklichen Monstern der Gesellschaft vorgearbeitet haben, sind wir nun zu Besuch bei den beliebtesten nicht-beliebten Frauenfiguren aus der Popkultur!

Der Ton hier ist entspannter, der Inhalt und die Wichtigkeit der Thematik büßen aber nicht ein. Bogutskaya stellt anhand vieler Beispiele heraus, warum Frauen, wenn sie laut, egoistisch und auch stark sind, in der medialen Welt eher nicht gemocht werden und als "unlikeable" gelten.
Von beliebten Serien wie "How to Get Away with Murder", über "Mean Girls", bis hin zu "Cruel Intentions" (dt. "Eiskalte Engel). Hier wird aufs Ganze gegangen.

Ich fand es sehr spannend, interessant und unfassbar informativ. Viele Entstehungsgeschichten oder Gespräche in Interviews zu bestimmten Figuren waren mir nicht bekannt und die Aufschlüsselung der Rezeption der "weiblichen Charaktere" war packend.
Auch hier spielt die Gegenüberstellung zwischen der männlichen (dominierenden) und der weiblichen (sich beugenden) Darstellung eine große Rolle. Zudem wird unsere alte Sichtweise (binär), zumindest an einigen kleineren Stellen, durch neue Ansichten und Erweiterungen ergänzt. Der Einfluss unserer gesellschaftlichen Entwicklung wird daher nicht außer Acht gelassen.
Allein die Betrachtung der Begrifflichkeiten (viele Tabus wie: Slut, bitch, psycho, crazy woman) und der damit einhergehenden Charakterisierung ist sehr lesenswert und wird auch hier gekonnt aus einem kritischen Blickwinkel betrachtet.

Man sollte sich jedoch bewusst sein, dass hier durchaus ins Detail gegangen wird, was die jeweiligen Filme betrifft. Wenn man die Filme schon kennt, macht das nicht viel aus, bei einigen wird man aber doch stark gespoilert.
Wer das lieber vermeiden will, kann sich aber erst die Filme ansehen und dann das Buch lesen. Eine "Watch List" ist nämlich ebenfalls angehängt.


„Anger is a difficult emotion to tolerate because it´s not pretty, and being pretty is the primary expectation of women onscreen. If it´s directionless and it reinforces the idea that women are functionally incapable of managing their emotions, if it´s directed at one specific person, it´s a 'her' problem.“ 
- "Unlikeable Female Characters" von Anna Bogutskaya, S.148

 

 

Welche Bücher haben mich überzeugt? 

 
Letztlich habe ich durch jedes Buch neue Erkenntnisse und Sichtweisen kennengelernt, die ich zu schätzen weiß.
Daher würde ich wirklich alle Bücher empfehlen. Abzüge würde ich bei "How to Take over the World" machen, da es an einigen Stellen sehr theoretisch und detailreich wird. Ebenfalls nicht ganz gut umgesetzt fand ich bei "Monsters", dass die eigentliche Ausgangsfrage zum Schluss merkwürdig verschoben beziehungsweise abgewälzt wird. Schade, denn ansonsten greift das Buch wirklich wichtige, gute und richtige Punkte auf.
"Unlikeable Female Characters" war für mich ein Volltreffer. Eine Ansammlung an tollen Charakterisierungen und reichlich Filmtipps.
 

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Confessions of a Bookseller von Shaun Bythell

Juli 26, 2020

(Original: "Confessions of a Bookseller"/ 2019) Penguin Vitae Series, Übersetzer/in: -, ★★★(☆)☆ 3,5 Sterne
Shaun Bythell ist der Inhaber des größten Second-Hand-Buchladens in Schottland. In dieser Fortsetzung zu seinem Bestseller "Tagebuch eines Buchhändlers" enthüllt er weitere spannende Einblicke in seinen Alltag und die Wahrheit darüber, dass es nicht so idyllisch ist, ein Buchhändler zu sein, wie es viele vermuten. 
Er muss sich mit Kunden herumschlagen, die scheinbar nicht wissen, was ein Geschäft ist, hat eine Dauerauseinandersetzung mit Amazon und wird auch von seinen Mitarbeitern öfters eher veräppelt als ernst genommen.

Davon erzählt er durch scharfe Beobachtungen, aber auch mit scharfzüngigem Humor.
Band 1: "Diary of a Bookseller" (dt. "Tagebuch eines Buchhändlers"). 
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"Two elderly customers came in at 11 a.m. and left after five minutes, saying 'Eeeh, you could spend all day in here, couldn´t you?'  Well, apparently not."  S.76

Wenn ihr den ersten Teil von Shaun Bythells Alltagserlebnissen kennt, wisst ihr eigentlich genau, was ihr beim zweiten Teil erwarten könnt. Beide Bücher sind identisch aufgebaut, sodass wir auch hier ein ganzes Jahr im "The Bookshop" in Wigtown verbringen, den Kund'innen bei ihren meist unverschämten Fragen (und Shauns meist umso ironischeren Antworten) lauschen, die Feste rund um Bücher in Schottland mitverfolgen und herausfinden, inwieweit sich das Personal verändert.

"Busy day in the shop: two French couples - none of whom appeared to speak a word of English - bought 40 Pounds worth of books, all in English."  S. 22

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich ein klein wenig enttäuscht vom zweiten Band war, auch wenn ich genau wusste, was kommen wird. Ganz zu Beginn war ich euphorisch und habe mich sehr auf die Einträge gefreut. Die beschriebene Atmosphäre, die ganz eigene Art der erwähnten Personen, Captain - die Buchhandlungskatze, die Buchhandlung und die Stadt selbst. All das mochte ich auch hier wieder, aber ab der Mitte war ich manchmal mit einigen "witzigen Bemerkungen" überfordert. Ich wusste, dass es nicht böse gemeint war und auch der Autor selbst hat es meist kurz darauf relativiert, aber irgendwie hatte ich ein etwas merkwürdigeres Gefühl beim Lesen, als im ersten Teil.

Nichtsdestotrotz gibt es hier wieder wahnsinnig viele Buchtipps zu entdecken, die man sich gerne notiert und auch die Preiseinschätzungen zu "beliebten und seltenen / wertvollen" Büchern habe ich unfassbar gerne gelesen. Ebenso gefielen mir die Touren, die beschrieben werden, in denen die neuen Bücher eingekauft werden, die Beschreibungen, was sich im "Bookshop" so alles verändert und auch die Sticheleien gegen Amazon sind amüsant.
Daher würde ich schon sagen, dass es wie im ersten Band unterhaltsam zugeht. Ich war diesmal lediglich viel empfindsamer, was einige Witze betrifft. Leider kann ich nun nicht mehr beurteilen, ob ich im ersten Teil zu schnell über so etwas hinweggelesen habe oder ob es auf die Spitze getrieben wurde. Insgesamt aber war ich wieder mehr als gerne Besucherin in dem Second-Hand-Buchladen, wo alles möglich scheint.


Hier erwartet die Leser*innen ein weiteres, ereignisreiches, chaotisches, aber sehr unterhaltsames und bücherreiches Jahr in Wigtown. Bythells ironische Bemerkungen haben mich oft schmunzeln lassen, einige Male aber schien er mir übers Ziel hinauszuschießen. Dennoch mochte ich die gesamte Beschreibung des Ortes, der Feste und der Buchhandlung selbst und war traurig, als das Jahr zu Ende ging.

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Penguin Vitae Series

Juni 05, 2020

Es gibt eine neue Penguin Classics Reihe. Dieses Mal findet man dort allerdings nicht die üblichen Verdächtigen wie "Jane Eyre" oder "Pride & Prejudice", sondern Stimmen, die bisher viel zu wenig Beachtung geschenkt bekommen haben.

