Mai

Mai 31, 2016


The Knife Of Never Letting Go (Chaos Walking #1) von Patrick Ness

Mai 30, 2016




(Original: "-"/ 2008) 480 Seiten,  TaschenbuchTrilogie, Englisch   ★★★  4 Sterne

Todd Hewitt ist der letzte Junge unter Männern in seiner Heimatstadt "Prentisstown". Die Stadt an sich, ist aber nicht wie jede andere Stadt. Untereinander hört jeder die Gedanken des anderen. Es wird zu einem überwältigenden, konstanten und niemals endenden Geräusch. Ein stetiger Laut. Es gibt keine Privatsphäre, für niemanden. Keine Geheimnisse. Oder etwa doch? Kurz vor seinem Geburtstag gerät Todd in einen Strudel von undenkbaren Ereignissen und findet zudem eine Stelle, in der völlige Ruhe herrscht. Was allerdings in Prentisstown unmöglich ist. Prentisstown hat Gehemnisse...


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Knowledge is dangerous
S.52

Gefühlt eine Ewigkeit ist es her, dass ich ganz Bewusst wieder zu einem Jugendbuch gegriffen habe, dass sogar noch aus einer Reihe besteht. Ich dachte, alle Themen könnten schon in etwas variierter Weise angesprochen worden sein. Keine Überraschungen mehr. Und dann kommt plötzlich Patrick Ness um die Ecke und wirft all meine Empfindungen wieder über Bord. Natürlich ist "The Knife of Never Letting Go" erst der Auftakt einer Reihe und die beiden Bände stehen mir noch bevor, aber es ist ein Auftakt, der sofort Lust auf Mehr macht. Bei vielen Büchern vermisse ich die Spannung und die nötige Präsenz des Buches an sich, vor allem beim Erstlingswerk. Patrick Ness schafft es definitiv, diese Präsenz zu schaffen. Der Leser bleibt zwar, wie man sich das bei Reihen wünscht, mit einigen Fragen zurück, greift aber auch unheimlich viel auf, dass auch preisgegeben wird. Es werden keine hundert Seiten darauf verwendet, gewisse Handlungsstränge unnötig in die Länge zu ziehen, um dann den Folgeband spannender zu gestalten. Nein, man wird hier definitiv nicht enttäuscht. Der Klappentext an sich, deutet zwar eine mysteriöse Stadt an, aber so wirklich etwas Konkretes konnte ich mir auf den ersten Seiten noch gar nicht richtig vorstellen. Anfangs war ich etwas verwundert, vor allem über einige Schreibweisen. Man merkt aber schnell, dass alles so seinen Sinn und seinen Zweck erfüllt. Erstaunlicherweise empfand ich das Buch als sehr "reif" und auch in der eigentlichen Umsetzung sehr "ausgereift", trotz der jungen Protagonisten. Selbstverständlich bauen sich aber erst nach und nach gewisse Konstrukte zusammen, die dafür sorgen, dass der Leser in gewissen Passagen das Gefühl hat, als würde sein Herz brechen. Ja, auch das geschieht leider. Zumindest war das bei mir der Fall.

"[...][I]t´s a song that´ll always take care of you and never leave you. If you have a heart, it breaks, if you have a heart that´s broken, it fixes.S. 239

