Petite von Edward Carey

Oktober 31, 2019

Petite - Edward Carey


Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "Little"/ 2018) C.H. Beck Verlag,  mit zahlreichen Illustrationen von Edward Carey, Übersetzer/in: Cornelius Hartz (aus dem Englischen), ★★★★☆ 4 Sterne
"1761 wird ein winziges Mädchen namens Marie Grosholtz im Elsass geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern wird sie Gehilfin des exzentrischen Wachsbildners Doktor Curtius in Bern, der sie mit nach Paris nimmt, wo sie mit der dominanten Witwe Picot und ihrem stillen Sohn Edmond in einem leerstehenden Affenhaus Quartier beziehen. Sobald sie das Gebäude in einen Ausstellungsraum für Wachsfiguren und Wachsköpfe verwandelt haben, wird ihr Handwerk zur Sensation und führt Marie bis an den Königshof in Versailles. Das Geschäft mit den Wachsköpfen berühmter und berüchtigter Zeitgenossen, großer Philosophen und notorischer Verbrecher blüht. Doch in Paris werden die Paläste gestürmt und das Volk verlangt nach Köpfen – genau das, was die Wachsbildner liefern!"
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"Es gibt einen Zustand zwischen Leben und Tod, er heißt: Wachsfigur."  S. 488

Ganze fünfzehn Jahre hat Edward Carey für die fiktive Biographie Madame Tussauds benötigt. Er selbst gibt zu, dass nicht sehr viel überliefert wurde und doch kann man sich vorstellen, dass ihr Leben so oder zumindest so ähnlich verlaufen sein könnte.
Das liegt wohl überwiegend an der sehr detaillierten Schilderung der Ereignisse und gewisser Zeitspannen. Für mich persönlich war der mittlere Teil etwas zu ausführlich, sodass sich einige Ermüdungserscheinungen abgezeichnet haben und man das Gefühl bekommt, dass sich besonders dieser Teil sehr zieht. Insgesamt jedoch waren die restlichen Kapitel recht schnell erzählt und es fehlte ihnen nicht an neuen Informationen. Wer aber zum Beispiel gerne etwas länger in Büchern und deren Welten verweilt, dem wird der mittlere Teil vielleicht auch gar nicht so lang vorkommen. Erst zum Schluss merkt man als Leser tatsächlich, dass der mittlere Teil aus taktischen Gründen so ausschweifend dargelegt wurde, denn er berichtet von dem Aufenthalt Maries (Madame Taussuds) im Königshaus. Da ihre Geschichte ebenfalls mit den Aufständen in Paris verwoben wird, soll man natürlich eine "Beziehung" zu den Adeligen aufbauen können, sodass möglichst alle Seiten aufgezeigt werden und anschließend eingeordnet werden können.
Gestärkt wird diese Erzählung Madame Tussauds ab 1761 durch die Ausdrucksweise. Er klingt etwas an die Zeit angepasst, wird aber nicht bis an seine Grenzen gebracht, sodass es nicht übertrieben wirkt. Das schien mir eine gute Lösung zu sein, um das Gefühl des "Alten" zu bewahren, aber nicht zu hochgestochen für einen heutigen Roman zu klingen.

"Frankreichs Kopf wächst und hungert den Leib aus. Wie lange, glaubst du, kann es so leben? Wie lange, glaubst du, kann unser Land überleben? Pssst, nun fort von hier." S. 107

Man sollte durchaus wissen, dass das Buch, so freundlich es von außen wirken mag, inhaltlich oftmals sehr grob, brutal und blutig ist. Die Geschichte thematisiert Selbstmorde, kaltblütige Morde, Körperteile, die nicht immer nur aus Wachs bestehen und (getrennte) Köpfe, die aufgrund der Geschichte von Paris zur damaligen Zeit, ebenfalls nicht immer nur aus Wachs bestehen. Da einige Geschehnisse auch in die schwarzweiß Illustrationen aufgenommen wurden, sollte man vorher überlegen, ob man sich dem Inhalt stellen möchte.
Grundsätzlich fand ich das Buch nicht zu "schrecklich", aber doch oftmals sehr erschreckend und es kommen durchaus viele Stellen, in denen man einen gewissen Schauder spürt.
Dennoch hat die Geschichte mich letztlich durchaus überzeugen können. Marie erzählt die Geschichte als Ich-Erzählerin, was die Erlebnisse gefühlsmäßig deutlich verstärkt. Ihre Entschlossenheit, Tapferkeit und manchmal auch ihre Naivität lassen den Leser / die Leserin der Biographie aber immer mit ihr zusammen kämpfen.
Mir gefiel zudem, dass der Roman die Seiten aller Figuren ein wenig durchleuchtet. Vor allem zum Ende hin muss man sich fragen welche Opfer und Siege eine jede Revolution mit sich bringt. Hier verschwimmen auch oftmals die Grenzen zwischen Gut und Böse, Schwarz und Weiß, da auch Marie und ihre Familie Dinge in Auftrag nehmen muss, die grausam sind.

