Sonne, Mond und Sterne von Mario Alberto Zambrano

Juni 11, 2016




(Original: "Loteria"/ 2013) mit 53 Illustrationen von Jarrod Taylor, Übersetzerin: Birgitt Kollmann, 288 Seiten,  gebunden,  Einzelband,   ★★★★(☆)  4 bis 5 Sterne
Interview zu "Sonne, Mond und Sterne" mit Mario Alberto Zambrano»
"Ein Mädchen, das nicht reden will. 53 Spielkarten, die ihre Geschichte erzählen.
Ein junges Mädchen erzählt die tragische Geschichte ihrer Familie mit Hilfe eines Kartenspiels – des lateinamerikanischen Lotería. Elf Jahre alt ist Luz. Ihre ältere Schwester Estrella liegt auf der Intensivstation, ihr Vater sitzt im Gefängnis, die Mutter hat Mexiko verlassen. Luz, allein auf sich gestellt, zieht sich hinter eine Mauer des Schweigens zurück. »Lass dir von den Karten helfen«, sagt man ihr im Heim. Jedes der bunten Motive – die Meerjungfrau, der Tod, die Sterne – lässt ihre Erinnerung Funken schlagen. Zusammengesetzt wie ein Satz Spielkarten erzählen die Kapitel dieses Romans Luz‘ Leben, sie erzählen von allem Schönen und allem Schrecklichen – berührend und poetisch, lebenssatt und so bunt, wie die vierfarbigen Illustrationen von Lotería-Karten."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Wenn man zu jemandem sagt,
komm her, dann ist der, den man liebt, nicht da, und wenn man jemandem erst sagen muss, er soll kommen, dann liebt der einen vielleicht nicht. Aber wenn man will, dass jemand kommt, klingt das fast wie ein Befehl, und wenn man jemandem erst befehlen muss zu kommen, ist das dann überhaupt Liebe? S.23

Nach beenden, dieses doch sehr wuchtigen Romans, bin ich etwas erstaunt darüber, dass es nicht längst mehr Aufmerksamkeit bekommen hat. Zambranos Debütroman ist sicherlich etwas ungewöhnlich, aber es ist vor allem lesenswert. Das wohl auffälligste Merkmal des Buches, sind die in den Vordergrund springenden Abbildungen, die jedes Kapitel beginnen lassen. Diese stellen jeweils eine "Loteria"-Karte dar. Anhand dieser wird die Lebensgeschichte der kleinen Luz erzählt. Schnell wird auch deutlich, dass Luz selbst die Erzählerin ist. Als Leser musste ich mich zunächst etwas in die Erzählweise hineinfinden. So werden natürlich einige Dinge umschrieben, die das Mädchen noch nicht ganz versteht und es entstehen einige Formulierungen, die eben sehr "jung" wirken. Ich persönlich finde, dass dies eine sehr geeignete und auch sehr gelungene Form war, die Problematik zwischen zwei Kulturen, aufzugreifen. Dadurch wird es nicht zu engstirnig, da Erwachsene sicherlich noch verstärkte Ansichten, bezüglich vieler Themen haben, und es lässt den Leser die Schicksale der Menschen anders wahrnehmen. Schlicht und einfach deswegen, weil man das kleine Mädchen vor Augen hat und ihre Erlebnisse, als viel intensiver vermerkt. Das Zusammenspiel, aus der Nacherzählung ihrer vielen Lebenssituationen, ihrer Vergangenheit und ihrer aktuellen Situation, ist gut arrangiert und impliziert dem Leser immer mal wieder, dass eine gewisse Veränderung stattgefunden hat, dass etwas geschehen ist, das dem Leser noch offenbart wird. So ist das Buch nicht nur sehr emotional, sondern auch durchaus spannend.

"Es ist so, als wäre das, was fehlt, gerade das, was ich zum Gewinnen brauche. Aber warum brauche ich immer genau das, was nicht da ist?"S. 185

Die kulturellen "Sitten" und der doch recht kritische Umgang innerhalb der Familie werden stark thematisiert. Die Ergänzung des eigentlichen "mexikanischen" Gefühls der Figuren und deren Lebensraum werden oftmals dadurch ergänzt, dass viele typische Sprichwörter genannt werden, natürlich in Originalsprache. Um sich da etwas zurechtzufinden, werden alle Begriffe und Redewendungen in einem Glossar, am Ende des Buches, wiedergegeben. Auf der einen Seite fand ich das ganz praktisch, da der eigentliche Lesefluss nicht durch Fußnoten etc. unterbrochen wurde, allerdings fiel es mir an einigen Stellen doch schwer, mich nicht auf die Übersetzung der Stellen zu konzentrieren, auch wenn man sich tatsächlich das meiste erschließen konnte. Ich muss aber tatsächlich sagen, dass mir der eigentliche "Charme" (positiv, wie auch negativ ausgelegt) und Charakter des mexikanischen Lebens in einer amerikanischen Stadt sehr authentisch vorkam. Soll heißen, ich empfand das Erzählte, vor allem aus der Sicht der jungen Erzählerin, an keiner Stelle als erzwungen oder unpassend. Man sollte allerdings beachten, dass sich der Roman tatsächlich erst mit der Zeit wirklich "entfaltet". Zu Beginn war ich noch recht distanziert zum Geschehen und zu den Figuren selbst. Je mehr Karten jedoch aufgedeckt werden, je mehr Rätsel gelöst werden, beginnt man, Luz unterstützen zu wollen. An einigen Stellen war sie mir vielleicht etwas unsympathischer als zum Beispiel ihre Schwester, allerdings habe ich dies immer mit dem Erzählten abgewogen und habe festgestellt, dass die offenbarten Schicksale wohl jede Figur, sei sie noch so ausgedacht, etwas "unnahbar" wirken lassen würden. Wärmstens empfehlen kann ich auch nur das Interview mit dem Autor selbst, der einige Worte zu der Botschaft und der Intention des Buches preisgibt. 

"´Die erste Karte sollte ein amerikanischer Vogel sein, kein mexikanischer. Nicht El Gallo. Auf so einen Hahn ist nämlich kein Verlass.´ ´Schätzchen, was redest du denn da?´ ´Adler können fliegen Tencha. Das Einzige was gallos können, ist krähen und kämpfen.´S. 261f.
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Obwohl aus der Sicht eines kleinen Mädchens geschrieben, kann man doch sagen, dass der Autor eine eigene, berührende Erzählkunst aufweist und vermittelt. Der Roman und die Geschichte entwickeln sich nach und nach zu einer sehr emotionalen und aufwühlenden Geschichte. Die doch sehr stark thematisierten Probleme, in gewissen temperamentvollen (mexikanischen) Familien, lassen die Geschichte, zu einem nicht nur kritischen, sondern auch nachdenklichen Werk machen. Im Vordergrund steht für mich nicht nur die Problematik der mexikanischen Einwanderer, sondern auch die Empfindungen und die sensible Welt eines jungen Mädchens, die offenbart werden. Zudem ein wunderschönes Zusammenspiel zwischen der Erzählung und den sehr gelungenen Illustrationen.



























Vielen Dank an den Luchterhand Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

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