Irre glücklich von Jenny Lawson

November 15, 2016




(Original: "Furiously Happy: A Funny Book About Horrible Things" / 2015) Kailash,  Übersetzer/in: Elizabeth Liebl, 320 Seiten, Broschur,  Einzelband, ★★★ 4 Sterne
"Auf ihre unnachahmlich liebenswürdige und verrückte Art beschreibt Jenny Lawson ihren Kampf mit Depressionen und Angststörungen. Indem sie »Ja« zu absurden Möglichkeiten sagt und so alltägliche Momente wundervoll macht, findet sie ihre ganz persönliche Waffe gegen die Krankheit. Ja zu der Liebe zu einem ausgestopften Waschbären, ja zu einer Australienreise, obwohl es sie oft überfordert, auch nur das Haus zu verlassen, ja zu Voodoo-Vaginas, Ponys im Flugzeug und mitternächtlichen Katzenrodeos. In den dunklen Stunden zehrt sie von diesen Erinnerungen – eine Einstellung, die ihr Leben gerettet hat. Mit unendlich viel Humor, Mut und Ehrlichkeit will die Autorin zeigen, dass wir nicht allein sind, und uns die Stärke geben, trotz Depressionen das Leben auszukosten."


MEINE MEINUNG | FAZIT 

"Dies ist ein lustiges Buch über das Leben mit einer psychischen Störung. Das hört sich jetzt schräg an, aber ich bin nun mal psychisch gestört, und die meisten besonders witzigen Leute, die ich kenne, sind es auch.S.14

Der Titel ist irgendwie Programm. "Irre" sind viele Geschichten, die Jenny Lawson ihren Lesern präsentiert, aber sie sind dadurch eben auch ein Unikat, welches zum Lesen anregt. Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass mich der Anfang recht aus der Bahn geworfen hat. Mit solch einem direkten und verwirrenden Anfang habe ich nicht gerechnet, das kann aber genauso gut daran liegen, dass ich weder den Blog noch das erste Buch der Autorin kenne. So betritt man eine Welt, die einem eher fremd ist. Ausgestopfte Waschbären, doppeldeutige Fußnoten und der Klang des Chaotischen bildet das Gerüst von Jenny Lawsons "Ratgeber", welcher sich mit der Diagnose "Depression" und "Angststörungen" auseinandersetzt. Dabei muss man aber anmerken, dass es kein Ratgeber, im ursprünglichen Sinne ist. Denn das Buch kommt wild, spontan und etwas "verrückt" um die Ecke (Einige Aussagen bezüglich ausgestopfter Tiere oder verspeister Kängurus fand ich persönlich unnötig, aber das liegt vielleicht am "Vegetarier sein"). Es kommt mit vielen persönlichen Erlebnissen daher, welche der Autorin Selbstzweifel, aber auch Mut bereitet haben. Es werden sogar einige kuriose Gespräche mit ihrer Psychotherapeutin festgehalten, die man mit einem deutlichen Augenzwinkern betrachten sollte, was aber nicht heißt, dass diese "aufgedrückt witzigen" Aussagen nicht auch etwas sehr Verletzliches aufzeigen, nämlich die Angst vor dem Scheitern und dem Augenblick, wenn vielleicht eine Stille eintritt, in der man sich gewisse Dinge eingestehen muss, die man lieber mit Witzen übertönt. Dieser Punkt ist mir nach und nach immer mehr ins Auge gestochen. Lawson wird häufig für ihren Umgang mit der Diagnose gelobt, dass sie es mit so viel Humor nimmt. Dies finde ich durchaus nachvollziehbar und sehe darin auch eine gewisse Stärke, allerdings finde ich, kommt es in dem Buch an einigen Stellen so rüber, als wären einige lustigen Passagen etwas aufgesetzt. Es treten zwischenzeitlich auch ernstere und nachdenkliche Stellen auf, die eine ganz andere Seite zeigen und die meiner Meinung nach auch etwas authentischer ist. Nichtsdestotrotz hat der Humor dadurch natürlich einen positiven "Ansteckfaktor", der das Thema nicht zusätzlich "deprimierend" wirken lässt und auf ganz eigene Art und Weise Kraft spendet.

