Die Farbe von Milch von Nell Leyshon

April 20, 2019




Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "The Colour of Milk"/ 2013) Heyne (2019), Übersetzer/in: Wibke Kuhn (aus dem Englischen), ★★★★(☆) 4,5 Sterne
„' Mein Name ist Mary. Mein Haar hat die Farbe von Milch. Und dies ist meine Geschichte.'
Mary ist harte Arbeit gewöhnt. Sie kennt es nicht anders, denn ihr Leben auf dem Bauernhof der Eltern verläuft karg und entbehrungsreich. Doch dann ändert sich alles. Als sie fünfzehn wird, zieht Mary in den Haushalt des örtlichen Dorfpfarrers, um dessen Ehefrau zu pflegen und ihr Gesellschaft zu leisten – einer zarten, mitfühlenden Kranken. Bei ihr erfährt sie erstmals Wohlwollen und Anteilnahme. Mary eröffnet sich eine neue Welt. In ihrer einfachen, unverblümten Sprache erzählt sie, wie ihr Schicksal eine dramatische Wendung nimmt, als die Pfarrersfrau stirbt und sie plötzlich mit dem Hausherrn alleine zurückbleibt.“

MEINE MEINUNG / FAZIT  

"Ich stützte die Hände in die Hüften. Ich hab mein Leben lang ständig Ärger bekommen, sagte ich, aber das hat mich noch nie davon abgehalten weiter zu sagen was ich denke." S.11

Obwohl der Roman aufgrund des Bildungsstands der Protagonistin und in Anlehnung an die Ausdruckweise eher einfach erscheint, ist er nicht einfach zu verkraften. Besonders der letzte Teil hat einige sehr intensive Passagen, die auf körperliche Gewalt bezugnehmen.
Nell Leyshon erschafft mit der Figur Mary ein Mädchen, welches weiß, was sie kann und was sie will, was sie vom Leben erwartet. Vieles erscheint ihr so simpel, die Menschen in ihrer Umgebung aber verhalten sich so, als würde es für sie manchmal keinen Sinn ergeben. Zu viele Regeln, zu viele Bestrafungen, zu wenig Nächstenliebe. 
Was den Leser an der Protagonistin aber vor allem begeistert, ist die ehrliche und direkte Art, wie sie ihre Geschichte erzählt. Sie gerät durch ihre Äußerungen manchmal in Schwierigkeiten, erhält gerade dadurch aber auch Möglichkeiten, die sie weiterbringen. Sie ist einigen Menschen durchaus dankbar, aber sie verliert sich nicht in dem Dank. Sie weiß, dass sie selbst auch viel leistet und erarbeitet, fühlt sich also nie völlig untergraben. Das ist eine Eigenschaft der Figur, die sich durch den ganzen Roman zieht und die unheimlich wichtig ist. 
Grundsätzlich sieht der Leser durch Mary viele Dinge anders, obwohl man auf Anhieb versteht, welche Beziehungen und Konfrontationen problematisch sind. Durch ihre sehr einfache und direkte Sicht auf die Lebensweisen, lässt sie aber alles so einfach wirken. Zum Beispiel, wenn es darum geht, dass es selbstverständlich ist, dass man älteren Familienmitgliedern hilft und sich um sie kümmert oder dass man Menschen die Wahrheit schonungslos ins Gesicht sagen muss, auch auf die Gefahr hin, dass sie trotzdem nichts daran ändern werden. Der Versuch, etwas besser machen zu wollen, ehrlicher machen zu wollen, zählt.

"‘schau mich an, sagte ich, ich hab dieses große Futterkiste rausgezerrt. Ich hab nicht gesehen dass Gott da seine Finger im Spiel gehabt hätte.'
                'Kann schon sein dass er kein Futter rumzerrt, sagte sie. aber er lässt es wachsen.‘
Verdammt aber auch, sagte ich, und ich dachte doch tatsächlich ich hätte die ganze Saat ausgebracht.'“ S.10

Die Thematik rund um den Glauben und die göttliche Macht wie auch das Verhältnis zwischen Gut und Böse spielen in diesem Roman ebenfalls eine zentrale Rolle. Besonders wenn man die Zeit betrachtet, in welcher der Roman spielt (um 1830), setzt man sich mit der Ideologie dieser Kraft Gottes auseinander. Zudem wird durch die Figur des Pfarrers natürlich erweiternd darauf eingegangen, in wieweit die guten Absichten an Kraft verlieren, wenn Menschen selbst zu schwach sind, um das "Gute" zu beherzigen und umzusetzen. Daraus folgen natürlich auch Überlegungen, die darauf anspielen, wie unehrlich Menschen sein können (zu sich selbst und anderen gegenüber), wie sie sich von ihrem Schein, den sie nach außen hin versuchen aufrechtzuerhalten, abgrenzen und wie der Glaube als Vorwand dienen kann, um sich dahinter zu verstecken.
Der Roman bietet wirklich einiges an pikanten Gesprächsthemen, die in Kombination mit der Protagonistin durchaus gut funktionieren. Man fühlt immer mit ihr mit, versucht ihre Hinweise, die am Anfang jedes neuen Kapitels auftauchen, zusammenzusetzen und man empfindet oftmals auch einfach eine gewisse Begeisterung für sie, weil sie sich auf dem Weg nicht selbst verliert und weiterkämpft.

"Mutter, fragte ich, wenn ich ein Baby bekommen würde, hätte das dann auch so ein Bein wie ich? Weiß nicht, sagte sie. Kein Mensch weiß vorher was er kriegt. Ich hab dich gekriegt und schau dich doch an." S.44
 

Sicherlich ein Roman, der nicht für alle leicht zu verkraften ist. Besonders das letzte Drittel spielt zunehmend auf körperliche Gewalt an. Die Protagonistin Mary lässt den Leser aber keineswegs unberührt. Sie ist direkt und gibt all ihre Erfahrungen an den Leser weiter. Ihr Schreibstil ist eher simpel, offenbart aber dadurch schonungslose Wahrheiten, die andere Menschen in ihrer Umgebung versuchen, gerade durch die gebildetere Sprache, zu verschleiern. Es ist eine Geschichte die den Leser bewegt und die darüber hinaus Fragen stellt, die sich auch auf den Unterschied zwischen "gebildeten" und "einfachen" Leuten und deren moralisches Verhalten bezieht.



2 Kommentare:

  1. Ich bin gerade sehr erleichtert, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat :)
    Mary habe ich schon nach einigen Seiten in mein Herz geschlossen, genau aus den Gründen, die du hier beschreibst. Ich bin wirklich gespannt, ob das neue Buch der Autorin auch so mitreißend sein wird.

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    1. Ich war auch überrascht, wie schnell man von ihrer Perspektive gefangen genommen wird. Hab es mir am Anfang doch noch irgendwie anders vorgestellt, aber ich mochte es so wie es war, mehr, als meine Vorstellung. :D Danke also auch an dich für deine Rezension!

      Bin auch versucht ihr neues Buch zu lesen. Hoffe man wird aber dann nicht enttäuscht, weil man den ersten Roman so gut fand.


      Liebe Grüße
      Karin

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