Jack Engles Leben und Abenteuer von Walt Whitman

Mai 31, 2017






(Original: "Life and Adventures of Jack Engle: An Auto-Biographie; in which the Reader Will Find Some Familiar Characters" / 1852) Manesse Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite» , Übersetzer/in: Werner Waldhoff (aus dem amerikanischen Englisch), 192 Seiten, gebunden,  ★★ 4 Sterne 
"Humorvoll-lakonisch erzählt Walt Whitman eine klassische Aufstiegsgeschichte in der Tradition des großen Charles Dickens, allerdings in der Neuen Welt, mitten in New York. Er schildert die Schattenseiten der rasant wachsenden Metropole, verschweigt weder das Elend der Notleidenden noch die Korrumpierung derer, die an der Wall Street zu schnellem Geld gekommen sind. Doch vor allem feiert er in seinem "Jack Engle" uramerikanische und urdemokratische Tugenden: den Glauben an den unveräußerbaren Glücksanspruch des Einzelnen, die Zuversicht und den Pioniergeist der kleinen Leute, ihren Mut zur Improvisation und nicht zuletzt die alles überragende Leitidee der Einwanderernation – sich gemeinsam, ohne Ansehen von Herkunft, Stand oder Religion, aufzumachen in eine bessere Zukunft.
1852 als Fortsetzungsroman im "Sunday Dispatch" erschienen und erst 165 Jahre später als Schöpfung Walt Whitmans identifiziert – ein kleines Wunder der Weltliteratur! 2017 ist sie erstmals in deutscher Übersetzung zu entdecken, die Lebensgeschichte eines Waisenjungen, der auf den Straßen New Yorks lernt, sich mit Fäusten, flinker Zunge und viel Köpfchen zu behaupten. Keine ganz gefahrlose Sache in diesem brodelnden Eldorado der Überlebenskünstler aus aller Herren Länder ..."


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Wir waren in der Tat Wanderer auf dem Antlitz der Erde, auch wenn unsere Wanderungen nicht über die Grenzen der Stadt und weniger Meilen entfernter Orte hinausgingen. Uns leitete nur der animalische Überlebensinstinkt (sofern wir etwas abbekamen), wenn wir Hunger hatten, und der, und hinzulegen und zu schlafen, wo immer die Erschöpfung uns überkam.“  S.18

Den Roman habe ich hinsichtlich seines Status, als "Klassiker" eingeordnet. Genau genommen müsste man aber eher davon sprechen, dass der nur Autor auf den "Klassiker" bezogen werden kann. Denn der Text an sich galt bis 2016 als verschollen und wurde Walt Whitman gar nicht konkret zugeschrieben. Wie bereits in der Inhaltsangabe angegeben, ist dieser Roman Teil einer Zeitungsveröffentlichung gewesen. Es überrascht also nicht gänzlich, dass die Kapitel wirklich jeweils recht kurz sind und man sich so Stück für Stück vorarbeitet.
Dabei ist die recht kleine Seitenzahl von hundertvierundsechzig (ohne Anhang) keineswegs gleichzusetzen mit dem Gedanken, dass es auch an den inhaltlichen Entwicklungen fehlen könnte.
Wie der Titel schon selbst offenlegt wird hier nämlich das Leben, wie aber auch die turbulenten Abenteuer des Ich-Erzählers Jack Engle erzählt. Vieles geschieht in rascher Abfolge, was sicherlich für ein dynamisches Tempo sorgt und gleichzeitig den Leser nicht mit zu tiefgründigen Passagen aufhält. Dennoch findet man immer wieder Einschübe und auch ein ganzes Kapitel, welche sich dann etwas näher mit der Lebensphilosophie beschäftigen und Jack Engles Gedankengänge hinsichtlich Gesellschaftsklassen, den Freunden des Glücks, aber auch gewissen Ungerechtigkeiten auseinandersetzen. Markant dabei sind für den Leser natürlich die dem Jahr entsprechenden Gegebenheiten. 
Das Einbauen des kleinen Hundes, der immer für diesen Freundschaftscharakter sorgt, ist ebenfalls sehr unterhaltsam und schürt wieder das Gefühl von Abenteuerlust.