"Ich kann Ihnen sagen, dass der Satz ´Ach, jetzt sei doch endlich mal ein bisschen fröhlich!´ im Falle einer Depression zu den am wenigsten hilfreichen gehört. Gleich gefolgt von: ´Ach, jetzt reiß dich doch mal zusammen!´S.143

Die insgesamt gut fünfunddreißig kurzen Kapitel bieten einen ganz schönen Einblick in die eigentliche Gefühlslage der Autorin, wenn auch manchmal nur subtil durch die Ausdrucksweise. Man merkt aber wo ihre Ängste noch genug Platz haben um sich zu entfalten und in welchen Bereichen sie versucht ihre eigenen Fortschritte anzuerkennen. Da das Thema ein doch recht sensibles ist und es, wie die Autorin auch sagt, bei jedem Betroffenen mit Depressionen zu anderen Ansichten, Verhaltensweisen und Gefühlszuständen kommen kann, muss man bedenken, dass alle ihre Aussagen nur auf sie bezogen sind. Sie versucht aber mit ihrer eigenen Geschichte aufzuzeigen, dass man sich nicht zurückziehen soll, wenn man spürt, dass man Hilfe braucht und gleichzeitig den nötigen Ruheraum schaffen soll, wenn einem alles über den Kopf wächst. Mit herrlich humorvollen Ausflügen in ihre Erlebnisse würzt sie so ihre Lebensphasen. Mir persönlich hat vor allem das Kapitel rund um die Flughafenverbote gefallen. Es nimmt zwar nur am Rande Bezug zu ihren Flugängsten auf, zeichnet sich aber tatsächlich durch sehr unterhaltsames Erzählen aus. Daher schätze ich an dem Buch sehr, dass es eben so "anders" ist, als das was man von solchen "Ratgebern" wohl erwartet. Es zeigt die Schwachstellen, die Ängste und die Sorgen der Krankheiten auf, ja! Aber  es bringt einen auf schmunzelnde Weise zum nachdenken und nicht auf die üblich traurige Weise. Hinzu kommen einige außergewöhnliche Fotos ihrer Australienreise, wie auch süße Schnappschüsse eines "Fortune Teller"-Automaten, die einfach nur charmant sind. Ich war vor allem immer ganz angetan von der Beziehung zu ihrem Mann, der ihre "Verrücktheit" akzeptiert, sie aber auch immer auf den Boden zurückbringt, wenn es ihm Zuviel wird.

"´Mir kommt das aber ein bisschen komisch vor...Pinguine in Australien, die niemand zu Gesicht kriegt? Wahrscheinlich lügen die Wissenschaftler und wollen nur ihre eigene private Insel haben. So sind die Twilight-Cullens auch zu der ihren gekommen.´S.191


Eine "irre", persönliche Darstellung eines Lebens mit Depressionen und Angstzuständen der Autorin Jenny Lawson, welche durch einige nachdenkliche, aber überwiegend humorvolle Kapitel gekennzeichnet ist. Ab und zu waren mir die Witze etwas zu "überspitzt", aber im Großen und Ganzen ist es eine schöne, unterhaltsame und erfrischend subjektive Art und Weise über eine immer noch tabuisierte Krankheit zu sprechen. Man wird erst nach und nach mit der Persönlichkeit der Autorin vertraut, sodass man ganz am Anfang noch etwas verunsichert ist, wie man das Gesagte auffassen soll. Zum Ende hin ist es aber eine etwas skurrile aber unterhaltsame Lektüre, die vielleicht auf ihre ganz eigene Art für mehr Akzeptanz und Verständnis für Menschen mit Depressionen und Angstzuständen sorgt.




 Vielen Dank an den Kailash Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Read More

Zwischen hier und hier von Amy Bloom

November 12, 2016







(Original: "-" Aus verschied. Erzählbänden entnommen / 1993-2010) Atlantik Verlag, Übersetzer/in: Adelheid Dormagen und Kathrin Razum, 336 Seiten, gebunden,  Einzelband, ★★★(☆) 3 bis 4 Sterne
"Eine Frau heiratet viel zu jung einen viel zu alten Mann und ist in ihrer grundlosen Eifersucht weniger lebendig als der Sterbende an ihrer Seite. Zwei Schwestern erfahren im Erwachsenenalter, dass ihre Mutter früher zwei Männer liebte. Eine Alleinerziehende muss akzeptieren, dass ihre einzige Tochter ein Junge im Körper eines Mädchens ist - ungewöhnliche Geschichten, die von Schuld, Schicksalsschlägen, Liebe und Leidenschaft erzählen und so erschütternd wie tröstlich sind. "


