Long Bright River von Liz Moore

Februar 03, 2020

Long-Bright-River-von-Liz-Moore-Buch
Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "Long Bright River"/ 1936), C.H. Beck Verlag (2020), Übersetzer/in: Ulrike Wasel & Klaus Timmermann (aus dem Englischen), ★★★(★)☆ 3,5 Sterne
"Einst waren sie unzertrennlich, seit fünf Jahren sprechen sie nicht mehr miteinander, doch die eine wacht insgeheim über die andere. Jetzt aber ist die Lage bedrohlich geworden: Mickey, Streifenpolizistin in Philadelphia, findet ihre drogenabhängige Schwester Kacey nicht mehr auf den Straßen der Blocks, die sie kontrolliert und auf denen Kacey für ihren Konsum anschaffen geht.
Gleichzeitig erschüttert eine Reihe von Morden an jungen Prostituierten die von Perspektivlosigkeit und Drogenmissbrauch geplagte Stadt. In ihrem enorm spannenden Roman erzählt Liz Moore die Familiengeschichte von Mickey und Kacey und deren Entfremdung parallel zur Geschichte der Jagd nach einem Frauenmörder, die auch Mickey in große Gefahr bringt. Zugleich entwirft Liz Moore in diesem großen Roman das umwerfend authentische Porträt einer Stadt und einer Gesellschaft in der Krise. "
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"Neue Bars und Geschäfte entstehen an der Peripherie, in Richtung Fishtown, wo ich aufgewachsen bin. Neue junge Gesichter bevölkern diese Geschäfte: ernst, reich, naiv, reif zur Ernte. Daher sorgt sich der Bürgermeister zunehmend um den äußeren Anschein 'Mehr Polizei.' sagt der Bürgermeister. 'Mehr Polizei, mehr Polizei, mehr Polizei.'"  S.15

Den neuen Roman von Liz Moore hat man in letzter Zeit ja wirklich fast überall gesehen, vor allem auf englischsprachigen Accounts. Und obwohl ich solchen Hypes gerne aus dem Weg gehe, haben mich der Inhalt und auch die vielen, sehr (!) positiven Meinungen dazu doch neugierig gemacht. 
Auch wenn ich vieles, was als gelungen hervorgehoben wird, nachvollziehen kann, blieb bei mir das Gefühl der grenzenlosen Begeisterung leider etwas aus. Keine Frage, ich habe das Buch gerne gelesen. Heißt, dass ich nie das Gefühl hatte, dass sich etwas zu lange hinauszögert, weil man Stück für Stück die Wahrheit der Protagonistin und Erzählerin Michaela Fitzpatrick präsentiert bekommt, aber ich hatte nie das Gefühl, dass ich die Geschichte wirklich nah an mich ranlassen kann. Mir blieb Michaela bis zum Schluss und trotz aller (teilweise gelungener) Versuche, Nähe aufzubauen, etwas schemenhaft, ja, obwohl eigentlich alles darauf ausgelegt ist, den Leser durch Emotionen zu binden. Das lag vielleicht daran, dass die Verletzlichkeit von "Mickey", aufgrund ihres Charakters, einfach analytisch und durchdacht wirkt. Paradoxerweise mochte ich aber grundsätzlich die gesamte Erzählweise aus ihrer Perspektive.
Zudem sollte man durchaus erwähnen, dass dies eine Geschichte ist, die sich sehr auf den familiären Teil bezieht und der "Krimi-Teil" eigentlich zur Nebensache wird.