Durchaus spielen die Wachsfiguren natürlich eine sehr wichtige Rolle und es werden auch besonders zu Beginn Details zur Herstellung beschrieben wie auch Illustrationen angeführt, aber dies verschmilzt sehr schön mit den Geschehnissen der Gesellschaft. Man hat nicht das Gefühl, dass das ganze Buch nur über diese Figuren berichtet und die Menschen außerhalb, im "wahren, echten Leben" ausblendet. Ganz im Gegenteil.
Einige Dinge, die in dem Buch genannt werden, die mich etwas stutzen ließen, habe ich versucht nachzuschauen, aber einiges konnte ich nirgends gänzlich als belegt finden. Daher kann ich nicht genau sagen, ob alles historisch akkurat dargelegt ist, dennoch schätze ich, dass bei fünfzehn Jahren, die Carey hierein investiert hat, er (hoffentlich) darauf geachtet hat.

"Trotzdem büßte mein Meister nie den Glauben an seine Arbeit ein. 'Es sind Spiegel, Marie.', sagte er. 'Wir fertigen bloß Spiegel an. Und das haben wir schon immer getan. Sie mögen sich selbst nicht anschauen. Sie schämen sich für das, was sie im Spiegel sehen.'"  S. 463


Wachsfiguren, Köpfe, Morde, eine Französische Revolution und inmitten dessen: Marie Grosholt oder auch Madame Tussauds. Eine Frau auf der Suche nach Selbstbestimmung und dem eigenen Glück. Obwohl mir der Mittelteil etwas zu langatmig erschien, konnte mich die fiktive Biographie dennoch zum Schluss überzeugen. Nicht immer ist sie leicht zu verdauen, da es oftmals sehr brutal zugeht und es makabere (wenn auch leider realistische) Abbildungen gewisser Geschehnisse gibt, aber diese Zeit der Aufstände war sicherlich alles andere als leichte Kost. Die Stimmung kann durchaus bedrückend sein, lässt aber immer das Gefühl von Hoffnung zu, spielt zudem auch mehrfach mit einer bitterbösen Ironie und Sarkasmus.



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Norse Mythology von Neil Gaiman

Oktober 27, 2019

Neil Gaiman - Norse Mythology



(Original: "Norse Mythology"/ 2017) dt. Ausgabe: "Nordische Mythen und Sagen", Bloomsbury, Übersetzer/in: -, ★★★★☆ 4 Sterne
In "Norse Mythology" vereint Neil Gaiman Neuerzählungen der großen nordischen Mythen. Geschichten von Zwergen und Eisriesen, von Schätzen und Magie und von Asgard, dem Zuhause der Götter.
"Before the beginning there was nothing - No earth, no heavens, no stars, no sky: Only the mist world, formless and shapeless, and the fire world, always burning."
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"Read the stories in this book, then make them your own, and on some dark and icy winter´s evening, or on summer night when the sun will not set, tell your friends what happened when Thor´s hammer was stolen, or how Odin obtained the mead of poetry for the gods...”  Vorwort

