Werbung ~ Rezensionsexemplar (Original: "The Penelopiad"/ 2018) Goldmann/ Wunderraum Verlag 2022, Übersetzer*in: Marcus Ingendaay und Sabine Hübner (aus dem Englischen), ★★★★★ 5 Sterne (Die Bewertug orientiert sich am englischen Original - Übersetzung hier ausgenommen)
Penelope – die spartanische Prinzessin gilt als Sinnbild der treu liebenden Ehefrau und Mutter, die jahrzehntelang geduldig die Heimkehr des heldenhaften Ehemanns erwartet. So erzählt es die »Odyssee«, aber ist es auch die Geschichte, die Penelope selbst erzählen würde? Nein, findet Margaret Atwood. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen hält ihre Penelope Rückschau auf ihr Leben, berichtet von der gnadenlosen Konkurrenz mit der hübschen Cousine Helena, von der Zwangsverheiratung mit Odysseus, einem Mann, dem der Ruf vorauseilte, ein Aufschneider zu sein, und den Intrigen und Skandalen am Hofe Ithakas. Ergänzt wird Penelopes Erzählung vom Chor ihrer Mägde, die ihren Dienst mit dem Leben bezahlten und nun nach Gerechtigkeit verlangen.
„Wenn Selbstverantwortung eine Tugend ist, so lernte ich sie jedenfalls in Rekordzeit. Denn ich wusste, in dieser Welt würde niemand für mich eintreten, schon gar nicht meine Familie.“
- S.25
Diese Neuerzählung, die die Sichtweise von Penelope wiedergibt, ist bereits vor vielen Jahren im Original erschienen. Lange habe ich damit gewartet, in die Geschichte und den neuen Blickwinkel einzutauchen, doch als ich die Neuausgabe aus dem Wunderraum entdeckt habe, dachte ich, es sei wirklich mal Zeit.
Nun, vielleicht eines vorweg, bevor ich in die inhaltliche Kritik einsteige: Als ich die ersten Kapitel gelesen habe, war ich zunächst etwas verwundert. Für mich klang es nicht ganz nach dem Stil, den ich von Atwood gewohnt war. Vielleicht mag es anderen Leser*innen auch nicht so vorkommen, jedoch hat es mich dazu gebracht, zumindest einmal in die englische Leseprobe reinzuschauen. Und ich muss leider sagen, dass für mich der "Ton" des Erzählten ein doch etwas anderer, vielleicht sogar etwas kindlicher war. Im Original heißt es zum Beispiel an einer Stelle: "Not in the least", was in der Übersetzung mit "Ach, i wo" übersetzt wurde. Ebenso wurden auch kleinere Dinge geändert, um sie besser ans Original anpassen zu können, doch für mich ging genau dadurch der Stil des Originals verloren. Bereits der erste Satz "Now that I´m dead" vs. "Wenn ich einmal tot bin..." startet mit einem ganz anderen Einfluss auf die Leser*innen.
Leider hat sich dies an vielen Stellen, die ich zumindest direkt vergleichen konnte, fortgesetzt. Auch wenn ich weiß, dass dies eine sehr weitgefasste Kritik ist, da viele Leser*innen eben nur auf die deutsche Ausgabe blicken, kam ich nicht umhin, den Text nicht ganz als "Atwood"-Text lesen zu können.
Dabei möchte ich die Arbeit an der Übersetzung nicht schmälern, aber es ist doch so, dass ich die englische Version wahrscheinlich doch bevorzugt hätte, weil sie für mich, erwachsener, scharfzüngiger und auch an die Figur angepasster scheint.
„Woran liegt es eigentlich, dass schöne Menschen immer meinen, alle Welt sei nur zu ihrer Belustigung geschaffen?“
- S.45f.
Steigen wir aber mal in die inhaltliche Ebene ein.
Zugegeben, hier fehlt es eventuell an einer weitumfassenden Charakterisierung Penelopes. Soll heißen, es gibt keine seitenlangen Beschreibungen ihrer Gefühlswelt, sondern einen kompakten Einblick in ihre Gedanken, die jedoch vollkommen ausreichen, um ihre Bestürzung, Trauer und ihren Verlust erahnen zu können.
Kennt man sich zudem mit den Geschehnissen um Penelope herum einigermaßen gut aus (Stichwort auch Neuinterpretationen wie "Circe" von Madeline Miller), ist diese Geschichte besonders amüsant zu lesen, da viele kleine Hinweise und Verweise fallen, die sich gut einordnen lassen und oftmals mit einem Augenzwinkern betrachtet werden.
Ich persönlich fand leider an der ein oder anderen Stelle einige Übersetzungen nicht gänzlich gelungen, da sich der Ton vom Original unterschieden hat. Wer den Vergleich zum Original jedoch unbedeutend findet, der*die wird hier sicherlich so oder so eine Geschichte entdecken, die Wirkung hinterlässt.


















