Die wilde Ballade vom lauten Leben von Joseph O´Connor

Dezember 08, 2015





(Original: "The Thrill Of It All") von Joseph O´Connor,  S. Fischer [klick],   416 Seiten,  Hardcover , Einzelband , ★★★ 4  Sterne
"Robbie und Fran kennen sich seit der Schule. Sie hängen rum, machen Musik und gründen eine Band, The Ships. Als sie von einer wenig glamourösen Tour durch die Collegebühnen der USA zurückkehren, verändert eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter alles. Auf den kometenhaften Aufstieg folgt ein bitterer Fall, der die Band auseinanderreißt und den Gitarristen Robbie zu Boden ringt. Jahre später berühren sich die Lebengeschichten der vier Bandmitglieder zu einem finalen Comeback." 


MEINE MEINUNG | FAZIT

"Als am wenigsten begabter Musiker liebte ich die Band am meisten. Die anderen hatten Optionen, die ich nicht hatte, und ich überspielte meiner Angst mit Fröhlichkeit. Ich befürchtete, sie würden mich bald rauswerfen." S. 190

"Die wilde Ballade vom lauten Leben" besteht aus zwei grundlegenden Komponenten. Der Liebe zur Musik und der Liebe zu den 80er Jahren. Es gibt sehr viele Andeutungen an Lieder und bestimmte Vorkomnisse in dieser Zeit, vorallem bezogen auf die Dinge, die in Irland und England passiert sind. Viele der Lieder kannte ich zum Beispiel gar nicht mehr. Zumindest sagte mit der Titel oft nicht etwas. Andere Lieder sind natürlich weiterhin bekannte Klassiker. Dies führte dazu, dass ich mich nicht hundertprozentig in die Atmophäre und die Hingabe des Erzählers hineinversetzen konnte. Allerdings schließt man den Erzähler, Robert Goudling, und auch einige andere Bandmitglieder in sein Herz. Der Erzählstil ist sehr "locker" und ist oftmals sehr schonungslos und vielleicht nicht ganz so gefühlvoll, wie es manch eine Situation verdient hätte. Drogenexzesse werden sehr sachlich beschrieben und werden quasi nur als Lebeneffekt genannt. Grundsätzlich strotzt der Text aber auch nur so vor Ironie und schwarzem Humor. Daher gibt es sicherlich viele lustige Stellen. Ich persönlich mochte den kompletten Anfang, in dem mehr über Robert Gouldings anfängliches Leben und den Start der Band erzählt wird. Es folgen dort einige sehr witzige Gespärche mit seinem Vater, die sehr speziell aber auf eine gewisse Weise großartig sind. Mit der Zeit wird allerdings deutlich, dass die Geschichte nicht nur lustige Zeiten und Erlebnisse einer Truppe erzählt, die eine Band gründen möchte, sondern dass hinter jedem Bandmitglied ein ganz eigenes, wenn nicht sogar trauriges Schicksal steckt.

"In Musik liegt Geschichte, Geographie und alles andere auch. Sie malt dir ein Bild, sieh es dir an." S. 118

Es gibt gewisse Brüche der Erzählperspektive. Der Erzähler wirft Interviewfragmente der anderen Bandmitglieder oder Tagebucheinträge seiner späteren Tochter mit ein um verschiedene Sichtweisen zu beleuchten. Diese Art fand ich sehr gelungen, da man dadurch einige aufschlussreiche Dinge herausfindet, die vorallem am Ende für einige interessante Momente sorgen. Besonders die Einstellung zu den freundschaftlichen Beziehungen unter den Bandmitgliedern werden etwas offensichtlicher. Nichtsdestotrotz bleiben alle Weisen dem Schreibstil des Buches treu, sodass der Leser nicht zu viele Gefühlswelten erlebt, die das Geschehene unnötig verkomplizieren. Andererseits führte genau dies auch bei mir auch leider dazu, dass ich besonders im späteren Verlauf vieles sehr "langweilig" fand. Ich konnte keine wirkliche Begeisterung für den Rest aufbringen, da ich vermutet habe, dass man sowieso schon weiß, wie alles endet. Der Schluss hat für mich alles noch einmal etwas gefühlvoller werden lassen, dennoch blieben einige schlechte Erinnerungen des Leseerlebnisses hängen. Wie der Titel aber auch schon andeutet, beschreibt das Buch eine aufwühlende Geschichte heranwachsender Teenager, die das Ziel haben gemeinsam Musik zu machen, ihren Weg aber erst einmal finden müssen.

"Für ein schmales Publikum zu spielen, das eigentlich nicht hören will, das ist wie Feuer machen im Regen: Wenn man Glück hat, brennt ein Zweig an, glüht eine Kohle auf, und bald lodern die angehäuften Scheite mit, weil alles andere peinlich wäre." S.222

Der Werdegang der Band wird an sich nicht wirklich spektakulär erzählt. Das fand ich auch gar nicht so schlecht, da es authentischer wirkte. Man hatte zwischenzeitlich, durch die vielen Musikdetails wirklich das Gefühl, als gäbe es diesen Robert Goulding, den Musikstar wirklich. Allerdings finde ich, dass viele Passagen zu kurz ausgefallen sind, um sie genügend zu würdigen. So hat man von jedem Bandmitglied ein gewisses Bild erhaschen können, aber man hat nicht das Gefühl, als hätte man die "Reise" wirklich mit ihnen gemeinsam erlebt. Das hat mir vielleicht etwas gefehlt. Der Schreibstil, die Bezüge zu der irischen / englischen Tradition und der damit verbundene Verlauf der Band, wie auch die Geschichten der Bandmitglieder an sich fand ich aber interessant und ansprechend. Insgesamt zieht sich die Geschichte von den 80er Jahren bis hin in die jetzige Zeit, weshlab ich aber auch verstehen kann, dass man nicht jedes einzelne Detail erwähnen kann und die Charaktere mit ihren markanten Eigenschaften in Szene gesetzt werden mussten.

Tolles Geschichte über eine Reise, die eine Gruppe Jugendlicher antritt, um im Musikgeschäft, wie auch im wahren Leben, einen Erfolgsmoment erreichen zu wollen. Die erste Hälfte, wie auch das Ende haben mir durchaus sehr gut gefallen. Dazwischen wurde es für mich kurzzeitig etwas "uninteressant". Es gibt aber viele lustige, wie auch nachdenkliche Stellen. Schöne Bezüge zu den Kulturen, die innerhalb der Bandmitglieder herrschen. Die Charaktere hätten mir aber noch etwas "intensiver" in die Geschichte eingebracht werden könnnen.





1 Kommentar:

  1. Tolle Rezi, wegen dir habe ich mir das Buch gerade ertauscht und bin schon ganz gespannt wann es bei mir ankommt ;-)

    Deine Fotos sind unglaublich gelungen, ich werde mich ein wenig davon inspirieren lassen :-)

    Viele Grüße

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