Die großen nordischen Mythen. Ich muss zugeben, dass ich mich vorher nie wirklich damit auseinandergesetzt habe. Die griechische und römische Mythologie waren mir immer präsenter, wahrscheinlich auch, weil sie in der Schule öfters aufgegriffen wurden. Daher ist dieses Buch, vor allem als Einstieg für diejenigen interessant, die bisher wenig darüber wissen und die bekannten Ansichten über Thor aus den Marvel Comics erweitern möchten.
Grundsätzlich geht es hier recht zügig voran und man hält sich nicht mit großartigen Umschreibungen oder Ausschmückungen auf, dennoch liest es sich interessant und unterhaltsam. Der kurze Einstieg über die folgenden "Player" in den Mythen und auch das Glossar am Ende des Buches helfen noch einmal, um die Begriffe, Orte und Personen besser zu verinnerlichen. Da vieles sehr ähnlich klingt zum Beispiel "Mimir" und "Mjollnir" ist es ganz schön, den Überblick noch einmal vorliegen zu haben.
Inhaltlich fand ich es persönlich gut, dass Gaiman hier den originalen Mythen treu bleibt und die Figuren alle nicht wirklich nobel dargestellt werden, da Verrat, Heimtücke, Mord etc. zur Tagesordnung gehören und jede Figur diesen Dingen unterliegt. Anders als in den Marvel Comics, in denen zum Beispiel Thor als ständig vernünftig, gut und zunehmend nicht blutrünstig gilt, hat auch er seine Macken. Daher sind die originalen Geschichten der nordischen Götter doch etwas "brutaler" und schonungsloser. Für mich wurde aber immer ein kleines Augenzwinkern mit eingebaut, um das Verhalten der Götter so kritisieren zu können oder in Frage zu stellen. Generell wird bei ihnen sowieso eine andere Moral verfolgt, wie sie bei der uns heutigen Gesellschaft üblich scheint.

"There were things Thor did when something went wrong. The first thing he did was ask himself if what had happened was Loki´s fault.” S. 94

Insgesamt habe ich das Buch gerne gelesen, aber mir hat währenddessen immer mal wieder die "Handschrift" Gaimans gefehlt. Mal blinzelte sein Humor durch, aber bis auf das Vorwort fehlte mir etwas die persönliche Note, soweit man die in einer solchen Nacherzählung überhaupt hätte leisten können.
Die Kapitel wirken anfangs zwar noch etwas losgelöst, zum Ende hin erkennt man aber einen schönen roten Faden, der dem Ganzen einen schönen Abschluss bietet.
Erwähnenswert ist vielleicht auch, dass man zum Ende hin den Fokus auf die Figur Loki verstärkt wahrnimmt. Zwar kommen hier sämtliche wichtige Figuren und Ereignisse vor, aber Loki steht meist im Mittelpunkt der Erzählungen. Wer diesen Charakter also besonders spannend findet, der kommt hier auch auf seine Kosten.

"Have you ever wondered why some people make beautiful songs and poems and tales, and some of us do not? It is a long story, and it does no credit to anyone: there is murder in it, and trickery, lies and foolishness, seduction and pursuit. Listen." S. 111


Da die Erzählungen sehr kurz sind, aber die Einleitung und das Glossar einen schönen Überblick bieten, eignet sich das Buch meiner Meinung nach sehr gut als Einstieg in die nordische Mythologie, um das aufkommende Interesse danach mit weiteren Büchern vertiefen zu können. Die wichtigsten Beziehungen, Orte, und Mythen rund um die Entstehung der Künste oder der Welten werden aber abgedeckt, sodass die Geschichten durchaus informativ sind. Ich persönlich hätte mir manchmal eine etwas stärkere persönliche Note Gaimans in den Texten gewünscht, aber durch die Tatsache, dass es sich eben um Neuerzählungen handelt, nimmt man gewisse Abzüge in Kauf. Insgesamt habe ich die Geschichten sehr gerne gelesen und werde nun definitiv Ausschau nach weiteren passenden Büchern halten.




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Is it October 31 yet?: Eine herbstliche Leseliste

Oktober 23, 2019

Halloween - Herbst - Bücher





Dieses Jahr habe ich es leider nicht geschafft, mich rechtzeitig mit typischer Halloween-Lektüre einzudecken (Ja, die Jahreszeit kam wieder schneller als gedacht und bei den warmen Temperaturen kann man es glatt vergessen). Dennoch habe ich natürlich vor, am 31. Oktober schaurige, spannende oder märchenhafte Geschichten zu lesen und einen kleinen Hauch des "Trick or Treat"-Gefühls mitzunehmen. Natürlich werde ich die acht Bücher, die ich rausgesucht habe, nicht alle an einem Tag schaffen, daher habe ich mir eine etwas umfangreichere Leseliste für den Herbst zusammengestellt, die auch darüber hinaus noch für "Goose bumps Nights" sorgen wird.

Die Bücher sind alle relativ unterschiedlich, greifen aber eine düstere, unheimliche oder sogar geisterhafte Atmosphäre auf. Vielleicht ist ja auch eines für euch dabei, falls ihr noch auf der Suche seid.

