Shylock von Howard Jacobson

April 15, 2016




(Original: "Shylock is my name" / 2016) 288 Seiten,  gebunden, Einzelband |  ★★★★☆  4 Sterne

"Der reiche Kunstsammler Simon Strulovitch aus Manchester hat Sorgen: Seine aufmüpfige Tochter Beatrice ist in die Kreise der leichtlebigen Erbin Plurabelle und ihres persönlichen Assistenten D’Anton geraten. Nicht der richtige Umgang für ein jüdisches Mädchen, klagt Strulovitch seinem Zufallsbekannten Shylock. Dieser rät zur Zurückhaltung. Doch als Beatrice sich auch noch mit dem Fußball-Beau und Unterwäsche-Modell Howsome einlässt, sieht ihr Vater rot. Er verlangt, dass der junge Mann zum Judentum konvertiert. Mit Hilfe einer kleinen Operation ließe sich heute manches arrangieren. Aber das Leben hält nicht nur für Strulovitch ein paar Lektionen bereit."



MEINE MEINUNG | FAZIT

"Shylock ist kein Gelegenheitstrauernder wie Strulovitch. Er kann an nichts anderes denken. Weil er weder vergessen noch vergeben kann, gab es nie etwas anderes und wird es nie etwas anderes geben.
S. 11

"Shylock" ist ein Roman, der sich als neue Version von Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig" vorstellt. Die Verbindungspunkte werden schnell offensichtlich. Zum einen durch die Hinweisaufkleber, welche der Verlag selbst auf den Covern der Reihe anbringt (abziehbar ohne Spuren zu hinterlassen!), zum anderen durch die anfängliche Gestaltung, sprich die einleitende Szene aus dem Original. So stellt die Figur Shylock natürlich den ersten, elementaren Fokus der Geschichte dar. Ich muss gestehen, ich habe das Original nie ganz gelesen. Ich habe mich dennoch parallel zu der Geschichte etwas schlau gemacht, um vielleicht noch genauer, die Bezüge zu verstehen und die daraus resultierende Weiterentwicklung der Geschichte. Denn eine bloße Nacherzählung wäre eigentlich unnötig. Soweit ich das beurteilen kann, ist es Jacobson allerdings sehr gut gelungen, eine sinnvolle und auch interessante Geschichte zu erschaffen, die zwar stark an Shakespeares Werk anschließt, aber dennoch seine eigenen Eigenschaften aufweist. Ich bin mit dem Roman als solchen sehr gut zurechtgekommen. Der Erzählstil hat mir sehr gut gefallen und hatte auch etwas sehr philosophisches an sich. Gepaart mit sehr außergewöhnlichen Handlungen und einer guten Konstellation der Protagonisten, konnte ich an keinem Zeitpunkt feststellen, dass ich mich gelangweilt habe. Howard Jacobson vermischt sehr moderne Aspekte der heutigen Zeit, seien es die Lebensumstände, High-Society Gesellschaften (die bei Shakespeare ja auch beschrieben werden) mit einem Hang zu alljeglichen Reality- Tv Absurditäten oder die moderne Technik, mit einer zu Shakespeare sehr passenden Ausdrucksweise. Wobei diese keineswegs veraltet ist oder durchgehend den Schreibstil imitiert. Jedoch verbindet sich die Geschichte gut mit den Eigenschaften, die man von Shakespeares Geschichten erwartet oder kennt. Ich hatte eigentlich durchgehend das Gefühl, dass ich einen modernen "Shakespeare" lese.