Die Figur des Todd Hewitt ist sicherlich aus vielen Perspektiven betrachtet mit viel Potenzial für Überraschungen, Geheimnisse und Entwicklungen ausgestattet. Ich persönlich musste mich auf den ersten Seiten erst mit ihm "warm lesen". Das lag sicherlich auch daran, dass ich es laut eigener Empfindung, gar nicht mehr "gewöhnt" war, Jugendbücher zu lesen und mich demnach auch mit den sehr empfindsamen Gefühlen der Jugendlichen auseinanderzusetzen. Wobei man durchaus sagen muss, dass die Situationen die nach und nach folgen und die Geschichte, die nach und nach aufgedeckt wird, nicht zwingend auf einem Jugendbuch hätte basieren müssen. Das ist auch das, was mich dazu verleitet hat, das Buch sofort durchzulesen. Sicherlich findet man in der sprachlichen Ausdrucksweise deutliche Merkmale für einen jugendlichen Protagonisten. Stereotypische Szenen, finde ich, werden aber gekonnt beiseite gelassen. Zumindest in diesem ersten Buch. Es geht tatsächlich hauptsächlich um die Geheimnisse einer Stadt. Andeutungen an die Entwicklung des Protagonisten und den Hinweis darauf, dass die "Wandlung zum Mann" eine Rolle spielt, lässt also vermuten, dass es nicht bloß um einen Helden geht, der wieder einmal versucht das tollste Mädchen zu bekommen und sich mit anderen rivalisieren muss. Keine Highschool Atmosphäre, keine dramatischen, typischen Teenager-Probleme. Allerdings finden sich einige Elemente wieder, die in der Welt, wie wir sie kennen, nicht zu finden sind und viele dies sofort als "Jugendbuch" charakterisieren würden. Meiner Meinung nach, sind es einfach Elemente, die "Science Fiction" angehaucht, aber nicht zwingend "jugendlich" sind. Ich hoffe daher, dass es auch dabei in den nächsten beiden Büchern bleibt und Patrick Ness weiterhin seine Kreativität spielen lässt, der Handlung noch ein wenig mehr Würze verleiht und man nicht mit einem "stumpfen" Ende konfrontiert wird.

"Maybe there really is hope at the end of the road.S. 423



Innovative Geschichte, rund um einen Jungen, der einem Geheimnis auf die Schliche kommt. Tarnt sich als Jugendbuch, ist auch sicherlich sprachlich dort heimisch, thematisiert aber Dinge, die durchaus auch in einem Werk für Erwachsene, Gesprächsthema hätten sein können. Gesellschaftliche Bräuche, neue Bevölkerungen und etwas "Science Fiction" lassen dieses Werk einer Trilogie zu einem sehr spannenden und auch recht nachdenklichen Auftakt werden.





It´s teatime, my dear! von Bill Bryson

Mai 27, 2016


(Original: "The Road to Little Dribbling"/ 2015) 480 Seiten,  gebunden,  Einzelband,   ★★★  4 Sterne

"Abwarten, Tee trinken, weiterreisen! Vor über dreißig Jahren beschloss der Amerikaner Bill Bryson, England zu seiner Wahlheimat zu machen und für einige Jahre dort zu leben. Damals brach er auf zu einer großen Erkundungsreise quer über die britische Insel. Inzwischen ist er ein alter Hase, was die Eigentümlichkeiten der Engländer betrifft, aber dennoch entdeckt er immer wieder Neues, was ihn fasziniert und amüsiert. Kein Wunder also, dass es ihn reizt, diese Insel erneut ausgiebig zu bereisen. Von Bognor Regis bis Cape Wrath, vom englischen Teehaus bis zum schottischen Pub, von der kleinsten Absteige bis zum noblen Hotel, Bryson lässt nichts aus und beantwortet zahlreiche Fragen. Wie heißt der Big Ben eigentlich wirklich? Wer war Mr. Everest? Warum verstehen sich Amerikaner und Engländer nur bedingt? Bill Bryson will noch einmal wissen, was dieses Land so liebenswert macht, und begibt sich auf den Weg – schließlich ist er wieder reif für die Insel!"


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Ich verbrachte die Zeit damit, einen diskreten Blick in die Schubladen meines Schreibtischs zu werfen - die nicht abgeschlossen, aber leer waren - und auszuprobieren, ob man Spaß dabei haben kann, wenn man einen Cursor auf einem leeren Bildschirm hin und her bewegt. Fehlanzeige.
S.23 (Bill Bryson über das Warten bei seinem britischen Einbürgerungstest)

