Bücher für den Herbst und für Halloween: Eine Leseliste

September 30, 2018





"I ´m so glad I live in a world where there are Octobers!" - L.M. Montgomery (Anne of Green Gables)

Der Oktober naht und damit auch gleichzeitig die Lust auf ganz spezielle Lektüren. Es gibt zahlreiche Bücher, die perfekt in diese Herbst- und Halloweenzeit passen. Bei mir sammeln sich solche Bücher immer sehr schnell an und liegen dann den ganzen Sommer über so vor sich hin. Ich starre dann etwas gequält zu ihnen rüber, weil mich der Inhalt zwar reizt, ich aber weiß, dass mir die etwas schaurige und düstere Atsmosphäre fehlen würde, wenn ich sie in den warmen Monaten lese. 
Daher habe ich mir wieder eine sehr optimistische Leseliste für die Halloweenzeit und die nächsten Monate zusammengestellt. 

  • "Unnatural Creatures" (hrsg.) von Neil Gaiman: Eine kleine Sammlung verschiedener Erzählungen und Autoren, die sich mit mysteriösen Kreaturen befassen. Die enthaltenen Illustrationen werden sicherlich ihren Teil für die passende Stimmung beitragen. 
  • "Harry Potter and the Philosopher´s Stone" von J.K. Rowling: Bereits letztes Jahr habe ich zur selben Zeit den ersten und zweiten Teil erneut gelesen (damals allerdings die illustrierten Ausgaben). Nun starte ich erneut mit einem Reread....Einfach weil es passt und ich jedes Jahr Lust darauf bekomme.
  • "The Corn Maiden" und "Carthage" von Joye Carol Oates: Gleich zwei Bücher von Joyce Carol Oates haben es auf meine Leseliste geschafft. Ersteres trägt den zusätzlichen Untertitel "And other Nightmages", passt also wunderbar, wenn man etwas Gruseliges sucht. Zweites soll zwar nicht unheimlich, aber mysteriös sein, da sich alles um ein verschwundenes Mädchen dreht. Bei beiden Büchern bin ich schon sehr gespannt, ob mich auch der Schreibstil packen wird. Da hört man sehr verschiedenes bei anderen Rezensenten.
  • "The Mirror" von Richard Skinner: Dieses Buch beinhaltet zwei Kurzgeschichten, die sich mit dem Leben und dem Altern beschäftigen. Auf den ersten Blick vielleicht keine klassische Herbstlektüre, aber sonderlich erfreulich schätze ich das Buch auch nicht ein. Daher werde ich mich auch hier gerne überraschen lassen. 
  • "Ill Will" von Michael Stewart habe ich bereits vor einigen Tagen kurz vorgestellt. Es ist eine Erzählung über die, dem Leser nicht bekannten, vier Jahre, die Heathcliff aus "Wuthering Heights" außerhalb verbringt. Da schon der Klassiker sehr atmosphärisch und herbstlich angehaucht ist, bin ich mir sicher, dass sich diese schöne Lektüre auch wunderbar in der nächsten Zeit lesen lässt. 
  • Ein weiteres Buch, welches einige kurze Geschichten vereint, ist "Angela Carter´s Book of Fairy Tales". Mythische Gestalten sind auch hier an der Tagesordnung. Erinnert mich auf den ersten Blick etwas an Neil Gaimans Sammelband, daher bin ich gespannt darauf zu sehen, wie beides umgesetzt wurde. 
  • Das letzte Buch, das sich vorerst in die Reihen der Herbstlektüren einordnen darf ist "The silent companions" von Laura Purcell. Lange habe ich darauf gewartet, dass das Buch in der gebundenen Version bei mir ankommt. Nun bin ich voller Vorfreude, mich mit den gruseligen Inhalten auseinanderzusetzen. Ich wollte mir nicht zuviel vorwegnehmen lassen, daher habe ich nur einige Bewertungen überflogen... aber an der düsteren Stimmung soll es hier nicht fehlen. Daher ein ganz klarer Kandidat für Halloween.