MEINE MEINUNG | FAZIT 

"Ich habe nicht gewusst, dass es mir so gehen würde, dass das die Folge ist, wenn man jemanden so sehr liebt. Ich hatte keine Vorstellung. Niemand sagt einem: Es gibt kein Happy End. Niemand sagt einem: Wenn du in die Zukunft schauen könntest, würdest du das Ganze vielleicht lieber jetzt abbrechen.S.100

Amy Blooms Erzählungen skizzieren die unterschiedlichsten Lebenssituationen der Menschen, halten aber immer eine ganz spezielle Pointe bereit. Man beginnt die Geschichten zu lesen, denkt man wisse worum es geht, dass eine recht wahrscheinliche Abfolge der Dinge folgen wird und dass eben das pure Leben dargestellt wird. Und dann kommt sie mit dem Ende um die Ecke, welches einen doch irgendwie aus der Bahn wirft und die Geschichte dadurch eine viel tiefere Bedeutung bekommt. Sicherlich spielt hier aber eben auch der konkrete Bezug zum Leser eine Rolle. Denn auch mich haben nicht alle Geschichten ganz überzeugen können, aber die, die es konnten, habe ich wirklich genossen. Besonders die drei in Bezug zueinander stehenden Erzählungen "Hyazinthen", "Dein Anblick" und "Silbriges Wasser" haben es mir angetan. Mit einer nahezu verblüffenden Selbstverständlichkeit werden hier Geschehnisse innerhalb einer Familie geschildert, welche auf eine ganz eigene Dramatik hinsteuern. Alle drei Erzählungen widmen sich einer Familie, aber aus unterschiedlichen Blickwinkeln, was das Ganze etwas abwechslungsreicher macht und gleichzeitig die Fortschritte der Familie aufzeigt. Aber auch andere Erzählungen konnten mich überzeugen und veranschaulichen, wie unterschiedlich ein Leben sein kann und welche Hindernisse jemand zu überwinden hat, die einem anderen gar ganz fremd sein können. Und ja ein Hauptmerkmal bildet das Thema "Liebe". Eben in der Form der Liebenden als Paar, aber auch in Form von Freundschaft, Familie und dem Zusammenhalt einer Gemeinschaft als Trostquelle.

"´Hängematte oder Chaiselounge, fragte Randeane. Ray sagte, er sei eher der Sesseltyp, Hängematten seien unberechenbar. ´Das Leben ist eine Hängematte´, sagte Randeane. ´Genau das meine ich. Ich nehme den Sessel.´S.133

Der Erzählstil Amy Blooms hat mich zunächst gar nicht wirklich "vom Hocker gehauen". Er wirkt recht simpel, schließt alle wichtigen Informationen mit ein und kommt ganz subtil daher. Aber liest man die Erzählungen zu Ende entwickelt sich ein Sog, der eben doch ganz charakteristisch zu sein scheint. Blooms Art, Geschichten zu erzählen ist nicht ausgeschmückt, sondern trifft den Nagel auf den Kopf und das eben als "Grand Finale" der schlichten Art. Was mich dabei so begeistern konnte war vor allem, dass die Erzählungen hinsichtlich der Themen und der Einfühlung in verschiedenen Figuren, eine Vielfalt aufzeigen. So wirkt auch die Geschichte einer Mutter, die ein Kind hat, welches sich im falschen Körper geboren fühlt, nicht platt und stereotypisch, sondern ganz einfühlsam und bodenständig. Es sind Geschichten die Ausdrücken: "Das Leben ist nun mal so und nicht anders". Wie der Leser diese dann interpretiert und in wie weit ihn die Auflösung der Geschichten ansprechen, ist ihm dann aber selbst überlassen. Und bei mir war es dann eben so, dass mir einige Erzählungen besonders gut gefallen haben, einige waren gut und andere konnten mich nicht wirklich mitreißen. Die Verletzlichkeit der Figuren prägt sich dem Leser am Ende aber wohl am meisten ein. So ist dies ein Buch, welches im Großen und Ganzen schöne Erzählungen der Autorin bereithält und sich nicht aufdrängt, sondern sich nach und nach, ganz angenehm zu entfalten scheint.

