Neuzugänge: Überwiegend blaue Bücher mit viel Wasser

März 27, 2019





Blau, blau, blau sind viele der Neuzugänge zum Ende des Monats.
Das liegt vielleicht daran, dass viele Bücher als zentralen Aspekt das Wasser aufgreifen. Aber auch andere Flüssigkeiten spielen in den Geschichten eine spezielle Rolle wie eine gute Flasche Wein oder "Die Farbe von Milch". Lediglich zwei Bücher grenzen sich ein wenig von dieser Thematik ab.

  • "Hiddensee" von Gregory Maguire: Das Buch trägt den Zusatztitel "A Tale of the Once and Future Nutcracker" und lässt somit erahnen, dass sich diese Neuinterpretation oder Erweiterung an der Erzählung von Hans Christian Andersen orientiert. Es wird aber auch angemerkt, dass sich hier noch weitere Verknüpfungen zu bekannten Märchen finden lassen. Hiddensee ist dabei eine Insel mit weißen Sandstränden und dem Ort, an dem die Fantasie und Vorstellungskraft ihre Kräfte entfalten.
  • "The Gracekeepers" von Kirsty Logan: Nachdem mir die Geschichte "The Gloaming"von Kirsty Logan schon so gut gefallen hat, empfahl mir Miss Bookiverse dieses Buch. Als ich dann die kurze Beschreibung "A flooded World. A floating circus. Two women in search of a home" gelesen habe, war ich natürlich sofort neugierig. Was führte zu der Überflutung? In welche Richtung wird sich die Geschichte rund um den Zirkus entwickeln? Eines der Bücher, auf die ich mich im nächsten Monat schon sehr freuen werde.
  • "The Book of Dust" (#1 La Belle Sauvage) von Philip Pullman: Es ist wohl etwas zu voreilig diesen Brocken von einem Buch zu kaufen, obwohl ich die "His Dark Materials"-Reihe noch nicht einmal begonnen habe, aber das Buch war gebraucht in einem sehr guten Zustand verfügbar und auf gut Glück habe ich es mal auf Vorrat gekauft. (Es ist bei den gebrauchten Büchern übrigens wirklich ein kleines Lotteriespiel, wenn es um den Zustand geht, den man am Ende bekommt, auch wenn alle mit "sehr gut" ausgewiesen sind). 
  • "Ein feines Gespür für Schönheit" von J. David Simons: Etwas ernstere Töne scheint dieser Roman anzuschlagen. Hier geht es um einen britischen Autor, der nach langer Abwesenheit wieder nach Japan zurückkehrt und das Hotel aufsucht, das im seinen Bestseller eingebracht hat. Genauer heißt es: "Hier hatte er seinen ersten Bestseller geschrieben, in dem er Amerika bezichtigte, die entsetzlichen Folgen der Bombardierung Tokios und der nuklearen Vernichtung von Hiroshima und Nagasaki zu verdrängen." Klingt meiner Meinung nach durchaus lesenswert!
  • "Ein Tropfen vom Glück" von Antoine Laurain: Hier geht es mal nicht um das Element Wasser, sondern um eine Flasche Wein. Dieser Wein ist allerdings kein gewöhnlicher Wein, denn diejenigen die davon trinken, landen im Jahr 1954. Natürlich in Paris. Für mich klang es ähnlich wie der Film "Midnight in Paris" und daher bin ich schon neugierig darauf, was das Paris der 50er Jahre zu bieten hat. Klingt aber tatsächlich nach einem typischen Laurain, der mit der Spielerei "Was wäre wenn..." fortfährt und hoffentlich wieder die passende Prise Hoffnungsschimmer bereithält.
  • In dem nächsten Buch dreht sich der Titel um eine weitere Flüssigkeit, denn es trägt den Titel "Die Farbe von Milch", geschrieben von Nell Leyshon. Zu dem Buch gibt es bereits viele gute Rezensionen, aber erst durch die neulich erschienene auf dem Blog "Collection of Bookmarks" habe ich mich dazu entschieden auch dazu zu greifen. 
  • Mit "Lanny" von Max Porter geht es nicht hinaus aufs Meer, sondern hinein in den Wald. Im Mittelpunkt steht die Frage #woistlanny? Gespielt wird hier wohl mit der Vielfalt der Sprache und der Darstellung von Texten und ebenfalls mit Verwirrungen. Auch hier bin ich sehr gespannt auf die Umsetzung. Wird also sicherlich auch ab nächster Woche gelesen.
  • Zu guter Letzt ist noch ein Buch eingezogen, auf das ich mich wirklich sehr lange gefreut habe, nämlich "Der Bücherdrache" von Walter Moers. Die Buchlinge sind wieder da und ich kann es kaum erwarten, mir das Warten auf den dritten Teil der "Stadt der Träumenden Bücher"-Reihe, mit ihnen zu verkürzen.

