Jäger, Hirten, Kritiker von Richard David Precht

Juli 31, 2018



Werbung - Rezensionsexemplar (Original: "Jäger, Hirten, Kritiker"/ 2018) Goldmann Verlag, Übersetzer/in: -,   ★★★★☆ 4 Sterne
"Dass unsere Welt sich gegenwärtig rasant verändert, weiß inzwischen jeder. Doch wie reagieren wir darauf? Die einen feiern die digitale Zukunft mit erschreckender Naivität und erwarten die Veränderungen wie das Wetter. Die Politik scheint den großen Umbruch nicht ernst zu nehmen. Sie dekoriert noch einmal auf der Titanic die Liegestühle um. Andere warnen vor der Diktatur der Digitalkonzerne aus dem Silicon Valley. Und wieder andere möchten am liebsten die Decke über den Kopf ziehen und zurück in die Vergangenheit.
Dieses Buch will zeigen, wo die Weichen liegen, die wir richtig stellen müssen. Denn die Zukunft kommt nicht - sie wird von uns gemacht! Die Frage ist nicht: Wie werden wir leben? Sondern: Wie wollen wir leben? "

MEINE MEINUNG / FAZIT
  
"Und die Bedürfnisse nach Geld, Ruhm und Macht könnten besser gezügelt sein - aber all das will die digitale Revolution gar nicht optimieren! Sie möchte Gewinne optimieren! Und »Optimierung« beim Menschen bedeutet, ihn maschinenähnlicher zu machen - also nicht etwa humaner, sondern weniger human!" S.21

Den Übergang zu einer funktionierenden "digitalen" Gesellschaft zu schaffen, scheint laut Precht alles andere als einfach zu werden. Dies liegt aber nicht daran, dass dies nicht möglich sei, sondern eher daran, dass man sich in vielen Bereichen viel zu wenig und viel zu langsam um die Fortschritte und Veränderungen gekümmert hat und weiterhin kümmert, die unaufhaltsam ihren Lauf nehmen.
"Jäger, Hirten, Kritiker" geht dabei auf sehr viele Bereiche unseres Lebens ein, welche von der Digitalisierung maßgeblich betroffen sind. Schnell wird einem bewusst, dass dies eigentlich alle Bereiche unseres Lebens sind. Die Entwicklung macht kaum noch vor etwas Halt. Auch wenn wir uns zum Beispiel bemühen unser Leben mit Maschinen, selbstfahrenden Autos oder den sozialen Medien bequemer und unterhaltsamer zu machen, nimmt dies wieder Einfluss auf die Politik, auf die Arbeitswelt, auf unser Wohlbefinden, auf das Klima und natürlich auf die enorme Masse an Strom, die wir dadurch verbrauchen.
Eines wurde mir beim Lesen ganz deutlich: man weiß, dass sich etwas verändern muss, aber keiner scheint genau zu wissen, wie man das erreichen soll ohne das ganze "System" komplett umzukrempeln. 
Und ganz besonders ertappt fühlt man sich beim Lesen natürlich dabei, wenn Precht erwähnt, dass alle wissen, was für Auswirkungen der massive Konsum an digitalen "Lebenserleichterern" hat und es so nicht weitergehen kann, aber alle denken, es betreffe sie ja nicht direkt.
Natürlich kann man für Prechts ausführliche Argumente wieder Gegenargumente finden, die das Ganze etwas schmälern, denn wie er auch selbst im Nachwort einräumt, klingt das Buch an vielen Stellen "sehr negativ", aber im Großen und Ganzen finde ich muss man sich eingestehen, dass man nach der anfänglichen Euphorie des "schönen, spannenden Internets" viele Schattenseiten entdeckt, die man nicht einfach abmildern sollte.
Der Erzählstil ist dabei immer verständlich und geht meist nicht zu sehr ins Detail, was aber dafür sorgt, dass man, so ironisch es klingt, gerne von den ganzen Schattenseiten liest. Einiges wiederholt sich zwar, aber es werden dennoch ausreichend Beispiele aufgegriffen, die einen guten Überblick über die Thematik vermitteln. Für mich persönlich war es an einigen Stellen etwas knifflig, wenn er von den ganzen "menschlichen" Seiten erzählt, die natürlich durch die Kultur geprägt sind, aber in meinem Studium wurde mir ernüchternd beigebracht, dass der Mensch bis auf das Essen, Schlafen und eventuell die Sexualität ansonsten komplett aus Kultur besteht. Wenn also gesagt wird, es liegt nicht in der Natur des Menschen, sich so und so zu verhalten, um sich wohl zu fühlen, muss man bedenken, dass dies auch sozio-kulturell geprägt ist. Dies sind aber persönliche Überlegungen, die zusätzliche Gedanken aufgeworfen haben. Positiv ist dabei aber, dass man sich eben auch mit weiteren Fragestellungen konfrontiert sieht.