"Ich habe mir immer vorgestellt, einmal eine Witwe á la Audrey Hepburn zu sein, langhalsig und blass in einem engen schwarzen Leinenkleid. Stattdessen ertrinke ich fast in einem Fluss aus Zucker und hülle mich in alte Trainingshosen und Flanellhemden von Max.S.319
_____________________________________________________________________________________

Enthält Erzählungen die eine Mischung aus Melancholie und Dramatik bereithalten. Sind in ihrer Grundstruktur recht subtil gehalten und erzählen von den alltäglichen Hindernissen im Leben verschiedenster Menschen, überzeugen aber oftmals besonders durch einprägsame Abschlüsse der Erzählungen. Die Geschichten sind vielfältig und beziehen sich auf alle möglichen Verbindungen zwischen Figuren. So gibt es Themen, die sich auf die Liebe fokussieren, aber auch auf die Freundschaft, Familie und die Sehnsucht nach dem richtigen Weg im Leben. Rund um eine gelungene Zusammenstellung verschiedener Geschichten, auch wenn mich einige davon etwas weniger begeistern konnten, als andere.





Vielen Dank an den Atlantik Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Read More

Lesen von Steve McCurry und Paul Theroux

November 10, 2016








(Original: "On Reading " / 2016) Prestel Verlag , Übersetzer/in: -, 144 Seiten mit 60 farbigen Abbildungen, gebunden,  Einzelband, ★★★★(4 bis 5 Sterne
Das Copyright der im Buch enthaltenen Bilder liegt bei Steve McCurry und dem Prestel Verlag
"Ein kurzer Moment der Ruhe inmitten des Chaos: Versunkenheit, Konzentration. Wenn Menschen lesen, verschwindet die Realität für kurze Zeit. In solchen magischen Augenblicken drückt Steve McCurry auf den Auslöser. Der weitgereiste Magnum-Fotograf hat die unterschiedlichsten Leser fotografiert: Kinder und Alte, Frauen und Männer, mit der Zeitung, dem Schulbuch oder einem Roman. Mit einer Einführung des berühmten Gegenwartsautors Paul Theroux.

MEINE MEINUNG | FAZIT 

"Aufgewachsen in einer Zeit verbotener Bücher, einer Zeit, in der manch ein Schriftsteller als Geächteter galt, übte diese offenkundige Verruchtheit auf mich eine große Faszination aus.“ S.8

Heutzutage und vor allem in unserer Gesellschaft ist das Lesen selbstverständlich geworden. Man sieht Menschen im Alltag überall mit etwas Lesbarem, sei es in der Bahn, im Bus, im Café oder eben im Internet. Besonders das Internet scheint den Eindruck des Lesens sehr zu prägen. „Bookstagram“ zeigt sich da zum Beispiel von einer ganz eigenen Seite. Meist fehlt aber dieser Moment des Lesens selbst auf den Bildern, der zeigt, wie sehr wir in der Welt der Bücher gefangen sind. Und genau da greift das Buch „Lesen“ von Steve McCurry, welches mit einem tollen Vorwort des Autors Paul Theroux („Hotel Honolulu“) ergänzt wurde, gekonnt ein. Er zeigt eben diese intimen Momente des Lesers, in denen er gebannt ist, in denen er fasziniert ist oder sich einfach gut unterhalten fühlt. Dabei spielt es auch kaum eine Rolle was man liest, es können Zeitungen, Bücher, Religionsbücher oder etwas anderes Niedergeschriebenes sein. Es ist faszinierend zu sehen, wie Menschen auf der ganzen Welt durch das Lesen eine Verbundenheit aufbauen, obwohl sie auf den ersten Blick sonst nichts gemeinsam zu haben scheinen. Was mir zudem noch umso besser an diesem Bildband gefällt, ist der Fokus auf die „exotischen“ Länder. Leser, die wir durch die andere Umgebung ganz neu kennenlernen und uns dennoch identifizieren können. Das stille Lesen am Küchentisch, die kurze Lesepause im Park während der Vorlesungen , das Eintauchen in ein Buch mit einem Freund. All dies bekommt durch Steve McCurrys einen ganz eigenen und einen ganz neuen Glanz, der einen tatsächlich verzaubert. Und obwohl es immer ums Thema und scheinbar um das selbe Motiv des „Lesers“, wie auch des „Lesens“ geht ist kein Bild wie das andere, es ist so vielseitig, wie die Menschen, die man dort sieht.