Die Reihe nennt sich Penguin Vitae Series und besteht derzeit aus 5 Hardcover Titeln, Weitere 5 folgen im Herbst / Winter.
Zwar kennt man durchaus schon die beiden Klassiker "The Yellow Wall-Paper" von Charlotte Perkins Gilman und "The Awakening" von Kate Chopin, die restlichen drei sind dafür aber endlich mal verdient in einer solchen Reihe vertreten.
Wie der Name vielleicht schon vermuten lässt, geht es in den Büchern primär darum, einen Lebenslauf in den Fokus zu stellen. Dabei decken die Bücher beides ab, Fiction und Non-Fiction. Allen Texten geht ein Vorwort bekannter AutorInnen voran.

Welche Titel genau in der Box (die Titel kann man auch einzeln kaufen) zu finden sind und worum es darin geht, erfahrt ihr im Folgenden:

  • "The Awakening and Selected Stories" von Kate Chopin: Es geht um die bahnbrechende Beschreibung einer Frau, die sich gegen die Erwartungen der Gesellschaft stellt, um ihre eigenen Wünsche und Sehnsüchte zu erreichen. Mit einem Vorwort von Claire Waye Watkins, Autorin des Romans "Gold Ruhm Zitrus". Ergänzt wird die bekannteste Erzählung durch weitere kurze Geschichten von Chopin
  • "Passing" von Nella Parsen: Ein Grund, weshalb ich mir die Box geholt habe, ist tatsächlich dieses Buch. Es soll eine kraftvolle, mitreißende und ergreifende Geschichte über die eigene Identität sein. Der Fokus liegt hier aber gezielt darauf, dass sich die Figuren mit dem Rassismus, der ihnen entgegengebracht wird, auseinandersetzen müssen. Dabei wird es zu einem Spiel, beinahe einer Maskerade der ProtagonistInnen, sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen. 
  • "Before Night Falls" von Reinaldo Arenas: Dieses Buch gilt als gefeiertes Memoire eines homosexuellen kubanischen Schriftstellers, der uns sein turbulentes Leben darlegt und gleichzeitig stark politische Meinungen zum kommunistischen Regime äußert. Tatsächlich habe ich hierzu schon vorher einige Meinungen gelesen, die dem Geschriebenen etwas skeptisch gegenüberstanden, da es eventuell etwas überspitzt oder unrealistisch klang (?). Aber ich werde versuchen unbefangen an die Memoiren heranzugehen, erwarte aber, dass die Schilderungen nicht ganz ohne sein werden.
  • "Sister Outsider" von Audre Lorde ist ebenfalls ein Grund für den Kauf der Box. Das Buch versammelt fünfzehn Essays und Reden der Autorin zu den Themen Sexismus, Rassismus, Homophobie, Altersdiskriminierung und den Unterschieden der Gesellschaftsschichten. 
  • "The Yellow Wall-Paper and Selected Writing" von Charlotte Perkins Gilman: Ebenfalls eine Sammlung der "Best ofs". Wundervoll boshaft und mit einer klugen, humorvollen Art sollen diese Erzählungen die Frustration vieler Bürger zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA veranschaulichen. Der wohl bekannteste Text "The Yellow Wall-Paper" von Gilman beschäftigt sich mit dem mentalen Zusammenbruch einer Frau, welche beinahe schon für Gänsehaut sorgt.
Ich bin zurzeit zwar durchaus in Leselaune, aber angesichts der wieder einmal (!) schrecklichen Ereignisse in den USA, kommt es mir irgendwie falsch vor, einfach freudig über ganz andere Themen zu reden. Daher werde ich mich nun erst einmal mit "Passing" und "Sister Outsider" beschäftigen und selbst einiges dazulernen, was diese Themen betrifft. Es ist zwar überhaupt nicht genug, den Rassismus wegzulesen, aber ich wünschte, viel mehr würden sich mit dem Thema auseinandersetzen und zumindest versuchen die Situation zu verstehen und nicht Halbwahrheiten verbreiten, die die Weißen in Schutz nehmen sollen. Ich kann es auch nicht mehr mit ansehen, dass immer wieder solche Verbrechen begangen werden, man kurz bestürzt ist und dann alles vergessen wird und man weitermacht.


