Die amerikanische Nacht von Marisha Pessl

August 05, 2015



























Titel: "Die amerikanische Nacht" | Original: "Night Film" | Autor/in: Marisha Pessl | S. Fischer [klick] | Seitenanzahl: 800 | Hardcover | Einzelband |  ★★★  5 von 5 Sternen


INHALT | DARUM GEHTS

Original-Klappentext: "Ashley ist tot – gerade mal vierundzwanzig - eine Leiche in einer verlassenen Lagerhalle Manhattans. Ein Unfall? Oder Selbstmord? Und was hat Cordova – der übermächtige Vater und besessene Filmemacher mit ihrem Tod zu tun? Der Schlüssel zum Geheimnis liegt in seinen magischen Filmen, die nach und nach zu einer Wirklichkeit werden, aus der es kein Entkommen gibt.
Ein Meisterwerk – souverän, tödlich, perfekt."

MEINE MEINUNG | FAZIT

"[D]er Versuch, das Internet von Cordova zu befreien, war, als wolle man den Amazonas von Insekten befreien." S.44

Fakt oder Fiktion. Wahrheit oder Illusion."Die amerikanische Nacht" oder im Orginal "Nightfilm" gennant, spielt fabelhaft mit den eigenen Einschätzungen zu den Geschehnissen. Ich muss wirklich sagen, dass ich absolut kein "Horror"- Fan bin. Das bezieht sich auf Filme, Bücher, wie auch auf unheimliche Orte. Aber dieses Buch erzählt nicht nur eine scheinbare "Horrorgeschichte", sondern sie spielt mit der Angst des Lesers. Mit der Angst, genau das herauszufinden, wovor man selbst die größte Furcht hat. Es ist wirklich unfassbar, wie sehr mich das Buch für sich eingenommen hat, obwohl es mit ganzen achthundert Seiten vollgeschrieben ist. Wobei es natürlich auch einige Seiten gibt, die wie Zeitungsartikel, Internetseiten, Polaroidfotos oder Ähnliches gestaltet sind, was das Lesen etwas abwechslungsreicher gestaltet. Nichtsdestotrotz habe ich mich das gesamte Buch über gefragt, ob es diesen Horror-Regisseur "Stanislas Cordova" nicht doch tatsächlich gibt und alles, was in dem Buch geschrieben wird, tatsächlich eine Geschichte erzählt, die wahrhaftige Anhaltspunkte aufweist. Daher habe ich, obwohl ich mir eigentlich sicher war, trotzdem den Namen gegoogelt. Ja, genau! Leider weisen aber nur zahlreiche Internetseiten auf die interaktive Seiten des Buches hin. Sprich, die "heimlichen" Zusatzinformationen, die man erlangen kann, wenn man den QR-Code, der vorne im Buch angegeben ist einscannt. Es erscheinen tatsächlich Links zu Videos, die das Buch so real wirken lassen, dass man wirklich fest daran glaubt, dass die Geschichte nicht nur eine Geschichte ist!

"Was immer die Wahrheit über Cordova und sein abgeschiedenes Leben in The Peak sein mag, er hat uns in fünfzehn schreckenerregenden Filmen gelehrt, dass unsere Augen und unser Verstand uns fortwährend täuschen - dass das, was wir für gewiss halten, nie gewisst ist." S. 214

Die Geschichte um Ashley Cordova und die gesamte Familiengeschichte liest sich wirklich wie ein Film. Ein unglaublich packender Film! Zugegeben, es gibt Stellen, die etwas ausschweifen und zunächst unvollendet scheinen. Aber liest man das Buch zu ende, scheint es, als sollte alles genau so geschrieben worden sein. Wie ein Filmset, an welches man die Requisiten an die passenden Stellen stellt, um alles authentisch wirken zu lassen. Genau das, machte auch die Glaubwürdigkeit des Buches aus. Der Hauptcharakter und zugleich der Erzähler ist die einzige Quelle, die der Leser als Informant wahrnehmen kann. Weiß er nicht mehr genau, was Wahreit oder "Kulisse" ist, so weiß es der Leser auch nicht. Es gibt Szenen, die wie Filmanweisungen aufgebaut sind. An diesen Stellen, ist es mir manchmal wirklich eiskalt den Rücken entlang gelaufen, weil man sich genau vorstellen konnte, wie die Filmsequenz eines Cordova-Films, welche beschrieben wurde, ausgesehen hat. Es gibt Kapitel, die diese enorme Stimmung ab und zu auflockern, um den Leser nicht vollkommen in einer gruseligen Stimmung verweilen zu lassen. Dennoch ist das Ziel, den Leser mit der Angst zu konfrontieren und ihn daran zweifeln zu lassen, welcher Wahrheit man Glauben schenken kann, aufjedenfall erfüllt worden.
Die Charaktere fand ich persönlich sehr gut ausgearbeitet. Natürlich verspürt man zu einer Person, die man über achthundertseiten kennt eine "engere" Verbindung, als zu einer Person, die in einer Kurzgeschichte vorkommt, dennoch war Scott McGrath der Hauptanker, an den man sich als Leser gekrallt hat, um die Wahrheit um Ashley Cordova herauszufinden. [Wobei alle Indizien, zu jedem Zeitpunkt komplett umgeworfen werden konnten] Man hat mit ihm mitgefiebert und gehofft, dass er der Held sein wird. Allerdings scheint es für mich, als gäbe es diese Option des Helden nicht wirklich in diesem Buch. Es wird viel über die Überwindung der Angst disktutiert. Besonders die Enden der Cordova-Filme werden stark unter die Lupe genommen. Und so, wie die Filmsequenzen beschrieben wurde, habe ich gehofft, dass das Buch auch in so einer "Undefinierbarkeit" enden wird. Und das geschieht in der Tat. Man könnte sich unendlich lange damit beschäftigen, welche Philosophien hinter der Geschichte stecken und wie man die Dinge deuten könnte.

Ich denke, genau das macht dieses Buch auch aus. Dass es keine eindeutige Erklärbarkeit für Alles gibt. Dass der Leser für sich selbs so vieles entscheiden muss, was wichtig ist, was Illusion ist, wie man Cordova einzuschätzen hat und wie man mit der Angst umzugehen hat, wenn alles, was in dieser Geschichte erzählt wurde, wahr ist.
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Die Geschichte ist die achthundertseiten definitiv wert! Absoluter Lesetipp, auch wenn man sich ab und an gruselt. Es ist eine so in sich geschlossene Geschichte, dass man denkt, sie ist wirklich echt. Mitreißend, beängstigend und ansteckend. Es ist, als sähe man sich die Geschichte als Film an! Voller Verwicklungen und der Frage: Wer ist nur ein Statist und wer spielt die Hauptrolle?



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