"Viel mündiger, weil kundiger, ist die Summe meines Verhaltens, in Algorithmen erfasst, erzählt es mir nicht nur, was ich getan habe und wer ich bin, sondern auch, was ich als Nächstes tun werde. In dieser Welt ist für Freiheit im altmodischen Sinne kein Platz mehr, allenfalls für die Freiheitsillusion, die Menschen halt so brauchen wie ab und zu einen Blick ins Grüne, hinreichend Sport und ganz viel Anerkennung." S.69

Was das Buch vor allem in den Vordergrund rückt, ist die wichtige Tatsache, dass unsere Gesellschaft durch die Digitalisierung auf eine neue Arbeitswelt umsteigt und es an vielen Ecken, an neuen Ideen und Lösungen fehlt. Wie sollen Menschen immer stärker von Maschinen ersetzt werden, aber weiterhin als wertvoller Teil der Gesellschaft angesehen werden, wenn es keine neuen Jobs geben wird, weil die Politik dieser Digitalisierung eher den Rücken kehrt und sich vor ihr verschließt? 
Es ist tatsächlich jetzt schon wahrzunehmen, dass Menschen immer unzufriedener sind, weil alles nur auf Optimierung und Geldersparnis ausgelegt ist und der Mensch nur als schnödes Mithängsel angesehen wird. Die digitalen Fortschritte ermöglichen uns viele Ersparnisse an eigener Kraftaufwendung, eliminieren aber zeitgleich die Existenzsicherung vieler arbeitstätiger Menschen. "Jäger, Hirten, Kritiker" greift auch hier viele Szenarien auf, wie sich die Situationen weiterspinnen könnten und wozu das Ignorieren der Unzufriedenheit führen kann. 
Natürlich werden hier keine Wunderlösungen angeboten, das ist schlicht und einfach auch nicht möglich, weil alles so in einander verwoben ist, dass es keine einfache Lösung geben kann, aber es gibt einige Denkanstöße, wie wir unser Verhalten den digitalen Entwicklungen gegenüber lenken sollten, um uns nicht vollkommen auf den Glanz, der uns von den "Silicon Valley Geeks" (wie von Precht genannt) vermittelt wird, blind vertrauen sollten. 
Aufgegriffen werden nämlich eben auch die Fragen rund um Privatsphäre, Datensicherheit und die vielleicht eintretende Überschöpfung der Menschen durch einen "Overload" an den träumerischen Vorstellungen der Social-Media-Welt und des ernüchternden Alltags. Wie stark soll sich der Mensch noch mit anderen Messen, bis er dem nicht mehr standhalten kann? Und wenn es jeder Einzelne nicht mehr kann, dann hat die Gesellschaft im Ganzen auch eine eher schwierige Zukunft vor sich.

“Dass der Staat gefordert ist, selbst viel aktiver auf den Plan zu treten, zu regulieren, Anreize richtig zu setzen und den Sozialstaat komplett umzubauen. Und dass er die Menschen nicht orientierungslos lassen darf beim Übergang von der klassischen Arbeits- und Leistungsgesellschaft zu einer neuen Gesellschaft.” S.255


Ein Sachbuch, das den Nerv der Zeit trifft. Die sich weiter entwickelnde und fortführende Digitalisierung ist natürlich nicht aufzuhalten, aber hier werden einige Denkansätze angestoßen, die aufzeigen, dass man sich nicht allem völlig unüberlegt hingeben sollte. Hinsichtlich dieses Fortschritts werden Szenarien in beinahe allen Gebieten der Gesellschaft aufgegriffen. Wie ist unser Privatleben und privater Konsum davon betroffen? Wo müsste die Politik eingreifen? Wie wirkt sich dies auf unsere zukünftige Arbeitswelt aus? Wie soll man die Masse an Stromverbrauch überhaupt stemmen? Kann man in den nächsten Jahren überhaupt eine so schnelle Umsetzung in Angriff nehmen ohne einen vorher eintretenden "Kollaps" zu riskieren? Viele wichtige und interessante Fragen, die vielleicht auf den ersten Blick sehr negativ wirken, aber eigentlich das Gegenteil bewirken sollen. Denn greifen wir früh genug an den Problemstellen mit an, kann uns die Digitalisierung tatsächlich einige Vorteile bieten. Der Erzählstil fordert den Leser zudem nicht dazu auf, allem zuzustimmen, sondern sich in verschiedene Richtungen umzusehen und sich selbst mit diesen aufgeworfenen Fragen zu beschäftigen, die uns betreffen.

Wuthering Heights von Emily Brontë

Juli 26, 2018




(Original: "Wuthering Heights"/ 1847) Penguin Classics, Übersetzer/in: -, Englische Ausgabe, ★★★(★)☆ 3,5 Sterne
Lockwood, der neue Pächter von Thrushcross Grange ist gezwungen eine Nacht Unterschlupf in "Wuthering Heights" zu suchen, dem Heim seines Landherren Heathcliff. Dort erfährt er von den stürmischen Ereignissen, die sich dort vor Jahren zugetragen haben. Er hört von der innigen Beziehung zwischen Heathcliff und Catherine Earnshaw und ihrem Verrat an ihm.

MEINE MEINUNG / FAZIT
  
"Wuthering Heights is the name of Mr. Heathcliff´s dwelling, 'Wuthering' being a significant provincial adjective, descriptive of the atmospheric tumult to which its station is exposed  in stormy weather." S.4

Obwohl Emily eine Brontë war, sollte man die Romane der drei Frauen wohl nicht zwingend miteinander vergleichen. Und doch muss ich sagen, dass "Wuthering Heights" für mich letztlich nicht ganz an "Jane Eyre" ran kam.
Die auftauchenden Motive und spezielle Atmosphäre (die vielleicht sogar dennoch vergleichbar mit "Jane Eyre" ist) haben mir an sich ganz gut gefallen. Es gibt ein bestimmtes Spiel mit dem Gespenstischen und auch die Beschreibung der verfeindeten Häuser ist stark und zeigt sofort, worauf der Roman hinaus möchte. Anfang war ich zudem auch sehr angetan von Mr. Lockwood, dem Erzähler. Nach einigen Kapiteln jedoch gerät er in einen Dialog mit der Haushälterin Nelly. Obwohl ich weiterhin von der Geschichte angetan war, empfand ich ihren Erzählstil weniger fesselnd. Alles bekam eine besondere Sachlichkeit und ersetzte teilweise die schön ironische Art des anfänglichen Erzählers.
Die Protagonisten treten somit überwiegend nur aus diesen Erzählungen auf und werden verstärkt aus Sicht dieser zwei Personen wahrgenommen.