  • "The Little Stranger" von Sarah Waters: Ich glaube ich habe schon mehrfach zu diesem Buch gegriffen, habe es aber wieder zur Seite gelegt, weil die Stimmung im Sommer dafür einfach nicht passen wollte. Der Roman wurde glaube ich sogar schon verfilmt und wirkt schon ziemlich gruselig. Irgendwie erinnert es mich laut Klappentext etwas an "The Silent Companions" von Laura Purcell. Mal sehen, ob ich danach das Licht ausmachen kann
  • "The Woman in White" von Wilkie Collins: Ein Klassiker, den man ja schon beinahe als Stilelement in verschiedenen Filmen und Serien gesehen hat. Auch hier steht die Möglichkeit einer geisterhaften Erscheinung im Vordergrund, daher ein klarer Favorit für Halloween. 
  • "Lost Boy" von Christina Henry: Die Neuinterpretation von J.M. Barries "Peter Pan" klingt wunderbar märchenhaft, wenn auch deutlich spukfreier als die beiden oben genannten Romane. Aber auch hier glaube ich, dass die kühle, abendliche Herbstluft wunderbar dazu passen wird.
  • "Dracula" von Bram Stoker: Hierzu muss man glaube ich nicht mehr viel sagen. Ebenfalls ein Klassiker schlechthin, mit Vampiren und alten Schlössern. Nun, da die neuen Penguin Clothbound Classics erschienen sind, muss ich den Roman endlich mal lesen.
  • "Worüber wir schweigen" von Michaela Kastel: Hiermit wage ich mich in ein Genre, zu dem ich seltener greife. Aber der Krimi hört sich wirklich gut an und verspricht ebenfalls eine ganz passende Schreckstimmung aufkommen zu lassen. Hier geht es um alte Cliquen und deren Geheimnisse, die es zu enträtseln gibt.
  • "The Wonder" von Emma Donoghue: In Donoghues Roman geht es um ein Mädchen, das scheinbar nicht essen möchte und dennoch nicht abmagert oder sogar verhungert. Die Überlegung eines Wunders steht im Raum und das Gerede der Mitbürger wird zunehmend lauter. Klingt schön schaurig, auch wenn es sicherlich auf einer nicht übernatürlichen Grundlage beruht. Romane die sich kritisch mit dem religiösen Fanatismus auseinandersetzen finde ich durchaus interessant, sodass ich mich hieraus besonders freue. 
  • "Everything Under" von Daisy Johnson: Ehrlich gesagt weiß ich über den Roman recht wenig. Es soll mythisch und märchenhaft sein, sich aber auch mit Themen wie Familie, Liebe, Identität und Schicksal beschäftigen. Klingt gut, wenn man von den richtigen Geistergeschichten eine kleine Pause braucht.
  • "Once Upon a River" von Diane Setterfield: Setterfields Roman interessiert mich zurzeit glaube ich am meisten. Laut Beschreibung reiht es sich auch in das "Fantastic / Gothic" Genre ein. Auch hier geht es ein wenig um die Betrachtung des Wunders. Ein Mann tritt an einem Winterabend in ein Gasthaus ein und trägt ein lebloses Mädchen in den Armen. Kurz darauf atmet das Mädchen aber plötzlich wieder und alle fragen sich, wie das möglich ist. Hier begibt man sich mit den Protagonisten hoffentlich auf spannende Spurensuche.

In diesem Sinne:
"Enter if you dare, foolish Mortals"



Habt ihr euch eine Leseliste für den Herbst zurechtgelegt? Würde euch eines der Bücher besonders interessieren?



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Wie ein Leuchten in tiefer Nacht von Jojo Moyes

Oktober 22, 2019

Wie-Ein-Leuchten-In-Tiefer-Nacht-Jojo-Moyes


Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "The Giver of Stars"/ 2019) Rowohlt (Wunderlich) Verlag, Übersetzer/in: Karolina Fell (aus dem Englischen), ★★(★)☆☆ 2,5 Sterne
"1937: Hals über Kopf folgt die Engländerin Alice ihrem Verlobten Bennett nach Amerika. Doch anstatt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten findet sie sich in Baileyville wieder, einem Nest in den Bergen Kentuckys. Mächtigster Mann ist der tyrannische Minenbesitzer Geoffrey Van Cleve, ihr Schwiegervater, unter dessen Dach sie leben muss.
Neuen Lebensmut schöpft Alice erst, als sie sich den Frauen der Packhorse Library anschließt, einer der Bibliotheken auf dem Lande, die auf Initiative von Eleanor Roosevelt gegründet wurden. Wer zu krank oder zu alt ist, dem bringen die Frauen die Bücher nach Hause. Tag für Tag reiten sie auf schwer bepackten Pferden in die Berge. Alice liebt ihre Aufgabe, die wilde Natur und deren Bewohner. Und sie fasst den Mut, ihren eigenen Weg zu gehen. Gegen alle Widerstände."
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"'Die Ritte werden von Frauen übernommen. Sie liefern die Bücher aus.'
       'Frauen?'
        'Allein?'.
'Als ich das letzte Mal hingesehen habe, hatte Gott ihnen zwei Arme und zwei Beine gegeben, genau wie den Männern.'" 
S. 33

