Emilienne oder die Suche nach der perfekten Frau von Anne Berest

September 23, 2016






(Original: "Recherche femme parfaite"/ 2015) Übersetzer/in: Gaby Wurster, 240 Seiten, gebunden,  Einzelband, ★★★ 4 Sterne
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"Liebe, Stil und Lässigkeit à la française - ein moderner Frauenroman von einer der aufregendsten Autorinnen Frankreichs. - Für Emilienne ist ihre Nachbarin Julie das leuchtende Vorbild – all das, was sie, der nette Kumpeltyp, niemals sein wird: die perfekte Mutter, die perfekte Karrierefrau, die perfekte Ehefrau, die perfekte Gastgeberin… bis zum perfekten Zusammenbruch. An dem Tag beschließt Emilienne, dass es ihr mit all den an die Frauen herangetragenen Ansprüchen reicht. Gibt es das überhaupt, von dem alle sprechen und nach dem alle trachten: die perfekte Frau? Sie beschließt, sich auf die Suche zu machen."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Sie weinte viel, sagte, dass sie sich Vorwürfe mache, dass sie es nie schaffen werde, dass sie niemals so sein könne wie andere Frauen. ´Aber welche Frauen meinst du denn?´ fragte ich sie. ´Die anderen!´ schrie sie und spuckte mir Krümel eines Feigenkekses ins Gesicht.
S.24
 
"Frauen seid selbstbewusster und lasst euch nicht vorschreiben, wer ihr zu sein habt". So oder so ähnlich könnte das Credo dieses Buches lauten und deshalb ist es mir mit jedem Kapitel etwas näher ans Herz gewachsen. Es ist sicherlich ein Buch, das in erster Linie Frauen motivieren soll und daher als typischer "Frauenroman" angesehen werden könnte. Allerdings empfand ich es erfrischend anders, weil weibliche Figuren auftreten, die nicht unbedingt die Klischees erfüllen, mit denen viele Romane besetzt sind. Der Roman versprüht zudem sicherlich eine gewisse Leichtigkeit und versucht mit einer guten Portion Ironie, aber einer angemessenen Ernsthaftigkeit, Leserinnen auf die Problematiken der heutigen Gesellschaft aufmerksam zu machen. Auch hier wieder in erster Linie auf die Problematiken, die dazu führen, dass Frauen sich überlastet und in die Enge gedrängt fühlen, aber auch Problematiken, die Frauen aus fragwürdigen Blickwinkeln zeigen. Daher empfand ich Anne Berests kurze, aber unterhaltsame Lektüre als sehr abwechslungsreich. Durch das fotografische Projekt der Erzählerin entsteht zusätzlich zu den einzelnen Episoden, die sich auf eine andere "perfekte Frau" beziehen, ein Handlungsstrang der zunächst etwas ungewöhnlich scheint, im Nachhinein aber gezielt damit spielt, wie sich das Bild der Frau in der Gesellschaft ändern sollte. Durch viele modische Bemerkungen, einem doch recht wahrnehmbaren Pariser Flair, wie auch der Intention Frauen Mut zu machen, sich selbst nicht hintenanzustellen, ist dieser Roman sicherlich für weibliche Leser etwas interessanter, würde aber vielleicht auch dem ein oder anderen Mann mal gut tun. Ich fand es tatsächlich einfach mal schön, dass man dieses Thema auch mit viel Witz und Ironie darstellen kann und man auch mit einem Unterhaltungsroman, ernste Themen ansprechen kann, die am Ende aber nicht zu flach wirken.

"In all diesen unterschiedlichen Porträts würde sich das Bild abzeichnen, das die Frau von heute von sich hat, das Porträt der idealen Frau. Doch ich würde auch die Verwerfungen herausarbeiten, die Schwachstellen, die Brüche. Ich würde die Anzeichen von Wahnsinn in diesem unmöglichen Streben nach Perfektion aufspüren.S.28

Erzählerin des Ganzen ist die im Titel erwähnte "Emilienne", welche sich zunächst auf Grund eines Projekts auf die Suche nach der perfekten Frau begibt. Dadurch taucht man in viele Leben ein, allerdings nur für einen kurzen Moment, aber mit einer doch gezielten Botschaft dahinter. Ich würde nicht sagen, dass die Kürze der Kapitel negativ ist, denn so entsteht ein ganz guter Eindruck davon, dass es bei allen Menschen, nicht nur bei Frauen, den ersten Eindruck gibt und eine Person hinter der Fassade. Es wird also ganz gut damit gespielt, wie andere Menschen jemanden wahrnehmen und wie er sich selbst sieht. Mein persönlicher Favorit war aufgrund dieses Aspekts, Emiliennes Freundin "Julie". Sie taucht in mehreren Kapiteln auf und verkörpert den Ausgangspunkt einer scheinbar perfekten Hausfrau, die ebenfalls einem erfolgreichen Beruf nachgeht und es zusätzlich noch schafft, als Mutter wahre Wunder zu vollbringen. In dem aber dieser Zusammenbruch stattfindet, gewinnt der Roman dadurch an einer weiteren Ebene, die eben diesen "Schein" aufzeigt, der sich durch alle Leben der Frauen durchzusetzen scheint. Besonders Julies Schicksal hat mich aber am meisten interessiert und zeigt für mich die Ängste vieler berufstätiger Frauen in der heutigen Zeit auf. Mir gefiel aber ebenso gut die Verknüpfung zu kleinen Details, wie nennenswerten Frauen der Vergangenheit, die für etwas gekämpft haben, die man aber vergessen hat, weil sie zum Beispiel von anderen Männern kopiert und "übertroffen" wurden. Man merkt dem Buch eine Kritik an, die aufzeigt, dass die Gesellschaft immer noch dazu neigt, Männern den Vortritt zu geben.

"Eines Tages wurde mir dann bewusst, dass in all den Geschichten, die sein Denken prägten, ausschließlich männliche Helden vorkamen. In absolut allen, ausnahmslos. Ich war also im Inbegriff gewesen, ihm die Vorstellung einzupflanzen, dass Frauen nie die Helden sind und nie die Initiative ergreifen." S.175
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Eigentlich leichte und kurze Lektüre, die dem Leser kurze Einblicke in das Leben verschiedener Frauen ermöglicht, im Nachhinein aber doch mehr Botschaften vermittelt, als zuerst angenommen. Greift die Stellung der Frau in der heutigen Gesellschaft auf und spielt mit verschiedenen Vorwürfen, Wunschvorstellungen und Anforderungen, die man zu erfüllen hat. (Positiv dabei: Nicht alle Frauen werden als Unschuldslämmer porträtiert) Durch den unbefangenen Schreibstil bleibt es aber eine angenehme Geschichte, die den Leser an der ein oder anderen Stelle ein Lächeln ins Gesicht zaubert, aber dennoch ihren Standpunkt vertritt und diesen auch mit wichtigen Passagen füllt.


























Vielen Dank an den Knaus Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

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