American Gods (American Gods #1) von Neil Gaiman

Juni 26, 2017








(Original: "American Gods and Anansi Boys"/ 2001) Harper Collins (William Morrow) Verlag: Bibliografie » , Übersetzer/in: -, 736 Seiten, gebunden, Englische Ausgabe  ★★ 4 Sterne 
Dt. Inhaltsangabe (Eichborn Verlag): "Als Shadow aus dem Gefängnis entlassen wird, ist nichts mehr wie zuvor. Seine Frau wurde getötet, und ein mysteriöser Fremder bietet ihm einen Job an. Er nennt sich Mr. Wednesday und weiß ungewöhnlich viel über Shadow. Er behauptet, ein Sturm ziehe auf, eine gewaltige Schlacht um die Seele Amerikas. Eine Schlacht, in der Shadow eine wichtige Rolle spielen wird ..."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"´Good.´ Wednesday grinned. ´Too much talking these days. Talk, talk, talk. This country would get along much better if people learned how to suffer in silence.´“  S.49

Bei Geschichten von Neil Gaiman kann man sich eigentlich immer darauf verlassen, dass es ungewöhnlich wird. Hier begegnen wir Göttern in ihren verschiedenen Formen und Funktionen und gleichzeitig weiß man nie so ganz genau, welche Übergänge der Geschichte den Sinn zum Verständlichen oder zum Sinn überhaupt verlieren. 
Bereits das erste Kapitel hat mich auf zwei Arten angezogen. Einerseits hat mich die Thematik rund um die Götter und die Einbettung derer sehr fasziniert, besonders durch die Art wie Neil Gaiman sie darstellt und mit ihr spielt. Zum anderen hat mich vieles bereits an eine von mir geliebte Serie erinnert. Natürlich ist das bei anderen Lesern vielleicht nicht gegeben, dennoch würde ich durchaus sagen, dass die erste Begegnung oder Einleitung in das Buch gut geglückt ist. Durchaus merkt man aber auch bereits hier ganz schnell, dass vieles sehr skurril ist. Die Götter werden zunächst in separaten Sequenzen, die nicht auf den Protagonisten Shadow bezogen sind, vorgestellt und das auf eine Art, die für mich zunächst sehr befremdlich schien. Obwohl ich mit Gaimans Geschichten bereits vertraut war und wusste, dass er ganz eigene Einfälle hat, war ich zunächst etwas perplex. Das was mich wohl etwas "abgeschreckt" hat, war die sehr intensivierte Darstellung von sexuellen Anspielungen, Äußerungen und Verbildlichungen, die ich mir an der ein oder anderen Stelle gerne geschenkt hätte. Dennoch nehmen diese Teile im Großen und Ganzen doch einen recht kleinen Teil ein. Der Fokus liegt demnach eigentlich zunächst auf diesem Zusammensetzen von Puzzle-stücken. Was haben die verschiedenen Episoden miteinander zu tun? Mit persönlich gefiel die Umsetzung der "Vorstellungsrunde" der Götter. So näherte man sich durch die eigentliche Handlung rund um Shadow, immer mehr den Verbindungen an die restlichen mythologischen Aspekte an. Dadurch gab es einige etwas ausführlichere Passagen, die diese Entwicklung und die Suche nach Antworten des Protagonisten aufgreifen, aber eben auch knappe, zügige Kapitel, die den Schwung mit reingebracht haben.
In dieser Geschichte hat mich die Sprache dann allerdings etwas "ernüchtert" zurückgelassen. Obwohl mir viele Passagen wirklich sehr gut gefallen haben, gab es auch einige Textstellen, in denen ich mich gefragt habe, ob sie sich jemand überhaupt zweimal durchgelesen hat. Da gab es viele Dopplungen, die irgendwie nicht ganz gepasst haben und einige andere Stellen waren mir schlichtweg zu unausgereift. Dennoch gefiel mir aber andererseits die gesamte Figurenkonstellation ganz gut. Einiges scheint zunächst etwas losgelöst zu sein, entfaltet aber nach und nach die angestrebten Verbindungen. Es bilden sich Sympathien und Antipathien, welche ebenfalls auf das Spiel mit den Identitäten Bezug nehmen. So konnte ich persönlich, anfangs, absolut gar nichts mit der Figur der Laura anfangen, überraschenderweise war ich dann von ihr am Ende doch "positiv überrascht", in dem sie sehr viele verletzliche Aspekte des Lebens wunderbar aufgegriffen hat.

