Piranesi von Susanna Clarke

November 05, 2020

(Original: "Piranesi"/ 2020) Bloomsbury Publishing, Übersetzer/in: -, ★★★★(☆) 4,5 Sterne
Piranesi lebt in diesem Haus. Vielleicht hat er das immer getan...
In seinen Notizbüchern hält er Tag für Tag fest, was er sieht und was ihn beeindruckt: das Labyrinth der Hallen, die Tausende von Statuen, die Gezeiten - Ebbe und Flut - die sich wie ein Donner um die Treppe schlagen, die Wolken, die sich langsam durch die oberen Hallen bewegen.

An Dienstagen und Freitagen sieht Piranesi immer seinen Freund, "den Anderen", Zu anderen Zeiten bringt er Gaben aus Essen und Wasserlilien zu den Toten. Aber meistens ist er allein.
Nachrichten beginnen aufzutauchen, geschrieben mit Kreide auf den Böden der Hallen. Da ist jemand neues im Haus. Aber wer ist es und was wollen sie? Sind es Freunde oder bringen sie Zerstörung und Verwirrung, so wie es der Andere prophezeit?
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"Piranesi. It is what he calls me.
Which is strange because as far as I remember it is not my name." 
S.9
 
15 Jahre haben Fans auf einen neuen Roman der Autorin von "Jonathan Strange & Mr. Norrell" gehofft und gewartet - nun ist er da!
Ich bin in die Geschichte tatsächlich mit einer ganz anderen Vorstellung gestartet. Dank des Covers, nahm ich an, dass der Protagonist eine mythische Figur, ähnlich der Figur des Faunus, ist. Die Illustration spielt dabei aber nur auf die im Buch beschriebene Umgebung an. 
Wir bewegen uns inmitten der unendlichen Hallen, die von Piranesi bewohnt werden. Es gibt zahlreiche Statuen, kühle Materialien, aus dem das Haus erbaut ist und der Ort wird stets von tosenden Fluten heimgesucht. Es entsteht eine nicht gerade fröhliche, durchaus düstere Stimmung, die voller Mysterien ist. 

Der Protagonist und Erzähler hat eine ganz eigene Zeitrechnung und nennt das Jahr, in dem er sich gerade befindet zum Beispiel "The First day of the fifth month in the year the albatross came to the South-Western-Halls". Das sorgte bei mir zu Beginn für reichlich verdutzte Blicke und ein mehrfaches Zurückblättern. Hat man aber in das System, in dem sich der Erzähler bewegt, hineingefunden, verfliegt die Irritation. Ich war sehr angetan von der Idee Clarkes unsere Denkweise und Kategorisierung außer Gefecht zu setzen.
 
"The Beauty of the House is immeasurable; its Kindness infinite."  S. 5

Je weiter ich in der Geschichte vorankam, desto stärker hat mich die Erzählung in den Bann gezogen. Anfangs schien für mich alles etwas nichtssagend. Ich wusste nicht, wohin uns die Autorin und der Erzähler führen will. Man weiß lediglich, dass man nichts weiß. Wer ist die Figur, die die Aufzeichnungen führt? Seit wann ist er dort? Was ist seine Aufgabe?
Nach und nach jedoch werden die Geheimnisse gelüftet. Und ich bin ehrlich: mit dieser Auflösung hatte ich sicherlich nicht gerechnet, aber ich habe sie letztlich geliebt, auch wenn es etwas Zeit gebraucht hat, um die Eindrücke sacken zu lassen und dies zu erkennen. 

Mir gefielen das Tempo, in dem wir uns dem Ende genähert haben,  die leicht traurig-melancholische und manchmal beinahe träge Art des Erzählers, die aber stets in einer ganz eigenen positiven und irgendwie zufriedenen Auslegung gemündet ist und sie gesamte Atmosphäre, in der sich die Leser*innen bewegen. Ich hatte zwischenzeitlich jedoch das Gefühl, dass nicht jeder etwas mit der Geschichte anfangen kann, da sie sich doch von dem "üblichen" Roman abhebt. Wer meine Lesevorlieben kennt, der weiß allerdings, dass ich genau das bevorzuge und wirklich liebe.
Ebenfalls gut gefallen hat mir die Rolle und die Einbindung von "The Other", also des "Anderen", Piranesis Freund, der ihm auch diesen Namen gegeben hat. Durch ihn kommt das Geschehen in Fahrt und wird so zu einem kleinen Mystery-Spiel, einer Suche nach der Wahrheit.


Anfangs, durch die sehr eigene Art der Zeitrechnung und Wahrnehmung der Umgebung des Erzählers, noch etwas unsicher, hat sich der Roman für mich zum Ende hin zu einem Favoriten entwickelt. Die volle Wirkung und Liebe zu dieser Geschichte hat sich bei mir erst einige Tage nach Beenden eingestellt. Während des Lesens gefiel mir jedoch bereits sehr die Atmosphäre und die Annäherung an die Auflösung der Umstände. Es wirkt manchmal düster, melancholisch und tatsächlich etwas träge (durch die Wiederholungen des Alltags des Erzählers geschuldet), hat dadurch aber eine ganz eigene und spezielle Sogwirkung. Lag für mich irgendwo zwischen Mythologie und Dark Academia, mit einer Prise Mystery-Fieber und Magic Realism. Perfekt für dunkle Abende mit ganz viel Kerzenschein!


Kommentare:

  1. Ahoi Karin,

    was für eine schöne Rezension! Ich hatte ja mit dem Buch geliebäugelt (gerade weil es irgendwie klingt wie "Das sternenlose Meer") und jetzt möchte ich es definitiv lesen!

    Liebe Grüße
    Ronja von oceanloveR

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    1. Da liegst du gar nicht so verkehrt. Es hat von der Stimmung her tatsächlich bisschen was von "Das sternenlose Meer"! :) Ich hoffe, es wird dir auch gefallen!


      Liebe Grüße Karin

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    2. Ich lasse es dich wissen ;)

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