Ein gebürtiger Amerikaner, der auf erstaunlich britische, charmante Weise, über seine Reise an die tollsten Orte Englands erzählt. Das muss ja unterhaltsam sein, würde man sich da denken. Und genau das ist es auch. Bill Bryson versteht es, ganz langweilige Statistiken und Fakten mit schönen und lustigen Anekdoten zu würzen. Begegnungen mit berühmten Leuten und private Erlebnisse bleiben natürlich auch nicht aus. Neben einigen sehr wissensüberliefernden Passagen, tauchen immer wieder so komische Beschreibungen seines Lebens und seiner Reisen in England auf, dass man sich manchmal fragt, was man da denn nun gerade liest. Eine Reisebeschreibung oder ein humoristisches Tagebuch. Nun, es ist schlichtweg beides. Genau diese Mischung macht das Buch zu einer tollen Sommer- Bahn oder was auch immer - Lektüre. Man bildet sich etwas und fühlt sich wunderbar unterhalten. Egal ob von wildgewordenen Kühen, Shoppingerlebnissen mit aufdringlichen Verkäuferinnen, dem Versuch, bei jeder Möglichkeit eine Tasse Tee trinken zu können oder der schlichten Bewunderung der schönen, stillen Orte Englands. Bill Bryson vereint die gesamten Eindrücke, seien sie noch so negativ oder positiv, in einem Buch. Für mich, als ziemlich England- Begeisterte ist das Buch also ein wahres Erlebnis. Man kann mit dem Autor gemeinsam das Gebiet rund um Stonehenge bewundern und kriegt kostenlos ein paar bissige, wie auch informative Kommentare zu hören. Sicherlich muss man etwas für diese Kommentare übrig haben, ohne immer direkt aufzuschreien und die Ironie dahinter nicht verstanden zu haben. Bill Bryson ist nun mal ein sehr eigener Charakter. Dennoch habe ich es sehr genossen, die Wanderungen "miterleben" zu können.

"Fast 40 Prozent von London sind Grünfläche. Man hat all den Lärm und das geschäftige Treiben einer Metropole, und dann biegt man um eine Ecke und hört Vogelgezwitscher. Perfekt.S. 74

Der Schreibstil ist daher recht flüssig, einfach, aber nie "platt", sodass man sich denkt, dass es langweilig wird oder, dass der Autor gar nicht weiß, wovon er redet. Obwohl er viele englische Dinge oder auch Institutionen kritisiert, weist er selbst immer mal wieder darauf hin, dass er selbst nicht fehlerfrei ist. Ich persönlich finde, das hat dem Buch definitiv etwas Positives beigesteuert, da man durchaus versteht, dass der Autor dadurch selbst Dinge reflektiert und darauf hinweist, dass der Leser eine ganz andere Meinung haben kann und auch darf. Ebenfalls positiv ist mir die Gliederung des Ganzen aufgefallen. Ich hätte nicht erwartet, dass das Buch gute vierhundertachtzig Seiten umfasst, daher ist es hilfreich, dass sich zu Beginn ein Inhaltsverzeichnis mit allen besuchten Orten finden lässt und zudem in jedem Kapitel genügend Pausen gesetzt werden. So muss man nicht etliche Seiten lesen, um sich eine Pause gönnen zu können. Ich selbst mochte es aber generell lieber, mehrere Kapitel hintereinander zu lesen, da man dadurch das Gefühl des "britischen" und diese Beschreibungen der Orte viel harmonischer wahrnimmt. Das ist aber sicherlich bei jedem Leser anders und vielleicht auch abhängig davon, ob man selbst schon gewisse genannte Orte besucht hat. Verschont bleibt der Leser auch nicht von Bill Brysons herrlichen Vorher / Nachher Eindrücken, die er von den verschiedenen Orten hat. So werden zunächst tolle Landschaften beschrieben und anschließend die negativen Entwicklungen. Denn wer braucht schon im Museum Sachen, die einem etwas beibringen, wenn man diese auch durch Imbisse ersetzen kann, die einem Pommes verkaufen? (Gute Museen werden natürlich auch erwähnt.)

"Wir leben in einer Welt, die so gut wie keine Wertschätzung von Qualität, Tradition oder Eleganz besitzt und in der Leute, die nicht einmal alltägliche Worte korrekt schreiben können, darüber entscheiden, was überlebt. Das kann ganz bestimmt nicht richtig sein. Ich bin, wie ein TripAdvisor-Berichterstatter es womöglich formulieren würde, zutivst beunrigt.S. 58

Humorvolle und tolle britisch / amerikanische Sicht auf die vielen Gebiete Englands. Neben dem ständigen Bedürfnis Tee trinken zu wollen und dem Auslassen an verschiedenen britischen Fehlschlägen, entführt Bill Bryson den Leser aber auch auf tolle Orte und Pfade, die es sich lohnen würde, auch in der Wirklichkeit zu besuchen. Ereignisreich, mit vielen Fakten und mit der nötigen Prise Humor versehen. Eine kleine Hommage an die Natur und Kultur und ein Hinweis an den Leser nicht immer alles für Selbstverständlich zu halten. Am Ende ist man wirklich erstaunt, wie viele bedeutsame Menschen und Entwicklungen aus England stammen und dort zu finden sind.




Vielen Dank an den Goldmann Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Classics Unfolded

Mai 25, 2016





Die "Classics Unfolded". Zugegeben, der Beitrag ist nicht unbedingt "neu", aber auf einen neuen Stand gebracht. Ich habe bereits im Juli letzten Jahres darüber einige Worte verloren. Dennoch würde ich euch die Bücher gerne noch einmal im neuen Gewand vorstellen, da sich nun auch die vierte Ausgabe "Romeo & Juliet" dazu gesellt hat. Also noch einmal von vorne. Was sind die Classics Unfolded überhaupt? Diese Reihe besteht derzeit aus vier Büchern, die im Rockpoint Verlag erschienen sind. Darunter finden sich die Titel: "Pride & Prejudice" von Jane Austen, "Romeo & Juliet" von William Shakespeare, "The Secret Garden" von Frances Hodgson Burnett und zu guter letzt "Alice´s Adventures in Wonderland" von Lewis Carroll. Das Besondere an den Büchern ist aber, dass sie nicht einfach nur mit Illustrationen ergänzt werden, sondern dass sich die Geschichte quasi eher durch die Bilder erzählt und der Text nur eine Nebenrolle spielt. Jeweils vierzehn Szenen werden dargestellt, zusätzlich mit einer Randbemerkung versehen und einem Zitat aus dem jeweilgen Buch. Die Bücher heißen natürlich aber auch nicht umsonst "Classics Unfolded". Alle Bücher sind in einer Art "Ziehharmonika" aufgemacht. Sprich, man kann sie auseinanderklappen und sieht dann alle Szenen, der jeweils ersten oder zweiten Hälfte nebeneinander. Soweit ich das überblicken konnte, gibt es zwei Ausführungen. Eimal die, die ich besitze, die gebundenen Varianten, die man aus dem Schuber herausziehen kann und einmal die Taschenbuch Variante. Laut Inhaltsangabe sollen bei der Taschenbuch Variante sechzehn statt vierzehn Illustrationen zu sehen sein. Mir waren diese allerdings etwas lieber. Die Illustrationen wurden jeweils von zwei verschiedenen Damen vorgenommen. Jeweils zwei Bücher wurden von "Yelena Bryksenkowa" und zwei von "Becca Stadtlander" illustriert. Ich finde beide haben wirklich gute Arbeit geleistet! Sicherlich hätte ich also keine Probleme damit, wenn der Verlag noch weitere Ausgaben herausgeben würde.

Jeder der ein kleines Bücher-Sammlerherz besitzt und zusätzlich auf der Suche nach besonderen Klassiker Ausgaben ist, dem kann ich diese Bücher wirklich empfehlen. Ich schaue immer mal wieder gerne in die Geschichten rein. Sie sind mit viel Liebe gestaltet und zeigen wunderbar auf, wie vielfältig man ein Werk umsetzen kann. Ich finde sie sind zudem wunderbar geeignet, um anderen Lesebegeisterten eine Freude zu machen, sprich sie sind eine tolle Geschenkidee.







Gedankenschnappschuss: Reread

Mai 17, 2016

Heute.
Mich beschleicht ein immer stärkeres Bedürfnis, eine Liste anzulegen, von all den Büchern, die ich noch einmal lesen möchte. Eine "To be re-read Liste", wenn man so will. Vor allem von Büchern, die das Gefühl eines kleinen Zaubers im Alltag durchscheinen lassen. Geschichten, die selbst funkeln und genügend Material für neue Träume bieten. Die Tage zurzeit sind schlichtweg zu grau. Wo bleibt der warme Frühling, der uns einen kleinen Schubser verpasst? Der uns neue Motvationen bringt?