"'You never told me, before, that I talked too little, or that you disliked my company, Cathy!' exclaimed Heathcliff in much agitation.

   'It is no company at all, when people know nothing and say nothing' she muttered."  S.70

Ich persönlich habe mich an vielen Stellen sehr schwer getan, mich mit den Figuren irgendwie "anzufreunden". Sie sind alle sehr Ich-bezogen, trauern ihren Fehlern und nicht genutzten Chancen hinterher. Grundsätzlich entspinnt sich aus der ersten fatalen Handlung eine Kette von Versäumnissen und Unglück. Als Leser bekommt man wirklich viel geboten, was nur so vor (Herz-)Schmerz und Trauer schreit. 
Dadurch sind natürlich auch die Charaktere eher verbittert und "ärgern" sich meist gegenseitig. Niemand ist wirklich zufrieden und über allem hängt das Gefühl, dass man nur machtlos zusieht, wie alle ihrem Dasein hinterher jagen. 
Der Roman schafft es zwar, am Ende die Atmosphäre so zu drehen, dass man nicht völlig "fertig" am Ende der Geschichte ankommt, sondern, dass man erkennt, wonach sich die Protagonisten, im Speziellen Heathcliff und Catherine, gesehnt haben. Diese Verbindung durch den ganzen Roman hindurch, fand ich durchaus geglückt. 
Auch diese Feindschaft der Männer und der Paare untereinander kommt natürlich mehr als deutlich hervor und hilft dem Leser die Gefühle der Figuren einordnen zu können.
Dennoch war wohl mein größtes Problem, dass man eben dauernd das Gefühl hatte, dass dieser Umgang der Protagonisten untereinander einfach nur völlig daneben ist. Es wird sich beschimpft, verachtet, ignoriert und zu guter Letzt sogar noch geschlagen. Vor allem Heathcliff ist eine Figur die nichts außer Acht lässt, um den Menschen in seiner Umgebung das Leben schwer zu machen. So fand ich es auch problematisch, dass er, der oft als "Teufel" tituliert wird, am Ende eher eine Rolle einnimmt, bei dem der Leser Mitgefühl für ihn verspüren soll.

“'You suppose she has nearly forgotten me?' he said. 'Oh Nelly! you know she has not! You know as well as I do, that for every thought she spends on Linton, she spends a thousand on me!' ” S.148


Ein Klassiker, in dem es vor Machtspielen nur so wimmelt. Freudige Schicksalsschläge findet man hier weniger und der Umgang der Figuren untereinander ist mehr als ernüchternd. Dennoch greift der Roman Themen auf, die darauf abzielen zu zeigen, dass sich Trauer, Hass, Wut und vielleicht dennoch auch Hoffnung auf die jüngere Generation in der Familie übertragen kann. Es geht um die Fehler, die eine Vorbildfunktion machen kann und um versäumte Taten. Zudem erfährt man wohl genau, wie ein Leben aussieht, das man mit Menschen führt, die man nicht ausstehen kann, die man aber für seine Zwecke missbraucht.



Dream a little dream: "Einfach drüber nachträumen"

Juli 19, 2018







Werbung - Rezensionsexemplar,  Das Copyright für die abgebildeten Illustrationen liegt bei Inka Vigh

Schlafen müssen wir alle, die einen mehr, die anderen weniger.
Aber wenn wir dann mal alle schlafen, gesellen sich ab und an Träume zu uns. Sie kommen nicht jede Nacht, aber meist vor einem wichtigen Ereignis oder wenn man tatsächlich gar nicht damit rechnet. Träume, die uns aufwühlen, besänftigen, uns neue Hoffnung schenken oder uns beim Aufstehen zum Lachen bringen.

Dieses „Mitmach-Buch“ von myNotes sorgt dafür, dass wir diese Träume nicht ganz vergessen oder uns zumindest ein wenig intensiver damit befassen.
Es gibt viele Seiten zum Notieren der Träume, die man nicht loslassen möchte, es gibt schöne illustrierte Seiten mit Zitaten und noch einige Seiten, die mit den Symbolen in und von Träumen spielen. 
Ich persönlich liebe es zu träumen. Man hat das Gefühl, dass man viele Sachen verarbeitet ohne es ganz bewusst wahrzunehmen und doch fühlt man sich morgens wohler (ausgenommen natürlich ein Albtraum hat die Nacht dominiert). Und auch tagsüber bin ich eine wahre Tagträumerin. Viele würden es vielleicht so deuten, dass man mit dem eigenen Alltag nicht glücklich ist und daraus fliehen möchte, aber für mich ist es einfach etwas Schönes, sich vorstellen zu können, was sonst noch alles möglich wäre. Undabhängig davon, ob ich nun unzufrieden bin oder nicht. 
Daher kam dieses kleine Büchlein namens "Einfach drüber nachträumen" wie gerufen.

Um euch mal einen kleinen Einblick in das Buch zu geben, offenbare ich euch meine erste Notiz, die ich in dieses Büchlein getätigt habe. Achtung, es wird musikalisch.

