Main Street von Sinclair Lewis

Juni 25, 2018



Werbung - Rezensionsexemplar (Original: "Main Street"/ 1920) Manesse, Übersetzer/in: Christa E. Seibicke (aus dem amerikanischen Englisch),   ★★★★(☆) 4,5 Sterne
"Carol Kennicott, eine junge Frau aus Neuengland, hat es in ein Provinznest verschlagen, deren Einwohner, so merkt sie rasch, völlig anders ticken als sie. Um keinen Preis wollen sie von Vorurteilen abrücken und mit neuen Ideen beglückt werden. Im Gegenteil: Wer an ihren tief verwurzelten Überzeugungen rüttelt, kann sein blaues Wunder erleben."

MEINE MEINUNG / FAZIT
  
"'Ich frage mich...', Carol versank unversehens wieder im Weltschmerz des Vorabends, '...ich frage mich, ob diese Farmer nicht bessere Menschen sind als wir. So schlicht und so fleißig. Die Stadt lebt doch von ihnen. Wir Städter sind Parasiten, und trotzdem fühlen wir uns ihnen überlegen.'" S.128

Bei vielen sehr langen und ausführlichen Romanen neige ich dazu abzuschweifen, wenn sie nicht etwas an sich haben, was mich irgendwie fesselt. Sinclair Lewis hat dies bei mir nun zum zweiten Mal geschafft (nach "Babbitt"). Sie sind tatsächlich sehr lang und man muss diesen Stil dennoch einigermaßen mögen, dass vieles detailliert beschrieben wird; sprich die Wohngegend, die Nachbarn, die Stimmung und der Eindruck, den die Protagonistin von ihren Erlebnissen hat. Kann man sich aber darauf einlassen, so wird man mit einem weitgefächerten Inhalt, inklusive guten gesellschaftskritischen und allgemeinen Überlegungen zum Verständnis einer Gemeinschaft belohnt.
Diese Kritik ist aber nie zu schwerfällig. Man hat nicht das Gefühl, dass man einen deprimierenden Roman liest, denn der perfekte Funken Witz ist immer in den Zeilen versteckt.
Zudem sorgt Lewis dafür, dass die Erzählung trotz Länge wunderbar vielseitig und vor allem vielschichtig bleibt. Es gibt nicht nur einen Standpunkt der überwiegt. Als Leserin habe ich mich ständig in neue Positionen geworfen, man geht verschiedene Szenarien durch und muss entscheiden, ob es überhaupt eine perfekte Lösung für eine Stadtgemeinschaft geben kann. Oder sind Menschen nicht dazu in der Lage, vollkommen frei von Normen zu leben, die einen einschränken oder ausgrenzen können?
So ist auch die Protagonistin Carol eine erfreuliche "Begleiterin". Ihre Perspektiven und Einstellungen sind wechselhaft, je nach Erfahrung, neuer Bekanntschaft oder neuer Idee. Glücklicherweise ist aber immer alles sehr nachvollziehbar und realistisch. Man hat nicht das Gefühl, dass ihre Person, eben durch die Wechselhaftigkeit, keinen Sinn ergibt.
Carol kann man zudem schwer in eine Schublade stecken. Sie möchte etwas erreichen, ist an vielem interessiert, verfolgt so viele Ziele wie nur möglich, stellt aber fest, dass es nicht so einfach ist, Menschen, insbesondere Menschenmengen (wie in Gopher Prairie) zu etwas zu bewegen oder ihnen Ansichten nahezulegen, die etwas in Schwung bringen könnten.
Für mich war es zudem erstaunlich zu sehen, dass ein Roman aus den 1920ern so aktuell ist. Vor allem in Bezug auf das Verlangen der Menschen nach "Gleichem". Jeder will das haben, was der andere hat. Hier in einem größeren Ausmaß, da jede Vorstadt der anderen gleicht. Betrachtet man unsere heutigen Innenstädte, Shoppingmalls und anderes, stellt man ebenso fest, dass es eigentlich überall die gleichen Angebote gibt, die gleichen Läden und dass sich auch die Struktur der Städte immer mehr Ähnelt, weil man sich "schneller orientieren" möchte.
Grundsätzlich sind die gesamten Figuren lebhaft, auch wenn die Intention ist, einige davon als eben nicht "lebhaft" darzustellen. Sie erwecken aber oft den Eindruck, als seien sie einer Sitcom entsprungen. Sie passen sich ihrer Umgebung perfekt an und zeigen so einen guten Gegensatz zwischen Großstadt- und Prärieleben auf.