Wie sieht eure Planung für den Herbst und vielleicht auch für Halloween aus? Habt ihr ein Buch, das ihr euch für diese Jahreszeit  "aufgespart" habt?






The Hills von Matias Faldbakken

September 27, 2018



Rezensionsexemplar (Original: "The Hills"/ 2017) Heyne Verlag, Übersetzer/in: Maximilian Stadler (aus dem Norwegischen),   ★★★★☆ 4 Sterne
"Was geschieht, wenn das Gleichgewicht aus den Fugen gerät? Dieser Frage widmet sich Matias Faldbakken in seinem neuen Roman. Den Rahmen bildet ein altmodisches Restaurant namens The Hills, dessen Ursprünge bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Ein Pianist sorgt für ruhige Hintergrundmusik, die Einrichtung ist klassisch, gediegen. Der Leser wird in ein eigenes Universum eingeführt. Chef, Koch, Kellner: Die Hierarchien sind klar verteilt. Es herrscht eine Mischung aus strikten Routinen und hochsensiblen Umgangsformen. All das gerät ins Wanken, als eine unbekannte Frau ins Lokal kommt. Wer ist die Frau? Was will sie? Nicht nur der Kellner, sondern auch die Stammgäste geraten in Aufruhr."

MEINE MEINUNG / FAZIT
  
"Wir alle hier in The Hills sind gewissenhaft. Es ist ein Ort der Gewissenhaftigkeit. Gewissenhaftigkeit und Umsorge hängen zusammen, davon bin ich überzeugt.“ S.10

"The Hills" war und ist weiterhin eines der Bücher, die man erst recht schnell durchliest, nach dem man aber danach noch über die Bedeutung verschiedener Passagen nachdenkt.
Das beschriebene Restaurant ist Schauplatz eines Umschwungs. Ein Umschwung, den der Protagonist und Kellner wahrnehmen muss, denn eine Veränderung im Restaurant durchbricht seine routinierte Arbeit, die er schon seit Jahren vollzieht. Und das Restaurant ist ebenso Sinnbild des Umschwungs der Generationen selbst.
Man erfährt, dass das "The Hills" eine lange Geschichte erzählen kann. Gleichzeitig entdeckt man viele Ansichten der Gesellschaft zu gewissen Zeitpunkten der Weltgeschichte. Zugegeben, ich musste mich erst ein wenig einlesen, um diese Verknüpfungen passend einordnen zu können, denn es fallen manchmal Äußerungen, bei denen man manchmal kurz aufhört zu lesen und sich wundert. Zum Beispiel greift der namenlose Kellner eine Erinnerung auf, in welcher er erwähnt, dass sie sich gerne über Beleidigungen für andere Menschen amüsiert haben. Betrachtet man solche Aussagen nicht im Kontext, macht das Buch und die Figuren einen sehr negativen Eindruck. Allerdings werden diese Aussagen verwendet, um aufzuzeigen, wie die Gesellschaft funktioniert. Die einen sind priveligiert, haben ihren Besitz, ihre Erfolge und verlassen sich auf ihren Status. Andere werden als zweite Klasse gesehen, über die man nicht länger nachdenken muss, über die man auch einen Witz reißen darf. Nach und nach merkt man die deutliche Kritik in den Aussagen und das empfand ich als wichtig.

"Und da spaziere ich da herum und schmore in meinem eigenen Saft, überzeugt davon, dass wir alle in einer Falle gefangen sind, die aus den mehr oder minder gelungenen ästhetischen Entscheidungen und klugen Ideen vieler anderer geflochten sind. Aus Geschäftsideen, schlicht und ergreifend, entworfen im Laufe mehr oder minder gelungener Arbeitstage und stets getrieben von der Gier nach Geld." S.37f.

