Das Leben ist zu bunt für graue Tage von Sophie Bassignac

September 19, 2016




(Original: "Comédie musicale"/ 2015) Übersetzer/in: Claudia Steinitz , 208 Seiten, gebunden,  Einzelband, ★★★ 3 Sterne
Bibliografie auf der Verlagsseite (Atlantik Verlag)»
"Paris kurz vor Weihnachten. Es schneit unaufhörlich. Sehr weihnachtlich ist es bei Max und Raphael allerdings nicht. Die Cousins, die als Filmausstatter und Restaurator arbeiten, leben erst seit kurzem in der Wohnung, haben sie aber im Handumdrehen in eine originelle Rumpelkammer und Party-Zone verwandelt. Bei ihnen geht die Pariser Bohéme ein und aus, die sich von ihrem kreativen Chaos angezogen fühlt. Nach allerlei Liebeswirren - warum verliebt man sich eigentlich immer in die Falschen? - markiert das nahende Silvesterfest einen Neuanfang für alle. Eine charmante Komödie mit Tiefgang, die über die Liebe, das Leben und die Wärme in einer kalten Winternacht erzählt. "


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Sie hatte ihn genauso gern wie Max. Der altmodische poetische Riese bestreute die Welt mit seiner feinen Intelligenz wie mit Konfetti. Er hatte den Mut, anders zu sein, und sie hatte allen Grund, darin etwas Kostbares zu sehen.
S.11
 
"Bunt" ist der Inhalt des Buches allemal. Die Protagonisten sind sehr speziell, sind chaotisch, melancholisch, haben Geheimnisse, neigen zu gewissen Macken und gehen in den Wohnungen des beschriebenen Hauses ständig ein und aus. Keine Frage, an Schwung und Einfällen fehlt es diesem kurzen Roman nicht. Allerdings hatte ich ganz zum Schluss meine Schwierigkeiten den Roman einzuordnen, denn er erschien mir eher als Tragikomödie und der Titel wollte für mich zunächst auch nicht wirklich passen. Der Roman beschäftigt sich nämlich mit der Vergangenheit der beiden jungen Männer Max und Raphael, zwei Cousins, die sich die Wohnung teilen. Als Leser ahnt man bereits am Anfang, dass ein Geheimnis aufgedeckt wird. Die Art und Weise wie das Thema verpackt wurde, fand ich an einigen Stellen ganz gelungen, an anderen Stellen hingegen erschien mir die Ernsthaftigkeit zu "platt". Allerdings gefiel mir im gesamten Buch unabhängig von der recht schönen Darstellung der einzelnen Figuren, das gesamte Erscheinungsbild von Paris und die ausgewählten Örtlichkeiten, die tatsächlich eine gewisse Magie versprühten. Dies kam vor allem durch den speziellen Fokus der Wohnungen an sich zustande, aber auch durch den am Ende veranstalteten Kostümball. Der Roman blieb mir, im Gesamteindruck, auf jeden Fall recht positiv in Erinnerung. Einige Verknüpfungen und Darstellungen fand ich aber etwas zu "abgeschnitten".

"´Glauben Sie, dass man sich ändern kann?´, fragte sie nach längerem Schweigen. ´Ich meine nicht, ein Leben ändern, sondern jemand anders werden.´ ´Man muss unbedingt daran glauben, dass das möglich ist. Ich mache nie Pläne, denn wenn man sich in die Zukunft projiziert, heißt das, dass man morgen noch derselbe sein wird, und ich hasse diese Vorstellung.´S.77

Die Geschichte lebt tatsächlich von den aufwirbelnden Protagonisten. Es sind die unterschiedlichen Charakterzüge und die verschiedenen Lebenssituationen, die der ganzen Gruppe genug Spielraum bieten. Viele Entwicklungen geschahen aber wie in doppelter Geschwindigkeit und dadurch entstand für mich dieses Gefühl von "sehr unrealistisch", wobei dies ja genau dieses Komödiengefühl ausmachte. Abseits der romanhaften Beschreibungen von Figuren und Umgebungen konnte ich mir demnach auch gut vorstellen, dass das Buch eher als Stück angesehen werden könnte. So wirken die Figuren oftmals sehr überzogen und verkörpern ein prägnantes Merkmal, welches ihnen angelastet wird. Einige Passagen haben sich für mich aber auch als kleine Schätze entpuppt, da sie ziemlich gut, die heutige Wichtigkeit der Selbstverwirklichung und des Prestiges aufzeigen. Letztlich passte demnach auch die Kürze des Buches ganz gut zum Konzept, wobei ich wie gesagt finde, dass gewisse angesprochene Themen deutlich mehr Raum bräuchten, um sich zu entfalten. Ich denke aber, dass ich das Buch um die Weihnachtszeit herum noch einmal lesen werde!

"Im Zug drehten sich die Gespräche um die verschneite Stadt. Die Begeisterung der ersten Tage war von lauten Klagen abgelöst worden. Die Natur übertrieb mal wieder, es war immer dasselbe.." S.112
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Kurzer und recht gut gelungener Roman über ein Wohnhaus mit sehr eigensinnigen Bewohnern, die auf der Suche nach ihrem eigenen Ziel und Platz im Leben sind. Enthält einige sehr schöne, nachdenkliche Passagen, überwiegt aber tatsächlich durch einen eher tragikomischen Ansatz, da die Figuren auf ein Merkmal festbestimmt wurden und eine spezielle Eigenschaft verkörpern, die ab und an überzeichnet wirkt. Man braucht auch ein wenig, um sich mit den schwierigen Figuren zurechtzufinden. Hinsichtlich der Atmosphäre sicherlich eine schöne Lektüre für die nahenden Wintertage.


 Vielen Dank an den Atlantik Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Kommentare:

  1. Hallo Karin,
    das Buch hat irgendwie direkt mein Interesse geweckt - manchmal ist das so, nicht wahr? Der Titel und das Cover (wunderschöne Fotos übrigens!) gefallen mir sehr. Auch das Zitat über das sich ändern können ist wunderbar. Ich glaube, das Buch wandert auf meine Wunschliste. Danke dir für die Rezension :)
    Liebe Grüße,
    Anna

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    1. Vielen lieben Dank und immer wieder gerne! : )

      Ich fand einige Stellen ebenfalls sehr schön! Werde mir das Buch zu Weihnachten noch einmal vornehmen, mal sehen, ob sich in der Wertung vielleicht noch etwas verändern wird. Das mit dem "sofort Interesse wecken" kenne ich ganz gut, das war bei mir bei diesem Roman auch so! : D


      Liebe Grüße
      Karin

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  2. Wie immer eine sehr schön forumlierte Kritik. Ich liebe ja deinen Schreibstil immer sehr, muss aber gestehen, dass mich der Inhalt des Buches nun nicht anspricht. Ich liese ja bevorzugt Krimis, Thriller und Fantasy, solche Geschichten sehe ich einfach lieber verfilmt.

    Danke für deine lieben Worte, kann dir da nur zustimmen. Ehrlich gesagt ist es bei mir immer nur der erste Schock und wenn ich den überwunde habe, dann ignoriere ich das auch und mache mir darüber gar keinen Kopf mehr.

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