"Daran hat sich bis heute an den High Schools und am College nichts geändert - bekannte Namen werden den anderen vorgezogen, und der Grund dafür ist sicherlich, dass - leider - die Zeit begrenzt ist. Das ist eine wahre Schande, denn Lesen ist nichts, was man in Schubladen einsortieren kann, Lesen ist eine Kompetenz, ein Vergnügen, das auf Anregungen angewiesen ist, um sich zu einer lebenslangen Leidenschaft entwickeln zu können.S.12

Das Schöne am Lesen ist, dass man tatsächlich nichts weiter braucht, als sich selbst und die Lektüre. Keine weiteren Gadgets, keine teuren Accessoires oder eine bestimmte Kleidung; und dennoch fällt der Blick des Betrachters auch auf die Details um die Leser herum. Wie ist ihre Umgebung, wie könnte ihr Leben aussehen? Man beginnt, sich empathisch in sie hineinzuversetzen, so als würde man eine Geschichte lesen und Stück für Stück eine neue Welt erkunden. Verschiedene Kulturen, verschiedene "Schichten" werden hier nähergebracht und zeigen auf, dass dieser weltverbreitete Drang nach dem Lesen alle Menschen trifft. Es ist wirklich faszinierend wie viel man auf den Bildern entdecken kann. Obwohl es „nur“ sechzig Fotografien sind (auf einer Seite ist jeweils das Bild, auf der anderen der Ort der Aufnahme), kann man nicht bestreiten, dass man Stunden mit dem Betrachten der Bilder verbringen könnte, insbesondere wenn man sich für diese gezielte Darstellung des Lesens interessiert. Was zudem noch ein wirklich großer Pluspunkt des Buches ist, ist sicherlich das zauberhafte Vorwort von Paul Theroux. Seine Liebe zur Literatur bildet ebenfalls den Rahmen für diese einzigartigen Fotos und entfacht in einem selbst, ebenfalls eine erneute Leidenschaft dafür, besondere Bücher und auch Schriftsteller wertzuschätzen. Gleichzeitig findet man darin viele interessante „Literaturtipps“, da Theroux es dem Leser nicht vorenthält, seine Lieblinge unter den literarischen Meisterwerken preiszugeben.

"Meine Auffassung von Hölle ist eine Existenz ohne etwas Lesbares, aber meine Hoffnung läge darin, das zu ändern, indem ich etwas schreibe.“ S.8
_____________________________________________________________________________________

Unfassbar vielseitiger Bildband, der sich mit dem Lesen und dem Leser an sich auseinandersetzt. Zeigt die verschiedensten Umgebungen, Menschen und Einflüsse, wie auch die verschiedenen Positionen in denen man überhaupt lesen kann, auf. Es ist bunt und hält viel mehr für den Betrachter bereit, als auf den ersten Blick ersichtlich. Ergänzt durch das interessante Vorwort von Paul Theroux ist das Buch ein wahres Schätzchen für alle, die sich für das Lesen an sich interessieren und die auch eine Faszination für die kulturellen Unterschiede aufweisen kann (auch wenn alle Motive lesende Menschen sind).


























Vielen Dank an den Prestel Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Read More

Die Unerwünschten von Dimitri Verhulst

November 08, 2016







(Original: "Kaddisj voor een kut" / 2014) Luchterhand, Übersetzer/in: Rainer Kersten, 144 Seiten, gebunden,  Einzelband, ★★★ 5 Sterne
"Bisher hat Dimitri Verhulst – zum Brüllen komisch, zum Heulen schlimm – seine Kindheit geschildert, aber nie seine Erfahrungen in einem Kinderheim. Nun wagt er den Blick in den Abgrund: In dem Heim »Sonnenkind« landen Kinder aus den unterschiedlichsten Gründen, doch eines haben sie gemeinsam: Sie sind unerwünscht. Und was ihnen dort fehlt, das fehlt ihnen oft ihr Leben lang: Wärme, Familie, Liebe. Angenommensein. Deshalb stürzt sich die siebzehnjährige Gianna im Heim aus dem obersten Stock in die Tiefe, deshalb werden Stefaan und Sarah zu Mördern ihrer eigenen Kinder ... Auch dieses Werk Verhulsts zeichnet sich durch barocke Sprachgewalt und pechschwarzen Humor aus, aber es spiegelt ebenso wider, wie ausgeliefert und hoffnungslos er selbst sich als Junge gefühlt hat."
Leseprobe»


