True Story von Kate Reed Petty

Dezember 03, 2020

(Original: "Piranesi"/ 2020) Bloomsbury Publishing, Übersetzer/in: -, ★★★★☆ 4 Sterne
Nach einer Collegeparty fahren zwei Jungen ein Mädchen nach Hause, welches bewusstlos auf dem Rücksitz liegt. Gerüchte verbreiten sich, was in dieser Nacht passiert sei, doch der Polizei erzählen die Jungen eine andere Geschichte. Alice wird sich allerdings nie gänzlich daran erinnern, was geschehen ist. Ihre Verletzungen verlaufen tief, verborgen hinter ihrer Klugheit und ihrem eigenen Humor. Nick, ein sensibler, aber fehlgeleiteter Junge, der dabei war, wird jedoch niemals vergessen.

Dies ist nur der Anfang dieser außergewöhnlichen Reise in die Vergangenheit, Angst und das Selbstbildnis. Durch Universitätsschreiben, eine angsteinflößende und toxische Beziehung, Sucht und einen finalen bewusstseinsverändernde Twist hinweg, werden Alice und Nick sich gegenüber verschiedene Rollen einnehmen - einige real, einige erfunden - bis sie sich zum Schluss, von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen und das Geheimnis der Nacht gelüftet wird.

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Dieses Buch war eines meiner absoluten Muss-ich-haben-Neuerscheinungen in 2020 und hat mich letztlich leider ein wenig zwiegespalten zurückgelassen - Wahre Geschichte.

Aber mal von vorne: "True Story" von Kate Reed Petty klingt nach einer ganz besonderen Geschichte, wenn man sich die Stimmen dazu auf dem Klappentext durchliest. Innovativ, packend, atemberaubend sind da nur eine kleine Auswahl. Nicht verwunderlich also, dass ich sofort angetan war.
Ich wusste, dass es um ein sehr sensibles Thema geht, nämlich den Vorwurf der sexuellen Belästigung / Vergewaltigung eines jungen Mädchens. Jedoch weiß man nicht genau, wie die ganze Wahrheit aussieht. Der Roman spielt mit Blickwinkeln, Zeitspannen, Rückblenden und möglichen Szenarien. Da die Geschichte von einer Frau geschrieben wurde, dachte ich zudem, dass man sich dem Thema mit einem ganz speziellen und vorsichtigen Blick nähert. 

Leider hat mich aber besonders der Anfang massiv enttäuscht. Als die Situation während des Geschehens beschrieben wird, lernen wir Nick kennen, den Protagonisten, der eng mit Alice verbunden bleiben wird. Grundsätzlich gefiel mir die Idee, ihn als Anfangsstimme erscheinen zu lassen. Allerdings lesen sich diese Kapitel so merkwürdig und "cringy", dass ich kurzzeitig dachte, ich lege das Buch wieder weg. Die Wortwahl ist sehr jugendlich, aber gleichzeitig auch sehr naiv. An einigen Stellen fand ich es trotz mitschwingender Kritik dennoch unpassend, wie über gewisse Dinge geschrieben wurde. Es hat ein gewisses Bild reproduziert ohne dabei wirklich die Problematik aufzuzeigen und aufzubrechen, was ich sehr schade fand.

 
"Stephen King once wrote, 'Monsters are real. Ghosts are, too. They live inside us.' I´m a member of a message board of other horror fans who all debate this quote a lot. We are also all young women, and we all have seen examples of sexism in the world."  S. 114

Wenn es dann zum Wechsel der Erzählstimme kommt und Alice ihre Gefühle, Erinnerungen, Ängste, Sorgen und Zukunftspläne teilt, geht es mit dem allgemeinen Eindruck des Romans ein wenig bergauf. Es wird sich damit auseinandergesetzt, was so eine Lücke des Gedächtnisses im Zusammenhang mit den Vorwürfen bei einem jungen Mädchen anrichten kann, wie sie damit versucht umzugehen und wie tabuisiert dieses Thema und die Ehrlichkeit damit weiterhin in der Gesellschaft sind. Besonders geglückt fand ich hier die Einbindung der von ihr geschriebenen Bewerbungen ans College. Es schildert sehr persönliche Gedanken und eröffnet die benötigte Tiefe in die emotionale Ebene.
Es folgt aber allerdings erneut ein langer Abschnitt, der sich ewig zu ziehen scheint und bei dem man einfach nicht ganz nachvollziehen kann, wieso er eingebaut wurde. Leider fehlte mir hier zwischen den Bewerbungen und dem letzten Viertel eine geeignetere Verbindung, ein etwas stärkerer Übergang, der die Leser*innen nicht etwas orientierungslos von Seite zu Seite wandern lässt. 

Das letzte Viertel jedoch war dann glücklicherweise wieder ein klares Highlight. Dort werden Anspielungen, Wirrungen, Geheimnisse und auch Techniken des Romans selbst aufgelöst - das war großartig und beinhaltete genau dieses "Innovative". Alices Geschichte wird nach und nach immer verständlicher und greift auch ihre Problematik mit Vertrauen und Männern in ihrem Erwachsenenalter auf, was als Thema wahnsinnig wichtig ist und unbedingt mehr Aufmerksamkeit braucht.

 

4 Romane in 1? Das zumindest impliziert das Cover. Der Roman vereint viele Wendungen, Ansichten und wichtige Themen, die mal in sehr unterschiedlichen Stilformen daherkommen (Jugendbuch, Script, Krimi, Zeitgenössischer Roman) und dann wieder zusammengeführt werden. Grundsätzlich fand ich gewisse Aspekte großartig umgesetzt, leider haben mich vor allem der Anfang und auch gewisse Teile der Mitte enttäuscht zurückgelassen. Das lag vor allem an der unangenehmen Atmosphäre, Wortwahl (wenn auch sicherlich in gewissen Teilen von der Autorin beabsichtigt) und grundsätzlich an einigen zu langen Passagen, die man über einen längeren Zeitraum nicht einordnen kann und man sich in der Geschichte selbst als Leser*in verloren fühlt (sicherlich auch hier in gewissen Teilen von der Autorin beabsichtigt). Das sorgt für eine gewisse Unstimmigkeit, die den Gesamteindruck etwas gemindert haben. Dennoch greift der Roman viele sehr wichtige Punkte auf und verdeutlicht, wie sensibel das Thema behandelt, aber nicht tabuisiert werden sollte. Ein Buch, das nach dem Lesen eine "innere" Nachbearbeitung durch die Leser*innen verlangt oder erhofft.


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