Bei Romanen von Jojo Moyes ist es mittlerweile so, dass ich sie eigentlich lesen möchte, aber weiß, dass sie mich in mancher Hinsicht nicht mehr so ansprechen, wie noch vor einigen Jahren. Dies liegt überwiegend an der doch stereotypischen Ausdrucksweise. Die Romane haben es an sich, dass sie sich bestimmter Sätze bedienen, die man schon viel zu oft gehört hat und die schon beinahe ihre Bedeutung zu verlieren scheinen. Leider war dies auch (zumindest teilweise) in "Wie ein Leuchten in tiefer Nacht" der Fall.

Mich hat zunächst besonders die Thematik angesprochen, Frauen, die als reitende Bibliothekarinnen umherziehen und Leuten Bücher vorbeibringen. Ein Projekt, das 1937 in den Anfangsschuhen steckte und auch viel Unmut bei den (männlichen) Bewohnern hervorgerufen hat. Dieser Schwank zwischen Ablehnung und Anerkennung wird in dem Roman recht gut transportiert. Es entsteht eine Spannung, die nicht nur den Figuren, sondern auch der Handlung gut getan hat.
Obwohl die Figur Alice noch einen Strang hinsichtlich der Heirat und der damit einhergehenden Verpflichtungen zur damaligen Zeit eröffnet, dadurch auch die Beziehung zwischen Mann und Frau und deren "Aufgaben" thematisiert werden, fand ich es erstaunlich positiv, dass der Roman zwar gefühlvoll, aber nicht mit Liebessträngen vollgestopft wurde. Der Fokus auf die Verhältnisse der damaligen Zeit kam dennoch genügend zum Vorschein.
Kam jedoch die Intimität oder Gefühlsdarlegung ins Spiel, wurde mir zu sehr auf "alt bewährtes"- Mittel gesetzt. Worte die irgendwie immer fallen, wenn man eine romantische Stimmung erzeugen möchte und auch einige Entwicklungen in der Geschichte hinsichtlich dieser Auslegung schienen sehr stereotypisch und vorhersehbar. Grundsätzlich kann man das Rad nicht neu erfinden, wie man so schön sagt, gewisse Worte sagen nun einmal aus, was man fühlt, aber ich hätte hier, da die Idee mit der "Wander-Bücherei" tatsächlich sehr interessant war, eine andere Ausdrucksweise doch passender gefunden. Dadurch erschien mir der Roman, nach sehr guten Stellen, doch wieder nur mittelmäßig.

"' Aber wir haben hier noch viel bedeutendere Dinge zu besprechen. Sowohl ich als auch eine beträchtliche Anzahl unserer Nachbarn machen sich Sorgen über die Auswirkung dieser Bücherei auf unser Städtchen. Man hört von Frauen, die ihren Haushalt nicht mehr führen, weil sie zu beschäftigt damit sind, Modezeitschriften oder minderwertige Liebesromane zu lesen. Kinder eigenen sich rebellische Ideen aus Comics an. Wir können kaum noch kontrollieren, welche Einflüsse uns da ins Haus getragen werden.'

               'Das sind nur Bücher, Henry Porteous. Was glauben Sie, wie die großen Gelehrten früher etwas
                gelernt haben?'
" S. 196f.

