Miracle Creek von Angie Kim

Juli 01, 2020

Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "Miracle Creek"/ 2019), hanserblau Verlag (2020), Übersetzer/in: Marieke Heimburger (aus dem Englischen), ★★★★☆ 4 Sterne
"In der Kleinstadt Miracle Creek in Virginia geht ein Sauerstofftank in Flammen auf. Zwei Menschen sterben – Kitt, die eine Familie mit fünf Kindern zurücklässt, und Henry, ein achtjähriger autistischer Junge. Im Prozess wegen Brandstiftung und Mord sitzt Henrys Mutter Elizabeth auf der Anklagebank. Und die Beweise sind erdrückend. Hat sie ihren eigenen Sohn ermordet? Während ihre Freunde, Verwandten und Bekannten gegen sie aussagen, wird klar: In Miracle Creek hat jeder etwas zu verbergen. "
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"Ein Kind mit besonderen Bedürfnissen zu haben, veränderte einen Menschen nicht einfach nur - es verwandelte ihn, transportierte ihn in eine andere, parallele Welt mit ganz eigenen Naturgesetzen." S.51

Ich muss sagen, als ich die Inhaltsangabe gelesen habe, dachte ich nicht, dass der Roman so vielschichtig sein und gleichzeitig so viele wichtige und ernste Themen ansprechen würde. Obwohl ich an der Geschichte relativ konstant interessiert gewesen bin und den Figuren aus Miracle Creek, in Anbetracht der schrecklichen Geschehnisse, gerne durch deren Leben und Erlebnisse gefolgt bin, habe ich lange mit mir und der finalen Beurteilung gehadert.

Das lag größtenteils daran, dass ich, wie schon angedeutet, dem Roman gegenüber eigentlich nie wirklich abgeneigt war. Mir schienen zwar einige kleinere Handlungsstränge schon zu viel, zu ausladend und gleichzeitig (paradoxerweise) zu wenig beleuchtet zu sein, aber ansonsten habe ich mich mitgerissen gefühlt, weil man natürlich herausfinden möchte, was nun wirklich geschehen ist und welche Geheimnisse offenbart werden.
Andererseits jedoch habe ich mich ständig dabei ertappt, wie ich dachte, dass dieses oder jenes sehr einseitig betrachtet wird. Besonders stark viel mir das im Handlungsstrang von Henry und seiner Mutter auf. Seine autistische Art wird zwar von allen Seiten "beleuchtet" und aufgrund von Demonstranten oder Freunden der Familie dargestellt, aber stets schwang dieses Gefühl mit, dass man in unserer Gesellschaft mit "so einem Kind" benachteiligt bleibt. Das Traurige dabei ist jedoch, dass ich dafür den Text kritisiert habe, wo doch gerade dadurch aufgezeigt wird, dass unsere Gesellschaft tatsächlich so denkt und dies auch als Gedankenfragment bei den Eltern der Kinder hängen bleiben kann. 
Ich fand dieses Thema im Roman letztlich doch ganz gelungen umgesetzt, allerdings hätte ich mir vielleicht eine noch stärkere Stimme darin gewünscht, die gerade unsere "normale" Gesellschaft dahingehend sensibilisiert und aufzeigt, dass wir es sind, die aufhören müssen, das Leben, wenn es nicht perfekt ist, als makelhaft anzusehen.

"Miracle Creek sah nicht aus wie ein Ort, an dem sich je Wunder zutrugen, außer vielleicht jenes, dass Menschen hier jahrelang lebten, ohne vor Langeweile durchzudrehen."  S.23

Neben diesem doch großen Thema im Roman geht es allerdings auch um die eigene Identität und die Schwierigkeiten die aufkommen, wenn man in ein fremdes Land zieht und dort versucht eine bessere Zukunft für sich und seine Familie aufzubauen. 
Auch diesen Handlungsstrang fand ich im Großen und Ganzen geglückt, aber mir fehlte immer so ein Quäntchen des Gefühls, dass ich die Figuren wirklich als Personen wahrnehme, dessen Schicksal es tatsächlich gibt. Manchmal dachte ich, das stellt sich noch zum Ende hin ein und diese Mauer der Distanz wird durchbrochen, aber leider blieb eine gewisse Distanz bis zum Schluss bestehen, sodass ich die Figuren zwar irgendwie mochte, sie letztlich aber ohne große Probleme loslassen konnte. Dabei gingen mir die vielen Gedanken und Erlebnisse größtenteils durchaus nahe. Das ist daher auch ein Punkt, der dazu geführt hat, dass ich in meiner Bewertung ständig geschwankt bin. 