MEINE MEINUNG | FAZIT 

"Wer zu spät kommt, hat wenigstens noch das Vergnügen, sich eine originelle Geschichte zur Entschuldigung zusammenzufabulieren zu dürfen; für Zufrühkommen gibt es schlichtweg keine Ausreden, außer absolut lächerliche.S.9

Dimitri Verhulst hält in seinen Erzählungen etwas so Bitterböses und Verletzliches bereit, dass ich mich davon schwer losreißen kann. Es gibt diese "neutrale Schrecklichkeit", die einen irgendwie nicht loslässt. Vor allem, wenn man dies hinsichtlich seiner beiden kurzen Erzählungen in diesem Buch betrachtet. Hier geht es um autobiografische Erlebnisse, die zu Beginn auch als "Zwei Geschichten nach wahren Begebenheiten" gekennzeichnet sind. Dadurch liest man die Geschehnisse mit einer viel stärkeren Sensibilisierung für die Schicksale der Menschen. Dabei muss ich zugeben, dass mich der erste Titel "Requiem für eine Fotze" zunächst etwas irritiert und abgeschreckt hat. Allerdings wird in der Erzählung selbst darauf Bezug genommen, was den Titel wiederum als perfekte Aussage der Einstellung der Menschen wiedergibt, die sich erlauben ein Urteil über "Heimkinder" zu bilden. So lebt das Buch natürlich von ständigen Vorurteilen, denen die Kinder begegnen, aber eben auch von den niederschmetternden Ablehnungen, die sie erfahren müssen. Und obwohl es einem (auch beim Lesen beider Geschichten) das Herz ein wenig zerreißt, schafft es Dimitri Verhulst, eine Balance zu wahren, die das Buch nicht zu einem "Gemecker" über die Ungerechtigkeiten im Leben werden lässt (Kritik gibt es natürlich dennoch genug). Es ist eine Darstellung seiner Erfahrungen, die einen mit voller Wucht trifft und alle möglichen Gefühle in der Brust aufkommen lässt. Man muss tatsächlich zwischendurch schmunzeln, weil er einfach eine gewisse Gabe besitzt, selbst die schrecklichen Dinge in bitterböse Komik zu verwandeln. Man sitzt aber auch bei vielen Passagen einfach nur da und denkt sich, dass es unvorstellbar ist, dass Kinder ein solches Leid erfahren müssen. Ja, das Verhalten der Gesellschaft kommt hier nicht ganz so gut weg, aber man kann es ihm nicht verübeln.

"Gianna sagte: ´Das Problem ist nicht, dass es zu viele Menschen auf der Welt gibt. Das Problem sind die vielen Unerwünschten!´ Und du wusstest: Um diesen Satz je zu vergessen, müsstest du Alzheimer bekommen.S.39

Das Interessante an den Erzählungen ist aber nicht nur der Inhalt, sondern auch die Erzählform. Die erste Geschichte wird quasi bei einer Beerdigung rekapituliert und führt einen sozusagen im Rückwärtsgang durch das Leben des Protagonisten, welcher in einem Heim groß geworden ist (in wie weit jetzt alle Details in autobiografischer Hinsicht zu Verhulst stehen, weiß ich leider nicht). Die zweite Erzählung ist etwas kurioser aufgebaut. Hier gibt es zwei Protagonisten, die sich mit direkter Rede zu Wort melden und es gibt Passagen, die ihre Situation näher erläutern, also eine Erzählerinstanz. Hier wird ganz geschickt mit dem Wahrheitsgehalt der Aussagen und der Zurechnungsfähigkeit der Protagonisten gespielt. Beide Erzählungen enden aber mit wahrlich rührenden Aussagen. Es ist wohl ein Buch, welches etwas spezieller ist, was den "Humor", die Ausdrucksweise und den Inhalt angeht, aber ich finde es ist ein Buch, welches eben leider die bittere Realität aufzeigt und schon dadurch allein lesenswert ist (Gerne lege ich jedem auch mal die Leseprobe ans Herz, wer sich unsicher ist). Verhulst hat einen ganz eigenen Stil die zu verarbeitenden Dinge wiederzugeben und zwar in einer Art und Weise, die einen mit wenigen, aber gezielten Worten berührt.