"'Der Spießervirus ist jener Krankheitserreger, der - und hierin ähnelt er auffallend dem Hakenwurm - ehrgeizige Menschen befällt, die zu lange in der Provinz hängen bleiben. Er grassiert wie eine Seuche unter Rechtsanwälten, Ärzten, unter Geistlichen und Kaufleuten mit Collegeabschluss - also bei all denen, die einen flüchtigen Blick auf die denkende, lachende Welt erhaschen und doch in ihrem Sumpf zurückgekehrt sind.'" S.335f.

Sehr präsent sind zudem die Bestrebungen der Protagonisten, ihre Erfahrungen mit den Mitmenschen und deren Vorurteile, aber auch der Kampf um Anerkennung. In Carols Fall auch die Anerkennung als leistungsstarke Frau, aber auch als ehrenvolles Mitglied einer Stadt, die diese voranbringen möchte. Sehr gelungen ist hier zudem die präsente "Botschaft", dass die Frauen nicht unterdrückt werden und keineswegs als brave Mütterchen angesehen werden sollten, die nur am Herd stehen.
Auch wenn die Länge es in sich hat, möchte man doch gerne weiterlesen und herausfinden, wer sein Glück findet und wer sozusagen kapituliert.
Ich fand es sehr interessant zu sehen, wie realistisch die Wünsche und das Scheitern an ihnen dargestellt werden. Wie aktiv manche vorgehen, um etwas "besser" zu machen und andere sich davor ängstigen, dass sich etwas verändern könnte und dies so gut es geht unterbinden möchten. Es ist nicht nur der Kontrast zwischen Großstadt und Prärie, sondern auch der Kontrast zwischen Optimisten und Pessimisten, zwischen Menschen, die die Initiative ergreifen möchten und Menschen, die lieber im Hintergrund ihre Fäden ziehen, um alles beim Alten zu lassen und andere einzuschüchtern, der hier wunderbar aufgezeigt wird.
Mir gefiel somit die gesamte Darstellung der verschiedenen Menschentypen, die sich eine Vorstellung von dem Leben in der Großstadt oder den kleineren Städten machen. 
Zu Beginn des Romans bekommt man ein schönes Beispiel geboten, in dem der erste Anblick von Gopher Prairie von Carol und Bea, ihrer späteren Haushälterin eingebunden wird. Diese stehen in einem starken Kontrast zueinander, zeigen aber auf, dass es viele verschiedene Blickwinkel gibt und die Situationen von Menschen nie gleich bewertet werden.
Gestört hat mich leider die Beibehalten der Bezeichnung von Schwarzen aus früherer Zeit. Hier hätte ich mir eine neue Wortwahl gewünscht (eventuell notfalls mit Vermerkt auf das Original), weil ich mich persönlich unwohl fühle, wenn der Begriff einfach weiterhin verwendet wird, auch wenn sie in einem Klassiker vorkommen. Es ist auch hier an der Zeit, mal einen Schritt zur Veränderung zu gehen, wie es im Buch mehrmals vorgeschlagen wird.

“Ich lasse nicht gelten, dass Geschirrspülen ausreicht, um eine Frau zufriedenzustellen!” S.950


Wahnsinnig vielschichtiger Roman, der die gesellschaftlichen Muster aufzeigt. Großstadt- und Prärieleben werden hier gegenübergestellt, jedoch dominieren hier auch ganz andere Themen. Zum Beispiel die Stellung der Frau, der Wunsch nach Anerkennung von seinen Mitmenschen und die damit verbundene Zurückhaltung, wenn es um Initiativen geht, die eine Veränderung für alle mit sich bringen würden. Sehr empfehlenswerte Geschichte, auch wenn man die ausgeschmückten Beschreibungen von der Umgebung und anderen Details mögen muss.



Kommentare:

  1. Von Sinclair Lewis hab ich tatsächlich auch noch was daheim liegen, das ich irgendwann noch mal lesen möchte.
    An sich find ich es cool, dass Manesse in ihrer Reihe auch weniger bekannte ältere Autoren wieder auf den (deutschen) Markt bringt, nur leider kann ich mit dem Format überhaupt nichts anfangen. Ich find die Bücher einfach viel zu klein und unhandlich. Ging dir das auch so?

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    1. Das Format finde ich eigentlich ganz gut. Bei den dicken Wälzern, wie jetzt zum Beispiel Babbit oder Main Street wäre es Zuhause etwas angenehmer, wenn es in einem etwas größeren Format daher kommen würde, aber für die Bahn sind die kleinen Bücher einfach perfekt. Man kann sie einfach sehr gut mitnehmen und sie nehmen nicht viel Platz ein.


      Liebe Grüße
      Karin

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  2. Oooh, ich bin so gespannt, ich lese das Buch nämlich auch als Nächstes...!

    Neri, Leselaunen

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    1. Dann wünsche ich dir ganz viel Spaß mit der Lektüre! : )


      Liebe Grüße
      Karin

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