Welche Neuzugänge haben euch diesen Monat besonders erfreut? Wartet ihr noch sehnsüchtig auf bestimmte Neuerscheinungen?


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Das Leuchten des Mondes von Lydia Netzer

März 22, 2019



Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: Shine, Shine, Shine/ 2012) btb (2019), Übersetzer/in: Astrid Finke (aus dem Amerikanischen), ★★★(☆)☆ 3,5 Sterne
Als Maxon Sunny das erste Mal sieht ist er sieben Jahre, vier Monate und achtzehn Tage alt. Nun, zwanzig Jahre später sind sie verheiratet und Sunny möchte nichts sehnlicher, als "normal" zu sein und in der Nachbarschaft so wenig wie möglich aufzufallen. Das Führen des Haushalts hat sie zumindest schon perfektioniert. Aber Maxon ist ein hoch intelligenter Ingenieur und auf einer NASA Mission auf dem Weg zum Mond, um Roboter für eine neue Kolonie zu programmieren.

MEINE MEINUNG / FAZIT  

"Die Autos anderer Menschen waren wie Meteoriten. Manchmal rammten sie einen, ohne dass es jemand verhindern konnte." S.20

"Das Leuchten des Mondes" ist eine ungewöhnliche gewöhnliche Geschichte. Thematisch gesehen greift der Roman Gedanken auf, welche die Menschen täglich begleiten. Wie soll ich mich in der Gesellschaft verhalten? Wie fügt man sich ein, um akzeptiert und nicht ausgegrenzt zu werden? Und was bedeutet es eigentlich "normal" zu sein? 
Doch ist das "normal sein" nicht schlichtweg ein Deckmantel, hinter dem sich alle verstecken, um die eigenen Schwächen und Ängste zu verbergen, um einige Scherben des Lebens unter den Teppich kehren zu können?
Und gleichzeitig werden diese Fragen auf eine Art und Weise erzählt, die diese Geschichte zu etwas Besonderem macht, etwas Außergewöhnlichem und etwas Eigenem.
Der Leser wird zunächst mit dem beruflichen Leben von Maxon vertraut gemacht, denn das Anfangskapitel setzt im Weltraum an, auf einer Mission zum Mond, um dort eine Kolonie zu gründen. Maxon ist Astronaut, ein Astronaut, der sich mit dem Leben auf der Erde ziemlich schwer tut. Soziale Kontakte sind nicht seine Stärke, er zieht sich lieber zurück und grübelt über passende Formeln nach, die ihm nicht nur beruflich helfen sollen, sondern ihm auch als Anleitung für das Leben dienen. 
Kurz darauf tritt die Protagonistin Sunny auf, Maxons Ehefrau, die für beides steht. Den Kontrast zu Maxon und die Ähnlichkeit zu ihm. Durch ihren Wunsch die perfekte Hausfrau und Mutter zu sein, sich eigentlich nicht von den anderen abzuheben und ein ruhiges Leben zu führen und kein Aufsehen zu erregen, spürt man als Leser diese Verletzlichkeit ihrer Figur sehr stark. Man möchte sie ermutigen sich nicht von anderen bestimmen zu lassen, sich frei zu fühlen, obwohl man ganz gut nachvollziehen kann, wie schwierig dies manchmal sein kann.
Schnell wird deutlich, dass die Figuren selbst das "Anderssein" symbolisieren und greifen einerseits das soziale Verhalten, wie auch das nicht als stereotyp angesehen äußere Erscheinungsbild auf. Der Roman schafft es aber meiner Meinung nach, dies nicht zu verurteilen oder lächerlich dazustellen.