"Ich wusste  nicht viel, aber eins wusste ich: Meine Kinder würden sie nicht in ein Heim stecken. Nur über meine Leiche. Also, was sollten wir tun? Wir haben unsere Kinder kaputtgemacht. Zu ihrem eigenen Besten.S.142


Kurze, aber sehr intensive Lektüre mit autobiographischen Inhalten, welche die Kinderheim-Erfahrungen des Autors darlegt. Spielt gekonnt mit bitterbösen Sticheleien gegen die Gesellschaft und porträtiert realistisch die Schwachstellen des "Kinderheim-Systems". Enthält eine Erzählung, die eine reflektiere Sicht des Protagonisten darlegt und eine Erzählung, in denen zwei andere Figuren sich mit der Frage auseinandersetzen, ob das Heim für ihre Kinder eine Option wäre. Interessante Schreibstile und einfach eine sehr lesenswerte Lektüre. Mit aufwühlenden Gefühlen kann man sicherlich rechnen, wie auch mit dem Nachklang, dass sich etwas ändern müsste.




























Vielen Dank an den Luchterhand Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

Read More

Geniale Störung von Steve Silberman

November 06, 2016






(Original: "NeuroTribes. The Legacy of Autism and the Future of Neurodiversit" / 2015) DuMont, Übersetzer/in: Harald Stadler und Barbara Schaden, 608 Seiten, gebunden,  Einzelband, ★★★() 4 bis 5 Sterne
"Was ist Autismus? Eine verheerende Entwicklungsstörung, eine lebenslange Behinderung? Oder aber eine ganz normale kognitive Eigenheit, verwandt mit Formen des Genies? In Wahrheit ist Autismus das alles und noch mehr.
In einer einzigartigen Mischung aus Historie, Reportage und wissenschaftlicher Studie kommt Steve Silberman in seinem bahnbrechenden Buch dieser bis heute mysteriösen neuronalen Besonderheit auf die Spur. Er hat jahrelang die geheime Geschichte des Autismus recherchiert. Zudem findet er überraschende Antworten auf die Frage, warum die Zahl der Diagnosen in den letzten Jahren gestiegen ist. Dabei nimmt Silberman den Leser mit auf eine Kreuzfahrt nach Alaska – an Bord die führenden Programmierer des Silicon Valley. Oder auch ins London des 18. Jahrhunderts, wo der exzentrische Henry Cavendish das ohmsche Gesetz entdeckte – aber niemandem davon erzählte. Und wir hören die Geschichte von Hans Asperger, der seine kleinen Patienten vor den Nazis zu beschützen versuchte. Am Ende aber zeigt uns Steve Silberman in seinem wunderbar erzählten, empathischen Buch, dass wir Autisten und ihre Art zu denken brauchen."


MEINE MEINUNG | FAZIT 

"[E]r bezeichnete ihr Zustandsbild als ´Autismus´ - nach dem griechischen Wort autós, ´selbst´-, weil sie in ihrer Abgeschiedenheit am zufriedensten zu sein schienen.S.16

Menschen sind für mich wirklich unbegreiflich. Und dabei zähle ich die Menschen, die von dem Syndrom des "Autismus" betroffen sind, gar nicht wirklich dazu, denn sie geben wenigstens nicht vor etwas zu sein, was sie nicht sind. Im Gegensatz zu den "normalen" Menschen, die sich so in den Vordergrund stellen und diese "Krankheit" unbedingt benennen möchten und am Ende irgendwie dadurch alles schlimmer machen, zumindest für die Betroffenen. Das Buch zeigt nicht nur eine geheime Geschichte des Autismus auf, die Mut spendet, sondern eben auch die Schattenseite des Ganzen. Es hat unfassbar lange gedauert, bis eine anständige Anerkennung des Verhaltens der betroffenen Kinder (und auch Erwachsenen) überhaupt möglich geworden ist. Zudem kann man durchaus sagen, dass immer noch reichlich Fragen offen sind, die sich vielleicht ebenso erst in vielen Jahren ganz beantworten lassen. Aber Steve Silberman hat mit seinem Buch "Geniale Störung" eine wirklich gute Leistung erbracht, den Lesern, Außenstehenden, wie vielleicht auch betroffenen Familien zu veranschaulichen welche Dinge man dringend besser machen muss und wie wichtig es ist, die Menschen mit Autismus als ebenbürtige Menschen anzusehen. Ich persönlich habe mir beim Lesen ständig gedacht, dass es ein wahrer Irrsinn gewesen ist, dass man die Kinder so aufgegeben hat und versucht hat sie mit allen möglichen Strafen "geradezubiegen". Das Buch wühlt definitiv auf und sorgt gleichzeitig dafür, dass man noch mehr Interesse an dem Thema zeigt. Obwohl man zunächst annimmt, dass das Buch etwas "abdriftet" in dem es kleine Exkursionen in die wissenschaftlichen Bereiche unternimmt, zeigt es paradoxerweise dadurch sehr gut auf, wie wertvoll die speziellen Begabungen der autistischen Menschen sein können. Es ist wirklich eine Aufforderung an den Leser, nicht alle Menschen direkt abzuschreiben, die sich (zumindest auf den ersten Blick) merkwürdig verhalten und von denen man meint, sie wären nur "verrückt".