Ganz oben auf meiner Liste: "Stardust" von Neil Gaiman. 
"He stared up at the stars: and it seemed to him then that they were dancers, stately and graceful, performing a dance almost infinite in its complexity. He imagined he could see the very faces of the stars; pale, they were, and smiling gently, as if they had spent so much time above the world, watching the scrambling and the joy and the pain of all the people below them, that they could not help being amused every time another little human believed itself the center of its world, as each of us does." - "Stardust" / Neil Gaiman, S. 78




Der weite Raum der Zeit von Jeanette Winterson

Mai 15, 2016











(Original: "Gap of Time"/ 2015), Knaus Verlag: Bibliografie  auf der Verlagsseite »,  288 Seiten,  gebunden,  Einzelband,   ★★★★() 4 bis 5 Sterne
Dieser Roman ist Teil der Reihe: Hogarth Shakespeare bei Knaus
"Der Londoner Investmentbanker Leo verdächtigt seine schwangere Frau MiMi, ihn mit seinem Jugendfreund Xeno zu betrügen. In rasender Eifersucht und blind gegenüber allen gegenteiligen Beweisen verstößt er MiMi und seine neugeborene Tochter Perdita. Durch einen glücklichen Zufall findet der Barpianist Shep das Baby und nimmt es mit nach Hause. Jahre später verliebt sich das Mädchen in einen jungen Mann – Xenos einzigen Sohn. Zusammen machen sie sich auf, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen und alte Wunden zu heilen, damit der Bann der Vergangenheit endlich gebrochen wird."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Dreizehn Monate hat das Kalenderjahr. Auf dem Mond ist die Zeitmessung eine andere. In achtundzwanzig Tagen hat der Mond die Erde einmal umkreist. Als suchte er etwas, das er verloren hat. Vor langer Zeit.“
S.129

Dass Menschen sich danach sehnen, die Vergangenheit zurückzuholen oder die Zeit zurück drehen zu können, zeigte uns schon F. Scott Fitzgerald mit seiner bekannten Figur des Jay Gatsby. Auch Jeanette Wintersons Roman verkörpert diese Sehnsucht und den Weg, den man auf sich nehmen muss, wenn man die Zeit zu lange verstreichen lässt. „Der weite Raum der Zeit“ ist ebenfalls Teil der Hogarth Shakespeare Reihe. Hier wird „Das Wintermärchen“ neu interpretiert. Meiner Meinung nach hat Winterson die Geschichte auf sehr interessante und sehr moderne Weise umgesetzt. Es werden zwar Protagonisten erschaffen, die altertümliche Namen tragen, dies dient aber vor allem dem Wiedererkennungswert aus Shakespeares Stücken. Das war definitiv hilfreich, da man dadurch die direkte Verbindung und die Unterschiede beider Geschichten wahrnehmen konnte. Alle üblichen Merkmale sind sehr modern. Es werden Metaphern verwendet, die durch das Hinzuziehen eines, von dem Protagonisten Xeno erstellten Computerspiels,  eine unfassbar breite Spanne an Auslegungen bietet und gleichzeitig den Kern der eigentlichen Aussage trifft. Dies wirkt aber nie „platt“, sondern weist immer einen sehr angenehm weichen Schreibstil auf, wie auch einen gedanklichen roten Faden, der sich mit jeder weiteren Seite zu einem wunderbaren Konstrukt bildet. Es gibt so viele schöne Passagen, die ich mir angemerkt habe, weil sie immer genau das Ausdrücken, worauf es wirklich ankommt. Die Figuren werden zwar zu Beginn, in einer kurzen Zusammenfassung des Shakespeares Stücks eingeleitet, entwickeln sich aber in Jeanette Wintersons Roman zu sehr eigenständigen und neuen Figuren. Das einzige kleine Manko, das ich ganz zum Schluss mit der Erzählweise hatte, war, dass mir das Ende zu abrupt und zu „Happy End“ mäßig war, obwohl ich die Strategie dahinter verstehen kann. Immerhin vergehen beinahe zwei Jahrzehnte, bevor sich alle Figuren wiedertreffen. 

