Freedom Bar von David Bielmann

April 30, 2016
















(Original: -/ 2016) 304 Seiten,  gebunden,  Einzelband |  ★★★★(★)  4 bis 5 Sterne
 
»Freedom Bar« entwirft eine modern-urbane Welt voller eigenwilliger und liebenswürdiger Alltagshelden, deren Wege und Sehnsüchte sich immer stärker verstricken:
Der junge Bert Bucher sieht sich als künftiger Rockstar. Da kommt ihm der Tod seiner Großmutter gerade gelegen, so kann er in ihre leerstehende Wohnung in Freiburg ziehen und seine Karriere vorantreiben. Ein Vorhaben, das bald von der schönen Studentin Lana gestört wird.
Johann B. Grab ist Inhaber einer Buchhandlung und sehnt sich zurück in eine Welt ohne Internet. Seine griechische Frau hingegen wünscht sich ein Kind, und der zeugungsunfähige Johann ist bereit, zu diesem Zweck einen Mann für sie zu suchen.
Henry Schweizer wohnt in seiner Bar, die er zu seinem persönlichen Sehnsuchtsort gemacht hat. Hier verwässern sich Sorgen im Rausch, abstruse Ideen reifen zu Taten heran und Verlierer werden zu Gewinnern."



MEINE MEINUNG | FAZIT

"Zum Glück stand darunter die vehemente Entgegnung eines Konzertbesuchers, der die Kritik des Idioten mit schlagenden Argumenten ad absurdum führte und Bert Bucher schließlich als
Erbe John Lennons bezeichnete. […] Einen kleinen Schönheitsfehler hatte der Satz aber doch. Es war nicht ein Konzertbesucher, der ihn geschrieben hatte, sondern Bert selbst.“ S.14


Obwohl mir sonst viele deutsche Bücher, im Original, zu „platt“ und uninteressant vorkommen, musste ich bei diesem Buch die ganze Zeit daran denken, dass Deutschland bekanntlich das Land der Dichter und Denker ist. Das Buch kommt natürlich nicht in einer Gedichtform daher oder impliziert den Versuch belehrend zu wirken. Dennoch gefiel mir an der Lektüre der komplette Schreibstil. Es gibt viele wunderbare, ehrliche und nachdenkliche Passagen, bei denen man nur kopfnickend mitliest. Es gibt aber auch unzählige unterhaltsame und lustige Passagen, die mir manchmal während der Zugfahrt, wortwörtlich, Tränen in die Augen gezaubert haben. Ganz besonders unterhaltsam fand ich hierbei eine Szene in der Bar, als ein bekannter Gast dort eingesperrt wird. Obwohl es sehr banal klingt, versteht David Bielmann es, mit Einfachheit Situationen echt und mit viel Humor niederzuschreiben. Dies gilt ebenso für die Dialoge, auch wenn sich darunter einige finden, die nicht gewöhnlich sind. Die Figuren lassen jedem Gespräch eine ganz eigene, wichtige Komponente mitschwingen. So sind die Gedanken und Abläufe des Romans sehr gut durchdacht und umgesetzt worden. Ich empfand zudem keinen Charakter als unpassend oder uninteressant. Jede Figur verkörperte ein anderes Gefühl und eine andere Sehnsucht von Freiheit, was den Titel des Romans gut wiedergespiegelt hat. Mir gefiel, dass die ebenfalls benannte „Freedom Bar“ zu dem Ort wird, an dem alles zu einem gewissen „Showdown“ verläuft. Es werden nämlich nicht nur innere Gefühlwelten der Protagonisten erläutert, sondern es werden Geheimnisse gelüftet, die man als Leser zunächst gar nicht deuten kann. Das kann für den einen vielleicht eine gewisse Unzufriedenheit hervorrufen, ich allerdings fand die Verknüpfung und die Spielerei zwischen allen Figuren und allen Leben sehr vielseitig und kreativ. 

"Es musste grausam sein, dachte Johann, dieser rastlosen und ruhelosen Generation anzugehören, dieses ständige Verweilen in Zwischenreichen, in parallelen Welten – durch den Drang, überall zu sein, führten sie ein Leben im Nirgendwo." S. 117


Geprägt wird das Buch aber nicht nur durch tolle Figuren und das Thema „Freiheit“, es stellt auch viele andere Themen in den Vordergrund. So gefiel mir die Idee, dass alle Menschen denken, ihr Leben stehe im Mittelpunkt und alle anderen wären Statisten, bis sie merken, dass man für die anderen, selbst nur ein Statist ist und jeder den eigenen Fokus auf ganz andere Sachen legt. Gleichzeitig beschäftigt sich der Roman auch mit der Entwicklung der Gesellschaft und der damit verbundenen Verantwortung die jeder zu empfinden scheint. Sei es in Bezug auf den Beruf, die Familienplanung oder dem Bedürfnis viel von der Welt sehen zu wollen. Und obwohl gewisse religiöse Themen nur in humoristischer Form dargebracht werden, habe ich tatsächlich angefangen darüber nachzudenken, wie es wäre, wenn gewisse Dinge tatsächlich so wären, wie im Buch beschrieben (Anspielung an die Anwesenheit von "Gott"). Man kann das Buch also tatsächlich schlicht weg als unterhaltsame Lektüre durchlesen, oder sich mit den subtilen Andeutungen und Vorstellungen auseinandersetzen. Ich muss also wirklich sagen, dass ich unfassbar positiv überrascht bin, wie vielseitig der Inhalt des Romans ist und wie sehr man sich an die Figuren bindet. Die vielen kleinen Details, die immer mal wieder erwähnt werden, wie zum Beispiel gewisse Namen, die erst im späteren Verlauf ihre Wichtigkeit bekommen, oder Orte und Gegenstände, die zunächst keinen größeren Wert zu haben scheinen, stellen sich später als etwas heraus, was die komplette Geschichte noch einmal in einem anderen Blickwinkel erscheinen lässt.

"´Jeder braucht doch ein bisschen Hoffnung, ein paar Träume. Auch wenn sie dann nicht in Erfüllung gehen, es reicht doch schon, wenn man sie nur im Kopf hat. Wenn man sie nicht vergisst. Sonst geht man ja kaputt, verstehst du?´“. S. 184
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Geprägt durch die Spielerei verschiedener Blickwinkel, beschäftigt sich der Roman mit zahlreichen Themen und Denkanstößen. Freiheit, Geheimnisse, Gesellschaftsansprüche, Familie und tragische Vergangenheiten stehen im Mittelpunkt. Unterhaltsam und gleichzeitig nachdenklich erzählt. Lässt dem Leser die Freiheit am Ende viele Dinge selbst interpretieren zu können. Die Charaktere sind für mich einzigartig und sehr gut ausgearbeitet. Schön erzählt und tolle Ausarbeitung des Handlungsstrangs.





 Vielen lieben Dank an David Bielmann für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!


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