Moby Dick vs. Mardi oder: "Wer Moby Dick liebt, muss Mardi lesen?"

Juli 04, 2019






Werbung ~ Rezensionsexemplar 

"Call me Ishmael". So beginnt einer der größten Klassiker von Herman Melville, "Moby Dick". Einige lieben den mehrere hundert Seiten langen Koloss rund um die Seefahrt und den Walfang, andere tun sich mit der Tatsache schwer, dass der wohl bekannteste Wal selbst, einen gar nicht so großen Anteil in der Geschichte aufweist.
Mit "Mardi" veröffentlichte Herman Melville, zwei Jahre zuvor, einen Roman, der zunächst ähnlich aufgebaut scheint, sich aber doch in vielen Punkten stark von seinem Nachfolger unterscheidet.
Stimmt der verlockende Werbeslogan, der vorne auf dem Cover abgebildet ist? Oder ist "Mardi" vielleicht gerade für die Leser interessant, die Schwierigkeiten mit "Moby Dick" haben?

In diesem Beitrag soll nun der Versuch einer Gegenüberstellung der Romane folgen.

Das Thema
Beide Bücher umfassen knapp achthundert Seiten und bieten so Raum für reichlich thematische Einflüsse. Dennoch ist "Moby Dick" dahingehend kompakter und fokussierter. Der Klassiker greift die schon wahnhafte Suche des Kapitäns, dem Ishmael begegnet, nach dem namentlich bekannten Wal auf und veranschaulicht das Entstehen und Entfalten seiner Obsession. Viele Kapitel beschäftigen sich aber auch stark mit der Anatomie der verschiedenen Walarten. So erfährt der Leser, wie sich die Skelette, die Köpfe und andere Glieder voneinander unterscheiden und welche Substanzen des Wals als Handlungsmittel für den Menschen gelten. Man beachte hier, dass zu Melvilles Zeit das Fangen der Wale ein übliches Geschäft gewesen ist. Die aktuelle Diskussion um die Wideraufnahme des japanischen Walfangs, der zur heutigen Zeit nun wirklich nicht nötig und makaber ist, lässt den Klassiker in dieser Hinsicht ebenfalls lesenswert erscheinen.

Auch in Melvilles "Mardi" gibt es natürlich Bezüge zur Schiffsfahrt und zum Meerleben, aber eher in der Funktion des klassischen Erzählmusters, dass die Schifffahrt als Aufbruch für ein neues Kapitel gilt. Überraschenderweise gibt aber kleine Kommentare des Erzählers, die sich sogar recht kritisch mit dem Walfang auseinandersetzen. So heißt es zum Beispiel: 
"Ihr müsst wissen, Untertanen, dass der Pottwal in geraumer Vorzeit eifrig bejagt wurde [...]. [...] 'Wäre es nicht klüger gewesen, edler Herr ', sagte Babbalanja, 'das Meerestier, das solche Schätze fallen lässt, nicht zu töten; wie man auch die Tölpelschwalbe nicht antastete, die goldene Eier legte.' "  ("Mardi" S.453)

Dieses Thema nimmt in "Mardi" aber im Vergleich nur einen bruchstückhaften Teil ein. Anfänglich wird noch verstärkt auf die Aufgaben und spezifische Einzelheiten von bestimmten Fischarten eingegangen. Der Roman ist jedoch eher eine Auflistung und ein Betreten von zahlreichen Inseln des Protagonisten Taji und seinen wechselnden, zur Seite stehenden, Gefährten. Der Leser wird demnach dazu aufgefordert, sich in recht kurzen Abschnitten auf viele neue Menschengruppen und deren Lebensstil einzustellen. Anders als bei "Moby Dick" geht es hier nicht um nur ein großes Thema, nämlich den Wal, sondern um sehr viele verschiedene Themen. Darunter, die Unterschiede zwischen den möglichen Führungsarten eines Landes oder Menschenmenge, zahlreiche religiöse Andeutungen und auch sehr viele philosophische Fragen (lange Passagen mit Andeutungen / Rezeptionen von Seneca), die versucht werden ansatzweise beantwortet zu werden. Mich hat es dahingehend vereinzelt an "Gullivers Reisen" erinnert.

"Human madness is oftentimes a cunning and most feline thing. When you think it fled, it may have but become transfigured into some still subtler form." ("Moby Dick" S. 263)