Was für einen Nutzen hat die Zeit, wenn du keine hast?´“ S. 145

Obwohl ich auf den ersten Seiten noch etwas skeptisch war, ob mir die neue Interpretation gefallen würde, konnte ich zum Schluss nicht genug bekommen. Das lag nicht nur an der geschickten Gliederung, die zum Gefühl beitrug, dass man doch gewisse Teile von Shakespeares Einfluss deutlich wiedererkennen konnte, sondern auch an den vielen „träumerischen“ Ausdrücken und Gedankenanstößen, die die Autorin verwendet. Es gab Passagen, bei denen ich, nachdem ich sie gelesen habe, erst einmal eine kleine Pause gemacht habe, sie noch einmal gelesen habe. Manche Sätze fand ich so schön, dass sie ganz alleine für sich stehen könnten, ohne jegliche Geschichte, die sich darum bildet. Die Intention, aufzuzeigen, dass die Vergangenheit zwar nun einmal der Vergangenheit angehört, es aber immer noch eine Zukunft gibt, in der man vieles verändern kann, ist endlich mal wieder eine so schöne Botschaft, dass mich das Buch derzeit mitunter am meisten beeindruckt hat. In einer Zeit, in der man nur noch danach strebt, erfolgreich zu sein, ist es eine schöne Abwechslung, ein Buch zu lesen, das einen wieder an die wichtigen Dinge denken lässt und man sich ein Stück weit wieder inspiriert fühlt, sich selbst darüber klar zu werden, wie man die Zukunft für sich gestalten möchte um glücklich zu sein. Was mir noch zusätzlich zu der eigentlichen Geschichte gefallen hat, war der Epilog. Der sich nicht direkt auf die Geschichte bezieht, sondern in dem die Autorin selbst, einige Worte zu ihrer und der Geschichte Shakespeares sagt. Das hat für mich, das gesamte Werk noch einmal abgerundet.

"´Aber was tun´ fragte MiMi. ´Wenn du, um frei zu sein, alles um dich herum zerstören musst?´ ´Und sonst stirbst du?´ ´Ja. Und sonst stirbst du.´“ S. 75

Vergangenheit, Reue,  Lebenslinien und die Zeit an sich, in all ihren Facetten, bestimmen die Geschichte. Ein toller Schreibstil und interessante, zwar an Shakespeares Figuren angelehnte, aber doch sehr eigenständige Charaktere, bilden eine gute Verbindung zur erzählten Geschichte. Modern und mit vielen tollen Metaphern versehen. Nach einem etwas ungewissen Einstieg in das Buch, wurde das Werk eines meiner Favoriten dieses Jahr!





Vielen lieben Dank an den Knaus Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


Fallensteller von Saša Stanišić

Mai 10, 2016



(Original: "Fallensteller"/ 2016) Luchterhand, 288 Seiten,  gebunden,  Einzelband,  ★★★★(☆) 4 bis 5 Sterne

"Ein vom Leben nicht sehr verwöhnter alter Mann hat eine Leidenschaft für die Magie. Er bittet um Ruhe für die Große Illusion. Aber die Gemeinde trinkt Kaffee und hält nicht still. Anders der Fremde, er ist geduldig. Er will helfen, sagt er und bietet Lösungen an: manche sind keine, manche tun weh, und manche haben Gitter aus gebogenem Draht. Zwei Freunde ziehen durch Europa, sie reden und meiden das Zuhören, sie lügen und stehlen, jagen mit Karacho und Geschick ihren Sehnsüchten hinterher: einer syrischen Surrealistin, einem bedrohten Vogel und Rebekka. Um nur ein paar zu nennen.
Dies sind Geschichten über Menschen, die Fallen stellen, Menschen, die sich locken lassen, Menschen die sich befreien - im Krieg und im Spiel, mit Trug und Tricks und Mut und Witz. "


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Es ist Zeit vergangen, seit du bei uns warst. Jetzt gibt’s wieder was zu erzählen. Jetzt ist der Fallensteller da.“ S.172

