Die Liebe des letzten Tycoon von F. Scott Fitzgerald

Juni 27, 2016



(Original: "The Love of the Last Tycoon. A Western"/ 1994) Bibliografie  auf der Verlagsseite (Diogenes Verlag)» , Übersetzer/in: Renate Orth- Guttmann, 233 Seiten,  gebunden,  Einzelband,  ★★(☆)  4 bis 5 Sterne
"Er ist der letzte Hollywood-Produzent, der Mittelmaß und Klischees nicht duldet: Monroe Stahr verbringt Tag und Nacht in den Aufnahmestudios, Vorführräumen und Drehbuchschreiber-Büros, um die Arbeit an seinen Filmen zu überwachen. Als ein Gewitter nachts die Kulisse für eine Burma-Szene unter Wasser setzt, ist er sofort zur Stelle – und entdeckt dabei zwei Frauen, die sich unerlaubt auf das Gelände geschlichen haben. Eine davon ist Kathleen Moore – deren natürlicher Charme Monroe Stahr vom ersten Augenblick an in den Bann zieht."
» Unvollendeter Roman, welcher nach F. Scott Fitzgeralds Tod fertiggestellt wurde. (Offenes Ende, aber Reihenfolge ungefähr nach Fitzgerads Vorstellungen)


MEINE MEINUNG | FAZIT

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Wir nehmen in Hollywood Fremde nicht mit offenen Armen auf, es sei denn, sie trügen ein Schild um den Hals, auf dem steht, daß sie ihre Loorbeeren anderswo erworben haben und uns nicht gefährlich werden können - mit anderen Worten, daß sie bereits prominent sind. Und auch dann müssen sie sich noch vorsehen.S.21

F. Scott Fitzgeralds Geschichten sind eine Klasse für sich. Jeder kennt sie - oder zumindest eine, nämlich "Der Große Gatsby". Aber auch andere Geschichten verdienen es, näher betrachtet zu werden. Auf "Die Liebe des letzten Tycoon" war ich sehr gespannt, da es die letzte niedergeschriebene Erzählung des Autors ist, bevor er verstarb. Daher ist die Geschichte nicht "beendet", wurde aber von einigen fleißigen Helfern, so zusammengesetzt, wie der Autor sich das anhand verschiedener Aufzeichnungen, wahrscheinlich gewünscht  oder vorgestellt hätte. Man begegnet den typischen Fitzgerald Figuren. Glamour, Stars, das wilde Leben sind Hauptakteure der Geschichte. Aber meiner Meinung nach ist dieses Buch deutlich von seinem ersten Werk zu unterscheiden. Hier wirkten mir Handlung und Figuren geradliniger. Die Handlung läuft auf gewisse Absichten zu und verliert sich nicht in irgendwelchen Nebengedanken. Ich fand es sehr interessant zu sehen, dass es sozusagen zwei Erzählerinstanzen gibt. Zum einen die junge Cecilia, die aus ihrer Sicht die Geschehnisse, wie auch die Person des Monroe Stahr schildert und zum anderen eine etwas höhere Erzählerstimme, die man mit der Sicht Cecilias gleichsetzen könnte, sie aber als Figur nie direkt anwesend ist. Um in diese ganzen etwas zusammengewürfelten Sichten nähere Einblicke zu erlangen, gefiel mir daher auch der kurze Anhang, der einige Gedanken dazu offenlegt. Nichtsdestotrotz ist die Geschichte an sich stimmig und die wechselnden Perspektiven sind nicht störend. So wird ab und an mit Worten wie: "An dieser Stelle nimmt Cecilia selbst die Erzählung wieder auf."(S.128) angedeutet, wann sie das Gesagte nun miterlebt hat oder nur durch andere Informanten erfahren hat. Dadurch stellt man sicherlich schnell fest, dass es drei zentrale Figuren gibt: Monroe Stahr, Kathleen Moore und Cecilia Brady.

