Alles so leicht von Meg Haston

November 22, 2015







(Original: "Paperweight" ) Thienemann [klick]| 320 Seiten,  Hardcover,  Einzelband,  ★★★(★)☆   3 bis 4 Sterne

"Stevie hat nichts mehr zu verlieren. Sie ist fest entschlossen, aus diesem Körper, aus diesem Leben zu verschwinden. Aber alle wollen sie daran hindern. Ihr Vater, der sie ins Therapiezentrum einweisen ließ. Anna, die so ganz anders ist als die anderen Seelenklempner. Und selbst den Mädchen, mit denen sie ein Zimmer und ein Schicksal teilt, fühlt sich Stevie jeden Tag näher. Aber sie wird sich nicht öffnen, sie hat schließlich einen Plan. " 


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Dahinter liegen der Reitplatz und die Wiese, dann die leere Wüste. Ich bin am Ende der Welt angekommen." S. 13

So abgeschieden sich die Hauptfigur in Meg Hastons Roman von der Welt fühlt, so abgeschieden fühlt sich auch der Leser gegenüber seiner Umgebung. Als ich begonnen habe das Buch zu lesen, habe ich gemerkt, dass man sich erstaunlich auf jedes einzelne Wort der Protagonistin konzentriert. Ihre Lebensgeschichte wird auch aus ihrem Blickwinkel und mit ihrer Umgangssprache dargelegt. So möchte man genau wissen, wie ihre Situation zustande kam und was es für sie bedeutet nun in eine Klinik eingewiesen zu werden. Erstaunlicherweise gab es  wirklich schöne Stellen, die Stevie (Stephanie) erläutert, die sich ganz und gar nicht nach einem siebzehnjährigen Teenager anhören. Sie sind philosophisch, metaphorisch und verursachen beim Leser ein klein wenig "Herzschmerz". Ich muss zugeben am Anfang wusste ich noch nicht genau wie ich die Protagonistin einordnen sollte. Sie schien mir zynisch und unglaublich stur. Gleichzeitig bieten diese Charakterzüge natürlich auch eine gute Basis um eine gewisse Entwicklung zu erschaffen. Diese Entwicklung macht sich auch mit der Zeit immer offensichtlicher. Die Veränderung von Stevie an sich war nicht aufgesetzt oder unauthentisch. Allerdings hatte man doch das ein oder andere Mal das Gefühl, dass es so leicht wohl doch nicht vonstatten gehen könnte. Vorallem in der beschriebenen Zeitspanne von achtundzwanzig Tagen, die sich die Protagonisten in der Therapie aufhält.

"Mehr verdient sie [Anna - die "Seelenklempnerin"] nicht, nachdem sie mir mein Ende gestohlen hat. Das Ende, das ich für mich vorgesehen hatte, war perfekt. Poetisch. Und Sk hat es mir genommen. Jeder Mensch sollte das Maß seines eigenen Leidens bestimmen dürfen. Es ist ein Grundrecht. Tod. Freiheit. Das Streben nach  Unglückseligkeit." S. 128

Stevie in den verschiedenen Kombinationen ihrer Mitmenschen, auf die sie in der Therapie abseits der anderen Zivilisation trifft, ist einerseits unterhaltsam aber auch an vielen Stellen sehr gefühlvoll. Denn auch hier treffen verschiedene Schicksale aufeinander, die schwiereige Situationen in ihrem Leben bewerkstelligen mussten. Ihre Zimmergenossin Ashley lag mir mit der Zeit wirklich am Herzen, manchmal sogar mehr als der Hauptcharakter. Man musste als Leser sozusagen als doppelter Außenstehender Ashley bei ihrem Kampf mit der Krankheit zusehen. Auch die anderen "Mitbewohner" von Stevie versprühen unter den gegebenen Umständen ihren Charme und sorgen so für einige ausgelassene Momente. Die Rückblicke auf die gemeinsamen Momente mit ihrem Bruder fand ich zunächst sehr gefühlvoll. Zum Schluss hin fand ich sie eher etwas distanziert. Gefehlt hat mir allerdings eindeutig auch die direkte Beschäftigung mit dem Problem der Mädchen, nämlich der Esskrankheiten. Es wurden einige Therapiestunden näher erläutert und es gab auch einige erklärte Maßnahmen die aufzeigen sollten, wie schwer solch eine Erkrankung sein kann. Allerdings geschah dies für mich etwas oberflächlich. Man konnte nicht ganz hinter die beschriebene Fassade blicken. Gelungen fand ich aber die Veranschaulichung durch die farbigen Bänder, die die Mädchen tragen sollten um zu signalisieren, in welchem Stadium sie sich befinden. Die inneren Konflikte der Protagonistin wurden gut gelöst und dargestellt. Es gibt keine strikte Entwicklung von krank zu gesund, sondern einen steten und realistischen Schlagabtauch der beiden Seiten. Der innere Kampf in Bezug auf die Krankheit wurde demnach auch nicht abgedroschen dargstellt.

"´Was bedeutet die Diagnose Bulimie [Stevie]?´ [...] ´Dass ich fett bin. Dass ich faul bin. Dass ich keine Selbstbeherrschung habe. Ekelhaft. Schwach.´ [...] ´Was hat die Diagnose Anorexie für dich bedeutet?´ [...] ´Es bedeutet ... Stärke. Kraft. Es bedeutet, dass ich besser war. Besser.´" S. 84

Die Lebensgeschichte der Protagonistin wird oftmals sehr gefühlvoll geschildert und zum Schluss spürt man eine wirkliche Trauer, wenn man sich eingesteht, dass es wirklich junge Mädchen gibt, die dieses Schicksal tragen und sich oftmals auch selbst so unter Druck stellen. An vielen Stellen merkt man eindeutig, dass die Autorin Erfahrungen mit diesem Thema gemacht hat. Es wird beschrieben, welche Auswirkungen solche eine Krankheit auf die Familie nehmen kann und auch umgekehrt. So wird nicht nur allein die Essstörrung in den Vordergrund gerückt, sondern auch die Thematik der Sehnsucht nach Liebe, dem Verständnis und der Hilfe der Familie und dem Wunsch gewisse Dinge ungeschehen machen zu können. Dem Schicksal von Stevie wird mit Hilfe der Therapeutin Anna schonend auf den Grund gegangen. Dies fand ich zum Teil sehr gelungen, da die beiden eine besondere Beziehung zueinander aufbauen. Ich hätte mir jedoch auch vorstellen können, dass man ein kleines Extrakapitel zu den Hintergründen der Therapeutin hinzufügt, in der auch ihre Sicht kurz geschildert wird, wie sie zu den jungen Mädchen steht. Dennoch denke ich ist dieses Jugendbuch eine gute Gelegenheit die Problematik der Essstörrungen aufzuzeigen und das in einem vielleicht etwas schonenderen Umgang.
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Gefühlvoll und charmant erzählt. Mit der Protagonistin muss man erst etwas warm werden, bevor man sich dann auch auf die Entwicklung der Geschichte einlassen kann. Grundsätzlich authentische Ansichten, wenn auch vielleicht auf den Zeitraum der Therapie etwas optimistisch betrachtet. Viele Passagen die zum Nachdenken anregen und gleichzeitig durch gewisse Charaktere eine humorvolle Komponente bekommen.



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