Neulich habe ich gelernt, dass ein Text oder ein Buch, gar keine Gefühle besitzen kann. Es ist ein Konstrukt aus Wörtern, die dem Sinn folgen, etwas zu erzählen und die die Fähigkeit zu fühlen gar nicht besitzen. Jedoch kann man nicht bestreiten, dass diese Konstrukte dennoch ein Gefühl transportieren können, die sich lebendig und mit fabelhafter Erzählkunst, verbinden. Ja, bei diesem Werk wird man mit so vielen Eindrücken und "nicht Eindrücken" konfrontiert, dass man zunächst gar nicht weiß, wohin man seine ganzen Gedanken abladen soll. Saša Stanišićs Werk beinhaltet zwölf, mal kürzere, mal längere, Erzählungen, die manchmal aufeinander Bezug nehmen und mal nicht. Und dennoch verbindet die Erzählungen immer diese Sehnsucht nach etwas. Vielleicht die Sehnsucht nach Ehrlichkeit, nach Hoffnung oder nur nach dem Leben. Der Einstieg in das Buch fiel mir relativ einfach, wobei ich sagen muss, dass man erst nach den ersten paar Geschichten, den Stil des Autors und der jeweiligen Erzähler, zu verstehen begreift. Die Erzählungen sind sprachlich durchaus leicht verständlich, haben aber eine ganz eigene Art und Weise etwas zu vermitteln. Sie wirken immer etwas poetisch. Beachten sollte man auch, dass der Text an sich nicht immer alles offenlegt. Man muss als Leser viel zwischen den Zeilen lesen, beziehungsweise, die Texte sind so konstruiert, dass sie in erster Linie natürlich eine Handlung wiedergeben, sich dem Leser und dessen Vorstellungen von der eigentlichen Aussage, immer ein wenig anpassen. Zumindest war dies mein Empfinden.

"Womöglich ist aber auch das ein Talent, Leuten egal sein." S. 7

Meine Favoriten setzen sich eigentlich aus vier Erzählungen zusammen (obwohl ich keine Erzählung schlecht finde!): "Die große Illusion am Säge- Holz- und Hobelwerk. Klingenreiter Import Export", "Im Ferienlager im Wald", "Fallensteller" und "In diesem Gewässer versinkt alles". Die übrigen Erzählungen sind aber ebenfalls sehr lesenswert, nur haben sie sich in meinem jetzigen, ersten Lesedurchgang, "hinten anstellen" müssen. Die Erzählungen rund um "Mo" und seinen Reisebegleiter sind zum Beispiel sehr unterhaltsam und lassen einen durch deren Handlungen, immer mal wieder schmunzeln (Okay, es sind wohl mehr als nur die vier Erzählungen, die meine Favoriten sind). Ich finde es erstaunlich, wie gezielt und wie sympathisch zugleich Saša Stanišić, verschiedene Themen niederschreibt und sie trotz ihrer Kritik, nie einen "bösen" Nebengeschmack aufzeigen. So wird die Gesellschaft und ihr Verhalten in vieler Hinsicht in Frage gestellt. Sei es, der Drang nach Anpassung, Flüchtlingsthemen, soziales Engagement oder die generelle Verhaltensweisen von Menschen in gewissen Situationen. Die Erzählungen kann man sicherlich auf beide Arten lesen, direkt hintereinander, so dass sich trotz der manchmal wechselnden Figuren ein Ganzes ergibt, oder man lässt sich etwas Zeit und liest die Erzählungen mit einigen Abständen dazwischen. Ich habe beides versucht, habe also manche Erzählungen für sich stehen lassen und manchmal habe ich sie noch einmal gelesen und daraufhin mit den anderen begonnen. Ich denke beide Lesearten sind hier möglich, sodass man sich keine Gedanken darum machen muss, ob der Lesefluss etwas "gestört" wird. Ich denke generell, dass dies ein tolles Buch ist, welches man gerne öfter lesen kann / wird, da  die Geschichten so viel erzählerisches Potenzial aufweisen.

"Daran sieht man gut die Folgen der Globalisierung: an der wachsenden Gleichgültigkeit gegenüber den Verrückten..S. 80


Zwölf außergewöhnliche Erzählungen, die auf fast poetische Weise und mit den richtigen Worten, zum nachdenken anregen. Unterhaltsam, gesellschaftsreflektierend und mit vielen Interpretationsansichten auslegbar. Trotz vieler Kritik an der Gesellschaft, ist es dennoch ein Buch voller Zuneigung und Hoffnung auf das Glück im Leben.  Saša Stanišić ist wirklich ein fabelhafter "Fallensteller", der weiß, wie man den Leser in seine Geschichten einfängt.


Vielen lieben Dank an den Luchterhand Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!