Die magische (Wasser)-Welt von Kirsty Logan

April 25, 2019





Vor knapp einem Jahr bin ich in die Welt von Kirsty Logan eingetaucht. Eingetaucht in eine ganz besondere, ganz eigene, mystische Welt, die sich stark auf das Element Wasser fokussiert. Überflutete Länder, Zirkusse auf Schiffen, die weiten Meere und deren geheimnisvolle Bewohner. All dies wird dem Leser in Logans Büchern nähergebracht. 
Sie weisen zudem etwas Magisches auf und spielen mit der Überlegung, ob die erzählte Geschichte nun wahr oder teilweise erfunden ist oder auch in wieweit die Bücher in unserer Welt spielen. Dadurch werden die Bücher gerne auch mit dem Begriff des "Magic Realism" in Verbindung gebracht. Also durchaus Erzählungen, die eine realistische Spiegelung unserer Welt sind, dabei aber Elemente des Phantastischen aufweisen.

Der erste Roman, den ich von Kirsty Logan gelesen hatte war "The Gloaming". Er hat mich unweigerlich in den Bann gezogen und nicht mehr losgelassen. Ich war wirklich davon überzeugt, dass mir eine Geschichte in die Hände gefallen ist, die ich schon sehr lange gesucht habe und die auf mich gewartet hat. Ich verspürte eine durchgehende Emotionalität, die ich selbst nicht erklären konnte, aber der Roman ist zu einen meiner absoluten Lieblingsbücher geworden. 

"Unless - Pearl grinned in the dark. Unless the magician only pretends it´s a trick, so you won´t know that the magic is real." ("The Gloaming")

Es hat schließlich fast ein Jahr gedauert, bis ich die beiden Vorgänge gelesen habe. Auch sie haben für mich eine ganz eigene Botschaft bereitgehalten, haben mich in gewissen Teilen berührt und bewegt, haben mich in eine neue Wasserwelt eingeladen. Und doch kamen sie nicht ganz an "The Gloaming" heran.
Was mich dabei jedoch erstaunt oder verwundert, ist, dass es scheinbar vielen Lesern so geht. Der erste Roman, den sie von der Autorin lesen, bleibt ihr Liebling. Vielleicht, weil sie damit etwas Neues entdeckt haben und davon so beeindruckt gewesen sind, dass dieses Buch ein Ausdruck und Zeichen eben dieses Moments bleibt. Was nicht bedeutet, dass man die anderen Geschichten nicht mag, sie sind aber mit der ersten verwandt, ergänzen sie um einige Elemente, fügen sich zusammen und bilden eine noch größere Geschichte. Man nimmt sie aber nicht mehr als wirklich eigenständig wahr. Alles scheint miteinander verknüpft zu sein.

Als ich mit "The Gracekeepers" begonnen habe, wusste ich aus den Beschreibungen und auch von "Miss Bookiverse", was mich in etwa erwarten würde. Ein auf dem Meer treibender Zirkus, eine überwiegend überflutete Welt und zwei Protagonistinnen, die miteinander verbunden sein würden.
In diesem Roman geht es, wie in "The Gloaming" ruhiger zu. Es geschieht zwar einiges, das wie ein aufbrausendes Meer erscheint, aber die Geschehnisse werden mit einer ruhigen, klaren Stimme erzählt. Eher wie das Treiben eines kleinen Bootes auf dem Meer, das sanft hin und her gewogen wird - Im Hintergrund aber lautes Donnergrölen.
Mich bewegte die innige Beziehung zwischen North, einem Mädchen welches Teil des "Flaoting Circus" ist und ihrem Partner der Auftritte, einem Bären. Ja, einem echten Bären (Auch hier treffen die Ebenen des Magischen und des Realen aufeinander). Es sind meist kurze Beschreibungen, die ihre Verbindung einfangen, aber sie entwickeln sich in dem Roman zu stark, dass dies vor allem zum Ende der Geschichte sehr gefühlvoll wird. Auch Callanish, die zweite Protagonistin durchlebt gewisse Abenteuer, wenn auch auf andere Weise, denn sie lebt an Land. Ein Zustand, der nicht vielen vergönnt ist. Dennoch hat sie ihr eigenes Päckchen zu tragen, sodass der Roman den Fokus nicht nur auf die spezielle Art des Lebens setzt, sondern auch auf persönliche Schicksale, die sich mit Vergebung und dem eigenen Seelenfrieden beschäftigen.

"North stuck her head back into the coracle, listening for the snuffle of her bear in sleep. If he was there, then nothing bad could happen to her, not even if the sea swallowed the bones of everyone in the world." ("The Gracekeepers")

Da ich durch den zweiten Roman also wieder von der Autorin und ihren Geschichten angetan gewesen bin, habe ich kurz darauf noch zu dem Erzählband "A Portable Shelter" gegriffen.
Das Merkwürdige hier ist ebenfalls, dass ich zunächst dachte, dass ich die Kurzgeschichten nicht so sehr mochte, wie die Romane. Je länger man aber über die Erzählungen und deren Verknüpfungen nachdenkt und sie eventuell noch einmal liest, desto mehr entfalten sie ebenfalls eine ganz spezielle Melancholie, die einen nicht ganz loslässt.
Logan vereint hier dreizehn Märchen oder überlieferte Familiengeschichten, die aber vollkommen der Wahrheit entsprechen sollen. Einer Wahrheit, die irgendwo in diesen Worten verborgen liegt. Allein dies macht das Buch zu einer kleinen Schatzkarte. Entdeckt man irgendwo ein verstecktes Geheimnis, das man zusammenfügen kann? Stellt man fest, dass es einfach nur Geschichten sind? Was zieht man für sich aus diesen doch teilweise skurrilen Erzählungen?
Besonders eingenommen hat mich aber die Grundstruktur des Buches. Es sind keine komplett voneinander isolierten Kapitel, denn die Erzählerinnen sind zwei Frauen, zwei Mütter, die ein Kind erwarten und diesem Kind abwechselnd etwas zuflüstern, bevor es geboren wird. Sie lassen dabei aber auch nicht die grausamen Details aus, die zum Beispiel von Hexen erzählen, die Kinder verschlingen oder Frauen, die sich von Männern abhängig machen und scheinbar alles verlieren.
Es sind Geschichten, die das Leben widerspiegeln, die traurig sind, die manchmal ein kleines Lächeln entlocken, die auch hier sehr oft mit dem Meer und dem Wasser in Verbindung stehen und die ebenso magisch wie auch real sein könnten, je nachdem wie man sie betrachtet und interpretiert.
Auch hier ist die Dynamik zwischen den beiden Frauen (wie auch bei "The Gracekeepers") sehr intensiv und stimmig.

"The dark brings stories, and I want to share one." ("A Portable Shelter")

Bei allen drei Büchern entlockte mir das Ende einen Seufzer. Aus Freude, Trauer oder anderen emotionalen Gemütslagen? Um das herauszufinden, lade ich euch gerne dazu ein, ebenfalls in die wunderbaren Geschichten der Autorin einzutauchen und euch von den ruhigen Tönen mitreißen zu lassen. Ich werde derweil sehnsuchtsvoll auf weitere Romane von Kirsty Logan warten und hoffen, dass sich das Wasseruniversum um ein weiteres Stück ergänzen lässt.




Kommentare:

  1. Wirklich lustig, dass das erste Buch der Autorin, das wir gelesen haben, jeweils unser Favorit geworden ist. Aber insgesamt können wir uns ja ziemlich gut darauf einigen, dass Kirsty Logans Bücher große Klasse sind! Ihre Kurzgeschichten mochte ich auch unheimlich gerne, über Cutting Teeth habe ich letztes Semester sogar eine Hausarbeit geschrieben, was mir nur noch mehr gezeigt hat wieviel in jedem einzelnen Satz und über und unter den Zeilen steckt. Du hast ja jetzt noch The Rental Heart übrig, das hat zwar nicht so das Wasserthema, aber die Storys sind auch richtig super (und es gibt sogar eine, auf der The Gracekeepers basiert). Uuund im Oktober kommt auch ne neue Anthologie von ihr :D

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    1. Das stimmt, darauf einige ich mich gerne mit dir! :) Oh, das hört sich richtig cool an. Was hast du denn darin genau untersucht?

      Stimmt, hatte bei "The Rental Heart" irgendwie auch gedacht, dass es nicht mehr erhältlich sei, aber das gibt´s normal zu erwerben. Setze ich mir direkt auf die Liste.
      Waaas?...
      Habs direkt gegoogelt. Die Inhaltsangabe hört sich wieder richtig gut an! Werde es mir glaube ich auf die Weihnachtswunschliste setzen (falls ich es so lange aushalte). Danke fürs bescheid sagen! :)

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    2. Ich hab quasi ne Interpretation aus ökofeministischer Perspektive gemacht, wo es darum ging, dass die Story die aufgebauten Dualismen untergräbt/in Frage stellt.

      Solche Neuigkeiten verbreite ich gern weiter :D

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