Die nicht sterben von Dana Grigorcea

März 02, 2021

Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "Die nicht sterben"/ 2021), Penguin Verlag, Übersetzer/in: -, ★★★★☆ 4 Sterne
"Eine junge Bukarester Malerin kehrt nach ihrem Kunststudium in Paris in den Ferienort ihrer Kindheit an der Grenze zu Transsilvanien zurück. In der Kleinstadt B. hat sie bei ihrer großbürgerlichen Großtante unter Kronleuchtern und auf Perserteppichen die Sommerferien verbracht. Eine Insel, auf der die kommunistische Diktatur etwas war, das man verlachen konnte. „Uns kann niemand brechen“, pflegte ihre Großtante zu sagen. Inzwischen ist der Kommunismus Vergangenheit und B. hat seine besten Zeiten hinter sich. Für die Künstlerin ist es eine Rückkehr in eine fremd gewordene Welt, mit der sie nur noch wenige enge Freundschaften und die Fäden ihrer Familiengeschichte verbinden.
Als auf dem Grab Vlad des Pfählers, als Dracula bekannt, eine geschändete Leiche gefunden wird, begreift sie, dass die Vergangenheit den Ort noch nicht losgelassen hat – und der Leitspruch ihrer Großtante zugleich der Draculas ist. Die Geschichte des grausamen Fürsten will sie erzählen. Am Anfang befürchtet sie, dass sie die Reihenfolge der Geschehnisse verwechseln könnte. Dann wird ihr klar: Jede Reihenfolge ergibt einen Sinn. Weil es in der Geschichte nicht um Ursache oder Wirkung geht, sondern nur um eines: Schicksal. Inzwischen aber ist es für jede Flucht zu spät."
__________________________________________________________________________________
 
"Später, in der Abenddämmerung, flogen aus den Bauruinen Fledermäuse, unzählige, sodass es sich anhörte wie das Blubbern eines Flusses." S.46
Was geht da vor sich, im kleinen beschaulichen rumänischen Städtchen B.? Treibt tatsächlich etwas Böses sein Unwesen in der Gegend oder sind es Projektionen und Sehnsüchte der Bewohner*innen, die hier in schauderhafter Gestalt daherkommen?
 
Ich bin ja seit einigen Jahren etwas versessen auf Bücher, die das Thema der (Ur-)Vampire aufgreifen, die Geschichte hinter Vlad dem Pfähler beleuchten und mit den bekannten Elementen der Schauerliteratur spielen. Obwohl "Die nicht sterben" durchaus signalisiert, dass es hier um weitaus mehr geht, als eine Vampirgeschichte, bekommt man dennoch genügend spannende Momente und beinahe zwielichtige Passagen präsentiert.
Bereits in den ersten beiden Kapiteln verschmelzen Grusel und Andeutungen an den Kommunismus zu einer Einheit. Ehrlich gesagt war ich beim ersten Lesedurchgang mehr als verwundert, blätterte zurück und schaute, ob mir etwas entgangen war. Erst als die Autorin selbst in einem Gespräch von dieser Szene gesprochen hat, verstand ich die Anspielungen. Mir wurde bewusst, dass ich wohl noch weniger mit dem Alltag im Kommunismus vertraut bin, als die ohnehin schon entfremdete Protagonistin. Vieles hat sich mir daher nur nach und nach als Ganzes ergeben. 
Dennoch würde ich sagen, dass man sich mit jedem weiteren Kapitel natürlich an den Stil und die (versteckten) Hinweise anpasst. Man wird etwas feinfühliger und achtet auf alles, was auf den ersten Blick eventuell merkwürdig erscheint. Versucht daraus auch auf die familiären, geschichtlichen und politischen Verbindungen zu schließen. Die Stadt als solches wirkt dabei zunehmend wie etwas, das man vor langer Zeit vergessen hat und das sich erneut an die Oberfläche kämpfen, an das große Publikum wenden will (perfekt dafür war durchaus die Freizeitpark ähnliche Atmosphäre zum Ende hin) und andererseits wie etwas, das durch bestimmte Gegebenheiten einfach nicht mehr wie etwas Lebendiges weiterexistieren kann, sondern nur wie eine Zwielichtige Figur, die Nachts umherschleicht und Schrecken verbreitet. Eine Stadt, die zwischen Vergangenheit und einem für sie falschen Fortschritt gefangen ist und sich nach den alten Herrschern sehnt.
"'Schauen Sie!', hob Sabin an, als hätte er eine Führung für uns gemacht, 'da sind auch Gräber von 1764 und von 1490, hier auch eines aus dem Jahr 1477. Stellen Sie sich das vor: 1477! Da soll noch einer sagen, wir hätten hier keine Geschichte.'" S.149
Der Erzählablauf selbst weist ebenfalls einige Spielereien auf. An einigen Stellen war ich verwundert über das Vor- und Zurückspringen, fand darin aber einen sehr angenehmen Reiz. So gelingt es der Geschichte auch hier, die Leser*innen mit der Frage zu konfrontieren, ob das Beschriebene Realität oder Traum, Vergangenheit oder Zukunft ist. 
Grundsätzlich spürt man die Sogwirkung der Erzählung, wie man so schön sagt, tatsächlich besonders, wenn man selbst in die Geschichte eintaucht. Auch wenn manchmal nicht viel passiert, die Erzählerin in ihre Welt der Malerei abtaucht und zum Beispiel das Gemälde von Vlad dem Pfähler analysiert, möchte man sich immer tiefer in das Geheimnis der Stadt ziehen lassen. 