Mein Traum ~ In der Nacht vom (Datum eintragen) hatte ich folgenden Traum:
Nun darf man erst einmal ankreuzen, was zutrifft. Erstens im Falle von "Der Traum handelte von:" und "Die Beziehung und Konstellationen in meinem Traum waren...".
In meinem Falle: ...handelte von "allerlei wirren Sachen" (hier kann man notfalls auch Sonstiges ankreuzen und ergänzen) und die Beziehungen "waren einfach nur verquer"
  • Es folgt ein Abschnitt mit "Platz für mehr Details", den ich wie folgt ergänzt habe: "Ich habe geträumt, dass ich mit einigen mir unbekannten Freunden (okay?) / Musikern, den perfekten Rock-Song geschrieben habe. Als ich kurz wach wurde, dachte ich, die Melodie musst du dir merken! Das wird ein Hit! Natürlich hatte ich es bis zum Morgen wieder komplett vergessen und der Erfolg somit auch. Aber das Erfolgserlebnis bleibt!
  • "Symbole oder Motive, die in meinem Traum vorkamen": Keine bestimmten
  • "Ich glaube, dass ich das geträumt habe, weil...": Musik mich tatsächlich stark beeinflusst. Bei guter Musik bin ich produktiver und glücklicher.
  • "Meine Vermutung, was dieser Traum bedeuten könnte": Vielleicht der Wunsch nach einem beruflichen Durchbruch, in Bezug auf etwas, das mir wirklich Spaß macht.
  • Es folgt noch eine ganze Seite, mit mehr Platz für alle möglichen Gedanken, Notizen oder Interpretationen des Traums und zusätzlich findet man eine Seite für eigene Zeichnungen. Meine Seite durften passend dazu einige Noten schmücken.
Ihr seht, dass für jeden einzelnen Traum jede Menge Platz vorgesehen ist. Was ich daran so schön und überraschend finde ist, dass man erst bei so einem Traumtagebuch merkt, wie wenig man sich mit den Träumen wirklich anschließend auseinandersetzt. Ich grübele öfters mal über Träume nach, aber mich wirklich hinzusetzen und über Motive und die Bedeutung nachzudenken, das ist doch etwas anderes. Man nimmt die Träume anschließend auch ganz anders wahr. Seit ich das Buch begonnen habe, bin ich viel intensiver damit beschäftigt, meine Träume morgens "geordneter" aufzunehmen. 
Natürlich klappt das nicht immer, weil man Träume meist nicht beeinflussen kann und darüber bin ich auch froh, da ich der Meinung bin Träume sollten "frei" sein, aber ab und zu steht man auf und hat das Gefühl, dass die Deutung der Träume hilfreich sein kann.
Und manchmal ist man einfach nur froh, dass es ein unterhaltsamer Traum war, der uns glücklich gemacht hat.

Das Buch bietet aber noch einige andere schöne Extras. Ich möchte euch hier keine detaillierte Liste wiedergeben, da das eigene Entdecken dessen deutlich schöner ist, aber auch für Tagträumer gibt es einige schöne Seiten.
Dass ich das Buch erst nach und nach ausgefüllt habe, ohne nach hinten zu blättern, war aber vielleicht auch ein kleiner Nachteil, da ich einige Träume auf den einzeln festgehalten habe, obwohl es auch thematisch passende Seiten gibt. Aber man kann die Sachen ja notfalls noch nachtragen.
Alles in allem ist das Buch wirklich eine süße Idee, wenn man sich auf unterhaltsame Weise näher mit seinen Träumen beschäftigen möchte. Perfekt natürlich auch als Geschenk für Träumer und Tagträumer.

Was haltet ihr von solch anderen Tagebüchern? Füllt ihr so etwas gerne aus oder ist es für euch eher unnütz? Wie steht ihr zu Träumen / Tagträumen?


The Gloaming von Kirsty Logan

Juli 16, 2018





(Original: "The Gloaming"/ 2018) Harvill Secker, Übersetzer/in: -, Englische Ausgabe, ★★★★★5 Sterne
Maras Insel besteht aus Geschichten und Magie, aber jede Geschichte endet gleich. Sie wird ihre letzten Tage an der Klippe verbringen, zu Stein erstarrt, mit dem Blick zum Horizont gewandt. Genauso wie es bei all den anderen Menschen der Inselbewohner gewesen ist.
Maras Eltern - ein Boxer und eine Ballerina - wählen diesen Ort als Zuflucht von den Turbulenzen ihres Lebens. Sie wollen ihren Kindern nun einen Platz geben, der vor Besonderheit und Sicherheit strahlt. Aber die Insel und das Meer interessiert es nicht, was die Menschen möchten und als von der Familie dafür ein Preis verlangt wird, gerät Maras Welt aus den Fugen.

MEINE MEINUNG / FAZIT
  
"The Island´s secret was its stone statues, but the more she travelled the more stories she heard, and it seemed that every place has its own small magic." S.108

Kennt ihr dieses Gefühl, das man meist bei einem emotionalen Film verspürt? So einen sich breit machenden Herzschmerz, ein Gefühl, als stünde man jede Sekunde vor dem Weinen? Genau dieses Gefühl hat sich beim Lesen an mir festgehalten.
Mehr kann ich zu dem Buch auch eigentlich kaum sagen oder eben so viel, dass es aber eigentlich keinen Sinn machen würde. Die Geschichte verknüpft nämlich unsere Realität, vor allem unser aller emotionalen Haushalt und eine phantastische Parallelwelt (?), die sich durch mythische Sagengestalten und Märchen auszeichnet. Es geschehen Dinge, die alle für normal halten, die es aber nicht sind (oder doch?) und es gibt Figurenkonstellationen, die uns so nah und dann wieder so entfernt scheinen. Es ist ein ständiges Annähern und Abstoßen – hinsichtlich der Gefühle der Figuren zueinander und der Möglichkeit die Handlung an sich vollkommen zu verstehen. 

