Befreit von Tara Westover

September 13, 2018



Rezensionsexemplar (Original: "Educated"/ 2018) Kiepenheuer & Witsch Verlag, Übersetzer/in: Eike Schönfeld (aus dem amerikanischen Englisch),   ★★★★☆ 4 Sterne
"Tara Westover ist 17 Jahre alt, als sie zum ersten Mal eine Schulklasse betritt. Zehn Jahre später kann sie eine beeindruckende akademische Laufbahn vorweisen. Aufgewachsen im ländlichen Amerika, befreit sie sich aus einer ärmlichen, archaischen und von Paranoia und Gewalt geprägten Welt durch – Bildung, durch die Aneignung von Wissen, das ihr so lange vorenthalten worden war. Die Berge Idahos sind Taras Heimat, sie lebt als Kind im Einklang mit der grandiosen Natur, mit dem Wechsel der Jahreszeiten – und mit den Gesetzen, die ihr Vater aufstellt. Er ist ein fundamentalistischer Mormone, vom baldigen Ende der Welt überzeugt und voller Misstrauen gegenüber dem Staat, von dem er sich verfolgt sieht. Tara und ihre Geschwister gehen nicht zur Schule, sie haben keine Geburtsurkunden, und ein Arzt wird selbst bei fürchterlichsten Verletzungen nicht gerufen. Und die kommen häufig vor, denn die Kinder müssen bei der schweren Arbeit auf Vaters Schrottplatz helfen, um über die Runden zu kommen. Taras Mutter, die einzige Hebamme in der Gegend, heilt die Wunden mit ihren Kräutern. Nichts ist dieser Welt ferner als Bildung. Und doch findet Tara die Kraft, sich auf die Aufnahmeprüfung fürs College vorzubereiten, auch wenn sie quasi bei null anfangen muss …"

MEINE MEINUNG / FAZIT
  
"Dad schaute verblüfft auf. Er hatte vergessen dass ich da war. Als er das Blut sah, kam er zu mir und legte mir die Hand auf die Schulter. 

      'Keine Sorge, Liebes´, sagte er. ´Gott ist hier, er arbeitet hier mit uns. Er wird nicht zulassen, dass du verletzt wirst. Und wenn doch, dann ist es Sein Wille.' S.90

Eines vorweg: das Buch ist an vielen Stellen nicht leicht zu verkraften. 
Die Autorin beschreibt viele Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend, viele Verhaltensweisen von Personen in ihrem Umfeld, die ihr schaden. Sei es psychisch oder physisch. Wer solche Texte nur schwer verarbeiten kann oder nicht gerne darüber liest, sollte zumindest vorgewarnt sein.
Als ich von dem Buch gehört habe und in etwa wusste, dass es von dem "Erwerb der Bildung" handelt, dachte ich nicht, dass eine solche Wucht an Emotionen durch einen hindurch fließt, wenn man Tara Westovers Geschichte liest.
Man ist berührt, geschockt, erstaunt, verwundert, verärgert und alles in einem steten Wechsel. Ihr Leben ist sicherlich nicht einfach und verläuft in keinen klaren und einfachen Bahnen. Doch sie strebt zunehmend immer weiter danach, sich selbst und ihre eigene Stimme zu finden. Sie will aus etwas Ausbrechen, das sie zunächst selbst noch nicht ganz versteht, etwas was ihre Familie für sie zurechtgelegt hat, deren eigene Wahrheit. Mit diesem Buch erfindet Tara Westover ihre Wahrheit neu.
Mich hat das Buch von Anfang an gepackt, es ist vielleicht diese Neugier gewesen, zu erfahren, wie das Leben innerhalb einer Familie ist, die sich von allen versucht abzuschotten, von Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule lassen, denen selbst die genauen Daten der Geburt ihrer Kinder egal sind. Man ist gleichzeitig erschrocken darüber, wie fanatisch Menschen sein können, wie schnell sie andere Leute in ihren Bann ziehen können und man ist verärgert darüber, dass manche Kinder gar keine Möglichkeit haben, sich selbst als etwas Besonderes zu sehen. 
Obwohl die Autorin also unfassbar viele persönliche Einblicke in ihr Leben und ihre Schreckensmomente gibt, besticht das Buch auch durch viele wichtige Ansätze, die veranschaulichen, dass "Bildung jemandem eine neue Welt erschließen kann". Nicht nur, weil man dann grundsätzlich mehr weiß, sondern weil man nicht nur den Ansichten anderer unterliegt und sich selbst definieren kann.

