Widerrechtliche Inbesitznahme von Lena Andersson

April 29, 2015




(Original: "Egenmäktigt förfarande - en roman om kärlek") von  Lena Andersson, Luchterhand Verlag: Bibliografie auf der Verlagsseite >>, 224 Seiten Hardcover,  Einzelband,  ★★★★ 5 Sterne
"Wie bereit sind wir, uns selbst zu betrügen, in unserer Sehnsucht, geliebt zu werden? Wer verlässt, spürt keinen Schmerz. Wer verlässt, braucht nicht zu reden. Wer verlässt, ist fertig. Das ist der große Schmerz. Wer verlassen wird, muss dagegen bis in alle Ewigkeit reden. Und dieses ganze Gerede ist nur der Versuch, dem anderen zu sagen, dass er sich geirrt hat. Wenn er nur einsähe, wie die Dinge wirklich liegen, würde er sich nicht so verhalten, dann würde er den anderen lieben. Bei dem Gerede geht es nicht darum, sich Klarheit zu verschaffen, was der Redende behauptet, sondern darum, zu überzeugen und zu überreden.« Ester Nilsson ist 31 Jahre alt. Sie ist Dichterin und Essayistin, eine vernünftige Person mit einer vernünftigen Beziehung. Eines Tages erhält sie den Auftrag, einen Vortrag über den Künstler Hugo Rask zu halten. Im Publikum sitzt der Meister höchstpersönlich, und danach treffen sie sich zum ersten Mal. Dieser Augenblick verändert alles. Eine auf den ersten Blick völlig harmlose, unverbindliche Kommunikation nimmt ihren Anfang, in deren Verlauf es zu einer Kette von Ereignissen kommt, die katastrophal für die liebesblinde Ester enden."


MEINE MEINUNG | FAZIT

Dieses kleine Buch hat es wirklich in sich. Hauptthema ist, wie schon angedeutet, die Liebe und alles was dazugehört. Doch der Leser wird wirklich schonungslos darauf hingewiesen, wie fatal manchmal die Sturrheit sein kann, zu viel Kraft in etwas zu investieren, was einem eigentlich schadet.
Es ist unfassbar, wie man beim lesen, der Protagonistin hinterschreien möchte: "Mach die Augen auf! Lass endlich los!" Und doch erschreckt es einen, wenn man begreift, wie oft man vielleicht selbst solche Verhaltensmuster aufzeigt. Die Protagonistin ist wirklich ein Paradebeispiel für Jemanden, der immer noch an eine Fortsetzung und an das Gute glaubt.

Geführt wird man durch das Buch in einer, schon beinahe, "heiteren", "beiläufigen" aber auch poetischen Art und Weise. Für mich war es ein sehr neuer Schreibstil, der aber alles auf den Punkt gebracht hat. Man hat sich unterhalten gefühlt und gleichzeitig spürte man die Gewichtung der Worte. Die Handlung und die Geschichte an sich verlieren aber, im übertragenen Sinne, keine Zeit. Alles geschieht in einem, für mich, schnellen Tempo. Und doch zieht sich das Gefühlswirrwar länger hin. Ein Paradoxon, was mir wirklich sehr gefallen hat.

Was die Protagonisten, Ester und Hugo Rask betrifft, hat die Autorin eine wirklich gute Arbeit geleistet. Sie stellten zwar eine klischeehafte Beziehung dar, aber man war nicht gelangweilt. Hugo Rask war für mich als Gegenpart ganz interessant, da er, durch sein Verhalten und seine Ausreden, schon beinahe eine gewisse Komik ins Spiel brachte. Ansonsten hegt man, denke ich eher keine Sympathie für ihn. Ganz im Gegenteil zu Ester. Man sieht sie beinahe als kleine Schwester, die man an die Hand nehmen möchte. Besonders gelungen fand ich das Einsetzen des "Freundinnenchors". Es diente für mich als eine Art "Weisheit" oder die "Innere Stimme", die einen eigentlich zur Vernunft bringen soll.  Obwohl das Buch also eigentlich nicht wirklich lang ist und nur eine kürzere Zeitspanne beschreibt, ist alles vorhanden, was mir an einem Buch gefällt. Vorallem eben, weil es wirklich einmal etwas anderes ist. Der Schreibstil hat oft zu der Einstellung der Protagonistin gepasst, heißt: etwas kindlich, naiv und vielleicht auch etwas verrückt vor Liebe. Zusätzlich immer nach der Frage, wieviel ihr eigentlich zusteht.

Eine Stelle, die für mich Ester und auch das Buch etwas charakterisiert ist folgende: "Ester las. Sie würde ihn an diesem Tag keinesfalls anrufen. Sie rief ihn an. Er antwortete nicht. Es wurde acht. [...] Sie begriff es nicht. Aber man darf nicht drängen. Man darf niemals drängen." S.100


Kurzer aber intensiver und psychologisch angehauchter Roman über die Liebe, Zurückweisung, Geduld und Akzeptanz. Unglaublich Lebensnah und authentisch. Lässt sich gut lesen und sticht durch seine Einzigartigkeit heraus.




























Vielen lieben Dank an den Luchterhand Verlag für die Bereitstellung eines Rezenionsexemplars

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen