Lady Orakel von Margaret Atwood

Mai 29, 2017







(Original: "Lady Oracle" / 1976) Piper Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in: Werner Waldhoff (aus dem kanadischen Englisch), 416 Seiten, Taschenbuch,  ★★ 4 Sterne 
"Als Kind wegen ihres unglaublichen Übergewichts gehänselt und von der eigenen Mutter abgelehnt, findet Joan Foster in ihrer ebenso dicken wie skurrilen Tante Lou eine Verbündete. Als diese stirbt, hinterläßt sie Joan ein Vermögen. Doch der Anspruch auf das Erbe ist an eine Bedingung geknüpft: Joan muß 40 Kilo abnehmen, um in den Genuss des Geldes zu kommen. Mit gewohnt spitzer Feder setzt Margaret Atwood in »Lady Orakel« zu einem Rundumschlag gegen menschliche Schwächen an und entwirft wie nebenbei das Porträt einer ganz und gar ungewöhnlichen Frau auf der Suche nach ihrer Identität."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Die Vergangenheit kannst du nicht ändern, pflegte Tante Lou zu sagen. Oh, ich wollte es aber; das war das Einzige, was ich wirklich wollte.“  S.9

Plumper könnte man eine Rezension wohl nicht beginnen, aber ich liebe Margaret Atwoods Romanideen. Sie versteht es ganz eigene, spezielle und auch wirklich absurde Charaktere zu kreieren und sie dann zusätzlich auch noch in eine Handlung zu integrieren, die einen Seite um Seite weiterlesen lassen und man die Zeit vergisst. So erging es mir zumindest mit ihrem bereits 1976 erschienenen Roman "Lady Orakel". Ich wusste zunächst gar nicht so recht worauf ich mich mit dieser Geschichte einlasse, verspürte aber sofort eine Sogwirkung. Man lernt Joan sofort mit Beginn des Buches kennen. Die Protagonistin erzählt aus der Ich-Perspektive und führt uns durch ihr Leben. Sie befindet sich in einer scheinbar sehr mysteriösen Situation, der Leser weiß zunächst nicht, warum sie sich versteckt und in geheimnisvollen Sätzen spricht. Zunehmend setzen dann biographische Sequenzen ein, welche Joans Leben von Beginn an schildern und den Lesern mit ihren persönlichen Kämpfen vertraut machen.
Ehrlich gesagt ist man ein wenig hin und hergerissen. Denn einerseits wird das Geschehen und die Vergangenheit sehr interessant geschildert, genauso gibt es wirklich prägende Ereignisse, besonders familiär bedingt, die diese Rückblicke spannend und wichtig werden lassen. Andererseits weiß man zunächst nicht genau, worauf alles hinausläuft, es wirkt also tatsächlich zunächst nur so, als stünde das bloße Erzählen ihrer Biographie im Vordergrund. Für mich persönlich gab es keine langweiligen Stellen oder Passagen, die sich langegezogen hätten, was ebenfalls auf die Ausgefallenheit und die sehr feinfühlige psychologische Seite des Buches zurückzuführen ist. 
Die beschriebenen Beziehungen, die Joan weiterhin sehr prägen, wie zu ihrer Tante, ihrem Vater oder gleichaltrigen Freundinnen sind zudem einfach unterhaltsam zu lesen und sorgen für eine direkte Verbundenheit zur Protagonistin. Man möchte sie eigentlich gern ermuntern, sich nicht unterkriegen zu lassen. Auch der ständig thematisierte Kampf mit ihrem Gewicht ist meiner Meinung nach wunderbar umgesetzt.

"Worte waren nicht das Vorspiel zum Krieg, sondern der Krieg selbst, ein hinterlistiger Krieg unter der Oberfläche, der nie ein Ende fand, weil es keine Entscheidungsschlachten gab, keine Niederschläge, keinen Moment, wo man sagen konnte: ´Ich ergebe mich.´ Wer zuerst weinte, hatte verloren.“  S.63

Durchaus wird das Buch sehr häufig als komisch und zur reinen Unterhaltung beschrieben, was in vielen Passagen zutreffend ist. Atwood geht hier gezielt den Weg, eigentlich makabere Dinge ins absurde fallen zu lassen. Die eigentlich sehr problematische Beziehung zwischen Joan und ihrer Mutter sorgt für Momente, in denen man einerseits fassungslos ist, sich aber paradoxerweise auch gut unterhalten fühlt. Für mich allerdings war diese Komik aber eine Spielerei, die auch die Tragik der Figuren sehr gut herausstellt. Vieles mag manchmal nach "Slap-Stick" wirken, aber für mich war vieles auf untergründige weise sehr spitzfindig psychologisch, was eben auch zum Nachdenken anregt. Ich habe mich ständig gefragt, was diese ganzen geschilderten Erfahrungen tatsächlich mit einem Menschen, vor allem einem Kind machen können und in wieweit sich dieser Kreislauf auch im Erwachsenenalter widerholen wird. 
Genau dies wird auch mit der Fortsetzung des Lebens von Joan deutlich. Es werden viele neue Erlebnisse geschildert, die scheinbares Glück versprechen sollen, womit sich Joan aber letzten Endes nie zu identifizieren scheint. Anschließend treten zudem Passagen aus Joans Schriftstellerinnenkarriere auf, welche gewisse Parallelen zwischen ihren Figuren und ihrem persönlichen Leben aufzeigen sollen. 
Obwohl viele Leser damit scheinbar gar keine Schwierigkeiten hatten, fand ich diese Umsetzung manchmal doch sehr verwirrend, weil sich vor allem zum Ende hin die komplette fiktive Romanerzählung der Protagonistin mit ihrem eigenen Leben vermischt und es so wirkt, als fülle sie alle Figuren gleichzeitig aus. Auch hier empfand ich das Ende, ohne die Auflösung zu verraten, einerseits unterhaltsam, aber auch sehr interessant, weil man meiner Meinung nach viele Interpretationen aufgreifen kann, die sich auch erneut auf die frühen Kindheitstage ihrerseits beziehen. Als Leser erfährt man natürlich, was sie in die anfängliche Situation gebracht hat und welche möglichen Lebensverläufe noch bevorstehen.

"Genauso gut kannst du der Tatsache ins Auge sehen, dachte ich, du bist eine Künstlerin, eine Fluchtkünstlerin. Ich hatte manchmal über Liebe und Bindung geredet, aber die wahre Romanze meines Lebens war die zwischen Houdini und seinen Fesseln und seinem verschlossenen Koffer, sich der Fesselung anheimzugeben und ihr wieder zu entschlüpfen." S.400

Teilweise spannend, wie eine Tragikomödie wirkend und gefüllt mit den verschiedensten Figuren die für ordentlichen Wirbel sorgen. Die Protagonistin spielt sehr mit ihren eigenen Erlebnissen und ihren fiktiven Romanfiguren und sorgt beim Leser manchmal für Verwirrspiele hinsichtlich paranoider Fiktion und Realität. Für mich war der Roman erstaunlicherweise gar nicht so vordergründig komisch, wie psychologisch interessant. Vieles zielt auf den Strudel des eigenen Lebens ab und veranschaulicht, was für Muster einen Menschen sein ganzes Leben lang zu bestimmen scheinen.
























Vielen Dank an den Piper Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


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