"Bilder meiner besten Freundin" von Silvia Avallone

November 17, 2021

Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "Un´amicizia"/ 2020) Hoffmann und Campe (2021), Übersetzer/in: Michael von Killisch-Horn (aus dem Italienischen), ★★★★☆ 4 Sterne
"Elisa und Beatrice begegnen sich in einer Sommernacht am Strand. Sie werden beste Freundinnen, und doch könnten sie kaum unterschiedlicher sein: Eli lebt versunken in einer Welt von Büchern, während Bea es genießt, sich öffentlich zu inszenieren und täglich neue Bilder von sich ins Internet zu stellen. Sie wird zum Star, der davon träumt, über die sozialen Netzwerke mit Tausenden Bildern von Italien aus die Welt zu erobern. Bis sie eines Tages spurlos verschwindet und Eli vor der Frage steht, wer ihre Freundin, die jeder auf der Welt zu kennen glaubt, wirklich ist."

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"Wenn ich den Versuch wagte, mich ohne Ausflüchte zu fragen: Warum, Elisa, war die Begegnung mit Beatrice so entscheidend, dass sie dein ganzes Leben bestimmte?
       Ehrlicherweise müsste ich dann antworten: Weil ich vor ihr allein war." 
S.46
Diese Freundschaft war ein Abenteuer. Anfangs wusste ich nicht, worauf ich mich da einlasse, doch je tiefer man in die Geheimnisse und Erlebnisse von Bea und Elisa eintaucht, umso größer auch die Sogwirkung.  

Wir folgen den jungen Mädchen auf ihrem Weg erwachsen zu werden und entdecken, wie schwierig es sein kann, sich selbst zu finden, wenn man auf der Reise so viel verliert.
Da wir die Erinnerungen aus Elisas Sicht präsentiert bekommen, sind wir eventuell ein wenig voreingenommen und doch auch immer ein wenig auf ihrer Seite, wenn es um gewisse Szenen aus der Vergangenheit geht. Doch der Roman ermöglicht es auch, immer wieder und auch stetig einen Blick auf die andere Seite werfen zu lassen. So erahnen wir auch, was es bedeutet, über den eigenen Schatten zu springen, sich (nach vielen Jahren) selbst zu reflektieren und Fehler beider Seiten gegenüberzustellen. 

Dabei fand ich es jedoch eben auch schön, dass die Geschichte diese angesprochenen "Fehler" als relativ normalen Reifeprozess darstellt. Natürlich schüttelt man als Leser*in an vielen Stellen den Kopf, fragt sich, ob so eine Freundschaft aussehen soll und wie man sich nur wertvoll fühlen kann, wenn jemand anderes einen als Freund*in betrachtet. Aber gerade da lag so viel Wahrheit in den Geschehnissen, Ansichten, Gedanken und Interaktionen. 

Anfangs brauchte ich sicherlich ein wenig, um mich an die etwas kühle und distanzierte Erzählweise von Elisa zu gewöhnen, aber zum Ende liebte ich die beschriebenen Ortschaften rund um Italien (ebenso wie das "Flair"), die Erlebnisse des Erwachsenwerdens, die Literaturverweise, die Stufen der voranschreitenden Freundschaft zu Beatrice und die durchaus vielen klugen Gedanken, die hier einfließen.
"Die Frauen - und da nenne ich mich an erster Stelle - , die sich um einen Mann raufen und sich für ihn zerfleischen, haben leider nicht nur etwas Absurdes, sondern auch etwas Tragisches an sich. Denn danach geht fatalerweise er unbeschadet seiner Wege, frei, sein Leben zu leben, während wir Frauen zurückbleiben, mit leeren Händen und voller Narben." S.156
Grundsätzlich ist der Roman durchaus auch von nicht allzu positiven Erlebnissen geprägt. Es geht um gescheiterte Familien, Erfolgsdruck, Drogenprobleme, Krankheiten und den Kampf um eine bessere Zukunft, doch nach und nach stellt man auch fest, dass es darum geht, in jedem kleinen Fortschritt seine Stärken herauszuziehen und zu erkennen, dass, wenn man sich von etwas löst, das einem zunächst wie ein Verlust wirkt, dies auch ein Neuanfang sein kann.
Und auch, dass eine Kleinstadt gleichzeitig nur ein Sprungbrett für etwas Größeres sein kann oder ein Ort, der einem vollkommen reicht.

Was mir an der Geschichte zudem gefallen hat, war, dass man eine kleine Zeitreise unternimmt. Wir sind Teil einer Freundschaft und einer beginnenden Karriere, die geprägt ist von dem gleichzeitigen Beginn des Internets, der Blogs, der Social-Media-Welt und der sich schnell verbreitenenden Schlagzeilen. Dorfleben meets Glitzerwelt.
Immer wieder springen wir zwischen Vergangenheit und Gegenwart und bekommen so eine Möglichkeit, die Entwicklung der schwierigen Freundschaft durch eine sehr digitale, aber auch analoge Welt zu sehen.
"Wie hat Beatrice Rossetti angefangen?
              Der Beginn war, und das weiß niemand, der 'Blog von Bea & Eli'."
S.241
 
Insgesamt war letztlich wirklich sehr positiv überrascht von dem Roman. Erwartet habe ich eine nette Geschichte über eine Freundschaft, die uns rätseln lässt, was vorgefallen ist. Bekommen habe ich eine starke Geschichte, die das Leben zweier Mädchen und Frauen nachzeichnet, die ihren Platz in der Welt finden möchten. Eine Geschichte, die traurig, kühl und niedergeschlagen, aber auch klug, mitreißend, einfühlsam ist und genügend Platz für einen Silberstreif am Horizont lässt. Zum Ende hin möchte man die Figuren einfach nicht missen.
Etwas schade: Im mittleren Teil wird der Drang, die Wahrheit herausfinden zu wollen, etwas zu stark im Text konstruiert (Cliffhanger/ Andeutungen/ zu detailliert), sodass man etwas zu ungeduldig wird und die Geschichte gerne abgekürzt hätte. 



2 Kommentare:

  1. Hallo Karin, ich kenne das Cover, habe mich aber bisher nicht näher mit dem Buch beschäftigt. Deine Rezension hat mich jetzt sehr neugierig gemacht.

    Zeilentänzerin

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    1. Hey :)
      Wenn man etwas ruhigerere Geschichten rund um Freundschaft und das Erwachsenwerden mag, dann kann ich das Buch nur empfehlen. :) Bin gespannt, ob es demnächst mal bei dir einzieht.


      Liebe Grüße
      Karin

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