Ich glaube ein wenig "enttäuscht" war ich zum Schluss auch, dass ich bereits schon zu Beginn das Ende so vermutet habe, wie es letztlich gekommen ist. Zwar mindert das durchaus keineswegs die Inhalte bezüglich der Themen wie Familie, Zusammenhalt, Akzeptanz und Liebe, aber irgendwie blieb dann für mich persönlich ein wenig der Moment aus, an dem ich den Roman vielleicht noch auf einer anderen Ebene spannender gefunden hätte.
Ein Pluspunkt war allerdings die Herangehensweise hinsichtlich der Erzählart und allgemein der Aufbau durch die Gerichtsverhandlung. Das hat ein gutes Tempo vorgelegt. 

Gut fand ich rückblickend grundsätzlich die vielen Blickwinkel auf die Situationen. Man kann jeden Strang irgendwie nachvollziehen und fühlt zum Beispiel mit den Müttern mit, die sich einerseits für alles schuldig fühlen, ständig ihr Bestes geben und doch auch mal die Kontrolle verlieren und somit eine Reihe von schwerwiegenden Fehlern lostreten können. Dann aber die Demonstrantinnen, die denken, die Mütter seien Kontrollfreaks, gleichzeitig aber natürlich überhaupt nicht einschätzen können, was dies wirklich bedeutet oder grundsätzlich alle drumherum, die einfach versuchen irgendwie ihr Leben bestmöglich zu leben, sich aber ständig unter Druck gesetzt fühlen. Von der Familie, von der Arbeit, von der Gesellschaft... Und doch liest man alles und denkt sich: Was ist nur los mit dieser Stadt, dieser Welt und den teilweise absurden Ansichten, die wir über Menschen und das Leben so haben. Warum ist alles stets nur dann gut, wenn es die Mehrheit als "normal" , "schön" oder "wertvoll" ansieht?
Insgesamt ein Buch also, dass durchaus viele Überlegungen aufwirft, kritisch ist und gleichzeitig das Wichtigste, die Liebe zwischen den Menschen, nie ganz aus den Augen verliert.

Ich komme also nicht umhin zu sagen, dass ich trotz meiner persönlichen Hin- und Hergerissenheit die angesprochenen Themen wertvoll und auch die Umsetzung an vielen Stellen sehr geglückt finde. Daher würde ich den Roman wohl empfehlen, aber immer mit dem Verweis darauf, dass man selbst noch einmal ein kritisches Auge auf das Geschriebene und die eigentliche Intention dahinter werfen sollte. Der für mich emotionalste Handlungsstrang war tatsächlich der, in welchem Elizabeth ihr Leben mit ihrem Sohn Henry schildert.

"Aber so läuft das Leben nicht. Eine Tragödie macht einen nicht immun gegen weitere Tragödien, und Schicksalsschläge werden nicht gerecht hier und da verteilt - mit Unglück wird klumpenweise, gebündelt nach einem geworfen, unkontrollierbar und chaotisch. Wie konnte er das nicht wissen, nach allem was wir durchgemacht hatten?" S.10


Ein recht komplexer und vielschichtiger Roman, der wichtige Themen aufgreift. Vorrangig geht es hier wohl um die Liebe und Beziehung zu den eigenen Kindern. Geglückt ist für mich vor allem, dass alle Schicksale aufzeigen, was es bedeutet, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, um den eigenen Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen zu können und sich dabei ein stückweit selbst und das Wesentliche aus den Augen verliert. Es ist eine Geschichte, die sich zudem mit der Zugehörigkeit in dem eigenen oder einem fremden Land beschäftigt, die versucht, im Ansatz die Herausforderung mit Kindern mit "besonderen Bedürfnissen" zu verdeutlichen und somit viel Zündstoff für Diskussionen bereithält. 

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