Tomorrow von Damian Dibben

Januar 22, 2019



(Original: „Tomorrow“/ 2018) Penguin - Michael Joseph Imprint, Übersetzer/in: -, ★★★(☆)☆ 3,5 Sterne
Eine Winternacht, Venedig, 1815.
Ein 217 Jahre alter Hund sucht nach seinem verschwundenen Herrchen und steten Begleiter. So beginnt „Tomorrow“. Tomorrow ist zudem der Name des Hundes, welcher durch die Jahre, Kriege und verschiedenen Königswechsel reisen muss, um denjenigen zu finden, der ihm seine Unsterblichkeit ermöglicht hat. Wir sehen, wie er Freundschaften schließt – mit Menschen ebenso wie mit Hunden- wie er sich verliebt und wie er versucht, die Menschen und ihre Eigenheiten zu begreifen. Und doch wird er von einem Schatten begleitet, einem alten Feind, der für eine ganz besondere Gefahr sorgt…

MEINE MEINUNG / FAZIT 

"‘My vanishing physician and his smiling hound. It is extraordinary how unchanged you are.’ And she went.” S. 13

In „Tomorrow“ lernen wir den gleichnamigen Hund, wahlweise von seinem ‚Meister‘ auch „My Champion“ genannt, kennen und begeben uns als Leser auf eine zeitlich sehr lange Reise. Bereits zu Beginn werden zwei Besonderheiten des Romans deutlich. Die Geschichte wird von dem Hund selbst erzählt und er ist 217 Jahre alt.
Man kann also durchaus annehmen, dass der Roman nicht nur historische Ereignisse aufgreift, sondern auch mit dem Magischen spielt. Und genau diese beiden Aspekte greift der Roman sehr stark auf und verknüpft sie an vielen Stellen. Anfangs wird man von zwei Seiten begleitet, die den Kontext für die zeitliche und historische Einordnung ermöglichen. Sprich, was geschah vor der Handlung und was danach. Wer regierte, welche Kriege tobten, aber auch welche Künstler, Musiker und Weltanschauungen waren bereits bekannt? Auch im weiteren Verlauf begegnen wir in Tomorrows Erzählungen Mozart, Galileo oder anderen Bekanntheiten, die uns ermöglichen, die geschichtliche Einordnung zu vervollständigen. Um nun diese doch recht lange und scheinbar unnatürliche Zeitspanne mit einem Protagonisten überbrücken zu können, muss zwangsläufig Magie im Spiel sein. Unser Erzähler ist demnach unsterblich, was bereits auf den ersten Seiten ersichtlich wird.

"It wasn´t until much later, in the first years of my vigil in Venice, seeing how little time people truly had, that I began to fully realize that absurdity of war, and how unforgiveable it was that the human race – that species of fearless magicians, of enchanters […] is bent on war, on brute force and its own destruction.” S. 174

Die Idee fand ich zu Beginn unfassbar spannend und ich war sofort neugierig darauf, zu erfahren, warum der Hund unsterblich ist und von seinem menschlichen Begleiter getrennt wurde. Wer ist die im Klappentext erwähnte Gefahr und was für ein Geheimnis verbirgt sich hinter all dem? Die Umsetzung der Idee fand ich letztlich aber nur in gewissen Teilen wirklich gelungen.
Mir gefiel, dass Tomorrow selbst als Erzähler fungiert. So besteht die Möglichkeit die Menschen aus einer anderen Perspektive zu beschreiben und gesellschaftskritische Überlegungen anzubringen, die passend sind. Dies geschieht tatsächlich an vielen Stellen, besonders in den Momenten, in denen der Krieg und seine nicht existente Logik (abgesehen von der zu erkämpften Macht natürlich) beschrieben werden. Ein weiteres zentrales Thema ist, wie man vermuten kann, das Altern. Das Leben als begrenzte Zeitspanne und der daraus entstehende Gedanke, was einem wertvoll erscheint und was nichtig sein sollte. Auch hier gab es viele gute Bezüge, wichtige Überlegungen und auch schöne Gedanken, die das Buch oftmals gefühlvoll und emotional haben werden lassen. Aber für mich tatsächlich zu knapp beziehungsweise letztlich doch zu oberflächlich.
Die gesamte Geschichte ist im Gesamtbild eher distanziert, was die Figuren und deren emotionale Tiefe betrifft. Mich verwirrte, dass diese sehr starke Bindung und das Suchen nach dem ‚Meister‘ von Tomorrow anfangs und auch noch in der Mitte omnipräsent gewesen ist, zum Ende hin aber irgendwie komplett seinen Charme und Wirkung verloren hat. Auch das Geheimnis selbst, der Schatten, die Gefahr, welche die beiden umgibt, wird anfangs gut eingebaut, verliert aber zum Ende hin seine packende Seite. Es tauchen viele Wiederholungen auf, was das Gesagte, wie auch die Handlung betrifft, sodass man das Gefühl hat, dass nicht wirklich viel passiert, was paradoxerweise eigentlich nicht stimmt.
Vielleicht ist der Eindruck etwas den Umständen geschuldet, dass dies der erste Versuch des Autors ist, einen Roman für Erwachsene zu schreiben, aber mich konnte er nicht vollkommen in den Bann ziehen. Dennoch muss ich sagen, dass mir die ein oder andere Aussage und auch einige Dialoge zwischen Tomorrow und seinem ‚Meister‘ in Erinnerung bleiben werden, weil sie die Idee des Romans wunderbar aufgegriffen haben.

"‘You sleep a while‘, Sporco is whispering. Poor thing, a good soul, abandoned as a puppy. Tomorrow I will mend everything with him. Tomorrow.“ S.205


Der Erzähler trägt, dadurch, dass er ein Hund ist, dazu bei, dass die Geschichte sicherlich etwas interessanter wird. Die Menschen und ihre merkwürdigen, wie auch teils grausamen Verhaltensweisen werden stets aus einer anderen Perspektive betrachtet und einem tierischen, ‚instinktiven‘ Denken gegenübergestellt (soweit man dies annehmen kann). Durchaus entstehen einige schöne Passagen, die sich auf das Altern und den Wert des Lebens durch seine zeitliche Begrenztheit beziehen, allerdings fehlte mir letztlich eine stärkere Entfaltung und Darstellung der (menschlichen) Protagonisten. Es gibt Kapitel, die das Tempo zu sehr aus der Handlung nehmen und auch die eigentliche Idee des Romans und die Auflösung haben das Buch für mich leider nicht zu einem Highlight werden lassen.



1 Kommentar:

  1. Oh, toll! Das klingt wirklich nach einem schönen Buch. Nachdem ich Norton schon bei dir entdeckt und mich verliebt habe, muss Tomorrow wohl oder übel auch bei mir einziehen!

    Liebe Grüße
    Tina

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