Und da kommen wir auch schon zum Herzstück des Buchtitels. "Die nicht sterben" spielt mit dem Namen und auch mit dem Cover natürlich stark mit dem Dracula-Mythos. Zunächst war ich etwas verunsichert. Wie viel Dracula bekommen wir hier wirklich? Nun - eine Menge! Zumindest, wenn man nicht nur Interesse an dem verwandelten Vampir hat, sondern sich eben auch für die Herkunfts- und Entstehungsgeschichte des Mythos interessiert. Mich konnte diese Art der Erzählungen auf jeden Fall für sich begeistern.
Ich mochte, wie die Erzählerin in die Vergangenheit greift, um Vlad als würdigen und scheinbar gerechten Herrscher zu porträtieren, gleichzeitig aber immer seine grausame Ader mitschwingen lässt. Es ist dieser Spagat, der auch in B. aufzeigt, dass Menschen einen Herrscher suchen, der alles für sie regelt, der ihnen Ruhm und Reichtum, sorgenloses Leben verspricht und dabei Mord, Spektakel und andere Grausamkeiten in Kauf nehmen würden - natürlich, solange es nicht sie selbst betrifft.
Vlad bekommt hier durchaus seine "ironischen" Momente verpasst, was die folgenden Taten jedoch nicht abmildert. Es werden blutige und brutale Szenen beschrieben, die nicht unbedingt für ein wohliges Gefühl sorgen. Dennoch gelingt es dem Roman nicht laut "Horror" zu schreien, sondern sich eben irgendwo zwischen Alltagsleben und Schauerwelt zu bewegen. Zudem finde ich es sehr geglückt, dass die Figur der Vampire immer etwas im Verborgenen bleibt. Ist dieser Schatten wirklich da gewesen? Gab es den grünen Rauch in der Gruft? Dracula und die Vampire werden somit nie ins Lächerliche gezogen, sondern bleiben auf dieser Ebene des Rätselhaften. Mir persönlich gefiel es daher sehr.

Negativ aufgefallen ist mir hingegen sehr, dass in einem der anfänglichen Kapitel eine abwertende Fremdbezeichnung immer und immer wieder reproduziert wurde. Besonders verwundert hat mich dies, da erst vor kurzem erneut eine breite Debatte darüber geführt wurde. Als ich das Kapitel las, war ich wirklich mehr als verwundert...
"'Weshalb ich aber ein Verlangen nach der Nacht hatte, hätte ich damals noch nicht sagen können, und beim Versuch, Ihnen doch noch eine Erklärung abgeben zu können, befällt mich eine Nervosität, die meinen Schreibfluss nur hemmt." S.236 
 

Ein Roman über ein rumänisches Städtchen, der viel Interpretationsspielraum hergibt, den Dracula-Mythos aufgreift und dabei geschickt auf politische Strategien anspielt und diese auch generationsübergreifend betrachtet. Für mich persönlich waren die schaurigen Momente gut platziert und auch die Beleuchtung des "echten" Dracula ("Vlad der Pfähler") war für mich spannend, informativ und gut in den Rest der Geschichte eingebaut. Ich mochte die Erzählstrategie der Protagonistin und auch ihre persönlichen Bezüge zur Malerei, die sie häufiger anbrachte. Es gab zwar durchaus einige Stellen, in denen ich nicht ganz wusste, wie ich sie deuten und einordnen soll, jedoch ergibt sich dadurch manchmal eine zusätzliche und neue Erzählart, die ebenfalls spannend sein kann.
Für die weiteren Auflagen würde ich mir wünschen, dass man die diskriminierenden Begriffe, die in einem Kapitel vermehrt auftauchen, weglässt oder umändert.


Leave a little note ~ Hinterlasse eine kleine Notiz

Mit dem Absenden Deines Kommentars bestätigst Du, dass Du meine Datenschutzerklärung, sowie die Datenschutzerklärung von Google gelesen hast und akzeptierst.