"Die Erzählungen des Folio Club" von Edgar Allan Poe

Oktober 05, 2021

Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "Tales of the Folio Club"/ 1833) Manesse Bibliothek (2021), Übersetzer/in: Rainer Bunz (aus dem amerikanischen Englisch), mit einem Machwort von Rainer Bunz, ★★★★☆ 4 Sterne
"In seinem hier erstmals auf Deutsch erscheinenden Geschichtenreigen «Tales of the Folio Club» brilliert der US-Klassiker mit extravaganten Teufelsburlesken, schrägen Gothic Novels, spleenigen Piratenabenteuern und launigen Gruselmärchen.

Parodistisch nimmt der hochbegabte Jungautor sämtliche Schreibmoden seiner Zeit auf die Schippe und zettelt ein doppelbödiges, zwischen Hommage und Satire angesiedeltes Spiel an. Die bekanntesten «Opfer» seines jugendlich-genialen Übermuts sind die Größen der angloamerikanischen Literatur im frühen 19. Jahrhundert: Thomas Moore, ein Freund Lord Byrons, Washington Irving oder Samuel Taylor Coleridge. Und auch einen selbstironischen Cameo-Auftritt gönnt sich Mr. Poe."
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"Die Zahl der Clubmitglieder ist auf elf beschränkt. Wofür es viele gute Gründe gibt, welche hier zu erwähnen sich erübrigt, da sie sich jedem denkenden Menschen gewiss von selbst aufdrängen. Einer dieser Gründe ist jedoch, dass sich am ersten April des Jahres dreihundertfünfzig vor der Sintflut genau elf Flecken auf der Sonne befunden haben sollen."  S.7

Wir kennen Edgar Allan Poe eher als Meister des Schaurigen, aber bevor er diesen Durchbruch erlangte, versuchte er sich tatsächlich auch an ganz anderen Texten. In dem hier erstmals auf Deutsch vorliegenden Band "Die Erzählungen des Folio Club", inszeniert Poe seine Figuren als Parodie bekannter Literaten.

Tatsächlich war ich anfangs direkt etwas verwundert, dass das zweite Kapitel gar keinen passenden Anschluss an das erste findet. Wer jedoch bis zum Ende dranbleibt und sich Zeit für das Nachwort sowie auch die Anmerkungen nimmt, der wird verstehen, wieso dieser Bruch vorhanden ist. Ich persönlich fand diese erweiterte Sicht auf die Erzählungen besonders spannend. Sollte man nicht nur daran interessiert sein, alle Geschichten einzeln zu betrachten, sondern das große Ganze sehen zu wollen, dem sei die Erläuterung sehr empfohlen.
Zwar ist man danach nicht ganz nah am Ursprung, denn zu viele Bezüge rund um Figuren, Orte, Zeitpunkte und Stile bleiben einem durch die nicht mehr ganz zugängliche Rekonstruktion verborgen, aber man bekommt doch einen besseren Einblick in die Gesellschaft, in der sich Poe bewegt hat und welche Aussage er mit den Erzählungen treffen wollte.

"´Der Mensch ist zum Trauern geboren´ sagt der Dichter. Aber nicht doch - er ist zum Schwindeln geboren. Das ist sein Streben, sein Ziel, sein Ende." S.13
Poes kurze Erzählungen sind sarkastisch, ironisch, relativ unterhaltsam, hier und da sogar wirklich zum Schmunzeln, aber durchaus an der ein oder anderen Stelle sogar etwas unheimlich. In vielen Geschichten habe ich daher ganz gut die ersten Anfänge zu seinen später folgenden Themen gesehen. In diesem Band begegnen wir unter anderem nämlich auch düsteren Gestalten, dem Teufel (in verschiedener Ausführung), unheimlichen Schatten und verlorenen Seelen. Zwar wird hier vieles auf die Spitze getrieben, aber dennoch würde ich sagen, dass die Handlungen immer interessant gehalten sind und ganz und gar nicht immer wirken, als wolle man nur sarkastische Ziele verfolgen.
Dies kann aber eben durchaus daran liegen, dass wir als Leser*innen der jungen Generation viele wirklich naheliegende Verweise gar nicht mehr wahrnehmen. Einerseits eventuell schade, andererseits ermöglicht es uns, die Erzählungen auch auf neue und andere Art und Weise zu lesen und zu interpretieren. 

Insgesamt hatte ich wohl mit jeder Geschichte eine ganz gute Zeit, merke aber, dass sich doch einige absolute Favoriten herauskristallisiert haben. Die Intention des Bandes und das Gerüst (das leider nicht gänzlich rekonstruiert werden konnte), haben mich jedoch so interessiert, dass selbst die Erzählungen, die mich weniger packen konnten, nicht "geschadet" haben.
"´Nein, mein Herr. Die Seele ist nichts von alledem.'
'Was ist sie denn?'
´Mal dies, mal das, Signor Pedro', erwiderte der Fremde nachdenklich. 'Ich habe manche sehr schlechte, aber auch manche ziemlich gute Seele gekostet... will sagen, kennengelernt.'"
S.73
 
Definitiv eine ganz unterhaltsame und interessante Zusammenstellung vieler Geschichten mit literarischen Bezügen, die man wunderbar zwischendurch lesen kann, die von den Leser*innen aber auch etwas Zeit verlangen (können), um die vielen Andeutungen rund um Orte, Figuren und Stile zu verstehen und dadurch noch mehr vom Inhalt und der Intention "mitnehmen zu können". Der junge Poe versucht sich hier an humorvollen Texten, greift aber bereits auch düstere Elemente und Figuren (wie zum Beispiel den Teufel) auf, sodass das Buch trotz heiterer Komponenten wunderbar in die Herbstzeit passt.
 

1 Kommentar:

  1. Hallo =) Das klingt nach einem ganz wunderbaren Buch, um die Herbstzeit lesend unter der Kuscheldecke zu verbringen. Ich finde die Bücher aus dem Manesse-Verlag sehr gelungen.

    Zeilentänzerin

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