Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken von Balzac

Oktober 11, 2016




(Original: verschiedene Titel / 1834-1970) Übersetzer/in: Rudolf von Bitter, 320 Seiten, gebundenEinzelband, ★★★ 4 Sterne
Bibliografie auf der Verlagsseite (Manesse Verlag)»
"Journalisten? Hohle Schwätzer und vorlaute Kläffer! Zeitungsmacher? Elende Opportunisten! Kritiker? Perfide Ignoranten! Für Balzac waren Presseleute so ziemlich das Letzte. In seinem Bestiarium der Pariser Journaille, hier erstmals ins Deutsche übersetzt, wagt der Autor einen satirischen Rundumschlag – respektlos, böse und herrlich einseitig.
Die Herren von der schreibenden Zunft haben in Balzacs Augen samt und sonders etwas maliziös Wankelmütiges, sind offen korrupt oder von eherner Prinzipienlosigkeit. Angelehnt an die zoologische Artenbestimmung knöpft er sich in seiner Typenlehre nun sämtliche Gestalten der Pressewelt vor: den Leitartikler, den Vulgarisator, das Faktotum, den Lobhudler, den Monothematiker, den Sektierer, den Mann fürs Grobe und was sonst alles über die Flure von Zeitungsredaktionen kreucht und fleucht. "

MEINE MEINUNG | FAZIT

"Einer Debatte beizuwohnen ist, wie eine Symphonie zu hören. Von einer Debatte in den Zeitungen zu lesen ist wie das getrennte Hören der einzelnen Instrumente mit ihrem jeweiligen Part; auch wenn Sie alle Zeitungen zusammenlegen, erhalten Sie nie das ganze Ensemble.
S.48

Dieses kleine Büchlein ist sicherlich besonders interessant für Schreiberlinge und all diejenigen, die selbst Texte veröffentlichen oder das Gefühl haben, sich gegen andere "Autoren" durchsetzen zu müssen. Darüber hinaus bietet das Buch aber deutlich mehr Potenzial. Balzacs Darstellung und Bewertung der französischen Presse und der damit verbundenen Meinungsfreiheit, wie auch der zunehmenden Problematik des Raubdrucks, zu Zeiten des 19. Jahrhunderts, werden durch weitere interessante Kapitel ergänzt. So findet man zudem kleinere Abschnitte, die sich mit der Kritik Jules Janines in Hinblick auf Balzacs Äußerungen auseinandersetzen oder man bekommt generelle Einblicke in die Lage, in welcher sich die Presse der damaligen Zeit in Frankreich befand. Obwohl man den vorausgegangen Text, das heißt, Balzacs Angriffe auf die verschiedenen "schrägen Typen der Journaille", versteht, tragen diese Informationen doch zu einem deutlich besseren Verständnis bei. So kann man die Provokationen in den Kontext einordnen und es erschließen sich wichtige Anspielungen, die man zunächst als "kleine Stichelei" vermerkt hat. Interessant fand ich, dass man beim Lesen stets das Gefühl hatte, dass Balzac ganz gut austeilen kann, sich selbst aber nicht in seine "Typenlehren" einordnen möchte, obwohl er als Teil dessen, sicherlich auch seinen Beitrag dazu geleistet hat. Nichtsdestotrotz muss ich sagen, dass mir vor allem die folgenden Kapitel gut gefallen haben. Mein Favorit ist zudem Balzacs Äußerung in Bezug auf "das Plädoyer für ein Urheberrecht", welches ein separates Kapitel bildet. Auch in der heutigen Zeit sind die meisten Äußerungen aktuell und lassen einen fragend zurück, warum sich so vieles immer noch nicht verändert hat. Jeder der eigene Texte schreibt, kennt schließlich das Gefühl, wenn sich andere das Recht rausnehmen andere Texte zu "kopieren".

"Hier nun die fröhlichste Spezies all dieser Papierverschwender: [...] Die Feuilletonisten, was immer sie auch sagen, führen ein lustiges Leben; sie regieren die Theater, man liebt und umschmeichelt sie! - Doch sie, sie beklagen sich [...]. Merkwürdig! - die ernsthaften  Bücher, mit Hingabe ziselierte Kunstwerke [...], finden in den Zeitungen nicht die geringste Beachtung.S.105

Da Balzacs "Typenlehre" Vorkenntnisse zu literarischen Werken oder Theaterstücken voraussetzt, war es hilfreich, dass die genannten Werke mit Fußnoten, kurz erläutert wurden. Ein genaues Verzeichnis der auftauchenden Namen und Werke findet sich zudem auch ganz hinten im Anhang wieder. Die Beschreibungen der verschiedenen "Presseleute" ist zum einen Teil natürlich unterhaltsam, weil Balzac viele gut gewählte Beispiele anführt, die das Verhalten auf teilweise ironische Art beschreiben, andererseits merkt ihm an gewissen Stellen deutlich die Verzweiflung an, die sich in Bezug auf das ganze System angestaut hat. So fand ich das Buch keineswegs langweilig oder zäh, was man von älteren Büchern ja meistens annimmt. Es ist zudem sicherlich auch unterhaltsam zu lesen, wie Balzac die Entwicklungen beurteilt die stattfinden, welche neuen Arten von Journalisten entstehen und wie man diese Ansichten vielleicht auch in Bezug auf die heutige Entwicklung vergleichen kann. Denn auch heute stehen sich alle möglichen "Autoren" kritisch gegenüber. Nicht zu vergessen die Kritiken, die sich in Hinblick auf Blogger ergeben haben.

"Daher muss man den ungeheuren Unterschied hervorheben, der zwischen den englischen und den französischen Journalisten besteht. Ein Engländer ist zuerst Engländer, dann  erst Journalist. Der Franzose ist  vor allem Journalist, Franzose ist er erst als Zweites." S.149
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Kleines Büchlein mit einer deutlichen Meinung Balzacs, in Hinblick auf die verschiedenen "Typen der Journaille". Die am Anfang stehende Typenlehre Balzacs bietet dem Leser so, eine recht aufgewühlte Ansicht der negativen Seiten der französischen Presse. Durch die im Anhang angefügten Erläuterungen und zusätzlichen Kapitel, die sich auf diese Lehre beziehen, bekommt der Leser ein besseres Verständnis für die Äußerungen Balzacs. Die ein oder anderen Typen findet man sicherlich auch heute noch wieder, wenn auch unter anderen Umständen. Nicht nur Balzacs Äußerungen sind amüsant und interessant, sondern auch die beschriebene Situation, in der sich die Zeitschriften damals befunden haben und welche Ausmaße dies mit sich brachte.



























Vielen Dank an den Manesse Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

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