"Als ein Lehrer ihn [Lee Felsenstein] bezichtigte, im Unterricht zu träumen, erwiederte er: ´Ich träume nicht, ich erfinde.´S.264

Insgesamt gibt es vierzehn verschiedene Kapitel, welche sich alle auf ein bestimmtes Entwicklungsstadium oder eine bestimmte Aussage zu dem Thema beziehen. So werden Persönlichkeiten aus dem 18. Jahrhundert erwähnt, die man sozusagen als "Vorreiter" der Betroffenen ansehen kann, es werden sehr persönliche Erfahrungen verschiedener Familien nahegebracht, die ihren Kampf, aber auch ihre Freude über kleine (wie auch große) Erfolge darlegen und es werden allgemein die Fortschritte in der Medizin, wie auch in der Behandlung des Syndroms erwähnt. Nicht alles ist leicht zu verkraften, denn tatsächlich war es damals einfach nicht leicht ein autistisches Kind zu haben (und durchaus gibt es heute auch noch gewisse Hürden). Das wunderbare an dem Buch ist aber eben auch, dass der Autor wunderbar aufzeigt, wie vielfältig autistische Menschen sind und in wie weit sich die Gesellschaft eine große Portion von ihnen abschauen sollte. Denn obwohl sie als "gesellschaftsscheu" gelten, verfolgen sie einfach ihre eigenen Interessen und Ziele und erfinden so die erstaunlichsten Dinge. Wir hingegen versuchen immer nur in die Gesellschaft zu passen und uns so gut zu fügen, dass man keine Unterschiede erkennt (auch wenn es natürlich auch Dinge gibt, die für eine funktionierende Gesellschaft nicht so förderlich sind, welche bei Autisten auftreten). Viele der beschriebenen Kinder mit diesem Syndrom (oder eben auch Erwachsene) schließt man sofort ins Herz und ist erstaunt darüber, wie sie ihre Welt wahrnehmen und sich in ihr verständigen. Ebenfalls interessant sind die Ansätze zur Klärung der "Ursache" des Autismus. So ist eine Möglichkeit darauf ausgelegt, dass sich ein gewisses "Genie-Gen falsch entwickelt hat" und durch merkwürdige Verhaltensweisen kompensiert werden muss. Ich bin ja der Meinung das ist ein wunderbarer Ansatz, denn für mich ist der "Autismus" keine Krankheit, sondern eine andere Form sich auszudrücken. Und wie man an vielen Beispielen von Steve Silberman erkennen kann, verdanken wir vielen der Betroffenen die wichtigsten Erfindungen der Welt.

"Psychotische Kinder waren, weil sie als unerziehbar galten, vom Schulsystem ausgeschlossen und besuchten stattdessen Werkstätten für geistig Schwerbehinderte, in denen sie Körbe flochten, um beschäftigt zu sein. Niemand wusste, was aus ihnen werden sollte, wenn sie erwachsen wären.“ S.361


Unfassbar vielseitiges Buch, welches die Problematiken aufzeigt, die hinsichtlich des Autismus in der Gesellschaft aufzufinden sind. Überzeugt durch viele verschiedene, aber sehr anschauliche Beispiele, wie Familien für ihre autistischen Kinder kämpfen mussten und was sich ungefähr in der Entwicklung der medizinischen Versorgung hinsichtlich des Syndroms getan hat. Greift zudem historische Details auf, wie die Namensgebung und vertieft das Außergewöhnliche der "Autisten", wie auch deren ganz eigene Art mit der Welt zu kommunizieren und sich in ihr zurechtzufinden. Informativ und auf jeden Fall sehr lesenswert.


Read More