"Jemand sollte an der Tür klopfen, sie für untauglich, die Farce für beendet erklären, aber es kam niemand.“ S.177

Doch diese Gegenüberstellung der Figuren und der Kampf im Alltag, wenn man weiß, dass man sich "anders" sieht und fühlt, als seine Mitmenschen, dominiert nicht gänzlich den Roman. Es geht auch um sehr viel mehr. 
Nach und nach werden Einzelheiten aus der Vergangenheit beider Protagonisten erzählt, die einen durchaus berühren und die nicht immer leicht zu ertragen sind. Das Thema der Bewältigung verschiedener Traumata in der Kindheit ist demnach sicherlich auch präsent. Was mir hier tatsächlich missfiel, war eine Stelle, in der Sunnys Mutter mit einem Baseballschläger ein Pferd attackiert, um es für Sunny "zahm" zu machen. Der Beschützerinstinkt der Mutter spielt durchaus eine Rolle und diese Stelle führt sicherlich sehr gut an, wie stark dieser ausgeprägt war, allerdings bin ich mir sicher, dass dies anders hätte dargestellt werden können. Das Fehlen der deutlichen Kritik daran war einfach ein großer Minuspunkt, denn es wird nur erwähnt, dass Sunny zugleich "entsetzt" und "beeindruckt" gewesen ist. Dieses Verletzen des Tieres wird anschließend als Erfolg zur Züchtigung  gesehen, was für mich völlig unverständlich blieb.
Ebenso konnte ich an einigen Stellen wieder nur die Augen verdrehen, als rassistische Begriffe verwendet wurden, um die Abscheu anderen Menschen gegenüber und deren angeblichen Stand in der Gesellschaft zu verdeutlichen. Auch hier bin ich überzeugt, dass man dies ebenfalls durch eine andere Wortwahl transportieren kann.
Wären diese zwei Aspekte besser oder vernünftig ausgearbeitet gewesen, hätte ich mich viel stärker zu der Geschichte hingezogen fühlen können, denn es gibt wunderbare Passagen, die emotional, nachdenklich, voller Ängste, aber doch so wahr sind. Mir gefielen die ganzen Gegensätze die angebracht werden, die sich letztlich zu einem Ganzen verbinden und aufzeigen, dass hinter jedem falschen Lächeln eine zerbrechliche Persönlichkeit stehen kann. Ich fand auch die Figur des Sohns Bubber passend eingebunden, beinahe als Bindeglied, nicht nur familiär gesehen, sondern auch emotional.  Und besonders bei ihm geht einem das Herz auf.


Ein Roman, der nicht nur eine Liebesgeschichte ist. Er ist eine Familiengeschichte, eine Menschengeschichte und eine Geschichte, die zunächst weit weg von unserem persönlichen Leben scheint, die uns aber viel näher liegt, als man glaubt, denn die Frage nach dem Erlangen eines perfekten, makellosen Lebens stellen wir uns sicherlich alle in gewissen Situationen im Leben. Und die Geschichte zeigt auf, dass Perfektion nicht aus Einheitlichkeit und völliger Gleichheit besteht, sondern aus der Frage, was wir aus den uns vorliegenden Chancen und Möglichkeiten machen. Auch wenn mir vieles sehr gut gefallen hat und ich die Eigenart des Erzählens mochte, konnte ich mich mit einigen Formulierungen und Inhalten nicht anfreunden, sodass der Roman in seiner gänzlichen Betrachtung etwas an Begeisterung eingebüßt hat.