Grundsätzlich habe ich mich von dem Roman schnell einnehmen lassen. Man verfolgt die Ambition des Kellners, perfekt sein und das hoch angesehene Restaurant vernünftig repräsentieren zu wollen und die gleichzeitig auftretenden Missgeschicke, die ihn schwanken, die ihn immer mehr aus dem Konzept bringen lassen. Der Schein, den er versucht zu wahren, bröckelt beim Leser.
Ja, das Buch ist, wenn man es nur als diese eine Geschichte betrachtet sogar an vielen Stellen amüsant, weil sie sogar absurd scheint. Es ist eine Show, eine Performance die aufgeführt wird.
Es verstecken sich aber wirklich sehr viele Passagen, die eine wirkliche Bedeutung und Wucht haben.
Wonach streben wir Menschen da eigentlich? Wieso wollen wir uns für andere so aufopfern und verlieren uns selbst dabei? Warum lassen wir uns von anderen so viel vorschreiben und streben nach deren Idealen?
Die Atmosphäre des Restaurants ist sehr speziell. Ich habe mir stets ein etwas abgelegenes Restaurant vorgestellt, das einen eigenen Kosmos bildet, sich aber dennoch auf die außen stattfindenden Dinge beziehen muss. Dennoch ist es ein Ort, der einen festhält und von dem man sich beeinflusst fühlt, als müsse man sich eigentlich anpassen, obwohl man etwas ändern würde. Als Leser betrachtet man alles nur aus den Augen des Kellners, aus den Augen die sich hinter dem Samtvorhang am Eingang des Restaurants befinden und die Gäste eintreten sehen.
Es ist eine Geschichte, die mir sicherlich in Erinnerung bleiben wird und die deutlich macht, die die Übergänge der Gesellschaft stattfinden können, ausgelöst durch eine Gruppe gewisser Menschen oder sogar nur durch eine Person. Und früher oder später, zieht diese Veränderung auch den stärksten Widerständler an.


“Es hängt so viel in der Luft. Hängt irgendwann mal nichts in der Luft?“ S.128


Die Ansichten und die Veränderungen der Gesellschaft, aufgegriffen aus der Sicht eines Kellners.  Eine sehr eigene Atmosphäre, die den Leser gerne im "The Hills" verweilen und beobachten lässt, auch wenn einiges mit kritischen Augen gesehen werden kann.  Man begegnet aber klugen Wahrnehmungen des menschlichen Verhaltens und fühlt sich, als würde man die Figuren beim Erkennen ihrer eigenen Schwächen ertappen.


Emily Brontës "Wuthering Heights" und darauf Bezug nehmende Bücher

September 20, 2018







Der Klassiker "Wuthering Heights" (dt. "Sturmhöhen) von Emily Brontë erfreut sich auch heute noch großer Beliebtheit. Anfangs noch unter dem Pseudonym Ellis Bell veröffentlicht, gewann die Geschichte nach und nach immer mehr Leser, die sich von der sehr speziellen Beziehung zwischen Catherine und Heathcliff mitreißen ließen. Schließlich wurde das Pseudonym abgelegt und die Autorin als Emily Brontë "identifiziert". Ich persönlich war von "Wuthering Heights" nicht ganz so begeistert, wie von "Jane Eyre", dennoch haben mich zwei Bücher, die sich auf den Klassiker beziehen, so interessiert, dass ich mich etwas näher mit den Geschichten auseinandersetzen wollte.