Daher auch an euch die Frage: Welche Bücher würdet ihr noch empfehlen, die das Thema Rassismus aufgreifen? (z.B. "Why I´m no longer talking to white people about race", "The Hate u Give" oder "How to be an Antiracist")

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Das langweiligste (Hör-)Buch der Welt?

September 18, 2019





Werbung ~ Rezensionsexemplare

"Alles, was Sie für einen erholsamen Schlaf niemals wissen müssen". So lautet der Untertitel des Buches von Prof. K. McCoy und Dr. Hardwick. Das Hörbuch hingegen trägt sogar den abgewandelten Titel "Na dann gute Nacht".
Ich muss natürlich gestehen, dass mich nicht unbedingt der Name neugierig gemacht hat, sondern das, an das Thema, wunderbar angelehnte Cover. Denn wer kennt nicht den Trick des Schäfchen Zählens, um besser einschlafen zu können. Im Inneren finden sich zusätzliche, kleine Illustrationen, die an das Schlafthema anlehnen oder die besonders einschläfernd wirken sollen. Aber sind die beiden Ausgabearten wirklich so langweilig, wie sie von sich selbst behaupten? Bleibt einem nichts anderes übrig als einzuschlafen?
Es folgt eine kleine Gegenüberstellung.

Das Buch
Nach einem kurzen Vorwort der Autoren soll quasi der Countdown bis zum Zeitpunkt des Einschlafens starten. So ist das zweite Kapitel eine Auflistung von Dingen, die bereits schläfrig machen, wenn man nur daran denkt. Einige dieser Dinge, wie das "Zusehen, wie Farbe trocknet" können durchaus ermüden, andere hingegen haben mich unfassbar schmunzeln lassen, wie zum Beispiel das "Schneckenwettrennen". Dadurch, dass natürlich jeder Leser / jede Leserin andere Assoziationen mit den Begriffen verbindet, kann es also doch durchaus sein, dass sie eher in die spannende, witzige, unterhaltsame Richtung gehen und man vorerst eher etwas wacher ist.
Es folgen aber gerne mal Kapitel mit dem Titel "Die Verwaltungsbürokratie des byzantinischen Reichs" oder einer Doppelseite, in der man einen "Ausreißer" finden soll, sprich eines der vielen kleinen Bilder, die sich von dem Rest abheben. Ehrlich gesagt habe ich bis heute keines der Ausreißer finden können. Da stellt man sich die Frage, ob es ihn überhaupt gibt. Da hilft wohl nur weitersuchen. das führt aber eindeutig dazu, dass man sehr schnell, sehr schläfrig wird. Ein Punkt also für das Buch.
Auch wenn einige Kapitel (wie die oben genannte Verwaltungsbürokratie) sehr langweilig scheinen, bin ich jemand, der sich dennoch für so etwas begeistern kann. Vielleicht liegt es daran, dass ich in jedem solcher Kapitel viele mögliche Quizfragen entdecke, sie mich an das bereits bekannte Buch "Unnützes Wissen" erinnern oder aber ich bin jemand, den langweilige Sachen einfach nicht zu stören scheinen.
Daher fand ich das Buch an sich auch nicht einschläfernd, sondern im Gegenteil recht unterhaltsam. Man merkt auch an vielen Stellen, dass das Buch genau das auch beabsichtigt, um nicht gänzlich als "verschwendet" angesehen zu werden. Oftmals schmunzelt man also, wenn besonders absurde Dinge erklärt werden oder sie nicht wirklich auf den Punkt zu kommen scheinen (wobei es für mich einfach nach hochgestochenen Wissenschaftstexten klang, die ja ebenfalls manchmal um sich selbst kreisen ohne etwas auszusagen).
Bei dem Buch ist es zudem natürlich sehr einfach, schnell mal etwas zu mogeln. Da überspringt man hier mal einen Absatz, da mal eine Seite und liest dann nur das, was einen tatsächlich interessiert, mit der eigenen "aufgeregten" Stimme im Kopf, die einen auch hier nicht sofort schlafen lässt. Ich muss aber durchaus zugeben, dass ich nach einigen Kapiteln, die ich pflichtbewusst hintereinander ohne Hektik gelesen habe, mehrfach gähnen musste.