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The Binding von Bridget Collins

März 20, 2019



(Original: „The Binding“/ 2019) The Borough Press, Übersetzer/in: -, ★★★(☆)☆ 3,5 Sterne
Stell dir vor, du könntest deine Trauer auslöschen. Stell dir vor, du könntest deinen Schmerz vergessen. Stell dir vor, du könntest ein Geheimnis bewahren. Für immer.
Emmet Farmer soll nach einer Krankheit sein Leben auf dem Land aufgeben und eine Lehre bei einer Buchbinderei beginnen. Schnell wird ihm bewusst, dass hinter dieser Aufgabe etwas Besonderes steckt. Und ein Buch wird sein Leben ganz besonders verändern…

MEINE MEINUNG / FAZIT  

"One evening when we were eating dinner in the kitchen I said, ‘Seredith, where are the books?’
                    ‘In the vault, she said. ‚Once they´re finished, they have to be kept out of harm´s way.’
S. 29

Ich wollte dieses Buch und diese Geschichte lieben. Wirklich. Und es hat so vielversprechend angefangen. Der Roman beginnt mit spannenden Momenten, in denen man sich fragt, was die Euphorie um Bücher und vor allem die Angst vor Büchern überhaupt soll. Collins schafft es, den Leser sicherlich in eine aufregende, wenn auch düstere Welt zu locken, die aus zahlreichen Geheimnissen besteht.
Auch die anfängliche Wende, dass der Protagonist Emmet Farmer an einer ominösen Krankheit litt und nun als Buchbinder ausgebildet werden soll, klang vielversprechend. Natürlich möchte man wissen, was es mit der Vergangenheit und der Geheimnistuerei seiner Familie auf sich hat. Es gibt auch durchaus viele Ansätze, die mir sehr gut gefallen haben und die uns die Bücher und deren Geschichten danach mit anderen Augen sehen lassen.
So sehr ich den Anfang demnach mochte (zum Beispiel die Schilderungen von Emmets Erlebnissen und Erinenrungen) und sicherlich auch von vielen Ideen im restlichen Verlauf überzeugt war, so schade fand ich es, dass mich der Roman dann letztlich doch etwas enttäuscht zurückgelassen hat. Für mich war es wieder einer der Fälle, in dem die Idee unfassbar stark war, die Umsetzung allerdings schwächelte und das Fesselnde währenddessen verloren ging.

"Could one really tell the difference? Novels, they call them. They must be much cheaper to produce. You can copy them, you see. Use the same story over and over, and as long as you´re careful how you sell them you can get away with it. It makes one wonder who would write them. People who enjoy imagining misery, I suppose.” S. 156f.

Das Problem, das ich vielleicht mit der Spannung habe, ist, dass sie irgendwann zu verschwinden scheint. Im Mittelteil erfährt der Leser viel aus der Vergangenheit des Protagonisten, es tauchen neue Figuren, wie der ebenfalls mysteriöse Lucian Darnay, neue pikante Details auf, aber im Großen und Ganzen verliert die besondere Idee der Bücher etwas ihre Wirkung. Es wurde mir zu wenig auf mögliche doppelte Böden eingegangen, die man hätte durchaus einbringen können, denn vor allem zum Ende hin löst sich plötzlich alles so einfach auf, dass man sich fragt, ob die eigentlich problematischen Inhalte nur als Lückenbüßer eingesetzt wurden.
Mit problematischen Inhalten meine ich ganz besonders die Machtausübungen der Reichen, insbesondere gegenüber Frauen. Dies wird, nachdem gewisse andere Handlungsstränge aufgelöst werden, komplett fallen gelassen. Es wird über keine Konsequenzen gesprochen, keine kritische Stimme weiterführend aufgegriffen, so dass der Eindruck entsteht, als sei dies eben nur aus Spannungsgründen eingeführt worden. Und das ist für mich leider unpassend, wenn das Buch anfangs stark darauf aufbaut und es in den Fokus setzt.
Beim Lesen verspürte ich tatsächlich stets ein schwankendes Empfinden, das sich mal auf die begeisterte und mal auf die enttäuschte Seite zubewegt hat.
Alles, was mit der Buchbinderei und der Idee dahinter zusammenhing und auch die persönliche Geschichte von Emmett Farmer haben mir gefallen und haben das Buch mit Emotionen und einer Portion neuer Sichtweise gefüllt. Die Inhalte jedoch, die auf eine Familienstreitigkeit verweisen, waren mir oftmals einfach zu unüberlegt eingesetzt und haben mich doch etwas entsetzter zurückgelassen, als ich vermutet hätte. 