Schwer getan habe ich mich auch bei der Wahl einiger Wörter. In dem Roman gibt es eine Freundin und Mitarbeitern, die schwarz ist und somit den Rassismus thematisieren soll. Als Ansatz funktioniert das auch gut, denn die anderen Bibliothekarinnen setzen sich für sie ein und es fallen durchaus wichtige Ansichten. Da der Roman 1937 spielt und man nicht erwarten kann, dass sich die Problematik einfach lösen lässt, versteht man auch, dass einiges nicht mehr "Platz" eingeräumt bekommt. Aber dass man den Begriff "Farbig" immer verwendet, empfand ich etwas missglückt, da er kolonialistisch geprägt ist und eine negative Konnotation erhält. Zwar ist "People of Color" ein sehr moderner Begriff, den man damals nicht verwendet hat, aber ich wäre dann eventuell einfach auf die Umschreibung ausgewichen und hätte "nicht für Weiße" oder "nicht weiß" gewählt.
Zu den Figuren selbst konnte ich durchaus schnell eine "Verbindung" aufbauen. Manchmal hatte ich Schwierigkeiten mit Alice und sympathisierte dadurch eher mit Margery und Izzy. Alice erschien mir oftmals wie ein Bindeglied, um die Geschichte überhaupt erzählen zu können, ihr eigenes Schicksal wirkte dadurch, trotz Glaubwürdigkeit, zu gestellt und wie ein Spielball.


Grundsätzlich gefielen mir die Idee und viele Gedanken, die in dem Roman ihren Platz finden. Ich fand es zudem beinahe erstaunlich (im positiven Sinne) dass die Geschichte einen Hauch von Kriminalroman aufkommen lässt, den ich mit Moyes eher weniger in Verbindung gebracht hätte. Die Geschichte der Bibliothekarinnen wird grob skizziert, verweist aber auch alle Schwierigkeiten und Freuden, die sie bei der Arbeit begleiten. Die Handlung hat durchaus einige Spannungsmomente, verfällt zum Ende hin aber leider wieder in die stereotypische Richtung und wirkt dadurch beinahe fad, ebenfalls wie die Ausdruckweise in Gesprächen, die sich auf eine romantische Beziehung stützen. 



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Things We Say in the Dark von Kirsty Logan

Oktober 16, 2019

Things-We-Say-In-The-Dark-Kirsty-Logan

Things-We-Say-In-The-Dark-Kirsty-Logan

(Original: "Things We Say in the Dark"/ 2019) Harvill Secker , Übersetzer/in: -, ★★★★☆ 4 Sterne
Diese dunklen Geschichten thematisieren die Ängste von Frauen mit schonungsloser Ehrlichkeit und Fantasie, sprechen dabei über den weiblichen Körper, häusliche Klaustrophobie, Verlangen und Gewalt. Der Erzählband besteht zudem aus feministischen Geschichten, die sich irgendwo zwischen Märchen und Geistergeschichten bewegen.
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"We are afraid that someone will come into our house when we don´t want them to. We are afraid that the thing we fear is already inside. We are afraid that we can´t make it leave. We are afraid that the lock on the door will not hold.”  S. 25

Bereits durch Logans “A Portable Shelter” wusste ich, dass die Autorin Erzählungen auf ganz besondere Art und Weise transportieren kann. In diesem Band jedoch hat sie das Bizarre aber noch einmal übertroffen.
Die Geschichten sind tatsächlich alle recht düster, einige sind sogar wirklich schauderhaft. Nicht nur aufgrund der Beschreibungen, sondern auch durch deren Inhalt. Wieder einmal offenbart sich die Wahrheit hier in einem schleichenden Prozess. Manchmal jedoch weiß man am Ende gar nicht was nun überhaupt der Wahrheit entsprach. Wie in dem Klappentext angedeutet, schwankt Kirsty Logan tatsächlich zwischen Metaphorik, Traumzuständen und einer Art Gruselgeschichte. Mythische Wesen werden genannt, aber auch blutige Zaubertricks und Babyhaie finden hier ihren Platz.