"Small sins. But even the tiniest splinter can poison our blood if we don´t pull it out."  S.157

Die Kapitel sind kurz und immer mit einer Überschrift versehen, für die man die Übersetzung erst am Ende der Geschichte erzählt bekommt. Alles in allem scheint der Roman auf eine Weise so merkwürdig zu sein, dass man seine Gedanken erst sortieren muss und auf andere Weise so einleuchtend zu sein, weil man weiß, was das zentrale Thema sein soll: Das Verlieren, Finden und Festhalten von Liebe in jeglicher Form.
Die Darstellung des Ganzen scheint sehr speziell, aber mich konnte insgesamt alles fesseln. Die Idee, die Figuren- so wenig ich sie manchmal verstehen konnte- diese Anlehnung an die mythischen Wesen – insbesondere die Meermenschen – das Spiel des Ortes und seiner Magie und die vielen Metaphern, die sich auf das Haus der Ross Familie beziehen. Mehr kann und will ich gar nicht dazu erzählen, weil es eine Geschichte ist, die jeder für sich selbst entdecken und irgendwie interpretieren muss. Zudem weiß ich genau, dass mir diese Geschichte als besonders magisch in Erinnerung bleibt, wenn ich sie nicht `totdiskutiere`.

“To stay in the gloaming ist o hold off the night. But if the night never comes, then neither can the day.” S.215


Eine magisch-realistische Geschichte über Familie, Verlust, Liebe und den Willen, vergangene Fehler wiedergutzumachen. Alles verpackt auf eine meiner Meinung nach neue Art, die durch viele bezaubernde Metaphern und Märchenanlehnungen wunderbar funktioniert.



Melissa Broders "Fische": Ein Gespräch mit Anaïs von vivre avec des livres

Juli 11, 2018



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Neulich sprach mich die liebe Anaïs vom Blog "vivre avec des livres" auf meine aktuelle Lektüre "Fische" von Melissa Broder an. Wir standen beide kurz davor den Roman zu beginnen und so entstand die Idee, dass wir einen gemeinsamen Beitrag darüber veröffentlichen, wie uns das Buch am Ende gefallen hat und welche Aspekte uns am meisten beschäftigen würden.
Als wir das Buch schließlich zugeklappt hatten, waren wir beide etwas überrumpelt und wusste nicht so recht, wie wir unsere Meinung formulieren sollten. Es entstand ein kleines Gespräch darüber, was uns beim Lesen auffiel und welche Teile des Romans uns am wenigsten zugesagt haben.
Das finale Fazit von Anais und ob sie eine Empfehlung ausspricht, könnt ihr hier auf ihrem Blog nachlesen.

Anaïs: Wir haben beide dasselbe Buch gelesen, beide waren wir anfänglich etwas skeptisch und wussten nicht recht, was wir erwarten sollen. Ich wusste im Vorhinein nichts über das Buch, die Beschreibung hat mich aber dennoch angesprochen. Ich muss allerdings im Endeffekt sagen, dass ich ziemlich enttäuscht wurde, ich blieb skeptisch bis zum Schluss. Ging es dir ähnlich?
Karin: Mir ging es tatsächlich ganz ähnlich. Ich kannte nur den Klappentext und das recht auffällige Cover und war anfangs noch zurückhaltend, was meine Begeisterung anging. Als mich das Buch dann erreichte, bin ich quasi über meinen "Schatten gesprungen", denn es wurde erwähnt, dass die Geschichte ebenfalls von einer Beziehungs- und Sextherapie-Gruppe handelt. Meist finde ich diese Teile eines Romans so platt, dass ich sofort die Finger davon lasse.
Bei dem Buch gab ich mir also einen Ruck und blieb am Ende etwas geschockt zurück. Der Anfang war noch relativ in Ordnung, hatte seine geheimnisvollen Seiten und blieb mit der Protagonistin, die nicht ganz genau weiß, wo sie nun im Leben hin möchte, dennoch realistisch. Zunehmend konnte ich aber gar nicht mehr anders, als das Buch genauso banal zu finden, wie ich anfangs dachte. Sicherlich gibt es durch die Thematik rund um die Sagengestalt "Sappho" und die Meermenschen einen interessanten Ansatzpunkt, aber viele, insbesondere die Sexszenen fand ich alles andere als geglückt. Plötzlich schien alles nur zusammengewürfelt, damit diese Szenen irgendwie untergebracht werden können. Zudem verspürte ich eine immer stärker werdende Antisympathie der Protagonistin gegenüber. Ich habe mich wirklich gefragt, warum es so angepriesen wird. Vielleicht, weil Lena Dunham es so lobt?