Ein Roman, der von der Grundidee sehr viele Möglichkeiten bietet und durchaus starke Momente hat. Die Beschreibung der Buchbinderei und die Idee von Büchern und deren Funktion sorgen für Spannung und lassen den Leser in eine andere Welt eintauchen, leider schien mir diese aber besonders zum Ende hin immer weniger Inhalt zu haben. Es wurde sich ab der Mitte zu sehr auf das Leben des Protagonisten konzentriert, andere am Anfang wichtige Aspekte wurden fallengelassen, sodass der Roman etwas bruchstückhaft schien. 



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The Palace of Curiosities von Rosie Garland

März 19, 2019




(Original: „The Palace of Curiosities“/ 2013) Harper Collins Übersetzer/in: -, ★★(★)☆☆ 2,5 Sterne
Abel und Eve gelten als Außenseier der viktorianischen Gesellschaft. In Professor Josiah Arroners Palace of Curiosities erlangen sie jedoch eine gewisse Berühmtheit als "The Lion Faced Girl" und "The Flayed Man". Von dort an beginnt eine Reise, die ihre Schicksale miteinander verflechten wird.

MEINE MEINUNG / FAZIT 

"Beauty is skin-deep. We are all horrors under the skin." S. 22

Es gibt Geschichten, da weiß man nicht einmal wo man genau beginnen soll. Bei "The Palace of Curiosities" weiß ich es tatsächlich auch nicht. Meine Gedanken und Eindrücke scheinen sich diesbezüglich so wirr zu verändern und umzusortieren, wie die Erzählung selbst.
Aber fangen wir vielleicht mit den doch positiven Dingen an. Rosie Garland entführt uns nach London, in das Jahr 1831. Dort beginnt die Erzählung aber zunächst im Rückblick, denn die Protagonistin Eve ist noch gar nicht geboren, ist aber die Erzählerin. Bereits hier wird die sehr spezielle Art der Geschichte deutlich, denn dem Leser werden viele Informationen zum eigentlichen Sachverhalt verheimlicht. Der Zirkus und dessen Eigenheiten stehen aber schon hier im Fokus und sind prägend für die anfänglich beschriebene beziehungsweise angedeutete Zeugung von Eve. Geheimnisvoll, mysteriös und gleichzeitig präzise wie auch irgendwie abstoßend führt uns Garland also in das Leben einer Protagonistin ein, die auch fortwährend immer anders sein wird. Anders vor allem durch ihr Aussehen, denn sie wird "The Lion Faced Girl" genannt - Ein Mädchen, das behaart ist und von allen wie ein Tier wahrgenommen wird. 
Diese einleitenden Kapitel, das Gefühl Eves nicht dazuzugehören, verspottet zu werden, sich verstecken zu müssen und Angst vor Anfeindungen zu haben, besonders im Jahr 1845 (als sie ein Teenager ist) und fortwährend, werden gut transportiert. Besonders in Anlehnung an die Zirkusshow, die mit Kuriositäten überzeugen möchte, ist die, ja man muss es so sagen, Abartigkeit des Verhaltens ihr gegenüber wirklich spürbar. Ihre Figur ist demnach durchaus nachvollziehbar Sie, die sich nach Liebe sehnt, akzeptiert ihre Rolle als Löwenfrau, möchte bewundert werden, verliert sich dabei aber meistens selbst. Ihre Figur und die Kapitel, die ihr Schicksal beschreiben waren wohl die noch am gelungensten des Romans, denn besonders hier wird noch einmal verstärkt die Kritik der Gesellschaft aufgegriffen.

