Das letzte Bild der Sara de Vos von Dominic Smith

Juni 14, 2017





(Original: "The Last Painting of Sara de Vos" / 2016) Ullstein Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in: Sabine Roth (aus dem Englischen), 352 Seiten, gebunden,  ★★★(★) 3 bis 4 Sterne 
"Sara de Vos ist 1631 die erste Malerin, die in die Meistergilde in Amsterdam aufgenommen wird. 300 Jahre später ist nur noch ein einziges ihrer Gemälde erhalten. Das Bild hängt über dem Bett eines reichen, etwas ruhelosen New Yorker Anwalts. Ohne böse Absichten kopiert eine junge Australierin das Bild. Doch die Kopie wird in Umlauf gebracht, mit erschütternden Konsequenzen. Jahrzehnte später treffen die beiden Bilder, die Fälscherin und der Anwalt noch einmal aufeinander …"


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Sara hört ganz auf zu malen, bis es Winter wird und die Grachten vereisen. An einem blaugrauen Nachmittag sieht sie oberhalb eines zugefrorenen Ausläufers der Amstel ein junges Mädchen durch ein verschneites Dickicht stapfen. Irgendetwas an dem Licht, an der Art, wie das Mädchen aus dem Wald tritt, treibt sie an die Staffelei. Ein Stillleben zu malen ist ihr mit einem Mal unvorstellbar.“  S.36

Nicht zuletzt durch den großen Fälscher-Skandal von Betracci bin ich wahnsinnig neugierig auf alle Geschichten, seien sie fiktiv oder real, die sich mit dieser Art der Kunstszene befassen. Auch in "Das letzte Bild der Sara de Vos" spielt das Fälschen von Bildern eine entscheidende Rolle, jedoch nicht ganz so, wie ich es zunächst erwartet hatte. 
Eingeführt wird man in die Upper East Side im November 1957, gleichzeitig wird man vertraut gemacht mit den Protagonisten Marty de Groot. Ziemlich schnell wird auch erläutert, dass sich alles um dieses eine Bild der Malerin aus Niederlanden drehen wird. Ich persönlich war sofort gefesselt von dem Tempo und der Thematik, die der Roman hier vorgibt. Im Wechsel verschiedener Kapitel lernt man dann auch noch die Protagonistin und Restauratorin Elenor (Elli) kennen (zusätzlich tritt nun auch der Sprung ab 1957 und 2000 auf). Grundsätzlich eine ganz gute Herangehensweise, da sich beide Figuren im weiteren Verlauf auch hinsichtlich ihrer Emotionen immer näher kommen. Durchbrochen, aber auch zusätzlich ergänzt wird das Ganze noch durch Einschübe, die das Leben der Malerin in den Niederlanden um 1636 anführen. Auch hier hat mir der Wechsel gut gefallen, da die Entwicklungen in der Geschichte auch immer mit den Geschehnissen der Vergangenheit zusammenhängen und sich letztlich zu einem schönen, träumerischen Ganzen ergeben.
Leider blieb mir am Ende aber der Charakter des Marty de Groot etwas abseits liegen. Zu ihm viel es mir schwer den Zugang zu finden, der nötig gewesen wäre, um tatsächlich nicht nur den Kunstaspekt der Geschichte, sondern auch den zwischenmenschlichen Aspekt gänzlich "genießen" zu können. Durchaus stellt man nämlich während des Lesens fest, dass der eigentliche "Kunstanteil" natürlich nicht verschwindet, allein durch die Kapitel, welche das Leben der Künstlerin thematisieren, aber dennoch an zweite Stelle tritt und die Verbindung der Leben der beiden Betroffenen in den Vordergrund gerät. Ob einem dies so zusagt ist meiner Meinung nach wirklich eine sehr subjektive Angelegenheit. Ich persönlich war an einigen Stellen dadurch eher "enttäuscht", dass sich einiges etwas banal angefühlt hat, was gewisse Handlungsverläufe betrifft.

"Es war wichtig, das schien die Botschaft, zwischendurch mit den eigenen Gedanken alleine zu sein, sich einfach irgendwo auf eine Bank zu setzen und die Welt eine Stunde lang ihren lärmenden Gang nehmen zu lassen.“  S.61

Was ich an dem Roman allerdings wirklich sehr schätze, sind die doch vielen Bezugnahmen zu den damaligen Malerinnen der Niederlande und der Kunstszene dahingehend im Allgemeinen. Tatsächlich hat mich "Sara de Vos" so neugierig gemacht, dass ich nachschlagen musste, ob es sie wirklich gegeben hat. Die schöne Verschmelzung der realen Fakten über die Lukasgilde und deren weibliche Mitgliederinnen mit der fiktiven Fokussierung auf diese eine Künstlerin ist durchaus gut geglückt. Auch die fiktiven Beweggründe für die Erstellung der Bilder wurden meiner Ansicht nach sehr schön ausgelegt. 
Tatsächlich muss ich also sagen, dass mich die "versteckte" Geschichte, die sich zwischen den Protagonisten abspielt etwas weniger packen konnte, als die zuerst auch im Fokus stehende Thematisierung der Kunstfälschungen und der eben angeführten Kapitel über die Malerin Sara de Vos selbst. Wer sich aber vielleicht von Anfang an auf beides einlässt, wird auch sicherlich mit der zwischenmenschlichen Geschichte "zufrieden" sein. Denn tatsächlich greift dieser Teil ganz gut auf, was eine Überflut an Besitz und das Fehlen von einem richtigen Sinn des Alltäglichen in Menschen auslösen kann.

"Die Einladung, die Ausstellung für die Art Gallery of New South Wales zu kuratieren, sollte der erste Schritt nach vorn sein, ihr helfen, neue Bekannte und Freunde zu finden, Anschluss an die Welt der Lebenden. Stattdessen führte der Weg direkt zurück in die Trümmerlandschaft von früher." S.87


Ein Roman, nicht nur über die Vielfalt der Kunst und auch deren Schattenseite, wie der Kunstfälschungen, sondern auch über das Suchen und Finden von persönlichen Sehnsüchten.
Für mich war dieser zwischenmenschliche Teil zwar, als direkte Kapitel, zu unausgereift oder schlicht zu uninteressant, weil es schlichtweg zu gewollt wirkte, dennoch hat der Roman durchaus einen besonderen Charme und unterstreicht auch die wichtige Präsenz der weiblichen Künstlerinnen, in dieser, wie auch in der vergangenen Zeit. Ebenso haben die gezielt kunstbezogenen Kapitel eine wirklich träumerische Atmosphäre und sind auch hinsichtlich ihrer eigentlichen Thematik wirklich spannend und interessant zu lesen.


Kommentare:

  1. Klingt echt interessant, denn ich mag solche Bücher. Kommt gleich auf die Wunschliste!

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    1. Ich mag solche Bücher auch sehr gerne und ich finde dieses auch in weiten Teilen sehr gut umgesetzt. :)


      Liebe Grüße
      Karin

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