The (Other) You von Joyce Carol Oates

Juli 31, 2021

(Original: "The (Other) You/ 2021) Ecco (Harper Collins Imprint), Übersetzer/in: -, ★★★★☆ 4 Sterne
Von der Meistern der Kurzgeschichten: Eine Sammlung, die uns die Konsequenzen der Entscheidungen, die wir treffen, deutlich macht. Ein Erzählband mit fünfzehn rührenden und reflektierenden Geschichten über alternative Realitäten und mögliche andere Versionen von uns selbst.

Auch auf dem Blog: "Die Abgründe des Menschen: Meine Anfänge mit Joyce Carol Oates"
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"Now, your life passes with alarming rapidity. Each year is an acceleration.
The future: a mirror in which you see no reflection." 
S.268
Erzählbände schlängeln sich meist durch verschiedene Themen, (Lebens-)Situationen und Arten von Menschen. Die Geschichten darin stehen für sich allein und nehmen nicht zwingend Bezug auf andere Erzählungen, die noch folgen werden. In "The (Other) You" hingegen treffen wir durchaus auf ähnliche Konstellationen und uns irgendwie bekannt vorkommende Szenarien und Figuren. So bleibt jede Geschichte zwar für sich ein Erlebnis, wir haben aber gleichzeitig das Gefühl, dass die Gesamtheit des Erzählbandes mehr ist, als losgelöste Einzelfragmente. Das fand ich tatsächlich stimmig und auch angenehm, da es in allen Erzählungen um das "Sein" geht und auch um die Frage nach der Vergänglichkeit.
 
Hier begegnen wir Figuren, die sich mit ihrem Leben, ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auseinandersetzen. Wer bin ich momentan? Wer hätte ich sein können? Einige Geschichten driften so schön in das "was wäre, wenn" ab, dass man kurz innehält und sich fragt, wie man selbst reagiert hätte. Zum Beispiel, wenn man plötzlich auf seinen eigenen Doppelgänger trifft. Eine Version, die existiert, weil ein bestimmtes Erlebnis nicht so verlaufen ist, wie man es selbst erlebt hat.
Andere Geschichten wiederum sind etwas "realer" und zielen darauf ab die Gedanken und Ängste vor dem Altwerden einzufangen. 
Beim Lesen habe ich mich tatsächlich (und das sage ich als noch recht junge Person) bereits in sehr viele Überlegungen der älteren Generation hineinversetzen können. Automatisch fragt man sich: Wird sich jemand an mich erinnern? Erinnern sich alte (Schul-)Freunde noch an einen und welchen Eindruck hat man hinterlassen? Und natürlich: Was erwartet mich noch in den nächsten Jahren?
Das sind alles Fragen, die so nah am Leben sind, dass die manchmal makabren Handlungen oder auch unwahrscheinlichen Entwicklungen der Auflösung der Geschichte beinahe in den Hintergrund rücken.
"Laughter at nearby tables. Evidence suggests that humankind seems to have decided it is wiser to laugh than to cry." S.237
Die große Stärke dieses Erzählbandes liegt aber eben darin, die Überraschungsmomente des Twists zu nutzen und sie mit alltäglichen Dingen zu kombinieren. Für mich sind dadurch wahnsinnig starke, kluge und spezielle Geschichten entstanden, die ich (zum Großteil!) nicht vergessen werde.

Der Ton schwankt zudem immer zwischen philosophisch und einfach. An einer Stelle entdecken wir tiefgehende und verborgene Aussagen zwischen den Zeilen, an der anderen trifft uns die pure Ehrlichkeit direkt ins Gesicht, ohne Umschweife. Für mich auch hier gut gelöst, wenn man bedenkt, dass sich die Erzählungen damit auseinandersetzen, dass wir manchmal wissen, wo wir stehen und wer wir sind und manchmal erst viel später gewisse Seiten an uns entdecken, die wir nicht kannten.
"After nearly thirty years of marriage Luce is never altogether certain of her husband´s tone, nor of the meaning of his facial expression. Disdain for her obtuseness, sympathy for her naivete, affecion for her good heart?
      Or all, or none, of these?" S.148

 

Fünfzehn Erzählungen, die clever, spannend und manchmal ehrlich alltäglich sind. Es geht um das Altwerden, Dinge, die wie bereuen (nicht getan zu haben), um Erinnerungen (die uns auch trügen können) und um die Frage danach, wer wir wären, wenn sich einige Dinge ganz anders abgespielt hätten. Es sind Erzählungen, die sich zwischen dem "Das, was ist" und "das, was hätte sein können" sowie der Realität und alternativen Realität bewegen.
 

 

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