"Let us see where the lies end and the truth begins.” S. 55

So sehr die Geschichten oberflächlich zunächst eher absurd, makaber und eben bizarr (auf einige vielleicht sogar verstörend) wirken und man sich denk: „Ja, das kann ja so gar nicht stimmen, das ist alles erfunden”, so stark ist jedoch auch stets das Gefühl, dass die Erzählungen die schwierigen Seiten des Lebens greifbar machen. Ängste werdender Mütter zum Beispiel finden in der Gesellschaft weniger Beachtung, weil man sie stets mit Floskeln zurechtweist und sagt: „Das wird schon“. Hier wird diesen Ängsten zugehört und sie werden niedergeschrieben. Dass sie nicht leicht zu lesen sind, das steht außer Frage, aber wenn man sie liest, überkommt einen wirklich ein Schauer und man kann sich nur vage vorstellen, wie sich die Figuren und die Menschen fühlen müssen, denen wirklich so etwas durch die Gedanken streift.
Das Thema der Eltern-Kind-Beziehung ist in dem gesamten Erzählband stets präsent, wird aber aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und in verschiedenen Kontexten erzählt. Darüber hinaus werden aber auch traumatische Erlebnisse junger Mädchen thematisiert und mit den vorwurfsvollen Stimmen der Gesellschaft vermischt. Hier muss man durchaus in der Lage sein, diese abkapseln zu können, denn die Erzählungen orientieren sich daran, den Stimmen der Frauen und Mädchen ein Verständnis für ihre Gedanken und Gefühle zuzusprechen. Einige andere Figuren müssen sich ihrer Wahrheit stellen, die sie versuchen zu verdrängen. Ich persönlich fand einige Erzählungen packender, als andere, kann aber nicht sagen, dass ich eine wirklich schlecht fand.
Man muss allerdings beachten, dass die Geschichten ziemlich abrupt enden und man sich das eine oder andere Mal etwas zurückgelassen fühlt. Oft erahnt man das Folgende, vieles setzt sich aber erst durch die eigenen Interpretationen zusammen. Einiges musste ich mehrmals lesen, um es halbwegs oder gänzlich zu verstehen.
Was ich an dem Erzählband jedoch wirklich großartig fand war, wie er geschrieben ist und in eine sinnvolle Reihenfolge gesetzt wurde und in welcher Intensität einen das Geschriebene dadurch letztlich trifft. Man wird Schritt für Schritt sensibler, lässt aber gleichzeitig alle Überlegungen einer Unmöglichkeit fallen und lässt sich komplett auf die Geschichten ein.

"’It´s sea-glass. I found it in the kitchen. Do you think it´s a good-luck charm from your gran? To wish us well?’
Alice threw the musty duvets into the hall. ‘Trust me, Rain. My gran didn´t wish anybody well.’ S. 15


Der Name des Erzählbandes ist Programm. Es geht hinab ins Dunkle. In das Dunkle des Menschen und seiner Gedanken. Es geht aber auch um Dinge, die man sich nur traut im Dunklen zuzugeben, wenn die Nacht einen schützt. Das Thema „Familie“ steht durchaus im Fokus und Eltern, Frauen und junge Mädchen bekommen hier eine Stimme und erzählen von ihren Ängsten, Wünschen und Albträumen. Viele Geschichten sind aufgrund des thematisierten Inhalts nicht leicht zu ertragen, da sie auch ein bedrückendes Gefühl auslösen. Da die Geschichten alltäglicher Ängste in bestimmten Formen verpackt sind, sprich mythische Legenden, Geistergeschichten, Träume oder Ähnliches wirken sie zunächst etwas fremd. Mit der Zeit merkt man jedoch, dass hier der Versuch unternommen wird, diese Ängste so zu transportieren, dass beim Leser ein Verständnis dafür aufkommt. Ein „gruseliges“ Oktoberbuch, in dem einen eher die Menschen ängstigen und nicht irgendwelche scheinbaren „Monster“.


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A Winter´s Promise (The Mirror Visitor #1) von Christelle Dabos

Oktober 10, 2019

A-Winter´s-Promise-Christelle Dabos
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(Original: "La Passe-Miroir. Livre 1. Les fiancés de l´hiver"/ 2013) Europa Edition (2018), Übersetzer/in: Hildegarde Serle (aus dem Französischen), dt. Übersetzung: "Die Verlobten des Winters" (Die Spiegelreisende #1) ★★★★☆ 4 Sterne
Durch einen Bruch der uns bekannten Welt, entstanden zahlreiche schwebende Inseln, auch Archen genannt. Auf der Arche 'Anima' lebt die junge Ophelia. Sie hat die Fähigkeit, die Vergangenheit von Gegenständen und ihren Besitzern zu lesen. Zeitgleich besitzt sie auch die Gabe, durch Spiegel wandern zu können - ein Vermächtnis, das von Generation zu Generation an sie weitergereicht wurde. Ihr bisher ruhiges Leben gerät plötzlich in Aufruhr, als für sie eine Heirat mit Thorn arrangiert wird, einem Mitglied eines verfeindeten Clans. Sie muss ihr Zuhause verlassen und ihrem Verlobten in die eisigen Gebiete von Citaleste folgen. Doch die Gefahr lässt nicht lange auf sich warten...
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"With arms behind her back, she looked at him with vacant expression and said nothing more. This is what Ophelia was like: in situations where any young girl would have cried, moaned, shouted, implored, she usually just observed in silence."  S. 26