Das erste Buch heißt "I am Heathcliff" und ist eine Anthologie, sechzehn verschiedener Kurzgeschichten von sechszehn Autoren / Autorinnen, herausgegeben von Kate Mosse. Acht Geschichten habe ich bereits gelesen und bin recht angetan von der Umsetzung.
Hat man "Wuthering Heights" gelesen, so fallen einem (mal schneller, mal langsamer) die Bezüge auf und man spinnt seine Interpretationen etwas weiter. Ist man nicht mit dem Klassiker vertraut, so schadet es dem Ganzen nicht erheblich. Die Geschichten greifen alle eine Situation, eine Beziehung oder grundsätzlich gewisse Gedanken auf, die man auch unabhängig von den Bezügen verstehen kann. Es sind Geschichten, die einen melancholischen Hauch, etwas Verletzliches und manchmal auch Gefährliches haben.
Verwunderlich ist dabei aber vielleicht nicht, dass es meist zwei Protagonisten gibt, die sich aufeinander beziehen und die mit verschiedenen Umständen zu kämpfen haben. 
Es ist eine Kurzgeschichtensammlung, so war für mich auch abzusehen, dass mir einige Geschichten mehr zusagen, als andere. Grundsätzlich sind aber bisher alle Erzählungen lesenswert gewesen. Bei einigen war ich fasziniert von der Sprachwahl (und der damit teilweise vorhandenen Sprachgewalt) wie auch der starken Metaphorik.

"It was a lot easier to let the words go when you were on the moors. There was so much more space for them all to fall into." 

Das zweite Buch namens "Ill Will" von Michael Stewart trägt den sehr interessanten Untertitel "The Untold Story of Heathcliff" und bezieht sich auf die vier Jahre, die der Protagonist auswärts verbringt und die im Klassiker verschwiegen werden.
Hier bin ich schon sehr gespannt auf die Verknüpfungen zum Klassiker. Das Buch impliziert eine gewisse Mystik, die man auch in "Wuthering Heights" wahrgenommen hat.
Auch der Satz auf dem Klappentext "I am William Lee: brute, liar and graveside thief. But you will know me by another name" scheint eine vielversprechende Geschichte zu bieten. Das Buch wird sicherlich nicht lange ungelesen bleiben...


Habt ihr "Wuthering Heights" gelesen? Ist es eines eurer Favoriten? Lest ihr auch gerne Bücher, die sich explizit auf andere Bücher beziehen? Kennt ihr noch andere Bücher, die "Wuthering Heights" aufgreifen?







Der Buchblog-Award '18: Die Finalisten

September 14, 2018

Einige werden es sicherlich schon über andere Social-Media-Kanäle gehört oder wahrgenommen haben; die Finalisten des Buchblog-Awards 2018 stehen fest. Und tatsächlich darf sich auch "little words" über einen der fünf Finalplätze in der Kategorie "Liebe & Herz" freuen! Und weil der Award sich bei mir nicht auf die Social-Media-Kanäle, sondern den Blog bezieht, wollte ich es mit einem Beitrag noch einmal "offiziell" machen. Daher auch hier ein sehr großes Dankeschön an alle, die mit abgestimmt haben (egal für welchen Blog), denn es ist so schön zu sehen, dass Buchblogs nicht nur belächelt, sondern auch unterstützt werden.

Auf der offiziellen Buchblog-Award Seite könnt ihr alle weiteren Informationen bezüglich des weiteren Verlaufs nachlesen. Kurz aber schon angekündigt: die Verleihung der Gewinner wird am 12. Oktober um 12 Uhr im neuen Frankfurter Pavillon, auf der Frankfurter Buchmesse stattfinden. Jeder ist herzlich eingeladen!

Zusätzlich haben die Organisatoren mit den Finalisten ein kleines Interview geführt. Die Fragen und Antworten mit mir und zu "little words" findet ihr genau HIER.     