"Untypische Erbsenschoten können zwischen zwei und zwanzig Erbsen enthalten" (aus dem Kapitel: Wie viele Erbsen enthält eine Schote?)

5 Lieblingskapitel aus dem Buch: 37 Namen für Schnee, Einige Sportstatistiken, Die belanglosesten Einträge in interessanten Tagebüchern, Eine kurze Geschichte der Sehprobentafel,  (absoluter Favorit, der gerne hätte länger sein können): Ein Katalog über widriger Wetterbedingungen in dem Roman Sturmhöhe von Emily Bronte

Das Hörbuch
Etwas anders sah es da mit dem Hörbuch aus. Hier fällt natürlich das Tricksen mit dem Vorblättern eher weg und auch die eigene Stimmlage, die sich durchaus spannender Stellen kann, als der Inhalt eigentlich ist, wird eliminiert.
Stattdessen liest uns der Schauspieler Bjarne Mädel in einer Gesamtlaufzeit von sage und schreibe 2 Stunden und 45 Minuten ausgewählte Kapitel vor. Und das in einer sehr schönen, monotonen, schläfrigen Tonlage.
Den zwei CDs liegt ein kleines Booklet bei, in dem man die Kapitel nachschauen kann und welches auch einige der Suchbilder aus dem Buch beinhaltet.

Ich bin ja persönlich kein großer Fan von Hörbüchern, weil ich sowieso immer abschweife und mich dann nicht mehr sonderlich auf den Inhalt konzentriere, aber dieses Hörbuch ist wirklich perfekt, wenn man einschlafen möchte. Die ersten paar Kapitel habe ich probehalber mit meinem Freund gehört, da er meist derjenige ist, der schon längst schläft, während ich hochinteressiert (und spät in die Nacht) die Fälle von Medical Detectives weitergucke.
Überraschenderweise kamen wir aber beide sehr schnell an den Punkt, an dem wir hätten direkt einschlafen können. Das liegt bei dem Hörbuch aber wirklich an der Kombination aus den sich oftmals langgezogenen, repetitiven und verschachtelten Sätzen einiger Kapitel und der sehr gelungenen Leseart von Bjarne Mädel. Ich musste an einigen Stellen aber ebenfalls schmunzeln, da man weiß, dass der Schauspieler auch herrlich ironisch sein kann und seine Erzählweise zu vielen selbstironischen Textpassagen passt. 

"'Rydw i´n diflannu' ist Walisisch für 'Ich schlummere ein'". (Aus dem Kapitel: "Schlaf: Ein kurzer Leitfaden für Reisende)

Was ist langweiliger? Ein kurzes Fazit
Beide Ausgabearten unterscheiden sich dahingehend, dass man beim Lesen des Buches, durch eigene Betonung und Versuche des Überspringens von Absätzen dazu tendiert, sich die interessantesten Dinge der langweiligen Inhalte herauszupicken. Wobei viele Fakten durchaus interessant und unterhaltsam sind, denn einiges kann man sich sicherlich als Quizwissen abspeichern.
Wer aber wirklich etwas zum Einschlafen sucht, derjenige/ diejenige wird im Buch selbst am schnellsten bei den Suchbildern fündig, ansonsten kommt er/ sie aber doch beim Hörbuch voll auf seine/ ihre Kosten. Hier beherrscht der Sprecher Bjarne Mädel das monotone Vorlesen so gut, dass man nicht lange braucht, um sich in den Schlaf zu hören. Ein kleines Lächeln zaubern dem Zuhörer/ Zuhörerin, dank kleiner ironischer Einschübe und des unterhaltsamen Untertons, aber beide Ausgabearten ins Gesicht.


