Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara

März 19, 2017







(Original: "A Little Life" / 2016) Hanser Berlin Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in: Stephan Kleiner, 960 Seiten, gebunden,  ★★★★ 5 Sterne 
Offizielle "Ein wenig Leben"-Homepage
""Ein wenig Leben" handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennengelernt haben. Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe – ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Immer tiefer werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten. "Ein wenig Leben" ist ein rauschhaftes, mit kaum fasslicher Dringlichkeit erzähltes Epos über Trauma, menschliche Güte und Freundschaft als wahre Liebe. Es begibt sich an die dunkelsten Orte, an die Literatur sich wagen kann, und bricht dabei immer wieder zum hellen Licht durch. "


MEINE MEINUNG | FAZIT

"´Es wird besser werden´ , sagte sie, und er nickte, weil er sich sein Leben nicht vorstellen konnte, wenn es nicht besser werden sollte." S.139

Kennt ihr dieses Gefühl, das euch überkommt, wenn ihr ein Buch gelesen habt, dass euch bis zum Schluss aufgewühlt und mitgenommen hat, ihr im Anschluss versucht es sacken zu lassen, schaltet zur Ablenkung den Fernseher ein und euch erscheint plötzlich alles so plump und nichtig? Genau das ist mir mit diesem Buch geschehen. Bereits zu Beginn der Lektüre hatte ich einige Gedanken dazu niedergeschrieben (Gedankenschnappschuss: Ein wenig Leben). Selbst an dem Punkt hat mich die Schreibweise unfassbar berührt und für sich eingenommen, auch wenn das Geschriebene nicht harmlos ist und die Dinge, die den Protagonisten wiederfahren größtenteils traumatisch sind. In allem was die Autorin schreibt, die Art und Weise wie sich die bestimmte Figuren zu den Geschehnissen äußern, existiert so eine Poesie, dass man denkt, es stehe im Gegensatz. Mir kam es aber immer mehr so vor, als wäre es die einzige Möglichkeit das Gesagte erträglich zu machen, die einzige Erzählweise, die den Leser nicht auch vollkommen vernarbt zurücklässt. Denn die Figuren, die Freundschaften, die Streitereien, die Kämpfe die dieses Buch schildert, zerren an dir und bitten dich aber gleichzeitig Empathie zu empfinden. Man kann es nicht leugnen, es wird tatsächlich von Kapitel zu Kapitel schwerer und nervenaufreibender. Zu lesen wie stark manche Menschen sein müssen und sich ein Schutzschild aufbauen müssen, um das zu ertragen, was ihnen wiederfahren ist. Umso stockender die Augenblicke, die aufzeigen, was wirkliche Freunde alles aufgeben, sich aufopfern, um einem dabei zu helfen Dinge durchzustehen. Und so sehr es nach einem Klischee klingt; man weiß nichts über das Buch, kann es eigentlich kaum in Worte fassen, solange man es nicht selbst gelesen hat. Wichtig ist nur, dass man vor allem wissen muss, dass es sehr sensible und auch selbstzerstörerische Themen beinhaltet, die traurigerweise zu vielen Schicksalen der Menschen gehören.

"Er lächelte, als er daran zurückdachte; manchmal wünschte er, einen Verstand wie JB zu haben, einen, der Geschichten ersann, die andere erheiterten, und der so anders war als sein eigener, der ständig nach Erklärungen suchte, Erklärungen, die, auch wenn sie vielleicht zutrafen, frei von Romantik waren, von Witz, von Esprit.“  S.178

Ich habe mir versucht Notizen zu machen; Stützen die das fast tausendseitige Buch etwas eingrenzen und kategorisieren können. So etwas wie, dass es aufzeigt was Freundschaft wirklich ausmacht und all ihre Facetten offenlegt. Dass es den Leser sensibel für sehr ernste Themen macht und es gleichzeitig den Impuls sendet, sich stärker mit seinem Umfeld auseinanderzusetzen, darauf zu achten, wenn man merkt, dass es geliebten Menschen nicht gut zu gehen scheint. Oder auch, dass Jude als Dreh- und Angelpunkt angesehen wird, mit ihm aber so viel mehr in Verbindung gesetzt wird und dass Missbrauch, wie auch Prostitution stark thematisiert werden. Letztlich sind dies aber eben nur Randnotizen. Das Buch hat mich zum Schluss wirklich so berührt, dass mir schlichtweg nur noch ein Kloß im Hals stecken bleibt, wenn ich daran denke. Es ist ein Buch, bei dem man sicherlich einiges bemängeln könnte, bei dem man sich fragen könnte, in wie weit die geschilderten Erlebnisse realistisch sind, in wie weit sie Menschen schockieren oder  traumatisieren können, wenn sie ähnliches durchgemacht haben (oder machen). Aber ich finde es ist ein Buch, das ebenso die Wichtigkeit dessen aufzeigt, was in der Gesellschaft immer verschwiegen wird, nämlich dass Dinge geschehen, die furchtbar sind und dass die Psyche des Menschen darunter leidet, so sehr, dass alles zu einem Kampf wird. Ja, das Buch ist heikel und verlangt viel von einem ab, aber es ist ein Buch das wir meiner Meinung nach auch brauchen, um uns vor Augen zu führen, worauf man abseits der "fiktiven" Handlungen des Buches achten sollte und Menschen aufhören müssen die Augen vor schlimmen Themen zu verschließen. Aber auch sie gibt es im Buch, die positiven Momente im Leben, die Liebe die Menschen einem entgegenbringen und einen zusammenhält, die lustigen Sachen, die manchmal wiederfahren und dieses enge Band, das Freunde miteinander verbindet.