Befreit von Tara Westover

September 13, 2018



Rezensionsexemplar (Original: "Educated"/ 2018) Kiepenheuer & Witsch Verlag, Übersetzer/in: Eike Schönfeld (aus dem amerikanischen Englisch),   ★★★★☆ 4 Sterne
"Tara Westover ist 17 Jahre alt, als sie zum ersten Mal eine Schulklasse betritt. Zehn Jahre später kann sie eine beeindruckende akademische Laufbahn vorweisen. Aufgewachsen im ländlichen Amerika, befreit sie sich aus einer ärmlichen, archaischen und von Paranoia und Gewalt geprägten Welt durch – Bildung, durch die Aneignung von Wissen, das ihr so lange vorenthalten worden war. Die Berge Idahos sind Taras Heimat, sie lebt als Kind im Einklang mit der grandiosen Natur, mit dem Wechsel der Jahreszeiten – und mit den Gesetzen, die ihr Vater aufstellt. Er ist ein fundamentalistischer Mormone, vom baldigen Ende der Welt überzeugt und voller Misstrauen gegenüber dem Staat, von dem er sich verfolgt sieht. Tara und ihre Geschwister gehen nicht zur Schule, sie haben keine Geburtsurkunden, und ein Arzt wird selbst bei fürchterlichsten Verletzungen nicht gerufen. Und die kommen häufig vor, denn die Kinder müssen bei der schweren Arbeit auf Vaters Schrottplatz helfen, um über die Runden zu kommen. Taras Mutter, die einzige Hebamme in der Gegend, heilt die Wunden mit ihren Kräutern. Nichts ist dieser Welt ferner als Bildung. Und doch findet Tara die Kraft, sich auf die Aufnahmeprüfung fürs College vorzubereiten, auch wenn sie quasi bei null anfangen muss …"

MEINE MEINUNG / FAZIT
  
"Dad schaute verblüfft auf. Er hatte vergessen dass ich da war. Als er das Blut sah, kam er zu mir und legte mir die Hand auf die Schulter. 

      'Keine Sorge, Liebes´, sagte er. ´Gott ist hier, er arbeitet hier mit uns. Er wird nicht zulassen, dass du verletzt wirst. Und wenn doch, dann ist es Sein Wille.' S.90

Eines vorweg: das Buch ist an vielen Stellen nicht leicht zu verkraften. 
Die Autorin beschreibt viele Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend, viele Verhaltensweisen von Personen in ihrem Umfeld, die ihr schaden. Sei es psychisch oder physisch. Wer solche Texte nur schwer verarbeiten kann oder nicht gerne darüber liest, sollte zumindest vorgewarnt sein.
Als ich von dem Buch gehört habe und in etwa wusste, dass es von dem "Erwerb der Bildung" handelt, dachte ich nicht, dass eine solche Wucht an Emotionen durch einen hindurch fließt, wenn man Tara Westovers Geschichte liest.
Man ist berührt, geschockt, erstaunt, verwundert, verärgert und alles in einem steten Wechsel. Ihr Leben ist sicherlich nicht einfach und verläuft in keinen klaren und einfachen Bahnen. Doch sie strebt zunehmend immer weiter danach, sich selbst und ihre eigene Stimme zu finden. Sie will aus etwas Ausbrechen, das sie zunächst selbst noch nicht ganz versteht, etwas was ihre Familie für sie zurechtgelegt hat, deren eigene Wahrheit. Mit diesem Buch erfindet Tara Westover ihre Wahrheit neu.
Mich hat das Buch von Anfang an gepackt, es ist vielleicht diese Neugier gewesen, zu erfahren, wie das Leben innerhalb einer Familie ist, die sich von allen versucht abzuschotten, von Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule lassen, denen selbst die genauen Daten der Geburt ihrer Kinder egal sind. Man ist gleichzeitig erschrocken darüber, wie fanatisch Menschen sein können, wie schnell sie andere Leute in ihren Bann ziehen können und man ist verärgert darüber, dass manche Kinder gar keine Möglichkeit haben, sich selbst als etwas Besonderes zu sehen. 
Obwohl die Autorin also unfassbar viele persönliche Einblicke in ihr Leben und ihre Schreckensmomente gibt, besticht das Buch auch durch viele wichtige Ansätze, die veranschaulichen, dass "Bildung jemandem eine neue Welt erschließen kann". Nicht nur, weil man dann grundsätzlich mehr weiß, sondern weil man nicht nur den Ansichten anderer unterliegt und sich selbst definieren kann.