Gab es bei dir Momente, in denen du überlegt hast, ob das Weglassen der (für mich) überzogenen Sexszenen von Vorteil gewesen wäre?
Anaïs: Wie du fand ich den Anfang ganz interessant, ich habe mir etwas Zeit gelassen um wirklich in die Geschichte zu kommen und als ich dann drin war, wurde mir die Protagonistin tatsächlich zu unsympathisch um mich noch weiter zu packen. Sie war mir so unglaublich fremd: Sie ist Ende 40, auf Jobsuche, depressiv und selbstmordgefährdet und vergrault alle Männer um sie herum. Das ist auch der Grund weshalb sie dieser Therapiegruppe beitritt.
Um auf deine Frage zurückzukommen: Die Sexszenen fand ich grauenhaft. Sie waren mir auf jeden Fall zu detailliert und meiner Meinung überhaupt nicht realitätstreu - wenn ich an diese Szenen zurück denke, wird mir fast etwas schlecht, ich finde es wurden wahnsinnig schräge und negative Bilder von Sex und Männern vermittelt und damit hatte ich während des Lesens sehr viel Mühe. Das gleiche gilt übrigens für die Therapiegruppen: wahnsinnig klischeehaft und surreal.
Ich habe die Kommentare unter einem Instagrambild von dir mit dem Fische Cover gelesen und es kam zu einer kleinen Diskussion zum Titel des Buches: Jemand schrieb, es erinnere ihn an sein Sternzeichen und du antwortetest, dass du an eine Lautverschiebung denken musste, da der Roman ja auf Englisch „The Piscis“ heisst. Was hälst du vom Titel?
Karin: Fremd war sie mir tatsächlich auch. Das lag aber nicht einmal an den ganz anderen Umständen (wie du schon erwähntest; deutlich älter und in einer ganz anderen Lebenssituation), sondern eher an ihrem eigenen Verhalten. Sie gerät so in diese Liebesspirale, dass sie nichts als Egoismus ausstrahlt. Ich war auch etwas entsetzt, wie das Thema Selbstmord in einigen Passagen behandelt wird. Ihre Freundin ist ja auch durchaus labil und gefährdet, was im Text auch explizit erwähnt wird. Die Protagonistin lässt ihre Freundin aber komplett im Stich und nimmt gewisse Drohungen und Anzeichen gar nicht ernst. Mit dieser Einstellung habe ich mich wirklich schwer getan.
Bei den Sexszenen schließe ich mich dir vollkommen an. Unfassbar überspitzt und sehr negativ dargestellt. Sollte wohl in die Richtung gehen, dass Frauen immer "offener" werden, was das Thema angeht und dass dies dann als cooles Attribut der modernen Frau gelten soll. Ich fand es einfach nur geschmacklos.
Den Titel fand ich tatsächlich recht interessant. Ich habe zu Beginn auch darüber nachgedacht, worauf der Titel nun abzielen möchte. Wird es vielleicht sogar Bezüge zur Astrologie geben? Oder geht es nur darum aufzuzeigen, dass man sich im Text auf alte Mythen bezieht (daher der lateinische Titel "Piscis")?

Wie war dein erster Eindruck vom Titel? Und gibt es für dich einige geglückte Inhalte in dem Roman?
Anaïs: Mein erster Eindruck vom Titel war ziemlich simpel: Ich dachte einfach an Fische und dachte mir wohl irgendwie, dass die Protagonistin Fische als Haustiere hat oder so... Ziemlich lustig, wenn man das Buch dann liest und merkt was für eine grosse Bedeutung diesem Buch zugeschrieben wird. Ich wusste im Vorhinein wirklich so gut wie nichts über dieses Buch und wurde dann auch regelmässig wieder aufs Neue vom Inhalt überrascht, das fand ich wohl das positivste an der ganzen Lesereise, es kam immer etwas dazu, mit dem ich nicht gerechnet hätte. Es konnte mich dann dennoch irgendwie packen, weil ich trotzdem gespannt war, was als nächstes folgt, aber richtig gerne habe ich dann doch nicht weitergelesen, weil es mich nur noch mehr schockiert hat.
Was du über die Sexszenen gesagt hast, fand ich sehr interessant. Ich habe Texte darüber gelesen, in denen Fische als feministischer Roman beschrieben wird und da ist mir gleich die Kinnlade heruntergeklappt. Feministisch? Deine Erklärung klingt plausibel, aber ich bin auf gar keinen Fall damit einverstanden! Ich fand dass Lucy sich den Männern komplett unterworfen hat, kaum Eigeninitiative und das ist für mich nicht Feminismus. Also bevor ich hier eine riesige Diskussion anzettele, natürlich, wenn die Frau das aus komplettem Eigeninteresse tut und völlig hinter der Sache steht: wunderbar, wegen dem würde ich diesen Akt dennoch nicht als speziell feministisch hervorheben.
Was meinst du? Und was waren deine positiven Seiten an dem Roman?
Karin: Das ist ja witzig! An Haustiere habe ich überhaupt nicht gedacht, wobei ich mir das jetzt, wo ich so darüber nachdenke, recht unterhaltsam vorstelle. Das stimmt, obwohl ich dem Buch im Allgemeinen eher ablehnend gegenüberstehe, wollte ich es dennoch immer weiterlesen, weil ich nun wissen wollte, wie diese "Sagen-Erzählung" beendet wird. Leider folgte auch ein positives Bild, dann wieder ein negatives, was mich zum Augenrollen gebracht hat.
Ich habe mich wohl noch zu wenig mit den ganzen Feinheiten des Feminismus befasst und kann nur aus meiner eigenen weiblichen Sicht sagen, dass ich das alles andere als feministisch sehe. Die Protagonistin lässt sich zum Beispiel auch den Kauf von sündhaft teurer Unterwäsche drängen, welche sie selbst nicht einmal wirklich haben möchte. Sie will nur dem Mann gefallen. Ganz zu schweigen davon, dass das Buch diese Unterwäsche so einbindet, als könnten sich Frauen Unterwäsche für knapp 300 Euro einfach so nebenbei anschaffen (und natürlich nur, um dem Mann zu gefallen...). Auch wenn ich natürlich den Sinn dahinter verstehe, dass sie sich in etwas hineinstürzt und es wirkt, als sei das ein Wahn.