"And the ice times came and the ice times went, and the people spread out across the land, and formed new tribes and chose new totems: ravens and foxes and ground sloths and great cats and buffalo, each a beast that marked a tribe´s identity, each beast a god.“  S.319

Wer bereits andere Geschichten von Neil Gaiman gelesen hat, weiß auch, dass er gerne bestimmte Themen immer wieder aufgreift. Auch hier fielen mir Handlungsstränge auf, die man gut zu dem einen Autor in Verbindung setzt. So werden hier das Vergessen und das Erinnern stark in den Vordergrund gesetzt. Einige Dinge scheinen in der Schwebe zu hängen und man ist gezwungen sich auf das Erinnerungsvermögen des Protagonisten zu verlassen. Es ist also tatsächlich nicht so, dass der Leser alle Informationen auf einem Silbertablett bereitgestellt bekommt, sondern er muss sich die verschiedenen Zusammenhänge oft selbst erschließen.
Da ich diese Art des Autors sehr schätze und es wahnsinnig interessant finde, wie viel Einfluss diese Gefühle von "da war doch etwas, aber ich kann mich nicht komplett daran erinnert" haben, hat mich die Geschichte tatsächlich noch mehr in ihren Bann gezogen. Allerdings hab es wiederum auch Stellen, in denen ich das Gefühl hatte, dass sich das zum Ende hin manchmal zu sehr in einander verwoben hat und mir dennoch einige Unklarheiten geblieben sind. Das bezieht sich aber vielleicht auch vor allem auf die Möglichkeiten, die es in der Identität der Götter und deren charakterlichen Wechsel gibt. Die Geschichte liest sich demnach eigentlich auf mehrere Weisen. Als Leser wartet man natürlich auf den angedeuteten "Sturm", auf den Showdown. Dies sorgt für Spannung und hält den Leser sicherlich auf dieser Ebene gefangen. Dennoch finde ich, funktioniert das Buch eben noch auf einer anderen Ebene, solange man sich darauf einigermaßen einlässt. Vieles scheint wirklich sehr abwegig, da muss man sich einfach auch bewusst machen, dass das Buch eine "Fantasy"-Geschichte ist und eben auch mit gewissen Elementen rechnen muss, die sich von unserem "möglichen" Weltbild abgrenzen. Und dennoch gibt es auch viele (wieder einmal) weise Worte des Erzählers (den Autor soll man ja nie mit dem Text gleichsetzen), die einen mit der Frage nach Macht und Ruhm beschäftigen. Wie weit wird man gehen, um das Gefühl erlangen zu können, dass andere einen wertschätzen? Was würde man opfern, um für immer in den Köpfen der Menschen existieren zu können?

"All we have to believe with is our senses, the tools we use to perceive the world: our sight, our touch, our memory. if they lie to us, then nothing can be trusted. And even if we do not believe, then still we cannot travel in any other way than the road our senses show us; and we must walk that road to the end." S.112f.


So sehr die Geschichte sich auf "Fantasy"-Elemente bezieht und mit der Vielfalt der Mythologie und Göttersage spielt, so tiefgründig sind auch einige Botschaften dahinter. Der Leser wird sicherlich in eine ganz bizarre, eigene und meist blutige Welt entführt, in welcher ein besagter "Sturm" den Spannungsbogen ausfüllt. Unter anderem findet man aber auch sehr interessante geschichtliche Einbettungen, die auch die Ideologie der Götter näher erläutert und sich zudem mit den scheinbar unterordnenden Menschen beschäftigt. Die Macht über andere Kulturen steht somit ebenfalls als Thema im Vordergrund. Wer also gerne auf eine Geschichte mit klugen Worten und dennoch ausgefallenen Figuren und scheinbar unmöglichen Handlungssträngen hat, ist hier sehr gut aufgehoben.




Kommentare:

  1. American Gods und Anansi Boys, wurden von mir noch nicht gelesen. Ich habe es allerdings in Russisch.
    Nach deiner Rezension, bin ich sehr neugierig geworden.

    Viele Grüße

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    1. Da wär ich aber sehr neugierig, wie das Cover der russischen Version aussieht. :)Hast du denn schon etwas anderes von Neil Gaiman gelesen? Falls du aber bald damit beginnst, wünsche ich dir viel Spaß beim Lesen!


      Liebe Grüße
      Karin

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  2. Die Vulgaritäten haben mich beim ersten Mal sehr abgestoßen und ich finde sie auch beim zweiten Versuch meistens eher überflüssig. Manchmal passt sowas ja, aber an anderen Stellen ist es mir einfach zu viel eklige Information, die zu nichts weiter taugt. Trotzdem gefällt mir das Buch inzwischen viel besser (bin noch nicht durch) als vor einigen Jahren. Liegt vor allem an der Serie, die du jetzt hoffentlich auch unbedingt anschaust :)

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    1. Vielleicht ist das ja einfach so ein "Männerding"... :D

      Ich will sie eigentlich wirklich gern sehen, würde mir aber glaube ich wenn dann die erste Staffel so kaufen, bin irgendwie nicht so der fan von Amazon-prime aka. dem Streamen am PC, ist irgendwie so ungemütlich. :D


      Liebe Grüße
      Karin

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    2. Ich weiß ja nicht. Ich glaube nicht, dass Männer so gerne etwas über Hämorrhoiden lesen xD und irgendwie irritiert es mich immer, dass so was von Neil Gaiman kommt, der ist für mich sonst doch mehr cleverer Märchenonkel ;)

      Wir haben zum Glück ein Smart TV und können es so ganz bequem auf dem Fernseher/der Couch gucken. Ich glaube am Computer wäre es mir auch zu ungemütlich.

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