Zu welcher Edition würdet ihr greifen? Buch oder Hörbuch? Interessieren euch die scheinbar langweiligen Fakten oder würdet ihr euch tatsächlich eher darüber freuen, wenn das Buch beim Einschlafen hilft?




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Tagebuch eines Buchhändlers von Shaun Bythell

August 13, 2019

Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "The Diary of a Bookseller"/ 2014) btb Verlag, Übersetzer/in: Eric Selland, ★★★★☆ 4 Sterne
"Wigtown, Schottland. The Bookshop, die größte Second-Hand-Buchhandlung des Landes, ist ein Paradies für Buchliebhaber. Die Bücherregale reichen bis zur Decke, die Regalböden hängen durch ob ihrer verführerischen Last. Es gibt alles, was das Herz begehrt. Was Sie als Kunde nicht sehen, sind die Probleme im Hintergrund, mit denen sich der Besitzer Shaun Bythell herumschlagen muss. In seinem »Tagebuch eines Buchhändlers« finden Sie alles: exzentrische Kunden, unhöfliche Angestellte und eine ständig leere Kasse, aber auch den Nervenkitzel eines unerwarteten antiquarischen Fundes und den Charme der Küstenkleinstadt Wigtown. Tauchen Sie ein in die Welt des Buchhandels und lassen Sie sich verzaubern!"
Video (Youtube): Vorstellung des "The Bookshop" in Wigtown
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"[Ein Kunde] wollte wissen, wie viel es kostet, und da ich mich gerade in großzügiger Laune befand, erwiderte ich: 'Sie können es für 2,50 Pfund haben.' Daraufhin ging er, wobei er vor sich hin murmelte: 'Das krieg ich auf Amazon billiger.' " S. 122 

"Höhepunkt des Tages war der Verkauf eines Buches mit dem Titel Donald McLeods Gloomy Memories aus dem Jahr 1892, das der Kunde bereits seit sechs Jahren gesucht hat." S. 381

Auf dem Buchcover sehen wir eine regnerische Szenerie vor einem Buchladen. Einem Buchladen, der gut besucht ist, der durchaus gefüllt scheint, der aber auch schon einige Spinnweben aufweisen kann. Vor dem Buchladen sehen wir, stehend zwischen zwei aus Stein gemeißelten Büchersäulen, den vermeintlichen Besitzer des Ladens. 
Wir springen zum Ende der broschierten Ausgabe und blicken auf eben diesen Mann, nun als Farbfotografie erkennbar und er kommt mit einer klaren Botschaft. 
Mit einem doch nüchternen, aber nicht unfreundlichen Blick steht er auch hier vor dem Buchladen. Er trägt eine Brille, ein weißes Shirt und ein kariertes Hemd. Doch das wohl prägnanteste: Seine weiße Tasse mit der Aufschrift: "Death to the Kindle" und damit meint er es ziemlich ernst. Darf ich vorstellen: Shaun Bythell, der Besitzer, des in Schottland größten Secondhand Buchladens "The Bookshop", vielen vielleicht bereits bekannt aus Jen Campbells "The Bookshop Book" oder aus eigenen Reisen in die Stadt Wigtown.
Dies sind seine persönlichen Aufzeichnungen aus dem Alltag eines Buchhändlers.

"Wenn jemand seinen Satz mit 'Ich will nicht unhöflich erscheinen, aber...' beginnt, gehen bei mir genauso die Alarmglocken an wie bei dem Satz 'Ich bin kein Rassist, aber...' Dabei ist es doch ganz einfach: Wenn man nicht unhöflich erscheinen will, sollte man auch nicht unhöflich sein. Und wenn man kein Rassist ist, sollte man sich auch nicht wie ein Rassist benehmen." S. 326

Eines sollte man vielleicht vorweg sagen. Vorsicht! Dieses Buch sprüht nur so vor Ironie und Sarkasmus und sehr häufig hat man das Gefühl, dass er den Kunden mit den Aussagen auf den Schlips tritt (oder sogar treten möchte). Manchmal war ich mir nicht ganz sicher, ob Bythell nicht zu sehr versucht scharfe Kommentare als witzigen Gag zu verkaufen. Das hat mir nicht so gut gefallen (zusammen mit seiner Liebe für das Angeln, da ich absolut kein Freund davon bin Fische aus Spaß zu fangen und zu essen). Liest man das Buch aber komplett und beachtet die Aussagen über die Kunden wirklich genau, so merkt man, dass Bythell damit auch oftmals ironisch auf sich selbst Bezug nimmt und sich dadurch auch selbst ein wenig auf die Schippe nimmt. Vor allem wenn es darum geht zu zeigen, wie verbittert, pessimistisch oder sarkastisch er durch seine Arbeit geworden ist. Auf vielen Ebenen entdeckt man hier also durchaus viele Verweise, die beiden Seiten den Spiegel vorhält, um die eigene Verhaltensweise zu hinterfragen - dies gilt auch für die schönen Seiten des Betriebs.
Sein wohl größter Feind und Gegner ist aber (wie bereits am Anfang erwähnt) die Idee des E-Books und der Kindle. Zur visuellen Klarstellung hat er sogar eines der Kindles zerstört und sozusagen als Trophäe (mit Messingschild!) in seinen Laden gehängt. Doch auch der Großkonzern Amazon wird hier systematisch niedergemacht - wohl gemerkt, durch gute Begründungen. Was leider dennoch nicht wirklich hilft (bis jetzt), da die Kunden die Plattform als zu angenehm und einfach empfinden, als darauf zu verzichten. So sieht er sich gezwungen mit ihnen zu kooperieren.
Und doch entdeckt man aber in dem ganzen Witz und der ganzen Ironie deutlich, dass ihm doch all seine Kunden (bis auf die, die ihm selbst keinen Respekt gegenüberbringen oder eben Amazon heißen) sehr wertschätzt und auch zugibt, dass er es trotz aller Ermüdung manchmal leid tut, dass er nicht nach den Geschichten hinter den Kunden gefragt hat. Das wird vielleicht besonders bei der Figur des Mr. Deacon deutlich.

"Ich muss wirklich aufhören, Kunden und Leute, die Bücher verkaufen, so abschätzig zu beurteilen." S. 242 

"Ich vermute, man kann mir viel vorwerfen, dass ich mir keine große Mühe gebe, viel über meine Kunden zu erfahren, aber ich bin nie unhöflich zu Kellnern, Kellnerinnen, Putzleuten oder Ladenverkäufern. Außerdem hoffe ich inbrünstig, dass ich noch nie jemanden wie einen Menschen zweiter Klasse behandelt habe, sondern nur die Unhöflichkeit zurückspiegle, mit der mir manchmal begegnet wird. [...] Auch wenn ich das Erscheinungsbild meiner Kunden genau beobachte und kommentiere, so sind es immer nur Beobachtungen - keine Aburteilungen. Zumindest meistens." S. 321f.