"Ich kann Mitgefühl für so gut wie jede Sorte Krimineller aufbringen, nur nicht für Freier. Wenn es um Freier geht, bin ich nicht unparteiisch oder objektiv. [...] Ihre Körperlichkeit widert mich an, ihre Gier, ihre Bereitschaft, jemanden auszunutzen. [...] Vielleicht ist das meine Schwäche als Polizistin. Aber ich glaube, dass es einen Unterschied gibt zwischen einer von zwei Erwachsenen einvernehmlichen und wohlüberlegten durchgeführten Transaktion und der Art von Geschäft, das auf der Ave stattfindet, wo manche Frauen alles für jeden machen würden, wo manche Frauen so dringend einen Schuss brauchen, dass sie nicht Nein oder Ja sagen können." S.65

Der Roman thematisiert Drogensucht. Drogensucht in all seien Facetten, allerdings ohne dabei ins Detail zu gehen, was die Verabreichung betrifft. Es geht eher darum, was der Drogenkonsum mit dem Menschen selbst anstellt, wie sich die Sucht und die Rückfälle auf die Mitmenschen, auf die Familie, auf die Zukunft auswirken und wie gefährlich es sein / werden kann, wenn kein familiärer Halt gegeben ist. 
Im Zentrum dabei steht gleichzeitig immer die Beziehung der beiden Schwestern "Mick" und Kacey. Auch hier geht es wieder eher darum, die psychologischen Seiten der schwesterlichen Bindung zu beleuchten und die Frage zu stellen, wie weit man für die Familie gehen würde und wann es am besten ist, sich von ihr loszusagen.
Dieser Aspekt wurde meiner Meinung nach gut umgesetzt. Geheimnisse werden gelüftet und der Leser ist stets dazu angehalten, sich nach jedem Kapitel, nach jeder Rückschau auf die Vergangenheit, die Frage zu stellen, wie man die neue Situation "bewertet". Es ist interessant zu sehen, dass man mit voranschreitenden Entwicklungen seine Meinung zu gewissen Verhaltensweisen der Figuren ändert und anfängt misstrauischer zu werden.

Für mich hat diese Spielerei mit den Wahrheiten und den persönlichen Aspekten der Figuren die Spannung des Buches ausgemacht. Die eigentliche Aufdeckung der Morde geriet für mich teilweise eher in Vergessenheit. Zum Schluss war ich sogar ein wenig enttäuscht von der sogenannten Ermittlung. Es schien etwas unlieblich aufgelöst.

Was mir an dem Buch wiederum positiv in Erinnerung geblieben ist, ist die Darstellung der Stadt und der Machtstruktur. Diese Kluft zwischen "guten" und "schlechten" Bezirken und damit der Rangordnung der Menschenschichten wurde gut transportiert, bedrückt einen beim Lesen aber auch tatsächlich. Das wirklich traurige daran ist, dass die persönlichen Schicksale und der Kampf des Einzelnen (wie bei Kacey) in einen großen Topf geworfen und mit einem "ist halt so" quittiert werden. 
Daran schließt sich zudem die daraus folgende Ausnutzung dieser Schichten durch höhere Gewalten an. Diese Thematik fand ich im Buch daher durchaus sinnvoll und auch wichtig. Für mich, neben dem nicht wirklich vorhandenen Höhepunkt einer Falllösung, daher ein deutlicher Pluspunkt.

"An dem Tag erfuhr ich folgendes Geheimnis: Keiner von ihnen will gerettet werden. Sie wollen alle wieder zurücksinken in Richtung Erde, um vom Boden verschluckt zu werden, um weiterzuschlafen. In ihren Gesichtern liegt Hass, wenn sie wiederbelebt werden." S.31


Die erwähnte Ermittlung rund um die Morde ist für mich in dem Roman beinahe zur Nebensache geworden. Spannung erzeugten für mich eher die Beziehung zwischen den beiden Schwestern und der Versuch, den Leser auf die Reise in die Vergangenheit zu nehmen, um Geheimnisse rund um die Familiengeschichte zu lüften. Daher bleibt der Roman für mich eher als ein psychologischer "Aufarbeitungsroman" in Erinnerung und nicht zwangsläufig als Roman mit Fokus auf eine Krimigeschichte. Besonders gut gefallen hat mir die Kritik der Stadt und der sogenannten Problemviertel. Eine Betrachtung der Ungerechtigkeit der Menschheit durch hierarchische Strukturen, aber gleichzeitig auch die Betrachtung jedes einzelnen Menschen, der versucht in einem wohl eher kaputten System zu überleben.



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