"Ich kaufte mir ein eigenes Exemplar und hoffte, ich würde davon etwas über Geschichte oder Literatur lernen, aber es ging nicht. Ich konnte es nicht, weil ich nicht zwischen der fiktiven Geschichte und dem realen Hintergrund unterscheiden konnte. Napoleon war für mich nicht realer als Jean Valjean. Von beiden hatte ich noch nie gehört." S.213

Was beim Lesen deutlich in den Vordergrund springt, sind die vielen Verweise der Autorin auf die bestmögliche "Wahrheit" der vielen Erlebnisse ihrer Vergangenheit. Vieles, so sagt sie, musste sie versuchen neu zusammenzusetzen, aus ihren Tagebüchern, Erinnerungen und mit der Hilfe der Erinnerungen ihrer Geschwister, mit denen sie noch Kontakt hat. 
Oftmals weiß man gar nicht genau, ob alles so stimmen kann. Es scheint vielleicht zu utopisch zu sein, dass sie ohne jegliche Bildung seitens ihrer Eltern solche Erfolge erzielen konnte. Ich finde aber, dass sie genau hier aufzeigt, dass sie vielleicht eine Ausnahme war. Nicht jeder hat die Ambitionen das alles durchzuhalten, um an renommierten Universitäten angenommen zu werden. Nicht jeder hat das Glück, unterstützende Professoren zu haben. Und das wird leider auch an ihren Geschwistern deutlich. Auch sie versuchen teilweise "mehr aus sich zu machen" und zu lernen, um auf Universitäten gehen zu können. Doch viele scheitern daran, bleiben doch stets, zurückgeworfen durch nicht bestandene Prüfungen, in der Welt ihrer Eltern. 
Auch die vielen paradoxen Aussagen und Reaktionen ihrer Eltern sorgen dafür, dass man weiterlesen möchte. Man will erfahren, wie es sein kann, dass sie sich selbst so wiedersprechen. Erfährt die Autorin überhaupt selbst, was die Eltern sich bei ihrem Verhalten denken?
Für mich persönlich war aber wohl das Schwierigste von der Beziehung zwischen Tara und ihrem Bruder Shawn zu lesen. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass alle beschriebenen Sachen so passiert sind. Sie sind furchtbar und wühlen einen zutiefst auf. 
Auch hier spürt man oftmals die Verzweiflung darüber, ob sich die Autorin selbst trauen kann, was den Wahrheitsgehalt angeht. Man merkt aber auch, an der Art und Weise wie sie ihre teils hysterischen Reaktionen darauf beschreibt, dass sie versucht etwas zu verarbeiten. Es ist ein ständiges Spiel, auf der Suche nach der Wahrheit und Erklärungen zu sein. Sei es in Hinblick auf das Verhalten ihres Bruders, ihres Vaters oder des nicht Eingreifens der Mutter.

“Alles, wofür ich gearbeitet hatte, alle meine Studienjahre hatten dazu gedient, mir dieses eine Privileg zu erwerben: mehr Wahrheiten zu sehen und zu erfahren als die, die mir mein Vater gegeben hatte, und diese Wahrheiten dazu zu benutzen, um mir einen eigenen Verstand aufzubauen.“ S.411f.


Ein Buch, das man nur schwer beschreiben kann, weil es so komplex ist. Es geht um Fanatismus und religiöse Lebensweisen, Familie und Zusammenhalt, wie auch der Verwirklichung seiner Selbst und auch der Frage, wann man sich von der Familie lösen muss, um sein eigenes Glück und seinen eigenen Frieden zu finden. Das Buch wühlt auf, lässt einen teilweise sprachlos zurück, verweist aber auch gezielt darauf, dass "gebildet" zu sein, mehr bedeutet als gute Noten auf dem Zeugnis zu haben. Es ist das Fundament dafür, um sich ein eigenes Verständnis von der Welt erschließen zu können und nicht auf die Ansichten und das Wissen anderer angewiesen zu sein.