"Im Licht des Mondes war das Außengelände ein dreißig Morgen großes Märchen - nicht weil die Sets tatsächlich aussahen wie afrikanische Urwälder und französische Schlösser und  ankernde Schoner und der Broadway bei Nacht, sondern weil sie aussahen wie die zerfledderten Bilderbücher der Kindheit, wie Schnipsel von Geschichten, die in einem offenen Feuer tanzen.S. 45

Gekennzeichnet ist die Geschichte (soweit sie aber eben unvollendet ist) durch die Liebesgeschichte der Protagonisten. Erstaunlicherweise fand ich die Umsetzung dessen aber keinesfalls kitschig. Natürlich war Fitzgerald an vielen Stellen ein "Träumer" (zumindest nehme ich das in seinen Geschichten immer so wahr), aber er bezieht sich eben auch oft auf das schonungslose Leben, welches durch Konkurrenz und Macht geprägt ist. Daher ist für mich "Die Liebe des letzten Tycoon" nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern auch das Porträt eines Mannes, der versucht, sein Glück und seine Fähigkeiten in der Berufswelt zu finden und unter Beweis zu stellen. Obwohl man Fitzgerald selbst nach vielen Berichten, durch seine Eskapaden und Ähnliches,  als eher unsympathisch ansieht, schafft er es doch, dass man zumindest in seinen Romanen, die Figuren kennen und lieben lernt. Sie haben immer etwas Zerbrechliches, das man gerne bewahren würde. Ich habe vor allem Cecilia ganz gerne als Erzählerin wahrgenommen, da sie mir gewisse Situationen, die das Leben ausmachen, ganz gut eingefangen hat. Dadurch verlieh dies der Geschichte eine Art "wie das Schicksal so spielt" - Atmosphäre. Durch die Vielfache Überarbeitung und Neuübersetzung fällt es mir schwer nun genau zu sagen, oder einzuordnen, in wie weit die Wortwahl auch auf Fitzgerald zurückzuführen ist. Aber ich denke, man kann nicht abstreiten, dass man seinen speziellen Stil wiedererkennt. Ich habe die Geschichte schlichtweg sehr gerne gelesen und würde auch jederzeit wieder dazu greifen.

"´Was zum Teufel wollen sie verbergen?´ ´Vielleicht die Zukunft´ ,sagte sie nach einer kleinen Pause leichthin - und das konnte nun alles oder nichts bedeuten." S.131

Eine zwar unvollendete, aber dennoch in sich geschlossene Geschichte, die an viele Themen anknüpft und sie miteinander verbindet. Mit sogar sehr humorvollen Passagen und gleichzeitig "typisch romantischen" Passagen von Fitzgerald, wird dieses Buch zu einem würdigen Abschluss einer großen Schriftsteller Karriere. Ich würde es zwar nicht "das westliche Gegenstück zum Großen Gatsby" nennen, aber es liegt definitiv sehr knapp dahinter. Wahnsinnig tolle Erzählkraft, die einen wieder daran erinnert, wozu Literatur fähig ist.

Kommentare:

  1. Ich muss zugeben: Dieses Buch fehlt mir tatsächlich noch in der Sammlung ^^
    Bei Fragmenten bin ich immer verhalten, doch wenn du sagst, dass es trotzdem in sich geschlossen ist, sollte ich wohl doch mal ...

    Liebe Grüße
    Mareike

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    1. Hast du bisher alle anderen Bücher von ihm gelesen? Ich überlege nämlich, mir "Drei Stunden zwischen zwei Flügen (und andere Meistererzählungen)" zu kaufen, bin mir da aber ebenfalls etwas unsicher... Hast du es schon gelesen und könntest es vllt empfehlen?: )

      Fragmente finde ich manchmal auch schwierig. Hier allerdings finde ich, ist das kein Kritikpunkt. Die Geschichte endet zwar an einer Stelle, die dem Leser noch erlaubt selbst einige Dinge der Zukunft hinzuzufügen, aber das Grundgerüst steht und bildet meiner Meinung nach auch ein gewisses Ende. Zudem werden im Anhang auch einige Varianten genannt, die Fitzgerald wohl notiert hatte, die als Ende hätten dienen können. Für mich war das zwar eine nette Zusatzinfo, aber mir gefiel das etwas "offene Ende" eigentlich sogar besser. :)


      Liebe Grüße,
      Karin

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