Verlauf der Geschichte, Ausarbeitung & Lesefreude
Wie bereits erwähnt erschien "Mardi" vor "Moby Dick". Ob nun die bessere Ausarbeitung der Geschichte des Wals an der Erfahrung des Autors liegt, sei als These mal dahin gestellt, aber vergleicht man beide Romane in Hinblick auf die Stimmigkeit, entdeckt man auch hier deutliche Unterschiede.
"Mardi" hat durchaus einen Handlungsrahmen, spielt sogar, wenn auch auf andere Weise, ebenfalls mit dem Wahnsinn eines Protagonisten. Tajis Reisen auf die verschiedenen Inseln haben nämlich einen bestimmten Grund, der hier noch nicht verraten werden soll, da dies wohl größtenteils ausschlaggebend dafür ist, dass man als Leser weiterliest. Der Verlauf der Geschichte ist nämlich an einigen Stellen durchaus recht zäh. Der Leser muss sich auf sehr viele Kapitel gefasst machen, die viele gesellschaftliche Überlegungen aufgreifen, die sich aber auch oftmals wiederholen und die manchmal sogar überflüssig scheinen. Es entstehen lange Gespräche zwischen den Figuren, die eine gewisse Ausdauer fordern (liegt auch daran, dass ein Philosoph große Erzählpassagen zugewiesen bekommt). Überraschend war für mich festzustellen, dass der Ton in "Mardi" zwischenzeitlich auch gefährlich sein kann, er aber überwiegend heitere, wenn nicht sogar komische Züge annimmt. Einige Szenen stellt man sich bildlich vor und hat das Gefühl, sie könnten einem "Slap Stick" Stück entsprungen sein. Beachten soll man aber die Tatsache, dass Melville, so fortschrittliche Überlegungen er manchmal anbringt, was zum Beispiel das Zusammenleben von Menschen, die Gier, Besitztümer, Leben und Tod anbelangt, er auch noch in alten oder zu damaligen Zeiten festen Mustern steckt. Die anfänglich beschriebene Frau auf die er zusammen mit einem Kameraden trifft, verkörpert alle möglichen Klischees (sicherlich teils auch gewollt satirisch). So wird sie als Nervensäge und diebische Elster beschrieben. An anderer Stelle hingegen werden Frauen mit typisch attraktiven Merkmalen (helle Haut, helles schimmerndes Haar) als Ideal angeschmachtet. 
Grundsätzlich ist der Roman daher, trotz Handlungsstrang und starkem Anfang und Ende, doch oftmals wirr, chaotisch und macht den Eindruck, als wüsste er selbst nicht immer genau, worauf er hinaus möchte. Ich kann aber nicht abstreiten, dass mich gewisse Kapitel und Ideen in Melvilles Inselabenteuer angesprochen, wenn nicht sogar positiv überrascht haben.
"Die Geschichtsforscher packt das Entsetzen bei den Massakern von einst; doch werden auch heute auf den Schlachtfeldern Menschen hingemordet. Könnte man die Zeit umkehren und die Zukunft stünde an der Stelle der Vergangenheit, würde die Vergangenheit uns und unsere Zukunft ebenso laut verdammen wie wir die vergangenen Zeiten." ("Mardi" S. 639)
Der zwei Jahre später veröffentlichte Klassiker "Moby Dick" hingegen weist klarere Züge, striktere Stränge und eine eindeutige Aussage auf. Man weiß als Leser klar was das Ziel des Romans ist und wird auch erzähltechnisch eleganter dorthin geführt. Auch hier muss der Leser zwar Ausdauer beweisen, vor allem, wenn er sich nicht gänzlich für alle Einzelheiten des Walkörpers interessiert, aber er wird mit einem packenden, tobenden, aufbrausenden Meeresroman belohnt. Hier findet man nicht die humoristische Stimmung wieder, sondern eine ernste und dem Protagonisten und der Geschichte angemessene, wahnhafte Stimmung.
Die in "Mardi" angeführten Fragen an das Leben und die Menschen treten (meist) unterschwellig ebenfalls auf, aber nicht in diesem Ausmaß. Melville schien sich weitestgehend schon ausgetobt zu haben. Mir gefielen dennoch die weiterhin auftretenden Verweise darauf, was Menschen ausmacht, wie sie sich anderen gegenüber verhalten sollten und was der Ehrgeiz nach einem (rachsüchtigen) Ziel alles mit dem Menschen anstellen kann. 
Zudem lassen sich in beiden Romanen zahlreiche "Lieder" oder Gedichte finden, die als Auflockerung durchaus ihren Reiz haben.
Grundsätzlich kann ich tatsächlich nur sagen, dass ich persönlich den Klassiker "Moby Dick" lieben gelernt habe (in Anbetracht dessen, dass ich Walfang, Fischfang oder andere Grausamkeiten Tieren gegenüber natürlich keineswegs gutheiße.), auch wenn ich zustimmen kann, dass sich einige Kapitel ebenfalls in die Länge ziehen.

Fazit
Als ich versucht habe, direkt beim Lesen einen Vergleich zu skizzieren, konnte ich anfänglich noch erahnen, dass beide Romane von Melville stammen könnten. Mit zunehmender Entwicklung und verstärkter Atmosphäre, viel es allerdings schwieriger, so unterschiedlich schienen sie mir am Schluss. Ich kann nicht leugnen, dass mir daher "Moby Dick" als Gesamttext etwas besser zugesagt hat. Die Rahmenhandlung und besonders die Auflösung von Melvilles "Mardi" hat mich aber letztlich doch in den Bann gezogen (ebenso wie der Anfang und die Auflösung von "Moby Dick"). Auch wenn sich die Romane stark unterscheiden, kann ich dem Slogan zustimmen, dass wer "Moby Dick" wirklich geliebt hat (oder liebt), auch mit "Mardi" seine Freude haben wird, vorausgesetzt man weiß, dass man die Ausdauer haben wird, um auch scheinbar unnötige Kapitel zu lesen und wenn man akzeptieren kann, dass die Handlung über größte Strecken hinweg in den Hintergrund gerät, philosophische, regierungstechnische, wie auch menschliche und psychologische Fragen jedoch überhand nehmen. 
Beide Romane eigenen sich aber auch wunderbar als längeres Leseprojekt, welches man nicht so schnell wie nur möglich hintereinander wegliest. Ich würde dennoch dazu raten, zuerst zu "Moby Dick" zu greifen und dann zu "Mardi", um erahnen zu können, wozu Melville schriftstellerisch fähig ist.


Ausgaben: "Mardi - und eine Reise dorhin" (Original: "Mardi and a voyage thither" / 1849) von Herman Melville, Manesse (2019), übersetzt und kommentiert von Rainer G. Schmidt

"Moby Dick" (Original: "Moby Dick" / 1851) von Herman Melville, Pan Macmillan Collector´s Library




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