Der erste Teil der "Mirror Visitor"-Reihe beginnt, wie man ihn sich eigentlich vorstellt. Es ist eine Art Einführung in die zerbrochene Welt. Figuren werden charakterisiert und Umstände näher erläutert. Handlunsgtechnisch passiert durchaus einiges, dies entwickelt sich aber schleichend und hinterlässt den Eindruck, als wüsste man am Ende des Buches noch nicht wirklich, wem man trauen kann.
Darauf zielt "A Winter´s Promise" auch tatsächlich größtenteils ab. Es ist ein Wechselspiel von Schein und Sein. Wer sind die Figuren wirklich? Was haben sie vor? Politische Streitigkeiten und familiäre Kämpfe sind Gang und Gäbe und scheinen, zumindest im Gebiet Citaleste durchaus legitim. Jeder weiß, dass man niemandem trauen kann und man vorsichtig sein muss.
Als Leser ist das einerseits natürlich spannend, da man selbst überlegen muss, wen man zu Ophelias Vertrauten zählt, andererseits bleiben am Ende noch alle Fragen offen. Dies ist in Hinblick auf die drei noch folgenden Bücher aber eher nicht verwunderlich.

"An object repaired itself quicker if it felt useful, it was all a question of psychology." S. 80

Grundsätzlich gefiel mir der erste Teil sehr gut, auch wenn man einige Dinge sicherlich anmerken kann. Die negative Kritik, dass die weiblichen Rollen wieder einmal aus einem nicht feministischen Blick betrachtet werden, kann ich nur teilweise bestätigen. Ich musste zwar an einigen Stellen mit den Augen rollen, aber grundsätzlich liegt in den Zeilen doch verborgen, dass Frauen eine gewisse Macht haben und diese auch mit Köpfchen einsetzen. Selbst die anfängliche Vermutung, dass sich Ophelia von ihrem Verlobten beschützen lassen muss, wird hinfällig, denn er tritt nicht so oft auf und sagt immer wieder, sie solle nur seiner Tante vertrauen. Dadurch lag für mich das Augenmerkt auf dem weiblichen Duo, sogar auch Trio, da Ophelias Tante ebenfalls als Beschützerin fungieren soll. Zudem ist Ophelia clever und selbstbewusst genug, um sich nicht so leicht unterkriegen zu lassen.
Die Figur des Archibald verkörpert dagegen das pure, unfassbar schleimige Männerbild, das nur darauf aus ist, die Frauen in seiner Umgebung zu verführen und ihnen so das Ansehen zu "rauben". Für mich eine bisher nicht ganz verständliche Handlungsausarbeitung, aber vielleicht wird dies noch in den folgenden Bänden aufgelöst.
Natürlich ist die Reihe durch viele passende und bekannte Elemente sehr jugendbuchlastig, aber meiner Meinung nach wird durch das stark politische Thema, inklusive Intrigen, der Grad an "Beziehungs-/Verlobungsgeschichte" deutlich geschmälert. Der Fokus liegt zudem durchaus stärker auf den Fantasyelementen und (noch) nicht auf dem Gefühlspingpong der Protagonisten.

"Ophelia understood that that´s what being a society lady was: covering one´s true feeling with a sweet smile." S. 193



Ein gelungener erster Teil, der ausführlich in die Welt einleitet und die Verbindungen, wie auch Gegebenheiten der Gebiete und Familien offenbart.  Zwar gibt es viele Geschehnisse, mit denen Ophelia zu kämpfen hat, diese werden aber kaum aufgelöst. Man ist sozusagen gefangen in einer Welt von möglichen Theorien. Intrigen und Familienkämpfe lassen aber darauf schließen, dass man bei der Charakterisierung der Figuren vorsichtig sein muss, da man noch niemanden gänzlich einschätzen kann. Was die Darstellung des Verhältnisses von Männern und Frauen anbelangt bin ich noch unschlüssig, da man noch nicht genau weiß, welche Entwicklungen folgen werden. Einige Dinge haben mich daran eher gestört, andere fand ich gut umgesetzt. Mir gefielen zudem die ganzen Anspielungen auf Ophelias Gabe und die damit verbundenen Eigenschaften oder Aufgaben, da man hier noch etwas 'Größeres' vermutet. Den zweiten Teil möchte man hiernach am liebsten sofort lesen.




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