"[...] [U]nd einmal hat sich ein Deutscher auf einem Friedhof sogar bei mir entschuldigt. Als ich ihm daraufhin meine Hand reichen wollte, schien er jedoch Angst zu habe, sie zu ergreifen. Warum? Weil es in diesem Moment nicht mehr die Hand Shylocks war, sondern die des Juden als solchem, und als Gruppe sind wir ihnen immer noch unheimlich S.76

Jacobson bezieht sich vordergründig auf ein bestimmtes Thema und deren Veranschaulichung, hier die Eigenschaften, die dazu führen sollen, dass man ein "guter Jude" ist, statt sich einer bestimmten Gefühlswelt eines einzelnen Charakters anzunehmen. Natürlich steht die Gefühlswelt aller Protagonisten in einem geeigneten Zusammenhang, jedoch gibt es keine ellenlangen Monologe zu gewissen Gefühlen, Gedanken etc. was ich positiv fand, da dies dem Buch sicherlich einige Minuspunkte beschwert hätte. Das Hauptmerkmal, nämlich das Thema des "Judentums" ist von Jacobson sicherlich geschickt gewählt, da er dadurch nicht exakt die Absicht Shakespeares dupliziert, sondern sich die Kritiken, die das Werk erzeugt hat, als Basis gewählt hat. Der Leser wird durch die sehr unterschiedlichen Sichtweisen der Figuren ständig mit der Frage konfrontiert, was einen Juden "gut" macht, oder in wie weit sich das überhaupt zum Rest der religiösen Menschen abgrenzen sollte. Heißt es nicht einfach nur ein "guter Mensch" zu sein, statt sich in den Religionen bewegen zu wollen? Es ist also wirklich ein Buch, das zum Nachdenken anregt, auch wenn es manchmal durch die wahnwitzigen Einfälle von Strulovitch, an manchen Stellen absurd wirkt. Alle Protagonisten steigern sich in ihre persönlichen Probleme rein, was für den Leser hingegen wieder bedeutet, dass es keinen Stillstand in der Geschichte gibt und somit auch keine unnötigen "Lückenfüller". Mir gefiel die Verbindung der Figuren zueinander. Sie haben sich stets ergänzt und haben so dem Leser aufgezeigt, welche verschiedenen Ansichten es rund um das Thema gibt und wie sich Juden augenscheinlich von Christen gesehen und behandelt fühlen. Shylock stand für mich, gegenüber zu Strulovitch als Spiegelbild dar, dass er sich aber selbst nie vor Augen halten wollte. Das fand ich von Jacobson wirklich gut umgesetzt. Einen weiteren Erzählstrang bindet Jacobson noch durch die Familien beider Männer ein, im Vordergrund die jungen Töchter. Dadurch entstanden neue Möglichkeiten für den Leser, das Geschehen aus einer "jüngeren" Perspektive zu sehen und die Entwicklung der religiösen Einstellung zu betrachten. 

"Strulovitch [...] bestand darauf, dass auch er ohne Glauben war. Und vielleicht sagte er ja die Wahrheit. Was er besaß, war stärker als jeder Glaube, dem sie begegnet war. Es war ein Wahn, eine Raserei. Hätte sie unterrichten müssen, was ihn erfüllte, hätte sie es Juden-Irrsinn genannt. Juden-Irrsinn für die Sekundarstufe zwei.´" S. 147
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Eine gute Auslegung der im Buch vorkommenden Konflikte und die Ausarbeitung dieser. Die Fixierung liegt auf der Gesellschaft (Gesellschaftskritik), wie auch der Frage: Sind Christen und Juden wirklich unterschiedlich? und nicht zwangsläufig auf der bestimmten Entwicklung bestimmter Protagonisten. Dennoch findet man einen Zugang zu den Figuren, so dass durchaus eine Ebene gibt, in der man sich mit der Gefühlswelt beschäftigt. Einige wirklich irrwitzige Einfälle und Dialoge sorgen dafür, dass die philosophischen und religiösen Themen etwas aufgebrochen werden. Gelungener Auftakt dieser Reihe.





























Vielen lieben Dank an den Knaus Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Kommentare:

  1. Liebe Karin,

    die Verbindung zu "Der Kaufmann von Venedig" war mir gar nicht bewusst. Für mich sah das Buch wie ein typisches Jugendbuch aus. Da habe ich wohl in eine völlig falsche Richtung gedacht! Danke für die schöne Besprechung - und das "Zurechtrücken" in meinem Kopf ;)
    Mareike

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    1. Jetzt wo du es sagst, finde ich, hat das Cover wirklich biiisschen was von Jugendbuch. Der Inhalt ist aber weitaus "tiefer". : )


      Liebe Grüße,
      Karin

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