Das Vogelhaus von Eva Meijer

September 09, 2018





Rezensionsexemplar (Original: "Het vogelhuis"/ 2016) btb Verlag, Übersetzer/in: Hanni Ehlers (aus dem Niederländischen),   ★★★★(☆) 4,5 Sterne
"Len Howard (1894-1973) verbrachte die zweite Hälfte ihres Lebens in einem kleinen, abgelegenen Haus in Südengland. Sie veröffentlichte äußerst erfolgreiche Bücher über die Vögel, die sie in ihrer Umgebung beobachtete, galt als Pionierin auf dem Gebiet der Tierforschung. Die Grundlage ihrer Studien war das Vertrauen, das sie zu den scheuen Tieren aufbaute, sie erforschte ihren Gesang, ihren Charakter, ihre Eigenarten und Gewohnheiten in der Natur. Und tatsächlich wurde ihr Cottage ein echtes „Vogelhaus“, in dem die Meisen und Drosseln ein- und ausflogen – wenn es Len Howard denn gelang, unerwünschte Besucher fernzuhalten."

MEINE MEINUNG / FAZIT
  
"Die Vögel lehrten mich, dass individuelle Intelligenz für ihr Verhalten und ihre Entscheidungen eine weit größere Rolle spielen als biologische Neigungen oder das, was Wissenschaftler »Instinkt« nennen.“ S.23

Diese romanhafte Biographie kommt sehr unaufgeregt daher. Sie ist gefühlvoll und zart, aber auch träumerisch und poetisch. Und dennoch bleibt sie auf eigene Art und Weise schlicht. Für mich lag das vor allem an der Darstellung der Protagonistin, der Vogelkundlerin Len Howard. Sie geht von Anfang an ihren eigenen Weg, lässt sich von niemandem reinreden und hat auch kein Interesse daran, sich für andere Leute zu verbiegen. Sie weiß was sie will, wo ihre Interessen liegen und wie sie ihr Leben gestalten möchte.
Während der Geschichte wird natürlich auch deutlich, dass sich ihre Interessen wandeln und dass die Vögel immer mehr Platz in ihrem Alltag einnehmen.
Besonders dort lädt der Text sehr oft zum Schmunzeln ein, weil die Verhaltensweisen von Tieren und ihre Reaktionen spielerisch und recht lustig erzählt werden.
Das Buch versprüht zudem eine eigene kluge Darlegung der Vogelwelt und ist einladend, um weiteres Interesse an Vögeln und ihrem Verhalten zu entwickeln. Dabei bin ich aber der Meinung, dass das Buch trotzdessen keineswegs nur für Vogelinteressierte geeignet ist. Es ist die Geschichte einer Frau, die ihr eigenes Glück im Leben sucht und nicht davor zurückschreckt anders zu sein.
Mir gefielen in diesem Zusammenhang auch die gelungenen Kapitelverknüpfungen zwischen den Vogelbeobachtungen, hier auch separat noch unterteilt in die Geschichte ihres Lieblingsvogels "Sternchen" und den anderen Vögeln, und den jungen Jahren von Len Howard (wenn auch teils natürlich fiktiv). Es gibt einfach grundsätzlich viele Passagen in denen man mitfühlt. Vielleicht auch vor allem dann, wenn diese (benötigte) Isolation der Vogelkundlerin präsent wird. Merkwürdigerweise fühlt man sich bei dieser aufgebauten Abgeschiedenheit von Menschen und der beschriebenen Zuwendung zu Vögeln eher wohl. Es fühlt sich ein wenig an wie Urlaub, an einem ruhigen, abgelegenen Ort, zusammen mit einer Erzählerin, die ohne Hektik und Aufdringlichkeit von ihrer liebsten Beschäftigung spricht.