"I feel a stirring of fear that there is more to be uncovered: I know not what. I am swelling up with secrets and wonder how much more i can be filled before I burst." S.92

Doch bereits mit der Einführung des Protagonisten Abel begannen meine Schwierigkeiten mit der Stimmigkeit und der Begeisterung für die Geschichte. Seine Figur sorgt zwar für Spannung, da er ein Geheimnis mit sich trägt, dessen sich der Leser nur Schritt für Schritt annehmen kann, aber sein Verhalten, seine Äußerungen, seine Naivität machen ihn zu einem sehr schwierigen Charakter. Bei jedem weiteren, merkwürdigen Kapitel das ihn beschrieb, zogen sich meine Augenbrauen zusammen und ich wusste nicht, ob ich die Geschichte nicht richtig durchschauen kann, oder ob es tatsächlich einfach sehr an den Haaren herbeigezogen war. Auch wenn er sich an vieles nicht erinnern kann, verhält er sich unfassbar unrealistisch. Er vertraut einem einzigen Mann, den er als Freund sieht, von dem er aber ebenso wenig weiß, wie wir eigentlich über Abel und seine Vergangenheit selbst. Dennoch agiert er wie ein Roboter, hinterfragt nichts, lässt eigentlich alles mit sich machen und ist irgendwie mit allem einverstanden und zufrieden. Gleichzeitig entdeckt er eine Gabe an sich, die ihm den Platz in dem Kabinett der Kuriositäten einbringt. Und auch damit beginnt eine Reihe wirklich nicht leicht zu ertragender Passagen. Er verletzt sich nämlich selbst und dies wird immer und immer wieder erwähnt. Genauso wie einige Details aus seinem damaligen Beruf als Schlachter - massenhaft Blut und Beschreibungen über das sezieren von Tieren. Definitiv nichts für schwache Gemüter und auch ich kam dabei oftmals an meine Grenzen.
Das Aufeinandertreffen und die Kapitel rund um die gesamte Gruppe bei dem Hausherren Josiah Arroner funktionierte für mich dann auch nicht wirklich gut. Vieles, insbesondere rund um Abel, wird mehrfach und beinahe auf gleiche Weise wiederholt, man hat das Gefühl man dreht sich im Kreis. Was dann wohl eigentlich auch als Liebesgeschichte der beiden Außenseiter gelten soll und auch im Klappentext angedeutet wird, ist im Endeffekt auch eher oberflächlich. Der Leser bekommt die Geschichte kaum erzählt, alles entwickelt sich auf den letzten Seiten plötzlich zu einem mehr oder weniger dramatischen Ende.
Was mich aber bis zum Schluss am stärksten von der Begeisterung der Geschichte abgehalten hat, ist tatsächlich die Wort- und Sprachwahl, also genau das, wovon andere so schwärmen. Ja, die Beschreibungen des grausamen, harten, stinkenden viktorianischen Englands, besonders als Außenseiter werden sicherlich deutlich und passen zu den Schicksalen, aber dass die Autorin auf rassistische Begriffe zurückgreift und an vielen Stellen sehr wirre Äußerungen macht, wenn es um sexuelle Handlungen geht, war mir einfach zu viel. Grausamkeiten gehören zu Geschichten dazu, man muss sie durchaus benennen können und dürfen, wie man sie aber verpackt und darstellt ist durchaus eine andere Sache.


Zwei im Vordergrund stehende Schicksale, die aufeinandertreffen.  In Kapiteln mit Protagonisten- und Perspektivenwechseln lernen wir, was es heißt als Außenseiter und Kuriosität einer Gruppe zu gelten, der im England des Jahres 1845 (und fortwährend) versucht, berühmt, bewundert und geliebt zu werden. Auch wenn die Geschichte durchaus Potential hätte, weil aufgezeigt wird, was Äußerlichkeiten für einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft haben, konnte mich der Roman, der als "magical-realism" angesehen werden kann, durch seine Sprachwahl und seine manchmal konfuse wie auch nicht ganz verständliche und passende Figurendarstellung, einfach nicht überzeugen.



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