Lustigerweise habe ich durch das Buch geblättert und habe mit meine markierten Stellen noch einmal angesehen. Um auf die positiven Seiten sprechen zu kommen, gibt es tatsächlich viele Aussagen, die ich wirklich gelungen finde und die ich als 'wertvoll' ansehe. Zum Beispiel die ganzen Verweise auf die schnelllebige Gesellschaft, auf das Konsumverhalten und der Frage danach, was im Leben nun wirklich zählt und zählen sollte. Hier mal ein Zitatbeispiel: "Gab es auf der Welt wirklich tatsächlich Menschen, die nie, niemals innehielten und sich fragten: 'Was soll das Ganze?' (S.16) oder auch "Gab es überhaupt noch Wildnis, oder hatte die Gründerszene inzwischen die komplette Landschaft mit Saftbars und Föhnsalons überzogen? Gab es noch unerforschte Winkel auf der Welt, oder saugte das Internet jedes Phänomen im Moment seines Entstehens aus?" (S.66). Also merkwürdig ist es schon, denn wenn ich mir alle Stellen durchlese, die mir gefielen und setze ich sie in den Kontext der Gefühlslage der Protagonistin scheint alles passend und plausibel. Aber diese Einschübe mit diesen unfassbar (für mich) primitiven Sexeinschüben haben das ganze Bild irgendwie vermiest. Bei mir fällt wirklich immer alles wieder darauf zurück...

Empfandest du die gesamten Beziehungen zwischen der Protagonistin und ihren Mitmenschen auch als wahnsinnig distanziert und irgendwie merkwürdig? Oder findest du, es hat zu ihrer Welt gepasst, dass sie Probleme mit ihrer eigenen Person hat?
Anaïs: Ich finde es ziemlich interessant, wie mir das Buch während unserer Besprechung irgendwie noch spezieller vorkommt als zuvor. Ich habe fast das Gefühl, dass mir die Intention der Autorin nun bewusster wird, ich sehe durchaus positive Aspekte an diesem Roman, wie du bereits erwähnt hast, werden einige wichtigen Themen angesprochen und einzelne Aussagen der Protagonistin haben nämlich auch bei mir Eindruck hinterlassen, ich bin immer wieder über Sätze gestolpert, die ich ein zweites Mal gelesen habe, um ihnen etwas mehr an Bedeutung zu geben. Du hast sehr schöne Zitate herausgesucht, liebe Karin. Mir geht es ziemlich ähnlich wie dir, es erscheint alles plausibel, aber das ganze Buch wird von diesen Sexszenen und diesen surrealen Begegnungen dominiert und damit hatte ich grosse Mühe.
Genau wie du, finde ich auch, dass die Beziehungen, die die Protagonistin zu ihren Mitmenschen pflegte, bizarr waren, doch es hat gepasst. Mich hat das nicht gestört, ich finde es hat gepasst, es hat ihre psychischen Probleme unterstrichen und wirkte auf mich deswegen recht authentisch. Nur die Beziehung zum Hund ihrer Schwester habe ich bis zum Ende nicht verstanden, das war ziemlich schräg. Auf der einen Seite die spürbare Liebe zu diesem Haustier, dem fast einzigen Freund in ihrer Umgebung und auf der anderen Seite die klare Vernachlässigung - ziemlich symbolisch eigentlich. Oftmals verletzen wir unsere engsten Freunde am meisten und lassen sie im Stich, anstatt genau das Gegenteil zu tun, wenn ich es mir so überlege, war diese Beziehung eigentlich eine ziemlich schöne Metapher…

Mein Fazit: "Fische" ist ein Roman, der sicherlich nicht für jeden etwas ist, da er (vielleicht ZU) speziell erscheint. Er produziert an vielen Stellen einen eher abschreckenden Eindruck, greift viele Sexszenen auf, die ebenfalls abstoßend wirken und bleibt im Großen und Ganzen nicht ganz greifbar.
Es gibt zwar viele Passagen, die sich perfekt an diesen kuriosen Mix aus Mythologie und Trash-Roman anpassen, aber letztlich überwiegten bei mir die negativen Eindrücke.
Die Protagonistin bleibt dem Leser manchmal genauso fern, wie sich selbst und sorgt so für einen unsympathischen Auftritt. Auch wenn diese negativen Aspekte sicherlich gewollt waren, um vielleicht auch gezielt zu schocken, konnte ich mich nicht mit der Gleichgültigkeit anfreunden, die bezüglich Freunden und der allgemeinen Verantwortung für Lebewesen vordergründig aufgegriffen wird.
Den Ansatz mit den mythologischen Verbindungen fand ich durchaus interessant, aber auch hier störte mich persönlich die merkwürdige Verbindung zum gewollt "feministischen" Eindruck von sexueller Freiheit. Sicherlich nur für Leser geeignet, die mit dieser "Offenheit" etwas anfangen können. 
Notfalls sollte man vielleicht einen Blick auf Melissa Broders Twitterprofil werfen, denn dort bekommt man einen guten Eindruck in welche Richtung das Ganze geht, auch in Bezug auf die Wortwahl.