"Ich kaufte mir ein eigenes Exemplar und hoffte, ich würde davon etwas über Geschichte oder Literatur lernen, aber es ging nicht. Ich konnte es nicht, weil ich nicht zwischen der fiktiven Geschichte und dem realen Hintergrund unterscheiden konnte. Napoleon war für mich nicht realer als Jean Valjean. Von beiden hatte ich noch nie gehört." S.213

Was beim Lesen deutlich in den Vordergrund springt, sind die vielen Verweise der Autorin auf die bestmögliche "Wahrheit" der vielen Erlebnisse ihrer Vergangenheit. Vieles, so sagt sie, musste sie versuchen neu zusammenzusetzen, aus ihren Tagebüchern, Erinnerungen und mit der Hilfe der Erinnerungen ihrer Geschwister, mit denen sie noch Kontakt hat. 
Oftmals weiß man gar nicht genau, ob alles so stimmen kann. Es scheint vielleicht zu utopisch zu sein, dass sie ohne jegliche Bildung seitens ihrer Eltern solche Erfolge erzielen konnte. Ich finde aber, dass sie genau hier aufzeigt, dass sie vielleicht eine Ausnahme war. Nicht jeder hat die Ambitionen das alles durchzuhalten, um an renommierten Universitäten angenommen zu werden. Nicht jeder hat das Glück, unterstützende Professoren zu haben. Und das wird leider auch an ihren Geschwistern deutlich. Auch sie versuchen teilweise "mehr aus sich zu machen" und zu lernen, um auf Universitäten gehen zu können. Doch viele scheitern daran, bleiben doch stets, zurückgeworfen durch nicht bestandene Prüfungen, in der Welt ihrer Eltern. 
Auch die vielen paradoxen Aussagen und Reaktionen ihrer Eltern sorgen dafür, dass man weiterlesen möchte. Man will erfahren, wie es sein kann, dass sie sich selbst so wiedersprechen. Erfährt die Autorin überhaupt selbst, was die Eltern sich bei ihrem Verhalten denken?
Für mich persönlich war aber wohl das Schwierigste von der Beziehung zwischen Tara und ihrem Bruder Shawn zu lesen. Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass alle beschriebenen Sachen so passiert sind. Sie sind furchtbar und wühlen einen zutiefst auf. 
Auch hier spürt man oftmals die Verzweiflung darüber, ob sich die Autorin selbst trauen kann, was den Wahrheitsgehalt angeht. Man merkt aber auch, an der Art und Weise wie sie ihre teils hysterischen Reaktionen darauf beschreibt, dass sie versucht etwas zu verarbeiten. Es ist ein ständiges Spiel, auf der Suche nach der Wahrheit und Erklärungen zu sein. Sei es in Hinblick auf das Verhalten ihres Bruders, ihres Vaters oder des nicht Eingreifens der Mutter.

“Alles, wofür ich gearbeitet hatte, alle meine Studienjahre hatten dazu gedient, mir dieses eine Privileg zu erwerben: mehr Wahrheiten zu sehen und zu erfahren als die, die mir mein Vater gegeben hatte, und diese Wahrheiten dazu zu benutzen, um mir einen eigenen Verstand aufzubauen.“ S.411f.


Ein Buch, das man nur schwer beschreiben kann, weil es so komplex ist. Es geht um Fanatismus und religiöse Lebensweisen, Familie und Zusammenhalt, wie auch der Verwirklichung seiner Selbst und auch der Frage, wann man sich von der Familie lösen muss, um sein eigenes Glück und seinen eigenen Frieden zu finden. Das Buch wühlt auf, lässt einen teilweise sprachlos zurück, verweist aber auch gezielt darauf, dass "gebildet" zu sein, mehr bedeutet als gute Noten auf dem Zeugnis zu haben. Es ist das Fundament dafür, um sich ein eigenes Verständnis von der Welt erschließen zu können und nicht auf die Ansichten und das Wissen anderer angewiesen zu sein.


Kommentare:

  1. Das klingt herausfordernd und gerade deshalb finde ich es so reizvoll.

    Zeilentänzerin
    www.zeilentaenzer.blog

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    1. Herausfordernd fand ich das Buch tatsächlich. An vielen Stellen reißt man auch einfach die Augen ein wenig auf, weil man den Text, durch die Erzählerin, eher unaufgeregt liest, der Inhalt aber im Gegensatz dazu steht.


      Liebe Grüße
      Karin

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  2. Der Roman hat mir sehr gut gefallen. Es war spannend wie ein Krimi, beunruhigend wie ein Thriller und literarisch auch mit einer besonderen Sprache und speziellen Charakteren sehr ansprechend und interessant.

    Was Bildung vermag, wurde hier sehr deutlich.

    LG Barbara

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    1. Nun ja, das "Schlimme" daran war für mich wohl, dass es eben kein Roman ist, sondern ein Memoir bzw eine Autobiographie. Zwar verlässt sich die Autorin/ Erzählerin nicht immer auf ihre eigenen Erinnerungen, aber der Großteil wird sich wohl so zugetragen haben und das verschlägt einem schon ziemlich oft den Atem.


      Liebe Grüße
      Karin

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