"'Ein Geräusch lässt mich aufschrecken, die Augen öffnen, mich auf den Bauch drehen: Eine Ente. Sie akzeptiert meine Anwesenheit wie selbstverständlich, obwohl selten ein Mensch hierherkommt. Vielleicht gerade deswegen. Ich huste, sie erschrickt. »Pardon.« " S.169f.

Schön zu lesen waren für mich auch die vielen Verweise darauf, dass Len Howard den Menschen nie über das Tier, also auch über die Vögel gestellt hat. Sie sieht sie als ihre Freunde an und sieht in ihnen mehr als nur Gestalten, die sich durch die Lüfte bewegen. Dem Leser wird nahegelegt, dass Vögel auch individuelle Charaktere und Eigenschaften haben, die zum Vorschein kommen. So ist diese "Liebe" zu ihren Freunden seitens der Erzählerin immer spürbar. 
Abseits der vielen, schönen Vogelerinnerungen werden aber auch interessante Themen in Bezug auf den Menschen aufgegriffen. Dies geschieht meist in Verbindung zu Howards Familie oder den Menschen, die ohne Rücksicht Brutstätten zerstören. Zum Beispiel geht es um das Bedürfnis vieler, andere ständig belehren und verbessern zu wollen. Sie scheinen stets zu wissen, was das Beste für einen sei und haben dabei vielleicht ihr eigenes Leben kaum unter Kontrolle. Es geht dabei um das Vertrauen auf sich selbst, nach dem zu Streben, was einen vervollständigt.
Ebenso wird deutlich, dass Howard genug von zerstörerischen Machenschaften hat und sich wünscht, dass man die Natur in Frieden lässt. Hier wird auch ein Appell an die Leser deutlich, dass man nicht alles zubetonieren sollte, dass die Erde auch einfach die Möglichkeit haben muss zu atmen.
Das Buch macht wahnsinnig Lust darauf, sich mal die Zeit zu nehmen oder einfach mal stehen zu bleiben, wenn ein Vogel vorbeifliegt und ihn zu beobachten. Zu lauschen, welche Geräusche er macht, wie er kommuniziert. Denn nicht nur Menschen sind dazu in der Lage.
Besonders schön ergänzend und beeindruckend fand ich zum Schluss die angefügten Bilder von Vögeln, die bei Len Howard gewohnt haben. Man sieht, wie zugänglich sie sein können, wie viel Vertrauen sie einem schenken, wenn man ihnen nur mit Respekt und Zuneigung entgegentritt.

“»Aber mit Menschen kann man sprechen.« Der Student nickt über sein Heft.

»Die Vögel sprechen genauso. Mir ihrer Stimme, ihrem Körper, ihren Bewegungen. Außerdem garantiert menschliche Sprache nicht das gegenseitige Verständnis.« Worte können vertuschen, verschleiern, ein plötzliches Eigenleben entwickeln, lange nachdem sie ausgesprochen wurden.“
S.270


Ein Buch, das alles in sich trägt und doch keinen lauten Knall hinterlässt, sondern sich wohlig an den Leser anschmiegt. Diese romanhafte Biographie ist klug, träumerisch, aber auch präzise und bestärkend. Es werden sehr schöne Vogelbeschreibungen, wie auch Erinnerungen angeführt, wodurch sich ein Interesse für diese Tiere entwickelt. Zudem wird die Lebensgeschichte von Len Howard schön mit eingewoben, auch wenn man bei manchen Bekanntschaften nicht genau weiß, wie sie verblieben sind. Grundsätzlich ein schönes Buch, das uns dazu einlädt, die Augen in Bezug auf die die Natur offen zu halten und einen darin bestärkt seine Interessen zu verfolgen, auch wenn das bedeutet, "anders" zu sein.