Was man als Leser dieses Buches bekommt, ist allerdings eine ganze Menge. Man kommt nicht umhin zu sagen, dass sich natürlich sehr vieles wiederholt. Es ist nun einmal ein Tagebuch, das den Alltag eines Buchhändlers darlegt. Das bedeutet, dass viele Aufgaben auch aus monotonen Arbeitsschritten während der Woche bestehen. Wer so etwas nicht aushalten kann, weil ihm repetitive Stellen eher unnötig erscheinen, der wird hier vielleicht etwas an Lesergenügen einbüßen. Ich persönlich fand es aber durchaus gelungen, da der Alltag so nicht beschönigt wurde. Manchmal ist das Leben in einem Antiquariat eben auch etwas langweiliger.
Paradoxerweise scheint es aber eben nicht langweilig. Denn allein schon die Mitarbeiter bringen immer ordentlich Schwung in den Laden, allen voran die einzige Festangestellte (die sich Bythell finanziell leisten kann) Nicky. Durch ihre sehr freie, sehr eigene und chaotische Art, sorgt sie immer für interessante Entwicklungen. Mir gefiel vor allem, dass Bythell jeden gerne als Mitarbeiter aufnimmt, der genügend Interesse zeigt. Er gibt jedem die gleiche Chance.
Es gibt viele Kapitel, die sich mit dem Ankauf von Büchern beschäftigen und davon erzählen, welche Leute, welche Art von Büchern weggeben und aus welchen Gründen. Das hat mir persönlich sehr gut gefallen (vor allem die vielen Erwähnungen der Folio Society Bücher!). Gleichzeitig steigt die Liste der Bücher, die man lesen möchte noch einmal um ein Vielfaches, da viele Bücher namentlich erwähnt werden und auch interessante Anekdoten dazu preisgegeben werden - in diesen Ankaufsituationen, aber auch im Laden selbst.
Die Kunden sind ebenfalls Gesprächsthema Nummer eins, was irgendwie unausweichlich ist. An vielen Stellen erinnert es an Jen Campbells "Weird Things Customers say in Bookshops", da wirklich seltsame (E-Mail-) Unterhaltungen offengelegt werden, die man kaum glauben kann und auch das Literaturfestival eine relativ große Rolle spielt.
Tatsächlich hat es mich beim Lesen meist zutiefst erstaunt, verletzt und fassungslos zurückgelassen, wie sich angeblich belesene und kultivierte Menschen ihm gegenüber verhalten. Man sollte meinen, dass das Lesen einen, wie viele behaupten, empathischer, verständnisvoller und zu einem "besseren" Menschen macht. Das Gefühl hat man nach dem Lesen dieses Buches sicherlich nicht. Einige bleiben unverschämt, egal wieviel sie lesen.

"Nachdem sie wieder weg waren, trat ein Kunde mit einem Buch an die Theke, schlug es auf, deutete auf das Preisschild von 40 Pfund und  fragte: 'Was soll das heißen? Doch sicher nicht 40 Pfund.' Ich versicherte ihm, dass es genau das heißt. Daraufhin hat er das Buch fallen lassen, und es landete auf dem Boden, wodurch eine der Ecken beschädigt wurde. Er ist dann ohne ein weiteres Wort gegangen." S.155f.

"Ich weiß nicht, wie oft Leute bereits Bücher auf die Ladentheke gelegt haben, die wir noch nicht ausgpreist hatten, und sagten: 'Das hier hat keinen Preis. Es muss umsonst sein.' Schon beim ersten Mal war das nicht witzig, und vierzehn Jahre später hat der Spruch das Schillern, das er sowieso nie besaß, gänzlich verloren." S. 63f.


Trotz aller negativen Perspektiven für die vermeintliche Zukunft eines Antiquariats und der teils unmöglichen Verhaltensweisen der Kunden den Angestellten gegenüber, hinterließ das Buch bei mir, als ich es zugeschlagen habe, trotz allem noch den Wunsch, Teil eines solchen Buchladens zu sein, was wirklich merkwürdig klingen muss. Aber ich bin unfassbar gerne an diesen Ort zurückgekehrt und habe davon gelesen, wie die Bücher eingeräumt werden, wann der Kamin zur kalten Jahreszeit angemacht wird, welche Buchtipps empfohlen werden und wo sich die Katze "Captain" so rumtreibt. Ebenso wie viele Bücher bestellt werden wollten, wer diese Bücher gekauft hat, wer seine Büchersammlung verkauft hat und aus welchem Grund und wie viele Bücher doch unauffindbar geblieben sind. Auch wenn Shaun Bythells Ton rau sein kann und an einigen Stellen, trotz witziger Intention, etwas übers Ziel hinauszuschießen scheint, merkt man, dass er den Beruf und die Literatur liebt und die Menschen auch zu schätzen weiß, die seinen Laden betreten. Man wird einige Male tatsächlich auch laut auflachen müssen, wenn die Situationen sehr skurril werden.

Buch von Shaun Bythell "Tagebuch eines Buchhändlers"
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