Ein feines Gespür für Schönheit von J. David Simons

Mai 09, 2019


Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "An Exquisite Sense of What is Beautiful"/ 2013) Goldmann (2019), Übersetzer/in: Bettina Eschenhagen (aus dem Englischen), ★★★☆☆ 3,Sterne

"Im Jahr 2003 kehrt der berühmte britische Autor Edward Strathairn zurück nach Hakone in Japan. Hier, in einem herrlich gelegenen Hotel in den Bergen, hatte er sich einst als junger Mann in das Zimmermädchen Sumiko verliebt, das ihn zu seinem Bestseller »Das Wasserrad« inspirierte. Darin kritisierte Edward Amerikas Doppelmoral und warf dem Land vor, die entsetzlichen Folgen der nuklearen Vernichtung von Hiroshima und Nagasaki zu verdrängen. Nach seiner Rückkehr aus Japan heiratete Edward seine große Liebe Macy, eine amerikanische Künstlerin. Doch die Ehe war nicht glücklich. Nun, viele Jahre später, muss Edward erkennen, dass er zwar nicht als Künstler, aber doch als Mensch gescheitert ist. "

MEINE MEINUNG / FAZIT  

"Wie hatte Aldous noch gesagt?  »Die Japaner haben ein feines Gespür für Schönheit, aber keinerlei Gespür für Hässlichkeit.« Das traf es. Wie beides in ein und derselben Kultur nebeneinander existieren konnte, war ihm ein Rätsel." S.91

"Ein feines Gespür für Schönheit" ist ein Roman von dem ich mir anfangs leider mehr erhofft hatte und der mich zum Schluss etwas enttäuscht zurückgelassen hat, auch wenn er einige gute Überlegungen aufwirft. Eigentlich könnte das schon ausreichen, um meinen Eindruck zusammenzufassen, aber holen wir doch ein wenig weiter aus.
Was mich an der Geschichte gereizt hat, war die angedeutete Thematik rund um den britischen Schriftsteller, der nach vielen Jahren nach Japan zurückkehrt, also die menschliche Entwicklungsgeschichte und die Verknüpfung zum Krieg rund um Hiroshima und Nagasaki. Kann man einem Land überhaupt die Schuld für die Katastrophe entziehen und das andere als das "Opfer" beziehungsweise den "Retter" darstellen?
Letztlich fühlte ich mich von beiden Aspekten nicht wirklich abgeholt. Keines ging für mich so tief, dass ich persönlich aus der Darstellung gute Erkenntnisse ziehen konnte.

"'Schriftsteller sind wie Elstern, oder? Sie stibitzen die glitzernden Teile aus dem Leben anderer Leute, wenn die gerade nicht aufpassen.'

          'Wie meinst du das?'“ S.107

Mein größtes Problem bestand dabei einfach in der Darstellung des Protagonisten und der gleichzeitigen Lenkung der Sympathie für eben diesen - Sir Edward Strathairn.
Es wird zwar schnell deutlich, dass er kein Musterschüler ist, was das Führen eines verantwortungsvollen Lebens angeht und dass ihm die Fähigkeit mit seinen Mitmenschen irgendwie respektvoll umzugehen, das ein oder andere Mal abhandenkommt, aber zunehmend war ich von dieser banalen Erkenntnis genervt. Der Protagonist wird in den Kapiteln abwechselnd als junger aufstrebender Schriftsteller und alter Mann, der auf sein Leben zurückblickt, dargestellt. Und dennoch hatte ich stets das Gefühl, dass sich beide Perspektiven oftmals kaum unterschieden.
Der Fokus liegt an vielen Stellen nur auf seiner Männlichkeit, seiner zügellosen Lust auf Frauen und dem Wunsch etwas zu erreichen, wie auch anderen seine Meinung aufzudrängen. Zugegeben, die Meinung, die er über die Rolle der Amerikaner hat ist durchaus spannend für den Roman und sorgt für einen Tiefgang, den ich mir an mehr Stellen gewünscht hätte. 
Schnell wird dieser Aspekt aber wieder auf sein Leben gelenkt, was ja gut wäre, wenn ich mich eben nicht von ihm, ab einem gewissen Zeitpunkt, lieber komplett abgewendet hätte. Mich haben die Leben seiner Mitmenschen teilweise deutlich mehr interessiert. Sein Freund und Verleger Aldous zum Beispiel gibt einen schönen Input, der sich auf die schriftstellerischen Aspekte bezieht und strahlt dabei einfach mehr Esprit aus.
Mir war Edward an vielen Stellen vielleicht einfach zu angepasst an die japanische Stimmung, irgendwie als Figur und Charakter zu ruhig, zu blass. Und gleichzeitig hat mich dann zum Schluss unfassbar gestört, wie versucht wurde, den Protagonisten durch gewisse Geschehnisse sympathisch wirken zu lassen, in dem man die Mitleidsschiene gewählt hat. Er ist ein erwachsener Mann gewesen als die Kapitel beginnen und kehrt als ebenso erfahrener Mann zurück nach Japan, verhält sich aber irgendwie immer noch daneben, auch wenn man das nur zwischen den Zeilen wahrzunehmen scheint. Natürlich, die Jahre haben ihn geprägt, an einigen Stellen hat er Fehler eingesehen und beklagt die Nachteile des Älterwerdens, aber ich konnte mit ihm nicht gänzlich sympathisieren. Und der Versuch sein schlechtes, wie auch gewaltbereites Verhalten zu verharmlosen, indem man ihn bemitleidet, fand ich einfach zu schwach. Eine viel zu einfache Lösung für den Roman, der eigentlich viel Potential hätte.

"Der Himmel war wolkenlos, strahlend blau, für ihn hatte er jedoch jegliche Farbe verloren, wie die Blätter an den Bäumen und die Blumen in den Fensterkästen. Ihres sommerlichen Leuchtens beraubt." S.144


Eine Geschichte, die mich leider etwas enttäuscht zurückgelassen hat.  Gefallen haben mir die Überlegungen hinsichtlich des Konflikts zwischen Japan und Amerika und der Frage nach einem Schuldigen im Krieg. Auch einige Schnappschüsse, die man aus der Landschaftsbeschreibung mitnimmt sind durchaus geglückt und die Charaktere, die den Protagonisten in der Handlungsentfaltung unterstützen sind gut gewählt, allen voran sein Freund Aldous. Leider konnte ich persönlich mit Edward, dem Schriftsteller der auf sein Leben zurückblickt, nach und nach immer weniger anfangen. Für mich hat sich zwischen seinen jungen Jahren und der Gegenwart nicht viel verändert und seine Fehler abzuschwächen, die meiner Meinung nach teilweise schwerwiegend waren, in dem das Mitleid der Leser verlangt wird, ist für mich dann doch zu banal und eine schlechte Lösung gewesen.


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