"Dies alles glich wahrlich eher romanhaftem als prosaischem Leben in einem Haus an einer der Straßen dieser nüchternen Stadt. Und nachdem ich meine Westentasche über dem Manuskript zugeknöpft hatte, musste ich von Zeit zu Zeit darauf klopfen, um mich zu überzeugen, dass ich wirklich wach war.“  S.95f.

Der Text entstand laut bestmöglichen Recherchen 1852 und wurde auch höchstwahrscheinlich in diesem Zeitraum von Whitman verfasst. Dadurch entsteht natürlich eine ganz eigene Atmosphäre, die sich auf diesen Zeitraum bezieht. Ich kam nicht daran herum, den Text mit Ähnlichkeiten von Charles Dickens zu vergleichen. Vieles scheint in eine ähnliche Richtung zu gehen und allein schon der Wortgebrauch lässt den Leser an bestimmte bekannte Passagen von Dickens zurückdenken. 
Man ordnet den Roman daher schon in eine spezielle Ortschaft (hier zwar nicht wie bei Dickens England, sondern New York) ein und gleichzeitig hat man auch vor Augen, wie die finanziellen Unterschiede von den Figuren wahrgenommen wurden. Jack Engle, der sein Leben selbst beschreibt ist zudem nicht nur eigener Autobiograph, sondern ist auch einem Geheimnis auf der Spur, welches mit seiner Person verbunden ist. Natürlich trägt dieser Handlungsstrang deutlich zur Unterhaltung des Lesers bei und lässt viele Kapitel auch wie das angekündigte Abenteuer wirken. 
Es treten verschiedene Figuren auf, die seine Gesellschaft und Problematik veranschaulichen und sich auch wunderbar in das Gesamtbild einfügen. Im Anhang findet man zudem gute und aufschlussreiche Bemerkungen, die das Bild der "Quäker" erläutern und auch die religiösen Anspielungen Whitmans aufgreifen. So ein Text sollte demnach sicherlich auch im kulturellen und geschichtlichen Kontext gelesen werden, damit auch die Darstellungen der Figuren oder auch der Darstellung von Frauen, wie auch Männern nicht wieder als nicht akzeptabel erklärt wird. 
Mir gefiel aber auch vor allem die Art, wie Whitman seine Figuren einführt. Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen Andeutung an das folgende Geschehen und nimmt dem Leser zwar einerseits etwas die Erwartungen vorweg, fügt aber erneut einiges an Spannung hinzu, da die eigentlichen Auflösungen dennoch erst im Kapitel selbst vorkommen. Zudem gefielen mir die Selbstbetrachtung und die Dankbarkeit, seinen Mitmenschen gegenüber, die Jack Engle auszeichnen. Es ist nie zu plump, ist aber auch nicht überdramatisch rührselig. Ebenfalls interessant fand ich hier die Anmerkung im Anhang, dass Walt Whitman diesen Roman recht zügig auf Drängen der Zeitung, Kapitel für Kapitel fortgeschrieben hat und gewisse Figuren daher erst recht spät auftauchen und nur zu gewissen Nutzen. Obwohl das in vielen Fällen sicherlich ein großer Nachteil wäre und den Roman recht unschlüssig wirken lassen würde, kann ich davon bei Walt Whitman nichts wiederfinden.

"Wozu hat die Natur den Menschen diesen Instinkt gegeben, dort zu sterben, wo sie geboren wurden? Gibt es ein verborgenes Einvernehmen zwischen den tausend geistigen und körperlichen Essenzen, die ein Menschenwesen ausmachen, und den Quellen aus denen diese hervorgehen?" S.125f.


Für mich ist der wiederentdeckte Roman ein wunderbares Buch, um sich in alte Zeiten zu träumen und den abenteuerlichen Wegen von Jack Engle und seinen Begleitern zu folgen. Es sprüht vor Tempo, interessanten Einfällen und Entwicklungen und unterhält den Leser gut mit zusätzlichen, etwas auf das Gewissen drückenden Einschüben. Alles passt dort, wo es passen soll und wirkt dabei eben nicht, wie ein bis zum äußersten geplantes Buch über ein Leben, sondern wie das Leben selbst, das sprunghaft und unvorhersehbar ist. Ein tolles Buch, welches hoffentlich nicht noch einmal in Vergessenheit gerät.























Vielen Dank an den Manesse Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


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