"Das Leben war beängstigend; es war voller Ungewissheiten. Selbst Malcoms Geld machte ihn nicht völlig immun dagegen. Das Leben würde ihm widerfahren, und er würde versuchen müssen, darauf zu reagieren, so wie sie das alle mussten." S.665


Ein Buch, das sehr traumatische Ereignisse und den schwierigen Umgang damit thematisiert. Man kann zwar wirklich viel darüber schreiben, letzten Endes muss man es aber gelesen haben um die Wucht des Buches zu verstehen. Unfassbar ergreifend bis zur letzten Seite.
























Vielen Dank an den Hanser Berlin Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Kommentare:

  1. ich hab dir ja schon in meinem letzten kommentar geschrieben, dass ich mich unglaublich auf die rezension zu dem buch freue und ich war gerade echt beeindruckt von diesem post hier. das buch scheint echt richtig gut zu sein - allein die zitate, die du ausgewählt hast, haben mich irgendwie schon berührt. auch wenn ich gerade eigentlich am bücher aussortieren bin und auch endlich mal meine ungelesenen bücher lesen möchte, wandert dieses hier auf jeden fall auf meine wunschliste!

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    1. Ich hoffe es wird dir auch "gefallen", wenn du dich dazu entschließt es zu lesen.


      Liebe Grüße
      Karin

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  2. Sehr schöne Rezension. :)

    Das Buch steht bereits seit einer Weile auf meiner Oster-Wunschliste. Je mehr ich davon lese, desto stärker bin ich allerdings davon überzeugt, dass das ich mich damit für das richtige Buch entschieden habe.

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    1. Ich finde es schwer, aufgrund der Thematik zu sagen, dass man das Buch empfiehlt, aber ich finde es ist absolut lesenswert, auch wenn es einem etwas abverlangt.


      Liebe Grüße
      Karin

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  3. Ahoy und sorry für das Offtopic!

    Aber ich wollte mir für die Fahrt zur LBM ein Hörbuch mitnehmen und kann mich nun nicht zwischen drei Titeln entscheiden... daher gibt es ein spontanes Voting - und ich würde mich sehr über deine Stimme freuen ♥

    Alles Liebe und einen schönen Wochenstart, Mary <3
    http://marys-buecherwelten.blogspot.de/2017/03/voting-qual-der-wahl-bei-audible.html

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    1. Kein Problem, hab auch mal direkt abgestimmt. :)


      Liebe Grüße
      Karin

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  4. Ich habe das Buch selber noch nicht gelesen, finde es aber atemberaubend, was für eine Wirkung das Buch auf seine Leser hat. Bis jetzt habe ich von jedem, der das Buch gelesen hat, gehört oder gelesen, dass es ihn aufgewühlt und noch lange nach dem Lesen nicht losgelassen hat. Einige haben das Buch aber auch abgebrochen, weil sie mit dem Gefühl nicht zurecht gekommen sind. Deine Rezension ist großartig!

    Liebe Grüße,
    Cora :)

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    1. Vielen, lieben Dank!

      Ja, so ein Buch hatte ich schon lange nicht mehr in den Händen. Ich wollte auch eigentlich mit einem neuen Buch beginnen, aber es ging bisher noch nicht. Man will sich irgednwie am Ende noch nicht von allen lösen und jedes Mal, wenn ich allein das Cover nur wieder seh, krieg ich totales Herzrasen... Also ich finde Hanya Yanagihara hat hier wirklich was Großes geschaffen.


      Liebe Grüße
      Karin

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  5. Danke für die Rezension. Sie spiegelt gut wieder, was ich auch empfunden habe. Zeitweise musste ich abbrechen, es war dann ein Zuviel an Eindrücken und Gefühlen. Das Buch hat mich sprachlos zurück gelassen und ich werde es sicher nicht so schnell vergessen können.

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    1. Ich werde es auch nicht (so schnell) vergessen können! Da versteh ich wirklich wie es dir geht. Man hat schon so viel gelesen und dann kommt so ein Buch daher und stellt irgendwie alle Bewertungen noch einmal in Frage (zumindest bei mir). Es ist für mich sicherlich eines meiner liebsten Bücher, unabhängig vom Zeitraum.


      Liebe Grüße
      Karin

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  6. Hey Karin,

    das ist eine der besten Rezensionen, die ich bisher gelesen habe! Ich schätze es so sehr wenn man nicht einfach den Inhalt zusammenfasst, sondern seine Gefühle zum Buch beschreibt- und genau das hast du auf ehrliche Weise gemacht.

    Dann muss ich gestehen, dass ich nicht wusste dass dieses Buch von einer Frau geschrieben wurde. Shame on me! Jetzt ist es nur noch interessanter geworden, und wenn bei mir eine Phase ist in der ich mir so ein anstrengendes aber wertvolles Buch erlauben kann, sollte es offensichtlich das hier sein.

    Danke für die tolle Rezi!

    Allerliebste Grüße, Sandy ☕

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