Circe von Madeline Miller

Juli 08, 2018


(Original: "Circe"/ 2018) Bloomsbury, Übersetzer/in: - , Englische Ausgabe, ★★★★☆ 4 Sterne
Im Hause des Helios, Gott der Sonne und dem mächtigsten der Titanen, wird eine Tochter geboren. Aber Circe ähnelt ihres Gleichen weder durch ein göttliches Aussehen, noch einer solchen Stimme. Sie wird verstoßen und steht als Außenseiterin da. Dass sie sich dadurch dem Menschengeschlecht zuwendet, lässt sie jedoch eine ganz eigene Kraft in sich erkennen, die den anderen Göttern vorbehalten bleibt…

MEINE MEINUNG / FAZIT
  
"I looked for mortals, but we were too high up to see them” S.6

Die Mythen und Sagen rund um die Götter haben mich aus einem unbestimmten Grund schon immer fasziniert, auch wenn sie meist die ‘Schwäche’ der Menschen aufzeigen. In vielen Geschichten wird den Göttern aber eben auch ihr Hochmut zum Verhängnis.
Die Geschichte der „Circe“ (vielleicht auch unter der Schreibweise „Kirke“ besser bekannt) war mir bisher nicht geläufig. Ich habe auch gezielt darauf verzichtet, mich vorher noch einmal in die Thematik einzulesen. Im Nachhinein war dies vielleicht die richtige Entscheidung, denn als ich mir die kurze Zusammenfassung (zu meiner Schande, schnell auf Wikipedia aufgesucht) durchlas, haben sich einige Kritikpunkte etwas verfestigt.
Aber fangen wir ganz vorne an. Schnell wird man als Leser mit Circes „Geheimnis“ vertraut gemacht, dass sie eine spezielle Gabe besitzt, die sich ihren Eltern und anderen höheren Göttern entzieht. Sie sieht sich mit der Zeit und durch gewisse Umstände als Einzelkämpferin und wendet sich von den Göttern ab. Dennoch werden sehr viele Familienverhältnisse aufgezählt, die man größtenteils sicherlich kennt, die man aber auch neu kennenlernt. Ich brauchte zeitweise etwas, um die vielen Figuren mit ihren Geschichten in Einklang zu bringen.
An sich werden die bekannten Mythen recht gut zusammengefasst und teilweise auch in einen neuen Kontext gesetzt, natürlich in Anlehnung an die Erlebnisse Circes mit diesen Figuren. Das sorgt natürlich dafür, dass ein neuer „Input“ gegeben wird, damit nicht nur diese eine bekannte Geschichte wiederholt wird.


"It was their favourite bitter joke: those who fight against prophecy only draw it more tightly around their throats." S.254

Was mich etwas unzufrieden zurückgelassen hat, war zum größten Teil die Tatsache, dass immer etwas „Größeres“ angedeutet wurde, was sich dann aber wahnsinnig schnell aufgelöst hat. Es gab mehrere kleine Highlights, die natürlich dem „Originaltext“ gerecht waren, jedoch fehlte mir im Großen und Ganzen ein Ereignis, dass diese Geschichte vielleicht wirklich „neu“ gemacht hätte.
Neu wurde das Ganze tatsächlich durch diese ganzen „zwischenmenschlichen“ Verknüpfungen, die Miller aufzieht und natürlich gab es dadurch wiederum auch Aspekte, die mir gut gefallen haben und die dem Buch zumindest auf emotionaler Ebene, auch eine gewisse Tiefe gegeben haben.
Auffällig ist dabei, wie stark sich die Autorin darauf konzentriert hat, diesen Zwist zwischen Göttern und Menschen darzustellen. Es wird durch die Figur Circe die Sehnsucht nach einem „Sinn“ im Leben aufgegriffen, da Götter durch ihre Unsterblichkeit nur nach Macht, Anerkennung und Ehrfurcht streben. Es geht tatsächlich um Freundschaft, Liebe und Vergebung. Circe wird hier keineswegs als Verstoßene Unschuldige aufgezeigt, was ebenfalls einen positiven Effekt auf die Handlungen hatte. Sie ist sich ihrer Fehler bewusst, scheut sich aber nicht davor, sich diesen zu stellen.
Ich mochte zudem den Aspekt, dass Madeline Miller darauf abzielt, diese Schlucht zu überwinden, dass man akzeptieren muss, als was man geboren wurde (hier bezogen auf den Status der Familie und die Pflicht dem Schicksal zu folgen). 

Grundsätzlich fand ich die Darstellung der Isolation und Interaktion Circes mit oder ohne andere Menschen und Götter sehr geglückt.

“Great gods smell fear like sharks smell blood, and they will devour you for it just the same.” S.79


Die Sage der Circe "retold". Man wird in die Geschichte ihrer Familie und deren Schicksale eingeführt, die man vielleicht schon kennt. Der Handlung fehlt es zwar nicht an stetig vorkommenden Aktionen und Wendungen, aber vielleicht hätte ich mir gewünscht, dass Miller ein Ereignis aufgreift, das in der originalen Handlung 'verschwiegen' wurde. Nichtsdestotrotz mochte ich viele Aspekte, die sich darauf beziehen zu erklären, warum Circe so gehandelt hat, wie es aus den Überlieferungen bekannt ist (Dazu zählt zum Beispiel die Verwandlung der Männer in Schweine). Wo mir also die 'neue' Seite der Handlungen gefehlt hat, hat mir die Beschreibung des Charakters der Circe umso besser gefallen.